Bipolar oder Die Einheit des Unvereinbaren

Tag und Nacht, Frau und Mann, Himmel und Erde, Leben und Tod: Die Gegensätze, die uns in der Praxis überall begegnen, formen auch unser Denken. In den folgenden vier Beiträgen unterscheide ich zwei Arten des Umgangs damit. Das binäre Denken operiert mit absoluten Entgegen-Setzungen (gut vs böse, rechts vs links etc.) in ähnlicher Weise wie die Mathematik mit den Binärzahlen 0 und 1 operiert. Weil es keine realen Zwischenräume, keine Mischformen oder Feldgrößen kennt, erzwingt es die totale Identifikation mit einem der beiden Extremwerte. Das binäre Denken ist sprachaffin; wahrscheinlich ist es die Denkungsart von Logikern, Ideologen, Intellektualisten, Männern. Das polare Denken operiert ebenfalls mit Gegensätzen, diese werden jedoch als aufeinander bezogene Grenzwerte unermesslicher Sinnfelder angesehen, die es ermöglichen, um Tatsachen und Gegenstände zu ringen. Ihren eigentlichen Sinn entfalten Begriffe wie „gut“, „böse“, „links“ oder „rechts“ also nur im Rahmen einer prinzipiell infiniten Charakterisierung individueller Ereignisse. Das polare Denken ist bild- und erfahrungsaffin. Wahrscheinlich ist es die Denkform von Künstlern, Voluntaristen, Historikern, Frauen. Sein Leitsatz ist das Diktum des britischen Naturphilosophen Alfred North Whitehead: »Genauigkeit ist Schwindel«.

Les jeux sont fait

Viele Beobachter des Zeitgeschehens sehen die Globalisierung als ein Spiel an, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Das ist oft nicht böse, sondern sachlich gemeint. Man stellt ganz einfach fest, dass die Globalisierung bestimmte Wirtschaftsweisen und Organisationsformen hervorbringt, die für manche Individuen, Gruppen, Völker, Staaten oder Weltgegenden eher förderlich und für andere eher hinderlich sind. Berücksichtigt man dann noch die Tatsache, dass die ungleich verteilten Chancen unterschiedlich genutzt werden, ergibt sich das polare Gewinner-Verlierer-Schema fast von selbst. Es wird der Sache nicht auferlegt, sondern geht aus ihr hervor. Weiterlesen

Pauschale Verurteilungen

Ob es zum Schlimmsten kommt, wissen wir nicht. Schlimm genug ist aber schon das feindselige Schweigen über den tiefen Gräben, die heute so vieles trennen, was noch bis vor wenigen Jahren zusammen gehörte. Ost und West, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Frauen und Männer: Die Welt von Gestern war ein polar strukturierter Kosmos, das Leben war eine Begegnung. Streit, Wettbewerb, Kampf und Krieg spielten ebenso hinein wie Kooperation, Teamgeist, gegenseitiger Respekt, Freundschaft und Liebe. Ungeachtet der Gefahr der atomaren Auslöschung, die seit den frühen 1950er Jahren über allem schwebte, sah man das Leben als Spiel an und ließ sich vorbehaltlos darauf ein. Der Ball war rund. Der Weg war das Ziel. Die Mitte war golden. Denn das Höchste war die Einheit des Unvereinbaren – und gerade nicht: der Monismus der reinen Wahrheit. Weiterlesen

In Echokammern

Bei aller Kritik an der identitätspolitschen Praxis der pauschalen Verurteilungen liegt es auf der Hand, dass viele Missstände, auf die Frauen, Linke und andere Interessengruppen hinweisen, faktischer Natur sind. Diskriminierung, Benachteiligung, Belästigung, Vergewaltigung, Ausbeutung, rassistisch motivierte Übergriffe und rechtsextremistische Verbrechen gibt es ja tatsächlich. Und es ist nur recht und billig, solche Erfahrungstatsachen im Rahmen einer empirischen Theorie zu beschreiben, zu deuten, zu bewerten, zu erklären. Problematisch wird es erst dann, wenn das Framing wichtiger wird als das Learning und um der Stimmigkeit der Theorie willen Fakten verzerrt oder unterschlagen werden. Die empirisch begründete Weltsicht verwandelt sich dann zwangsläufig in eine manichäische Weltanschauung, deren Anhänger die wirklichen Ereignisse, die sich dem binären Bewertungsschema partout nicht fügen wollen, zum Störfeuer erklären, dem man irgendwie entkommen muss, wenn man es nicht auslöschen kann. Weiterlesen

Genauigkeit ist Schwindel

Das binäre Denken als solches ist nichts anderes als ein Spiel mit Namen, bei dem es darauf ankommt, Paare mit einander entgegengesetzten Wahrheitswerten zu bilden. Mit solch einem logizistischen Nominalismus lässt sich einiges anstellen. Man kann Mathematik, Informatik, Philosophie und Werbung, aber auch Moralpolitik und totalitäre Propaganda damit betreiben. Im Alltagsleben dagegen kommt man nicht sehr weit damit. In der Schule, am Arbeitsplatz, beim Bolzen, Flirten, Dichten, Malen und Musizieren, beim Abendessen im Kreis der Familie, am Kabinettstisch, im Forschungslabor, vor Gericht und natürlich auch im Bett hat man es mit widerspenstigen Gegenständen zu tun, um die man ringen muss, bevor man mit ihnen ins Reine kommt. Nur logische Maschinen agieren in einer Welt aus Sprechakten, die entweder als richtig oder nichtig bewertet werden müssen. Als Menschen bewegen wir uns in einer Welt aus polar strukturierten Sinnfeldern. Weiterlesen

Liebe Sprecherinnen und Sprecher

Was soll ich schreiben? Die Sprecher, die Sprechenden, die SprecherInnen, die Sprecher*innen? Dx Sprechx? Um die Frage zu kären, ist es vielleicht hilfreich, sich einige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört die Beobachtung, dass die Verbindung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung arbiträr, also zufällig ist. Genauer gesagt: Mit welcher Laut- oder Buchstabenkombination wir ein Objekt bezeichnen, legt die Sprachgemeinschaft willkürlich fest, wobei die realen Eigenschaften des Objekts bei der Benennung eigentlich keine Rolle spielen (ein Baum kann „Baum“ heißen, aber auch völlig anders, beispielsweise „arbre“ oder „tree“). Ein anderer linguistischer Grundsatz besagt, dass die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens weniger durch die Gestalt des Zeichens selbst als durch die Konstellation der umgebenden Zeichen festgelegt ist (diese Erkenntnis bildet das Fundament des linguistischen Strukturalismus).

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Engel der Geschichte

Kürzlich erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Beitrag »Europas Traum und Trauma«. Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Robert Habeck plädiert darin für ein geschichtsbewusstes Europa, das er zu einer „weltpolitikfähigen“ föderalen Republik formen möchte. Eine Replik.

Paul Klee: Angelus Novus

Die Welt gibt es nicht per se, vielmehr bringen wir sie durch Sprache erst hervor. Wer diesem konstruktivistischen Glauben anhängt und als Politiker die Welt verändern möchte, muss ganz besonders auf seine Worte achten. Der Konstruktivist Robert Habeck tut das bekanntlich nicht immer. Erinnern wir uns: Im Vorfeld der Thüringer Landtagswahlen rief der Grünen-Chef per Twitter dazu auf, Thüringen zu einem »freien, demokratischen Land« zu machen (als ob es dies nicht längst wäre), und im Oktober 2018 forderte er, die CSU-Alleinherrschaft zu beenden, damit man sagen könne: »Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern« (als sei sie dort nicht seit Jahrzehnten verankert). Beide Male hat Habeck seine Fehler eingestanden und sich für die »laschen Formulierungen« entschuldigt. Im Falle seines Beitrags über »Europas Traum und Trauma«, den er kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichte, wird man wohl vergeblich auf eine Entschuldigung warten. In dem kurzen Text wimmelt es von laschen Formulierungen. Doch ich fürchte, Habeck hat sie mit Bedacht gewählt. Deshalb nehme ich seine Ideen für ein künftiges Europa ernst und erhebe Einspruch. Denn sollte sich der Grünenpolitiker durchsetzen, haben die europäischen Völker nichts mehr zu melden. Zu rechnen ist mit der politischen Enteignung der Nationalstaaten. Mit bedingungslos offenen Grenzen. Mit der Ersetzung aufgeklärten Geschichtsbewusstseins durch eine mythologisch aufgeladene Prozessergebenheit. Mit Weltpolitik! Weiterlesen

Nur damit das mal klar ist …

Fundamentalkritik der Technik beginnt mit der Einsicht, dass technische Hervorbringungen in vielerlei Hinsicht nützlich, aber im Ganzen gesehen schädlich sein können. Die Waffentechnik zum Beispiel. Je besser eine Waffe ihren Zweck als Werkzeug des Tötens erfüllt, desto tödlicher sind in der Regel die vom Techniker nicht berücksichtigten zivilisatorischen Folgen ihres Gebrauchs. Ähnliches gilt für Autos, für Computer, für Medikamente. Je besser sie sind, desto schlechter sind sie womöglich.

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Denaturiertes Klima

Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungsgegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Warum haben sie das getan? Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer … Weiterlesen

Ein übergriffiger Vergleich

Eine Antwort auf den Artikel »Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit« des Sozialpsychologen Harald Welzer, erschienen in der ZEIT vom 30. Mai 2018:

Zunächst eine wichtige Mitteilung: Ich betrachte Harald Welzer als einen Bruder im Geiste. Mit seiner Kritik des Digitalismus (»Die smarte Diktatur«, 2016) hat er mir aus der Seele gesprochen. Seine Fragen an die Geschichte des Nationalsozialismus (»Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden«, 2005) sind immer auch die meinen gewesen. Sein zivilgesellschaftliches Engagement für die »offene Gesellschaft« schließlich nötigt mir so viel Respekt ab, dass ich ihm nur höchst ungern widerspreche. Aber es muss sein. Mit seinem in der ZEIT vom 30. Mai erschienenen Aufsatz »Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit« hat Welzer seinem eigenen aufklärerischen Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Zwar fordert er zu Recht, Menschenfeindlichkeit da zu bekämpfen, wo sie sich konkret zeigt. Indem er jedoch praktisch jede Form restriktiver Migrationspolitik als menschenfeindlich brandmarkt, schießt er weit übers Ziel hinaus. Implizit tut er das, was er den Einwanderungsskeptikern vorwirft: Er macht Menschen verächtlich. Weiterlesen