Die Anderen und ihr Programm

IMG_0326Technikkritische Betrachtungen

Techniker sind Realisten und Praktiker, aber sie sind nicht die Realisten und Praktiker schlechthin, als die sie sich oft ausgeben und von ihren Bewunderern wahrgenommen werden. Techniker sind Realisten und Praktiker besonderer Art. Als Realisten sehen sie die Welt, wie sie ist, aber nicht vornehmlich, um ihre Wunder zu bestaunen oder ihre Rätsel zu ergründen, sondern um ihre Mängel festzustellen. Als Praktiker handeln sie in der Welt, aber nicht vornehmlich, um Erfahrungen in ihr zu machen, sondern um Reparaturen an ihr vorzunehmen. Ihre Erfolge bei der Ausbesserung der Welt haben ihnen den Ruf von Wohltätern der Menschheit eingebracht. Deshalb regt sich kaum Widerstand gegen den technologischen Totalitarismus unserer Tage, der die Welt als einen Reparaturbetrieb ansieht, in dem buchstäblich nichts Bestand hat, nichts geschont wird und nichts heilig ist. Die Technikgläubigen sehen darin kein Problem. „Fürchtet euch nicht“, sagen sie mit dem wissenden Lächeln der Pfaffen. „Zwar verändert Technik die Welt, doch wir behaupten uns weiterhin darin!“ Das genau ist die Frage, der diese Kritik nachgeht. Sicher bleibt unsere Leistung im Getriebe des Fortschritts gefragt. Wir können der Motor sein. Wir können uns wichtig machen. Aber was werden wir uns wert sein – als Veränderer, die nichts gut sein lassen können?  

Brauch und Brauchbarkeit

Genau genommen trifft der Ausdruck „die Welt“ die Sache natürlich nicht ganz. In Wirklichkeit wissen Techniker genausogut wie Physiker, Bauern und Stoiker, dass „die Welt“ in gewisser Hinsicht, als naturgesetzlich verfasster Kosmos nämlich, unverbesserlich ist. Im Reich der Natur hat man es mit unabänderlichen Gegebenheiten zu tun. Optimieren lässt sich allenfalls der Umgang mit diesen Gegebenheiten, der menschliche Zugriff auf die Natur, letztlich also „die Welt“ der Kultur. Technik ist eine Kulturveranstaltung. Und als solche ist sie der Magie näher als der Naturphilosophie. Denn technische Intelligenz hält sich nicht mit einer Kritik der Naturkräfte auf, sie richtet sich auf die effiziente Anwendung derselben. Sie hat nichts gegen Lasten, aber stört sich an der Mühe, die sie zuweilen machen. Sie hat nichts gegen die Schwerkraft, aber möchte sie womöglich austricksen. Das Mittel, mit dem die Technik die Schwerkraft austrickst, ist der Hebel.

Ob der als Hebel genutzte Stock das erste Werkzeug der Menschheit war, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass der Hebel mehr als ein Stock ist. Als mechanisches Kraftübertragungssystem ist er in so gut wie jeder Maschine wirksam. Und im übertragenen Sinn ist wohl jede technische Lösung ein Hebel, weil es in der Technik eben immer um ein Mittel oder eine Methode zur trickreichen Bewältigung praktischer Aufgaben geht. Dass Hebel nicht immer physikalistisch funktionieren, zeigt das Beispiel des Trojanischen Pferdes. Das Instrument, mit dem Odysseus, der erste Held der Technikgeschichte, die Trojaner austrickste, ist bekanntlich eine Attrappe, ein großer Schwindel. 

Nichts desto trotz waren es wohl vor allem die physikalisch-mechanischen Tricks, denen die Technik ihre Reputation und ihren unaufhaltsamen Aufstieg verdankt. Nun machen sich Wagenrad und Mühlrad, Kummet und Pflugschar, Hammer, Amboss und Schwerter nicht im Handumdrehen. Die Fertigung solch kunstreicher „Hebel“ erfordert den Sachverstand und das Geschick von Experten. Handwerker nennen wir diese Experten im Deutschen, auf englisch heißen sie „craftsmen“, also Hersteller, oder „artisans“, also Künstler. Treffend wäre auch die Bezeichnung Techniker, denn das griechische „techné“ meint nichts anderes als „Kunst“.

Allerdings ist die Kunst, die unter den Händen dieser Techniker entsteht, alles andere als ein Produkt ungebundener Phantasie. In der Regel zumindest sind Handwerker ganz und gar traditionsgebundene Techniker. Sie fertigen ihre Schwerter, Truhen und Vehikel in herkömmlicher Weise nach vorgegebenen Mustern (selbst die „zweckfreie“ Kunst, die sich als Dekor über das Werkzeug ziehen mag, folgt vorgegebenen Mustern). Auch der Verwendungszusammenhang der Gebrauchsgegenstände ist traditionell geprägt. Das Gerät, das die Handwerker fertigen, dient immer denselben, klar umrissenen praktischen Zwecken. Trotzdem verändern sich die Dinge im Lauf der Zeit. Die Klingen werden schärfer, die Räder drehen sich leichter, die Mühlen mahlen schneller, die Technik entwickelt sich. Und zwar deshalb, weil das Handwerk zwar einerseits ein Hort der Tradition, aber andererseits auch ein hotspot passionierter Neuerer ist.

Was aber beschäftigt die Handwerker, wenn sie an Neuem tüfteln? Die praktischen Zwecke der Werkzeuge, deren Grundformen sich in unvordenklichen Zeiten herausgebildet haben, stehen nicht in Frage. Gras soll gemäht, Kleider sollen gewebt, Schwerter sollen geschmiedet werden. Und zwar soll das Gras in herkömmlicher Weise mit der Sense gemäht, die Kleider in herkömmlicher Weise mit dem Handwebstuhl und Schwerter in herkömmlicher Weise mit Hammer und Amboss geschmiedet werden. An den Gebräuchen kann und soll sich nichts ändern, zur Disposition steht allenfalls die Brauchbarkeit der Dinge. Verbesserungsfähig im Sinne etwa einer bequemeren Handhabung (Ergonomie), oder einer effizienteren Wirkungsweise (Funktion) ist allein das Werkzeug als solches.

Die Unterscheidung zwischen technischer Funktion und praktischem Zweck ist mir wichtig, weil erst sie, wie ich glaube, eine fundierte Kritik der technischen Vernunft ermöglicht.

Technik und Praxis

Unter der technischen Funktion eines Werkzeugs verstehe ich die rein instrumentelle Aufgabe, die es zu erfüllen hat. Die technische Funktion eines Messers etwa ist das Schneiden, egal ob Brot, Fleisch, Tomaten oder Kartoffeln geschnitten werden sollen. Nun lässt sich die Brauchbarkeit von Messern auf zwei Arten verbessern. Zum einen durch das Schmieden schärferer Klingen, zum anderen durch die zweckmäßige Gestaltung des ganzen Messers. Wenn wir im Alltag je nach Bedarf zum Brotmesser, Fleischmesser, Tomatenmesser, Schälmesser – oder eben zum Schleifstein greifen, zeigen sich im Gebrauch die unterschiedlichen Faktoren, die der Techniker beim Design seiner Produkte berücksichtigen und zusammenführen muss: Klinge und Heft bilden im Gebrauch eine Einheit und machen zusammen das Messer; technische Funktion und praktischer Zweck determinieren zusammen die Form des Geräts. Mit anderen Worten: Wer brauchbare Geräte erzeugen will, muss ein Meister der Materialbehandlung, aber auch ein Kenner der „Materie“ sein. Der Techniker muss die Zwecke kennen, für die er geeignete Mittel schafft.

Doch so sehr die Zweckbestimmung des Werkzeugs sein Tun auch inspirieren und kontrollieren mag, so verschieden ist seine Tätigkeit natürlich von den zweckbestimmten praktischen Handlungen selbst. Techniker machen Sensen, müssen aber kein Gras mähen. Sie schmieden Schwerter, müssen aber nicht fechten. Sie konstruieren Webstühle, müssen aber keine Kleider damit weben. Die Praxis als die Sphäre zweckbestimmten Handelns liegt so gesehen außerhalb der Zuständigkeit der Technik, die sich ausschließlich um die Bereitstellung geeigneter Mittel kümmert. Die praktische Frage lautet: Was tun? Die Technik fragt: Wie kann es getan werden? Der Philosoph Michael Hampe formuliert es so: „Das technische Wissen handelt von richtigen Mitteln, einen bestimmten Zweck zu realisieren. Das praktische Wissen ist eines über die Zwecke solchen Handelns selbst.“ [1] Technische Wissenschaft ist also frei in der Wahl der Mittel, jedoch zweckgebunden. Und der Zweck, um dessen Realisierung sie sich bemüht, ist ein bestimmter. Sie löst also aus dem komplexen Handlungsgefüge jeweils ein einzelnes Problem heraus, das sie mittels einer Methode zu „lösen“ versucht, die – im Gesamtzusammenhang betrachtet – nicht unbedingt vernünftiger oder humaner sein muss als herkömmliche Methoden, aber für sich genommen gewisse Vorzüge aufweist. Oft ist sie „einfacher“ im Sinne einer Minimierung des energetischen Aufwands bei der Abarbeitung einzelner Akte. Es geht um effizientes Sensen, effizientes Weben, effizientes Töten. Um das Erlebnis des Mähens, die Ästhetik des Webens und die Moral des Tötens geht es indes nicht. Technik blendet die Gefühle, die Gründe, ja, den größten Teil des Geschehens aus. Sie löst praktische Probleme, ist jedoch blind gegenüber der Praxis als solcher.[2]

Aber sie kann sie natürlich verändern. Solange jedoch die Zwecke, die sie sich vornimmt, einem überlieferten Repertoire entstammen, und solange die Mittel, die sie erzeugt, die Möglichkeiten der handwerklichen Tradition nicht übersteigen, wird sie die Praxis allenfalls marginal beeinflussen. Erst eine ingenieursmäßig betriebene Technik ist dazu in der Lage, traditionell geprägte Handlungsgefüge zu sprengen und substanziell zu verändern.

Lawinen gegen Lawinen

Auch Ingenieure sind Techniker. Aber ihr Zugriff auf die Dinge unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht vom handwerklichen Tun der Schmiede, Baumeister und Stellmacher der alten Zeit. Ingenieure gehen systematisch ans Werk. Sie bauen Werkzeuge nicht auf herkömmliche Weise nach vorgegebenen Mustern, sondern entwickeln sie methodisch gemäß einem innovativen Design. Diese nicht mehr traditionsgebundenen Designs basieren auf analytisch oder experimentell gewonnenen Erkenntnissen über die funktionellen Potenzen von Materialien, Werkzeugen, Aggregaten oder ganzen Maschinen. Ingenieure sind wissenschaftlich informierte und inspirierte Experten der Funktionalität. Sie sind Technologen. Als solche stellen sie keine Sensen her, sondern entwickeln Mähvorrichtungen. Sie fertigen keine Schreibfedern, sondern Schreibmaschinen. Sie sind keine Baumeister, sondern Tragwerkkonstrukteure, Bauphysiker, Statiker, Heizungsbauer oder Haustechnikexperten.

Techniker richten das Mittel nach praktischen Zwecken aus, Technologen generieren darüber hinaus Anwendungen für technische Funktionen.

Sie tun dies mit einem im Vergleich zum Handwerker eingeschränkten Verständnis für praktische Belange. Wo der Handwerker immerhin einzelne Handlungen verstehend nachvollziehen muss (Gras sensen), um ein darauf abgestimmtes Werkzeug bauen zu können, blickt der Technologe lediglich auf isolierte Verrichtungen (Gras schneiden), um sie durch den Einsatz funktionaler Geräte effizienter zu machen. Die Lösungen des Handwerkers müssen praktikabel im Hinblick auf vorgegebene Handlungszusammenhänge sein. Die Lösungen des Technologen sind effizient im Hinblick auf Funktionszusammenhänge.

Ein historisches Beispiel für einen handwerklich kontrollierten Optimierungsprozess ist die Entwicklung der Schreibgeräte vom Griffel über den Federkiel bis zum Füllfederhalter. Verbesserungen – auch in Bezug auf die Vervielfältigung von Schriftstücken – werden hier unter Beachtung des vorgegebenen Handlungszusammenhanges des Schreibens erzielt. Johannes Gutenberg interessierte sich jedoch weder für den Akt des Schreibens noch für das Bild der Schrift, sondern richtete seinen Blick auf die bedeutungsdifferenzierende Funktion des Buchstabens in der geschriebenen Sprache – und konnte so den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfinden. Es ist der Eingriff in einen elementaren Funktionszusammenhang, der die kommunikationstechnische Revolution der Frühen Neuzeit auslöst. Die digitale Revolution beruht ebenfalls auf der ingenierwissenschaftlichen Isolation einer elementaren Funktion, nur ist das Element, mit dem Informatiker operieren, nicht das bedeutungsdifferenzierende Graphem, sondern das wertdifferenzierende Bit. Das Bit ist so etwas wie das Atom der Informationstheorie, weil die Einheit der Information (der Unterschied, der den Unterschied macht) sich mathematisch nicht radikaler formalisieren lässt. Anders als in der theoretischen Physik kann es in der Informationstheorie keinen Kosmos subatomarer Elementarteilchen geben. Dass die Informationstechnik dennoch fortschreitet, liegt daran, dass die Experten des Machens den Grenzen des Denkens alles andere als machtlos gegenüber stehen. So wie mit natürlichen Gegebenheiten gehen Ingenieure eben auch mit geistigen Gütern um – sie instrumentalisieren sie. 

Ingenieurleistungen beeindrucken. Wer Berge verrückt, Stahl in die Lüfte hebt, Stimmen über Ozeane transportiert und sogar dem Tod die Stirne bietet, leidet keinen Mangel an Bewunderung. Wer wäre nicht hingerissen von den Künsten der Ingenieure! Wer wäre nicht versucht, ihnen die Lösung aller anstehenden Aufgaben anzuvertrauen! Doch Vorsicht. Der Glanz technologischer Lösungen überstrahlt ihre Problematik, und die rührt nicht von Anwendungsfehlern her, sondern liegt in der Natur der Sache. Das große Manko der Technologie ist ihre Befangenheit in Funktionszusammenhängen. Weil Ingenieure stets nur elementare Verrichtungen und nie komplexe Handlungen, geschweige denn das Ganze der Praxis in den Blick nehmen, lösen ihre Werke zwangsläufig eine Lawine von Folgewirkungen aus, die technologisch nicht anders unter Kontrolle zu bringen ist, als durch das Auslösen weiterer Lawinen. Eisenbahnen befördern Menschen, aber auch den Aufschwung der Kanonenindustrie. Automobile machen Freude, führen zu Verkehrsinfarkten, zerstören Städte und ruinieren das Klima. Flugzeuge sind ein Traum und eine Pest. Das Internet ist der schlaue, der hilfreiche, der allgegenwärtige, der Große Bruder. 

Hätte der technologische Fortschritt ein Gesicht, wäre es weder eine niedliche Roboterfratze noch Darth Vaders unheimliche Helmmaske. Es wäre das kaputt optimierte Antlitz Michael Jacksons.

Technizismus und Nihilismus

Es ist evident, dass die Praxis durch den technologischen Zugriff laufend revolutioniert wird. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt jener permanente Wandel der Verhältnisse ein, der das an die Macht strebende Bürgertum zugleich begeistert und bestürzt und den es, um beim Vorwärtsstürmen nicht zu verzweifeln, umgehend als natürlichen Gang der Dinge hinstellt. Handgriffe fallen weg, Tätigkeiten erübrigen sich, Kompetenzen werden obsolet, nicht mehr gebrauchte Talente verkümmern, nicht mehr gebrauchte Charaktere sterben aus, Berufe verschwinden, andere entstehen, um bald darauf wieder überflüssig zu werden – und dennoch stellt sich die Mehrzahl der Bevölkerung immer wieder ohne großes Murren auf die jeweils neuen Verhältnisse ein. Ludditen, Traditionalisten und Reaktionäre bleiben in der Minderheit. Der Grund dafür ist einfach: Technik überzeugt die Menschen, weil sie hält, was sie verspricht. Und sie verspricht: weniger Arbeit, mehr Spaß, längeres Leben.

Dass die Technik ihre großen Entlastungs- und Versorgungsversprechen tatsächlich immer wieder zu halten vermag, erstaunt viele Menschen. Dabei vollbringt sie keine Wunder, sondern folgt nur ihrem Prinzip; die trickreiche Bewältigung von praktischen Aufgaben ist schließlich ihre ureigenste Aufgabe. Erstaunlich ist nicht die Tatsache, dass die Technik knifflige praktische Probleme löst. Erstaunlich ist vielmehr der populäre technizistische Glaube, dass die Praxis sich komplett in technische Funktionen auflösen ließe. Nach dieser Vorstellung besteht das praktische Leben aus einer unbestimmten, aber endlichen Menge benennbarer, messbarer und optimierbarer Verrichtungen, über die hinaus nichts Relevantes geschieht. Anders gesagt: Das praktische Leben ist ein Set lösbarer Aufgaben und nichts sonst. Lösungen sind aber nichts anderes als Verrichtungen, die im Hinblick etwa auf ihren Ressourcen- oder Energieverbrauch stets optimiert werden können. Da die Verrichtungen zudem mehr oder weniger Lust bereiten, ergibt sich für den Technizisten eine bestimmte Rangfolge ihrer Abarbeitung. Gut zu leben heißt nach technizistischem Verständnis, sich der weniger angenehmen Tätigkeiten möglichst vollständig zu entledigen (durch Rationalisierung, Automatisierung, Delegierung), um die gewonnene Zeit zur Optimierung der angenehmeren Lösungen zu nutzen. Da jedoch auch die angenehmsten Verrichtungen noch Arbeit machen, Ressourcen verbrauchen und Energie erfordern, hört die optimierende Tätigkeit nie auf, so dass jede Lösung stets nur weitere Lösungen nach sich zieht und die Erlösung auf immer ausbleibt – was Technizisten allerdings nicht schreckt. Sie benötigen keinen letzten Zweck, der die ewige Arbeit am Mittel rechtfertigt. Sie wünschen sich kein Glück, das über die obsessive Lust am Optimieren hinausgeht. Sie wollen nicht erlöst sein. Oder doch? Zumindest ein regulatives Prinzip, das sie befeuert und an dem sich ihre unermüdliche Tätigkeit orientiert, muss es auch für sie geben. Dieses regulative Prinzip kann nichts anderes sein als die Idee des absoluten Optimums. Das absolute Optimum, egal ob man es als unendlich fernes Ziel oder als innigstes Antriebszentrum imaginiert, birgt keine Probleme und keine Aufgaben mehr, es ist frei von Energie, von Materie, von Lust und Unlust, von allem. Genau genommen ist es nichts. Wer nur dafür lebt, Probleme zu lösen, lebt für nichts. Technizismus ist Nihilismus.

Und diese Feststellung ist keineswegs bloß „philosophisch“ gemeint. Wir kennen in der Praxis zahllose Beispiele für technische Optimierungsprozesse, die dem Nichts als dem absoluten Optimum bedenkenlos und rücksichtslos zuarbeiten. Man denke an die Vernutzung von Lebewesen in der industriellen Tiermast. An die Zurichtung von Menschen im Hochleistungssport. An die Entleerung der Kindheit im Zeichen effizienten Lernens. An die Elendsproduktion im Zuge der arbeitsteiligen globalen Güterproduktion. An die Übernutzung der Böden, die Verpestung der Luft, die Verschandelung der Landschaften. An das elektronische Monopoli der Finanzindustrie. An die Entnaturalisierung menschlicher Bindungen zur besseren Ausbeutung menschlicher Ressourcen. An die Naturalisierung des Konsums durch Kultur- und Werbeindustrie. An die restlose Vermarktung der Seele im Zeitalter des informationstechnologischen Totalitarismus. An Kampfdrohnen. An die Atombombe.

Der Technikphilosoph Günther Anders war der Meinung, die Technik sei längst zum Subjekt der Geschichte geworden, „mit der wir nur noch ‚mitgeschichtlich‘ sind“ [3]. Das mag stimmen oder nicht.  Aber auch wenn es stimmt, ist das Leben immer noch mehr als ein Set von Aufgaben. Es fügt sich in keinen Rahmen. Es umgreift und übersteigt jeden systemischen Funktionszusammenhang. Relevant für das Leben ist in Wirklichkeit alles Geschehen, weil das Ganze in jedem Augenblick das Schicksal jedes Teils bestimmt. In dieser Weise Ganzes zu sein, ist sozusagen die Natur der Natur, der gegenüber wir auch als Titanen der Technik vollkommen abhängig bleiben. Ein Gefühl für diese Abhängigkeit zu entwickeln und zu kultivieren, wäre eine zivilisatorische Aufgabe ersten Ranges – aber eben keine technische. 

Während der Technik das Gefühl fürs Ganze vollkommen abgeht, ist es konstituierend für die Religion. Religion als die dem Technizismus entgegengesetzte Haltung zur Welt ist im Grunde nichts anderes als Feier des Lebens.

Es fragt sich, welche Haltung das Subjekt im Spannungsfeld zwischen Technik und Religion einnimmt. Wo ist mein Platz? Und was ist meine Welt?    

Subjekt und Subjektivität

Jeder Mensch, was auch immer er sich einbilden mag zu sein, ist auf jeden Fall ein welthaltiges Subjekt. Ich sehe die Welt von meiner Warte aus. Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt. Und als meine Welt ist sie mein natürliches Zuhause. Mein Zuhause ist die Erde unter meinen Füßen, der Himmel über meinem Kopf, die Familie und die Gemeinde in meinem Herzen. Diese Welt mit ihrer eigentümlichen Luft, ihren eigentümlichen Wegen und eigentümlichen Menschen ist mir so innig vertraut, dass ich zwischen ihr und mir kaum zu unterscheiden vermag. Ich selbst bin der Dreh- und Angelpunkt meiner Welt, aber ob ich selbst denke oder ob meine Welt denkt, ob ich selbst Gefühle habe oder sie aus der heimatlichen Luft trinke – ich weiß es nicht und kann es nicht wissen! Nur dass sie da ist, weiß ich. Die Technik jedoch weiß nichts von alledem. Für sie ist das Subjekt nicht der Mittelpunkt einer Welt, sondern der archimedische Punkt, von dem aus jede Welt sich aushebeln lässt. Und so hebt sie, indem sie mir bei meinen Verrichtungen hilft, meine angestammte Welt aus den Angeln und setzt dafür eine neue Welt ein, die nicht mehr mein eigen ist. Zwar kann ich mich mit der neuen Welt vertraut machen, aber aufgehen – wie in der Heimat – kann ich nicht in ihr (jeder Mensch spürt das, wenn er nach langen, in der Bürogruft verlebten Stunden ins Freie kommt und unwillkürlich aufatmend sich urplötzlich wieder zuhause fühlt). Mit zunehmender technischer Beherrschung werden die Welten nicht nur immer fremder, sondern auch kleiner, härter, grober, stumpfer, metallischer. Als ich das Gras mit der Sense mähte, stand ich noch im Duft der Blumen und Kräuter, sah Mäuse davonhuschen und Schnecken sterben, spürte die Sonne auf der Haut und den Blick der Mädchen im Nacken; im Gehäuse des Traktors habe ich es nurmehr mit Hebeln zu tun – und mit mir selbst. Denn so klein und blechern mir die Welt im Gehäuse vorkommen mag, so groß und bedeutend bin ich mir selbst darin geworden.

Auch für die Entwicklung der Subjektivität ist die Technik verantwortlich – allerdings nur mittelbar.

Zwar vermag die Technik meine Welt fast beliebig durch neue Welten zu ersetzen, aber an mich selbst, den Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens, reicht sie naturgemäß nicht heran. Ich bin es immer noch, um den sich die Welten drehen. Ich stehe weiterhin im Mittelpunkt des Getriebes, mehr noch, ich bin der Mittelpunkt. Nur stehe ich nicht mehr so fest auf meinem Grund. Ich bin mir meiner selbst unsicher, mir schwindelt, ich beginne an mir selbst zu leiden: Der Mittelpunkt wird zum wunden Punkt. 

Ist das technifizierte Subjekt ein in Raum und Zeit lokalisierbarer Herd, der sich aufgrund fortwährender Reizung und Belastung entzündet? Oder bleibt es ein transzendentaler Grund, der jedoch durch die fortwährende Neujustierung der Wirklichkeit ins Wanken gerät? Wahrscheinlich ist es ziemlich egal, wie man es umschreibt und welche Erkenntnistheorie man bevorzugt. Worte und Erklärungsprinzipien ändern nichts an der Tatsache, die jeden von uns im Innersten betrifft und betroffen macht: Die Technik reißt Wunden auf, sie höhlt den Menschen aus und hinterlässt da, wo einst die Fülle der Welt war, eine unheimliche Leere. Die Gefühle, die sich in dieser Höhlung einnisten, machen sich bemerkbar als Phantomschmerz, als Heimweh und Sehnsucht, als Ressentiment, als Depression, als Zorn, als Hass, als Neurose, als Unbehagen in der Kultur.

Doch noch etwas tut sich in der Höhlung. Das Ich, das einst nichts anderes war als der Dreh- und Angelpunkt meiner Welt, bläht sich auf zum Ego, das sich seine Welt entwirft. Das kindlich-vertrauensselige Subjekt wächst sich aus zu einer Blase, die sich mit eitler Subjektivität füllt.

Die gesteigerte Ich-Kultur im Gefolge der Ersten Technischen Revolution prägte die künftigen Herren der Welt in schizophrener Weise. Das Bürgertum dachte nobel und handelte brutal. Kältere und geistreichere Egoisten hat es nie zuvor gegeben. Sie träumten stählerne Träume von Blauen Blumen. Zu den wundersamsten Manifestationen der Epoche zählen bekanntlich die idealistische Philosophie in der Nachfolge von Kant (die man als ein gigantisches Designprojekt zum Zwecke der wohnlichen Ausgestaltung von Platons Höhle verstehen kann), die romantische Literatur (der Novalis mit dem Motto „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg “ ein psychologistisches Irrlicht aufsetzte) und die klassisch-romantische Musik (die statt kosmischer Einheit immer nur innere – meist zerrissene – Verhältnisse zum Klingen bringt).

Das Gemütliche Ich der Moderne

Im Folgenden möchte ich einen speziellen Fall von Ich-Kultur etwas genauer untersuchen. Und zwar deshalb, weil er eng mit der Entwicklung der Technik verknüpft ist und bis heute relevant zu sein scheint. Ich meine „das Ich“ der Gestalter der modernen Welt, also derjenigen Architekten, Künstler und Designer, die das technische Getriebe der Industriegesellschaft überhaupt erst annehmbar machten, indem sie adäquate Gehäuse dafür entwarfen. Bekanntlich geschah dies meist nach der reduktionistischen Devise „Form follows function“. Reduktionistisch warum? Weil der Gestalter, der dieser Devise folgt, Gestaltverläufe einzig unter dem Gesichtspunkt der Funktionalität betrachtet und andere Aspekte wie beispielsweise die Emotionalität außer Acht lässt und daher die Bedeutung, die Formen in der Praxis haben, nicht ausreichend würdigt. Wenn man die Priorität der Praxis gegenüber der Technik anerkennt, wenn man also das Leben nicht allein von den Mittel-Zweck-Relationen objektiver Funktionen bestimmt sieht (Leben ist, was sich tut), sondern eher von den selbstzweckhaften Handlungen freier Subjekte her begreift (Leben ist, was wir tun), wäre „Form follows practice“ die bessere, die menschlichere Maxime. Reiner Funktionalismus ist aus der Perspektive menschlicher Praxis zutiefst inhuman, weil er den Menschen auf die Funktion eines bloßen Agenten rationaler Aufgaben reduziert.

Die Architekten und Designer der Klassischen Moderne behaupteten freilich das Gegenteil. Sie sahen im Funktionalismus einen Hebel zur Humanisierung des Lebens im „Maschinenzeitalter“. Wenn etwa Mart Stam vom „Minimum-Maß“ der Wohnung schwärmte, wenn Grete Schütte-Lihotzky die „Rationalisierung im Haushalt“ forderte, wenn Le Corbusier die „Wohnmaschine“ oder die „Zelle im menschlichen Maßstab“ propagierte, dann geschah dies in der Absicht, den Menschen zu sich selbst zu befreien – und zwar durch bedarfsgerecht konzipierte Umgebungen, die helfen, „unnötige“ Verrichtungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Mehr Zeit für sich, weniger unnütze Arbeit: Wer wollte etwas dagegen haben! Und doch wirft das funktionalistische Programm peinliche Fragen auf. Welche Vorstellungen verbinden Modernisten mit dem Wort „unnötig“ ? Und was ist ihre Idee vom Menschen und seiner Freiheit?

Für Modernisten haben Dinge keinen Charakter und Räume keine Atmosphäre, Gestaltverläufe sind nicht Mittler von Gefühlen, Umgebungen können nicht frostig, hitzig, frisch, düster oder unheimlich sein. Kalte Formen gibt es nicht („Manche Leute sagen, was ich mache, sei ,kalt‘. Das ist lächerlich. Man kann sagen, dass ein Glas Milch warm oder kalt ist. Aber nicht Architektur.“ Ludwig Mies van der Rohe), gemütliche Formen gibt es schon gar nicht. Modernisten sagen mit Karl Kraus: „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Ein Prosit auf die Bequemlichkeit! Ein Hoch auf das Gemütliche Ich! Wer wäre nicht bereit, sein Glas zu heben und mitzutrinken? In Wirklichkeit ist das moderne Selbst-Verständnis jedoch keineswegs so selbstverständlich, wie es die Pointe des Schriftstellers glauben machen will.

Modernisten sind cartesianische Dualisten. Der Mensch zerfällt für sie in zwei Substanzen, in Körper und Geist. Der Geist als der Sitz des Gemütlichen Ichs ist das Ein und Alles des Modernisten. Der Körper zählt nur insofern, als er die Maschine ist, die durch ihr Funktionieren den Geist lebendig erhält. Da Funktionalität nur unter bestimmten Umweltbedingungen gewährleistet ist, gilt es diese zu schaffen, zu erhalten und nach Möglichkeit zu optimieren. Es braucht Luft zum Atmen. Es braucht Wasser zum Trinken. Es braucht Licht, Nahrung, Kleidung, Häuser, Betten und viele andere, zur Verrichtung existentieller Aufgaben unablässige Dinge. Gaslaternen braucht es indes nicht, Kruzifixe, Spitzendeckchen und Bärte auch nicht. Weil sie unnötig sind, sollen diese Dinge verschwinden. Repräsentative Dinge sollen verschwinden, jeder Luxus, jede Art von Schmuck soll verschwinden. Und die für den technischen Lebensvollzug nötigen Dinge sollen auf das konstruktiv unbedingt Nötige reduziert werden. Und die unbedingt nötigen Funktionen sollen operationalisiert und nach Möglichkeit industriell verrichtet werden. Man muss notgedrungen selbst essen, aber nicht selbst kochen, weil die Arbeit in Kantinen effizienter erledigt werden kann. So wie das Vieh aus dem Haus verschwunden ist, sollen auch Küche und Heizquelle aus dem Haus verschwinden. Das Haus soll leer, die Wände sollen weiß, die Räumlichkeiten sollen transparent sein.

Warum dieser asketische Zug? Warum dieser Hass auf das Übermaß? Oft wird er als Ausdruck sozialen Engagements verstanden. Aber das ist falsch. Vielmehr ist er die Kehrseite der Liebe zur Idee einer rein rationalen Humanität, in der die Dialektik zu ihrem Ende gekommen und aller Eigensinn Allgemeingut geworden wäre. Die ersehnte Aufhebung der Subjektivität im Absoluten ist aber nichts anderes als eine Variante des von den Gnostikern erträumten Aufstiegs der vom Körper befreiten Seele zum Himmel. Letzten Endes regt sich im modernistischen Reinheitsfuror der uralte gnostische Hass auf alles Körperliche. Das Ziel des Gemütlichen Ichs ist die Erlösung von allen Dingen, von aller Natur. Die Welt der Gegenstände soll im Hohlraum der Seele verschwinden. Der Preis dafür ist die vollständige Technifizierung des Lebens.

Mit dem Purismus der gestalterischen Moderne korrespondiert der Freudianismus insofern, als auch er die cartesianische Spaltung der Einheit von Körper und Geist zur Grundlage seiner Lehre macht: Dem Ich steht auch bei Freud ein äußerliches, rein funktionalistisch gedachtes Getriebe gegenüber, nur dass es sich dabei nicht um das verwirrende Getriebe einer Stadt oder einer Fabrik, sondern um die verwirrenden Triebregungen im „Bauch“ der Individuen handelt. Diese gilt es gemäß der Maxime „Wo Es war, soll Ich sein“ zu beherrschen. Es fragt sich, was dieses freudianische Ich eigentlich sein soll. Der Dirigent, der sein Orchester bändigt, um die Musik erfahrbar zu machen? Oder der Kapitän, der die Maschinerie im Schiffsrumpf beaufsichtigt, um sein Ziel anzusteuern? Im ersteren Fall wäre das Ich der Mittler eines selbstzweckhaften Geschehens. Im zweiten Fall wäre das Ich der Zweck alles bloß als Mittel begriffenen Geschehens. Ich fürchte, dass die Psychoanalyse sich zwar selbst als Weg versteht, aber das Ich als Ziel deutet und damit missversteht. Das Ich soll möglichst der Kapitän der Seele sein, mindestens ihr Dirigent, keinesfalls aber der Musiker im Orchestergraben. Dessen Eingebunden-Sein in einen nicht selbst hergestellen und nicht selbst kontrollierten Gesamtzusammenhang ist des monarchischen Ichs nicht würdig. Daher ist das Freudianische Ich wohl weitgehend identisch mit dem Gemütlichen Ich der modernen Architekten: Es kommt zu sich erst dann, wenn im großen seelischen Verdrängungswettbewerb alles bloß Äußerliche abgestreift und überwunden ist. [4] 

Genau wie die Seele der Gnosis ist auch das Ich der bürgerlichen Moderne von Anfang an eine aus Not geborene Zufluchtsphantasie. Weil der eiserne Druck der Verhältnisse es dem Subjekt nicht mehr erlaubt, Teil der Natur zu sein, schafft es sich eine Blase, in der es wenigstens ganz Kunst sein darf. Solche aus Not erzeugte Blasen sind auch „das Volk“ der Faschisten und „das Kollektiv“ der Kommunisten. Die Unterschiede sind gewaltig, aber in einem sind sich Reaktionäre und Progressisten einig: Es ist nicht auszuhalten in der Gegenwart der Materialschlachten.

 Allenfalls die fühlen sich darin wohl, die sie geschaffen haben – die Ingenieure.

Segen  und Fluch

Aus technikgeschichtlicher Sicht markiert der Erste Weltkrieg den Beginn eines Goldenen Zeitalters. Bereits in den Vorgängerkonflikten hatte sich die Technik zu einem kriegsentscheidenden Faktor entwickelt, aber 1914 brach sich etwas qualitativ Neues Bahn. Wahrscheinlich war der Erste Weltkrieg der erste technologische Krieg der Weltgeschichte. Indem sie sich ganz auf Funktionszusammenhänge konzentrierten, entwickelten Ingenieure Vernichtungsvorrichtungen von beispielloser Effizienz. Aber es ging keineswegs nur um Waffen. Einer der spektakulärsten Erfolge der Weltkriegstechnik war die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur Ammoniak-Synthese durch Fritz Haber und Carl Bosch. Das grandiose Unternehmen bringt Glanz und Elend der anbrechenden Epoche beispielhaft zum Ausdruck: Zum einen ermöglicht das Verfahren die unbegrenzte industrielle Erzeugung von Kunstdünger aus nichts anderem als Luftstickstoff und Wasserstoff („Brot aus der Luft“), zum anderen erlaubt es die Massen­produk­tion der für die Munitionsherstellung benötigten Salpetersäure. Den Krieg entschied die Technologie nicht, aber sie zeigte, was Technik von nun an sein würde: Segen und Fluch.

Der Ausdruck „Segen und Fluch“, in dem die kontradiktorischen Gegensätze „Segen“ und „Fluch“ fast im Sinne einer Coincidentia Oppositorum zu einer „höheren“ Wahrheit verschmelzen, dieser antinomische Ausdruck ist im Grunde das theologische Argument par excellence für die ungebremste Technikentwicklung, weil er die Menschen von der Verantwortung für diese Entwicklung entbindet: Verantwortlich ist eine Macht, an die der Mensch nicht heranreicht und für die er nichts kann, weil sie eben überlogisch und damit übermenschlich ist. Wir müssen Technik hinnehmen wie Raum und Zeit. Wir müssen sie genießen wie die Sonne und fürchten wie das Erdbeben. Wir sind ihr ausgeliefert. Sie ist der neue Gott, der die Macht des alten geerbt und um ein Vielfaches vermehrt hat, denn an ihn kann man nicht bloß glauben, man muss an ihn glauben. Soweit die fatalistische Auslegung der Offenbarung „Technik ist Segen und Fluch“.

Ich möchte diesem fatalistischen Technikverständnis eine Theologie der Freiheit entgegensetzen. Selbst wenn wir dem Gott der Technik zu Willen sein müssten, könnten wir immer noch versuchen, diesen Willen in diese oder jene Richtung zu lenken. Wir könnten versuchen, den Gott der Technik gleichsam an der Nase herumzuführen. Warum nicht? Alle Götter waren Bären bislang. Man konnte sie besänftigen oder erzürnen, eifersüchtig machen oder gnädig stimmen. Man konnte sie austricksen.

Ich muss ja zum Beispiel die Offenbarung nicht fatalistisch auslegen, ich kann sie auch trickreich auslegen. So könnte ich den Segen, der zugleich ein Fluch ist, als verfluchten Segen interpretieren. Die Technik wäre dann zwar ein problematisches Gut, aber ein Gut (so wie der mit Alkohol „vergiftete“ Wein). Interpretierte ich umgekehrt den Fluch, der zugleich ein Segen ist, als segensreichen Fluch, dann wäre die Technik zwar ein vorzügliches Übel, aber ein Übel (so wie der im Wein enthaltene Alkohol). Diese Interpretationen, so scholastisch sie sich auch ausnehmen mögen, bilden tatsächlich die Fundamente zweier unterschiedlicher Kulturen des Umgangs mit Technik. Die „Weinkultur“ wirkt einer unkontrollierten Entwicklung der Technik entgegen, indem sie ihr zerstörerisches Potenzial an allerlei Mythen, Riten und Gesetze bindet und dadurch zugleich sanktioniert und neutralisiert. Die „Alkoholkultur“ schafft ideale Bedingungen für eine explosionsartige Technikentwicklung, weil ihre Anhänger die schädlichen Wirkungen der Technik im Rausch des Ermöglichens gar nicht mehr wahrnehmen.

Technikkultur von Hogwarts 

Natürlich ist die Gegenwartskultur besoffen von Technik. Natürlich ist die „Weinkultur“, wenn man in ihr bloß eine Nachzeichnung der verlorenen Handwerkstradition erkennen will, von gestern. Tatsächlich treibt sie aber gerade heute die schönsten Blüten – in der populären Literatur und im Film nämlich. Dort dient sie als Leitbild für die Verfassung phantastischer Welten, zu denen sich merkwürdigerweise zukunftstrunkene Nerds fast noch mehr hingezogen fühlen als romantische Reaktionäre wie ich.  

Harry Potter ist vielleicht das beste Beispiel. Wenn man Technik als die Gesamtheit der Mittel und Methoden zur trickreichen Bewältigung praktischer Aufgaben ansieht, dann ist Joanne K. Rowlings Zaubererwelt ein voll technisierter Kosmos – nur dass die Tricks dort eben magischer Natur sind und nicht nach physikalischen Gesetzen funktionieren wie bei uns, den „Muggeln“. Zum ungeheuren Erfolg des Romans hat sicher beigetragen, dass er beide Welten ineinandersetzt. Hinzu kommt die identifikationsstiftende Qualität der Fabel. Nicht zuletzt ist es aber die eigenartig verfasste Zaubererkultur selbst, die der Erzählung einen ganz besonderen Reiz verleiht. Rowlings Zaubererkosmos ist alles andere als dynamisch. Sein kulturell-geistiges Zentrum, die Technische Hochschule Hogwarts, ist ein Hort geheiligter Traditionen. Die im Mittelalter gegründete Institution hat sich seit tausend Jahren kaum verändert. Und nicht nur die Riten und Gebräuche erhielten sich dort bis auf den heutigen Tag, sondern auch das Curriculum: Die Techniken, die auf Hogwarts gelehrt werden, lassen an Wirkungsmacht nichts zu wünschen übrig und bedürfen deshalb keiner Optimierung. In dieser von Traditionen gesättigten Welt gibt es keine historische Entwicklung in unserem Sinne. Tatsächlich erschöpft sich die politische Zauberergeschichte in seltsamen Aufständen, die immer mit der Rückkehr zum Status quo ante enden, weshalb das Ausbildungsfach Geschichte derart stumpfsinnig ist, dass es von einem Professor gelehrt werden kann, der schon vor vielen Jahren während einer seiner sterbenslangweiligen Vorlesungen das Zeitliche segnete und seinen Dienst seither als Geist verrichtet. Skurriler Witz blitzt in Rowlings Erzählung immer dann auf, wenn sie die gemütlich-statische Welt der Zauberer mit der hektisch-dynamischen Welt der Muggel kontrastiert (der Besen und das Flohpulver als charmant-altmodische magische Beförderungstechniken, die verrückte Architektur der Zauberer, ihre antimoderne Wohnkultur und bizarre Kleidermode; die Muggel-Spießigkeit des Schraubenfabrikanten Vernon Dursley; der Technikspleen des technischen Idioten Arthur Weasley).

Dass die Zauberergeschichte keinen Fortschritt und keine Entwicklung kennt, liegt freilich nicht an der lethargischen Natur der Zauberer, sondern am überaus klugen Management ihrer Leidenschaften: Es ist ihnen gelungen, das dynamische Element der Geschichte durch eine kunstvoll austarierte Statik weitgehend zu neutralisieren. Niemand weiß das besser als die überaus kluge Hermine Granger: Immer wieder – und immer vergebens – legt sie ihren Freunden Harry und Ron darum die Lektüre des Kompendiums „Eine Geschichte von Hogwarts“ ans Herz. Obwohl auch wir das Buch nicht kennen, kann man sich denken, worum es darin geht – um bislang gescheiterte (und darum lehrreiche) Versuche nämlich, die Zauberergeschichte durch die Enttabuisierung der „Dunklen Künste“ zu dynamisieren.

Nichts anderes bezweckt Harrys Gegenspieler Lord Voldemort. Er ist der aktuelle Versucher, der die toxischen „Dunklen Künste“ dazu nutzen möchte, die statische „Weinkultur“ der Zauberer endgültig und unwiederruflich in eine dynamische „Alkoholkultur“ zu überführen. Voldemorts Programm ist äußerst verführerisch. Und es ist hochmodern, weil es im Kern mit dem Programm des marktgetriebenen Kapitalismus und Technizismus identisch ist. Hier wie dort geht es um die Ermächtigung einer Elite im Namen der Freiheit aller. Hier wie dort geht es um den Sieg über den Tod, der nur um den Preis der Abtötung von Menschlichkeit zu haben ist. Bekanntlich triumphiert Harry Potter am Ende über Voldemort und sichert sich dadurch ein Ehrenkapitel in „Eine Geschichte von Hogwarts“. Die Zaubererwelt darf bleiben, wie wir sie lieben: skurril, altmodisch und gemütlich.

Die Anderen und ihr Programm

Auf dem Kontinent Westeros, dem Hauptschauplatz von George R.R. Martins monumentalem Epos The Song of Ice and Fire ist die Zivilisation gepägt von der Ewigen Wiederkehr dynastischer Fehden und Kriege. Die blutige Geschichte bringt Helden, Mythen, Lieder und manchmal auch neue Mächte hervor, hemmt jedoch die kulturelle Entwicklung und den technischen Fortschritt. Geschichte auf Westeros ist nicht viel mehr als eine Abfolge von Ritterturnieren, deren Regelkanon sich nur marginal ändert, weil alle Regularien auf das ritterliche Instrument schlechthin, das Schwert, zugeschnitten sind. Es ist wie beim Fußball: Das Personal wechselt, aber der Ball bleibt rund. Auf Westeros bleibt das Schwert das Schwert, Männer bleiben Männer, Frauen bleiben Frauen, und Geschichte bleibt Spiel. In Atem gehalten durch immer neue Tragödien und Triumphe scheint das Publikum niemals die Lust an der Immerwährenden Weltmeisterschaft der Ritter zu verlieren.

Doch liegt auch ein unheimlicher Schatten über dieser verspielten Welt. Er lastet auf der Ritterkultur und gefährdet ihre Statik, ebenso wie die „Dunklen Künste“ die Statik der Zaubererwelt gefährden. Wie Rowling nutzt auch Martin diese Bedrohung als Katalysator der Erzählung. Und wie Rowling identifiziert auch Martin die äußerste Gefahr mit dem absoluten Gift, dem Tod.

Im Kosmos von Ice and Fire tritt er in Gestalt der „Anderen“ auf, die sich hinter einer himmelhohen Schutzmauer im eisigen Norden des Kontinents zum Angriff auf die menschliche Kultur formieren. Die Anderen sind keine Bösewichter, sondern Todesengel. Sie verkörpern keine Idee, sondern ein Prinzip. Sie haben keinen Charakter, sondern eine Funktion. In gewisser Weise sind sie eine Allegorie der technologischen Moderne.

Ein Vergleich mit der Figur Voldemorts mag dies verdeutlichen. Voldemort ist ein Mensch. Und als Mensch verkörpert er den aus Literatur und Geschichte wohlbekannten Typus des unglücklichen Genies, das der Macht des Bösen anheimfällt. Er hat etwas von Faust, von Netschajew, von Hitler. Als brillianter Techniker sieht er im Ganzen immer nur die Summe der Teile. Als einseitiger Propagandist der Reinheit predigt er das Leben und führt den Tod herbei. Er verbreitet Furcht und Schrecken, und doch scheinen in all seinen Missetaten menschliche Motive durch. Voldemort ist einer von uns.

Die Anderen sind anders. Sie haben keine unglückliche Geschichte, sie sind das Unglück. Sie haben keine Botschaft, sondern ein Programm. Ihm folgend verwandeln sie Menschen in Zombies, die als ihre Werkzeuge agieren. Zombies produzieren weitere Zombies, die wiederum Zombies produzieren. Die fleischlichen Automaten sind synthetischen Robotern insofern weit überlegen, als sie nicht kaputt gehen. Selbst abgehauene Gliedmaßen und losgelöste Fleischstücke agieren autonom im Sinne des Programms. Zombies sehen, empfinden und begreifen nichts; ihr Witterungsapparat gleicht dem fühllosen Sensorium einer Drohne, die ihr Ziel nur fixiert und nicht perzipiert. Zombies fixieren lebendige Organismen, um sie in Werkzeuge der absoluten Gier umzuwandeln. Was soll das heißen? Mittel und Zweck fallen in eins im Tun der Zombies: Werkzeuge machen Werkzeuge, Technik dient der Technik, Praxis erschöpft sich in hirnloser Mittelbeschaffung. Die Zombiewelt dreht sich noch, aber es dreht sich in ihr um nichts mehr. Das Zentrum verdampft. Die Form löst sich auf. Die Energie verstrahlt sich. Im allgemeinen Glosen der Entropie endet das gefräßige Geschehen, doch zuvor sättigt es sich an nichts. Und dieses alles zerfressende Treiben nennen wir eben Gier. – Birgt die Natur in ihren Tiefen nicht wirklich die Potenz der Gier? Und entbirgt die Technik nicht gerade diese zerstörerische Macht? Und arbeitet die Technologie durch die permanente Desintegration der Praxis nicht darauf hin, die tödliche Dynamik dieser Macht endgültig und unwiederruflich freizusetzen? Jedenfalls leben wir in gierigen Zeiten. Und wir leben in Zeiten schonungslosen Machens und hirnloser Mittelbeschaffung. Das Programm der Anderen ist also womöglich unser Programm. So gesehen wären wir es selbst, die Anderen.

Zweiter Teil

Da noch zwei Bände von Ice and Fire ausstehen, wissen wir nicht genau, wie George R. R. Martin seine Welt von den Anderen befreien wird. Aber wir ahnen es, denn natürlich hat der Erzähler die helfenden Mächte und heilenden Kräfte längst in Position gebracht. Neuartige Waffen (aus Obsidian) werden bei der Bekämpfung der Anderen eine Rolle spielen. Mächtige Wesen (Drachen) werden ihren Auftritt haben. Doch am Ende wird es wohl der lahme Seher Bran Stark sein, der als Helfer in höchster Not die drohende Niederlage in einen triumphalen Sieg verwandelt. Und Bran wird ohne Waffen kommen. Den Ausschlag zum Sieg dürften die mysteriösen Kräfte der „Kinder des Waldes“ geben, mit denen der Junge sich verbündet hat: Die Natur selbst wird die Anderen dorthin zurückdrängen, woher sie kamen – ins Eis des absoluten Nullpunkts. 

Lebendige Natur triumphiert über todbringende Technik: Aus dieser Formel weiß nicht nur George R. R. Martin erzählerische Funken zu schlagen. In J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe besiegen die Hobbits aus dem gemütlichen Auenland den luziferischen Sauron, der im Land Mordor eine vor öder Betriebsamkeit glühende Todesfabrik betreibt. In James Camarons Avatar verjagen die Naturwesen des Planeten Pandora ihre technisch hochgerüsteten Ausbeuter. In Star Wars muss der Imperator der Klon-Krieger und Todessterne sich den mit der natürlichen „Macht“ verbündeten Jedi-Rittern geschlagen geben. In der Matrix-Trilogie geht es um die am Ende erfolgreiche Revolte natürlicher Menschen gegen die infame Bewusstseinsdiktatur der Maschinen. Der endzeitliche Kampf zwischen Natur und Technik scheint ein zentraler Topos des Fantasy-Genres zu sein. Wahrscheinlich ist er konstituierend für die ganze Gattung. Was aber bedeutet das, wenn man sich zudem vor Augen führt, dass es sich bei den genannten Großwerken nicht um hoch subventionierte Kunstgadgets für Bildungseliten handelt, sondern um die wirkungsmächtigsten Märchen unserer Zeit? Es bedeutet, dass so gut wie alle Zeitgenossen eine Ahnung davon haben, was für sie als Menschen derzeit auf dem Spiel steht – ihre Natur nämlich.

Mit Ausnahme vielleicht von ein paar feministischen Philosophen möchte niemand ernsthaft seine animalisch-menschliche Natur verscherbeln. Mit Ausnahme vielleicht von ein paar deutschen Ingenieuren verabscheut alle Welt die denaturierten Landschaften, in denen zu existieren wir gezwungen sind. Andererseits bekennt sich heute nahezu die gesamte Menschheit zum Technizismus als der Ersatzreligion unserer Zeit. Wider besseren Wissens und entgegen allem Instinkt glauben die Menschen fest an die Segnungen ausgerechnet jener Instanz, die sie in Werkzeuge der absoluten Gier verwandelt. Es ist cool, an Technik zu glauben – so cool wie Linton Kwesi Johnsons programmatisches Reality Poem von 1979: „This is the age of science and technology/ But some of us are stopped by antiquity/ This is the age of decision/ So let’s let go of religion.“ Wir opfern die Religion, das Leben, für ein Dasein als coole Zombies. Wie konnte es soweit kommen?

Faschismus als Technokratie

Ein Jahr vorm Ende des Zweiten Weltkriegs warf die englische Wochenzeitung The Observer einen zuversichtlichen und zugleich sorgenvollen Blick in die Zukunft. „Die Hitlers und Himmlers mögen wir loswerden“, hieß es in dem Blatt, „aber die Speers werden noch lange mit uns sein.“ [5] Was Albert Speer selbst anbelangt, hat der Observer bekanntlich schon mal recht behalten: Hitlers Chefarchitekt und Rüstungsminister war „noch lange mit uns“. Der 1946 in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilte Kriegsverbrecher konnte nach seiner Freilassung aus dem Spandauer Gefängnis ausgezeichnet von den Tantiemen seiner autobiografischen Bestseller und von den Erlösen aus dem Verkauf einer privaten Raubkunst-Sammlung leben. Erst 1981 starb er in London – als schwer reicher Mann. Ein Künstler und Karrierist aus bestem Hause, ein Bildungsbürger mit Geschmack und Manieren, ein begnadeter Manager, ein genialer Technokrat, ein Macher und Könner, dem die wache Intelligenz ins Gesicht geschrieben steht: Speer galt lange als Gentleman-Nazi, und tatsächlich ist er der einzige führende Repräsentant des Nationalsozialismus, dem man nicht sofort mit Abscheu begegnet. Anders als seine mehr oder weniger tumben Gesellen aus dem engsten Führungskreis des Regimes, in denen wir nichts anderes mehr erkennen können als böse und antiquierte Clowns, scheinen in seiner Persönlichkeit Wesenzüge auf, die ihn als unseren Zeitgenossen kennzeichnen. Es erfordert sehr viel historisches Einfühlungsvermögen, um Hitler und Himmler heute noch zu verstehen; Speer dagegen versteht man ohne jede Schwierigkeit. „Mit uns“ ist er auch und gerade als Verkäufer seiner selbst und vollkommener Kunstmensch, der sein niederträchtiges Ego ein Leben lang mühelos unter jener bürgerlichen Maske zu verbergen wusste, die ihm offenbar alles bedeutete. Kann so jemand etwas Wahres sagen? Warum nicht – wenn es ihm nützt?

Speer hatte sich in Nürnberg zur Verantwortung der ihm zur Last gelegten Verbrechen bekannt. Diese kluge und am Ende erfolgreiche Verteidigungsstrategie krönte er mit einem Schlusswort, das er im August 1946 vor Gericht sprach. Statt ein weiteres Mal auf seine Beteiligung an den Nazi-Verbrechen einzugehen, hielt er, wie Joachim Fest in seiner Speer-Biografie ausführt, „eine Art Kolleg über die verheerenden Folgen der Technik, die den Zustand von Welt und Mensch radikal verändert habe“ [6]. Speer redete nicht nur von Raketen, Atombomben und chemischen Waffen, sondern auch „von den neuartigen Instrumentarien zur psychologischen Versklavung ganzer Bevölkerungen“, von den modernen „polizeilichen Überwachungsmethoden“ und von den „Möglichkeiten der Geheimhaltung verbrecherischer Vorgänge“. Als „der wichtigste Vertreter einer Technokratie, die soeben bedenkenlos und ohne Hemmungen alle ihre Mittel gegen die Menschheit eingesetzt hatte“, wolle er „begreifen, was geschehen war“. Frühere Diktaturen, erklärte er, hätten auf allen Ebenen selbstständig denkende und handelnde Gefolgsleute benötigt. Eine mechanisierte Epoche dagegen fordere und erziehe nur noch den „Typus des kritiklosen Befehlsempfängers“. Er schloss mit den Worten: „Der Alptraum vieler Menschen, dass einmal Völker durch die Technik beherrscht werden könnten – er war im autoritären System Hitlers nahezu verwirklicht. In der Gefahr, von der Technik terrorisiert zu werden, steht heute jeder Staat der Welt, in einer modernen Diktatur scheint mir dies aber unvermeidlich zu sein. Je technischer die Welt wird, umso notwendiger ist als Gegengewicht die Forderung der individuellen Freiheit.“

Zweifellos war Speers Schlusswort eher ein Plädoyer in eigener Sache als ein „Kolleg“. Er beschwor eine Macht, der selbst Täter wie er zum Opfer fallen mussten. Er redete die Technik groß, um seine Schuld klein zu machen. Dennoch müssen uns seine Ausführungen zu denken geben. War die Nazi-Diktatur vor allem eine moderne Technokratie? Gegen solch eine Einschätzung sprechen die atavistischen Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis. Doch andere Aspekte sprechen dafür: die avancierten Techniken der Propaganda und Menschenführung, der Materialbeschaffung und Logistik, der Volksfürsorge und „Volkshygiene“ – am Ende natürlich auch die Technik, die in die Schlucht von Babi Jar, in den Kessel von Stalingrad und auf die Rampe von Auschwitz führt. Die Historiker Götz Aly und Susanne Heim haben die nationalsozialistischen Herrschaftspläne für Osteuropa und die Vernichtung der europäischen Juden als das Resultat einer Expertokratie beschrieben. Auschwitz sei „in hohem Maß die Folge einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft“ gewesen [7]Auschwitz steht somit nicht nur für das vollständige moralische Versagen eines ideologisch verblendeten Volkes, sondern auch für sein unheimliches technisches Vermögen. Der Name ist ein Zeichen historischer Schmach, aber er ist auch ein Menetekel. Wir neigen heute dazu, den deutschen Faschismus als eine von „antimodernen Ressentiments“ angeheizte Veranstaltung halb debiler Kleinbürger abzutun. Dabei ist er in vielerlei Hinsicht kein abgelebter Gegensatz, sondern eine virulente Spielart der Moderne. Weil er die zur Verfügung stehenden Mittel besonders effizient einzusetzen weiß, wird er „noch lange mit uns sein“.

Chicago Boys und Cybersyn

Solange der Technizismus die Menschheit nicht vollkommen beherrscht, solange es noch humanes Leben jenseits des biotechnischen Funktionierens gibt, muss die Technokratie zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft Zwecke vorweisen. Sie muss den Beherrschten glaubhaft machen, dass es ihr um etwas geht. Sie muss für etwas da sein. Aus sich selbst heraus kann sie jedoch keine Ziele, Utopien oder Gesellschaftsentwürfe formulieren, die über die Propaganda der Funktionalität hinausgehen. Weil sie nichts vertritt als nackte Effizienz, braucht sie, um verführerisch zu erscheinen, die ideologische Verkleidung. Nun waren die Ideologen im frühen zwanzigsten Jahrhundert um Große Zwecke nicht verlegen. Es ging um die Herstellung des Übermenschen, des Neuen Menschen, des Sowjetmenschen, des rassisch reinen Menschen, um Weltrevolution, um Diktatur des Proletariats, um Kommunismus als „Sowjetmacht und Elektrifizierung des Landes“ (Lenin), um „Vernichtung des jüdischen Bolschewismus“ (Hitler), um Ausrottung der Kulaken und Liquidierung des Bauerntums, um Beseitigung „nicht lebenswerten Lebens“, um Auslöschung der Juden, Zigeuner und Homosexuellen, um Ausmerzung alles Unbrauchbaren, um Funktionalisierung im Namen der Schönheit, der Wahrheit und des Glücks. Das Große Mittel, das die Ideologen für einige Zeit zum Verstummen brachte, war die Atombombe.  

Politische Utopien wurden mit dem Abwurf der Bombe in Hiroshima obsolet. Der Weltgeist des Kalten Krieges war Ökonom und als solcher immun gegen philosophische Spruchweisheiten – dafür aber aufgeschlossen gegenüber Experimenten. Am 6. August 1945 war ja noch längst nicht ausgemacht, welches System die Probleme der Produktion und Verteilung lebensnotwendiger Güter besser lösen würde – die Plan- oder die Marktwirtschaft. Die Frage ließ sich nur experimentell klären, und genau dies geschah in den Jahren bis 1973.

Bis dahin war der Ausgang des Versuchs durchaus offen. Die Sowjetunion hatte in den 50er und 60er Jahren ihre Leistungsfähigkeit mehrfach unter Beweis gestellt. Trotz unvorstellbarer Verluste durch Krieg und Terror war sie schnell zur Atommacht aufgestiegen. Sie hatte die Ära der Raumfahrt mit dem „Sputnik-Schock“ eröffnet. Mit großem Erfolg förderte sie revolutionäre Bewegungen in aller Welt. Weil sie sich auf Lehren stützte, die den Geist der Revolte mit strengster Wissenschaftlichkeit zu verknüpfen schienen, wusste sie junge Intellektuelle auch dann noch für sich einzunehmen, als ihr repressiver Charakter längst offen zu Tage lag. Verloren ging das Spiel deshalb nicht schon 1956 in Budapest oder 1968 in Prag, sondern erst 1973 in Santiago de Chile.

Am 11. September 1973 kam es zu jenem gewaltsamen Putsch, in welchem General Augusto Pinochet den chilenischen Präsidenten Salvador Allende entmachtete und eine Militärdiktatur errichtete, die sich bis 1990 halten konnte. Im Fokus der Öffentlichkeit stand damals die Brutalität, mit der Allendes Versuch, einen humanen und demokratischen Sozialismus zu schaffen, beendet worden war. Die prekäre wirtschaftliche Lage, in die der Sozialist sein Land manövriert hatte, geriet darüber aus dem Blickfeld. Doch „Allende hatte sein Land vollkommen heruntergewirtschaftet“, schreibt Rainer Hank in der FAZ vom 16. 9. 2013 [8]. „Das im August 1973 von der Volksfront hinterlassene Erbe glich einer Konkursmasse. Die Inflation hatte 1973 das galoppierende Rekordtempo von 1000 Prozent erreicht, die Läden waren leer, der Staat und seine Betriebe waren pleite. Allende war zwar demokratisch an die Macht gekommen; die brutale Verstaatlichungswelle nach 1970 hatte indessen auf die Freiheits- und Eigentumsrechte der Menschen keine Rücksicht genommen. Chile war 1973 bettelarm. Der gute Zweck sollte alle Mittel heiligen.“ Die Wirtschaft erholte sich erst, nachdem Pinochet Ökonomen der Universität Chicago um Hilfe gebeten hatte. Der Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman und seine „Chicago Boys“ verordneten dem Land einen marktwirtschaftlichen Reformkurs, der radikale Privatisierung, Förderung des Unternehmertums, Abbau der Zölle und Öffnung der Märkte einschloss. Friedman rechtfertigte seine Rolle als Berater Pinochets später folgendermaßen: „Trotz meiner tiefen Ablehnung des autoritären politischen Systems in Chile betrachte ich es nicht als böse für einen Ökonomen, der chilenischen Regierung technischen wirtschaftlichen Rat zu geben.“

Die Wende in Chile markierte den Beginn des weltweiten Siegeszuges des marktradikalen Kapitalismus, der die sozialistischen Planwirtschaften am Ende in die Knie zwang. Doch die Geschichte hat eine Pointe. Denn noch etwas nahm damals in Chile seinen Anfang: Mit dem Steuerungsinstrument Cybersyn („Cybernetic Synergy“, auch „sozialistisches Internet“ genannt) hatte die Regierung Allende den ehrgeizigen und in Ansätzen auch erfolgreichen Versuch unternommen, die chilenische Zentralverwaltungswirtschaft in Echtzeit durch Computer zu kontrollieren und effizienter zu gestalten. Die Zukunft gehörte nicht nur dem Marktradikalismus – sie gehörte auch dem informationstechnischen Totalitarismus.

Hedonismus als die letzte Ideologie

Neben Günther Anders war Pier Paolo Pasolini einer der wenigen, die spürten, was vor sich ging. Kein faschistischer Zentralismus habe geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft habe, schrieb er 1973 im Corriere della Sera [9]Der (italienische) Faschismus habe zwar ein reaktionäres und monumentales Kulturmodell propagiert, aber dies sei größtenteils „auf dem Papier“ geblieben. Bauern, Subproletarier und Arbeiter hätten sich weiterhin „unbeirrbar an ihren überlieferten Modellen“ orientiert. Heute dagegen sei „der vom Zentrum geforderte Konsens zu den herrschenden Modellen bedingungslos und total.“ Der neue Totalitarismus sei ermöglicht worden durch zwei Revolutionen „im Inneren der bürgerlichen Ordnung“: durch die Revolution der Infrastruktur und die Revolution des Informationswesens. „Mit Hilfe des Fernsehens hat das Zentrum das ganze Land, das historisch außerordentlich vielfältig und reich an originären Kulturen war, seinem Bilde angeglichen. Ein Prozess der Nivellierung hat begonnen, der alles Authentische und Besondere vernichtet.“ Die „neue Industrialisierung“ gebe sich nicht mehr damit zufrieden, dass der Mensch konsumiert, sondern trete mit dem Anspruch auf, es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben. Diese Ideologie sei „ein neuer laizistischer Hedonismus, der ahnungslos sämtliche humanistischen Werte vergessen hat und blind ist für jede humane Wissenschaft.“

Ich selbst war 1972 ein dummer Junge. Entsetzlich dumm, doch immerhin empfindlich nicht nur für Strömungen, sondern auch für Unterströmungen. Popmusik bedeutete mir unendlich viel, aber das Licht, der Duft und der Frieden im Wald bedeuteten mir fast noch mehr. Ich liebte die Sonntage und hasste die Schlachttage. Nicht weil mir unsere Schweine so sehr am Herzen gelegen hätten. Es war das Blut, es war der Gestank der Eingeweide, es war der Anblick der glatt rasierten, toten Körper. Manchmal hatte ich trotzdem beim Schlachten helfen müssen. Aber nur ein bisschen. Denn die Familie schonte mich. Als kleiner Junge war ich dünn gewesen, ein schlechter Esser. Auf die schönen Blutwürste, Knackwürste und Mettwürste, die in unserem Keller hingen, hatte ich keine Lust gehabt. Um mir Lust zu machen, hatten die Eltern mich zur Kur nach Langeoog geschickt. Ich weiß nicht mehr, ob Langeoog etwas gebracht hat. Ich weiß nur, dass der dumme Junge von 1972 ein guter Esser gewesen ist (war ich mir untreu geworden?). Er liebte Wurstbrote. Doch er bedauerte es, glaube ich, sogar damals schon ein bisschen, dass es sich bei der Wurst, die er seit gut einem Jahr aufs Brot schmierte, nurmehr um gekaufte Wurst handelte. Die Schweine, die man bald nach dem Tod des Großvaters abgeschafft hatte, vermisste er nicht. Aber er vermisste den Geruch der Mettwürste im Vorratskeller. Und er vermisste das Gefühl der Reichtums und der Sicherheit, das sich einstellt, wenn man die Tür zum Vorratskeller öffnet und lauter Stangen erblickt, die sich vom Gewicht der daran hängenden Blutwürste, Knackwürste und Mettwürste biegen. Er vermisste das alles ein bisschen, aber er maß dem Verlust keine besondere Bedeutung zu, weil er andere Dinge noch viel mehr vermisste. Das Küssen zum Beispiel. Er wollte endlich B. küssen und deshalb entschloss er sich, zu seinem achtzehnten Geburtstag eine große Party zu geben. Nur wo? Die legendären Parties seines Bruders hatten in der Waschküche und im Kellerflur stattgefunden. Sein Bruder und dessen Freunde hatten die Räume mit Luftballons, Elvis-Presley-Postern und Fischernetzen geschmückt, außerdem hatten sie rote Glühbirnen in die Kellerlampen geschraubt und überall Kerzen aufgestellt. Sie hatten die Waschküche und den Kellerflur in eine Art Hafenbar verwandelt. Das war schön und inspirierend gewesen. Doch der dumme Junge hatte es sich in den Kopf gesetzt, etwas Neues auszuprobieren und wählte den leer stehenden Schweinestall als Veranstaltungsort. Auch dieser Raum wurde geschmückt. Luftballons, Fischernetze und rote Glühbirnen kamen auch hier zum Einsatz. Wer von seinen Freunden die Farbe mitgebracht hatte? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls besprühten sie die Wände kreuz und quer mit blauen und rosaroten Linien. Es sah scheiße aus. Und er hat von Anfang an gewusst, dass es unrecht war. Es war eine Verhöhnung des toten Großvaters, eine Verhöhnung des alten Modells. Er hatte sich mit der Entweihung des Stalls zum hedonistischen Arschloch gemacht – und er wusste es. Die Erinnerung schmerzt noch heute. Sie ist lebendiger als die an den ersten richtigen Kuss.

Es wäre vollkommen idiotisch, gegen Lust, Freude und Genuss zu argumentieren. Darum geht es auch nicht. Hedonismus ist ja kein Gefühl, sondern eine Ideologie. Und da Ideologien stets mit dem Trick operieren, eine ganze Welt von Phänomenen aus einem einzigen Prinzip heraus zu erklären, sind sie nun mal zugleich äußerst attraktiv und grundfalsch. In Wirklichkeit ist Lust nicht gleich Lust, und Leid ist nicht gleich Leid, denn das Drama der Gefühle spielt sich vor einem komplexen, lebendigen Hintergrund ab, der ihnen Charakter und Tönung verleiht. Man muss aus dem Schmerz keine Religion machen, muss Wehmut, Sehnsucht und Trauer nicht zu Symptomen wahrer Tiefe verklären, muss Furcht und Schrecken nicht zu reinigenden Wundermitteln stilisieren, aber kann wirklich irgend jemand ernsthaft daran glauben, dass ein gutes, reiches Leben möglich wäre ohne die genannten, aus Leid und Lust seltsam gemischten Gefühle? Das Helle und eindeutig Positive der Lust verführt zu dem Glauben, sie sei das Licht, dem wir wie Pflanzen unweigerlich entgegenwüchsen, aber dieses Licht ist in Wahrheit doch wohl die Lust und Leid umfassende Liebe [10]. Lust entbindet die Egos, Liebe hält sie zusammen. Ohne Liebe wäre Treue nichts anderes als Pflicht und Pflicht nichts anderes als tote Mechanik. Ohne Liebe wären Familie, Gemeinschaft und Heimat bedeutungslose Konstruktionen. Ohne Liebe wäre das Leben nichts anderes als biotechnisches Funktionieren.

Dritter Teil

Die elektronische Tanzmusik der 1990er Jahre heißt nicht von ungefähr Techno. Das Etikett zeigt an, dass Technologie bei der Erzeugung der Musik eine wesentliche Rolle spielt; außerdem ist der Name Ausdruck einer klangästhetischen Präferenz: Techno klingt technoid. Aber noch aus einem weiteren Grund ist die Bezeichnung treffend. Techno ist technisch auch in dem Sinne, dass die Musik über eine klar umrissene Funktion hinaus nichts vermittelt. Sie ist wirkungsvoll, aber bedeutungslos. Sie stimmt den Hörer auf nichts ein, sie hebelt ihn aus.

Natürlich verfolgt alle Tanzmusik tendenziell einen ähnlichen Zweck. Sie entrückt die Hörer, dazu ist sie da. Es geht um Bewegungstrance, ums Außer-sich-Sein. Die musikalischen Mittel, die sich dazu eignen, Tänzer in solch einen Zustand zu versetzen, sind seit Alters her die gleichen. Von der irischen Jig bis zum karibischen Calypso, von der mittelalterlichen Tarantella bis zum modernen Hip-Hop bezieht Tanzmusik ihre treibende Intensität aus der variierenden Repetition rhythmisch prägnanter Motive. Mit solchen „Loops“ arbeitet auch der Techno. Was seine repetetiven Schleifen von denjenigen traditioneller Tanzmusik unterscheidet, ist zum einen die Simplizität ihrer Strukturen und zum anderen die maschinenartige Präzision ihrer Realisierung. Techno ist extrem durchsichtig und extrem unpersönlich. Die enge Verwandtschaft der Musik zur Mathematik, üblicherweise durch individuelle Musizier- und Intonationsweisen sowie zahllose andere Faktoren überspielt, wird im Techno bewusst zelebriert. Während traditionelle Musik Klangbilder erzeugt, in denen sich wie in Gemälden Persönlichkeit, Kultur und Welt ihrer Macher spiegeln, lässt sich im Fall von Techno allenfalls von Sonogrammen sprechen, von Funktionsgraphen, die zwar noch Stil erkennen, aber keinen Puls und keinen Atem mehr spürbar werden lassen. Techno hat keine Physiognomie und keinen Charakter. Er hat lediglich eine Funktion – die er freilich so unumwunden und zuverlässig erfüllt wie eine Guillotine die ihre: Techno befreit bürgerliche Hedonisten von ihrer als lästig empfundenen Verkopftheit. Das ist okay. Im Tanzen triumphiert die primitive Wirklichkeit des Leibes über die hinfälligen Konstruktionen des Intellekts, und weil sich das gut anfühlt, gilt die Liebe zum Tanz naturgemäß auch der Musik, die ihn befeuert.

Doch wie jede Musik erklingt auch Techno gelegentlich außerhalb des Kontextes, für den er gemacht ist, und als Hörmusik entfaltet er eine problematische Wirkung. Verantwortlich dafür ist eben seine Weltlosigkeit, das Fehlen jener Signifikanz, die beim Hören traditioneller Musik das Gemüt anspricht und beschäftigt. Techno erzeugt Energie, nichts sonst. Und wenn diese Energie nicht in Hitze und Bewegung umgesetzt werden kann, steigt sie dem Hörer zu Kopfe. Die Musik pumpt ihn zu nervöser, nichtiger Größe auf. Sie induziert Erregung, aber sie vermittelt kein Erlebnis. Während traditionelle Musik Erfüllung sein kann, drängt Techno zur Entladung. Und diese Entladung ist Leistung – letztlich in einem ganz und gar bourgeoisen Sinne.

Dass aus dem Techno ein Kult gemacht wurde, ist nicht verwunderlich. Seine Protagonisten folgten damit dem Schema vorangegangener Jugendbewegungen, die ebenfalls im Namen radikaler Selbstentäußerung gegen das Vätermodell der rationalen Selbstbeherrschung revoltiert hatten. Verwunderlich, nein, verstörend war die Perspektive der neuen Bewegung, denn mit ihrer weltlosen, in präziser Funktionalität sich erschöpfenden Kunst propagierte sie nichts anderes als den Bruch mit der humanistischen Tradition. Implizit machten sich die Raver stark für ein rein technizistisch gedachtes Menschentum. Mit Techno wurde „Love“ zum Signum eines neuen, erstmals auch jugendbewegten Kultes um Effizienz und Hochleistung.

Biotechnik und Pornoökonomie

Da das Subjekt auf die durch den technischen Fortschritt immer wieder aufs Neue herbeigeführte Weltfremdheit nicht anders reagieren kann als mit der Erzeugung subjektivistischer Blasen, sieht sich jede Generation seit Beginn der Moderne vor das Problem der seelischen Entsorgung gestellt. Die immer aktuelle, niemals in befriedigender Weise zu beantwortende Frage lautet: Wohin mit dem leidigen Ich? Die Romantik hatte es zum „Weltall in uns“ (Novalis) erklärt und dessen Erkundung zum Menschheitsprogramm erhoben. Die Moderne hatte es in pure Rationalität auflösen wollen („Das Ich ist unrettbar“, Ernst Mach). Heute begreift man es als System biotechnisch optimierbarer Funktionen. Man opfert das melancholische Ich für ein hedonistisches Ego.

Ein Beispiel für angewandte Biotechnik liefert die Pornoindustrie mit ihren monströsen Katalogen der Lüste.

Der alle Spielarten menschlicher Begierden berücksichtigende Angebotskomplex, wie er sich auf modernen Streaming-Plattformen darbietet, wendet sich zwar nicht an den Intellekt, reizt aber gerade deshalb zum Nachdenken über die zeitgenössische Conditio Humana. Was ist das System „Porno“ eigentlich in unseren Augen? Wegen seiner ausbeuterischen und menschenverachtenden Aspekte sehen wir es nach wie vor als schäbiges Geschäft an, denke ich. Zugleich betrachten wir es mehr und mehr als normales Dienstleistungsgewerbe, als lukratives Businessmodell, als bedeutenden Wirtschaftszweig, als integrativen Teil der Internetkultur, als ästhetisches Phänomen mit inspirierender Wirkung auf Kunst, Mode und Design. Ich begreife es darüber hinaus als Instrument zur biotechnischen Optimierung von Konsumenten.

Den Zugriff aufs Leben verschafft sich Porno zunächst einmal mit den gleichen Marketingtechniken, die auch andere Industrien zur Steigerung ihrer Marktmacht anwenden. Der Chocolatier des Pralinenherstellers nutzt die allgemeine Lust auf Süßes zur Schaffung einer fein differenzierten Angebotspalette, die spezielle Gelüste im Kunden erst weckt und dann befriedigt. Der Pornoproduzent verfährt ganz ähnlich, indem er dem diffus verschlungenen sexuellen Begehren mit einem Spartenprogramm beizukommen versucht, das die als manifest geltenden Neigungen, die es bedient, in Wirklichkeit erst entbirgt. Die Lust am heimlichen Schauen oder am vergötzen Objekt müssen dem Kunden zwar nicht angedichtet werden, beherrschen ihn aber auch nicht in dem Maße, wie es begriffliche Zuschreibungen wie „Voyeur“ oder „Fetischist“ suggerieren.

Sexualität spielt in beinahe alles hinein, zugleich wird ihr durch beinahe alles mitgespielt. Daher sind sexuelle Neigungen variable Größen, die in ein und demselben Individuum extremen Schwankungen unterliegen. Ihr tatsächlicher Wert wird mitbestimmt von Dispositionen, Erfahrungen, Situationen, Atmosphären und vielen weiteren Einflüssen, die mit Sexualität nicht das geringste zu tun haben müssen. Allenfalls der Stil, in dem sich alle diese Elemente zu einer organischen Einheit fügen, ist eine feste Größe. Der Charakter formt das Bild. Einer macht aus einer wilden Bettszene ein beschauliches Memento Mori, ein anderer aus einer heiteren Landschaft ein obszönes Porträt.

Der Charakter spiegelt das Formgesetz des Ganzen Menschen, er ist die Oberfläche seiner Tiefe. Auf diesem uralten humanistischen Grundsatz fußt der Gedanke der Bildung, demzufolge der naturwüchsige Charakter durch pädagogische Kunst zwar nicht verändert, aber kultiviert werden kann und soll. Diesen humanistischen Gedanken machte sich das moderne Bürgertum bekanntlich zu eigen, indem es die Bildung zu seiner vornehmsten Aufgabe erkor. Doch handelte die bürgerliche Gesellschaft – wie ebenso jedes Kind weiß – diesem Ansinnen von Anfang an zuwider, weil sie zur Realisierung ihrer ökonomischen Zwecke nicht den umfassend gebildeten, sondern den einseitig ausgebildeten Menschen brauchte. Der moderne Mensch musste sich zum Manager, Arbeiter oder Ingenieur vereinseitigen, um den gesellschaftlichen Reichtum zu erwirtschaften, mit dem er nie etwas anderes anzufangen wusste, als ihn zu vermehren. Das Midas-Werk des „Fortschritts“ verlangt heute die Spaltung des Individuums in einen technizistischen Produzenten und einen hedonistischen Konsumenten. Damit dieser das Zeug, das von jenem produziert wird, überhaupt wollen kann, ist er angehalten, alle Bindungen an seinen naturwüchsigen Charakter zu lösen, und sich rückhaltlos der Begierde zu überantworten. Im Katalog der Lüste findet er dann zwar keine Befriedigung, aber er entdeckt die Kräfte, die was auch immer in ihm entbergen: den HiFi-Fetischisten, den Gesundheitsfetischisten oder den Strumpfhosenfetischisten – jedenfalls den von der Gier nach Mehr vom Gleichen getriebenen und mithin optimierten Zombie-Konsumenten.

Entbindung ist Befreiung, sagen die Produzenten heute. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, mit sich selbst zurechtzukommen. Jeder kann Möglichkeiten ergreifen, die er nicht hat. Dinge ausprobieren, die er nicht erfasst. Wege gehen, die er nicht findet. Freunde treffen, die er nicht kennt. Glück genießen, das ihm nicht widerfährt. Abenteuer erleben, in die er sich nicht stürzt. Wer nicht sein will, der er ist, braucht nur die Tür zu öffnen und in den Raum der Wünsche einzutreten, der alles Andere entbirgt. Das Unmögliche geschieht nicht gegen die Natur, sondern in ihr und mit ihr. Es hat mit technischer Intelligenz zu tun. Mit archimedischen Punkten. Mit Hebeln. Mit Elementarkräften, Logik und Quantenmechanik – nicht jedoch mit dem Himmel, den Landschaften und dem Charakter. Das sind überkommene Anschauungen, sentimentale Anwandlungen. Der Mensch und sein Traum von verfeinerter Natur sind von gestern. Dies ist die Zeit der vernutzen Natur. This is the age of science and technology.

Nächstens mehr. 

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[1] Michael Hampe: Baruch de Spinoza – Rationale Selbstbefreiung, in: Klassiker der Philosophie heute, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2004. Hampe bezieht sich auf Aristoteles, der in der Nikomachischen Ethik (VI, 4,1140a) schreibt: „Jeder Hervorbringende bringt sein Erzeugnis für einen bestimmten Zweck hervor, und was er hervorbringt, ist nicht schlechthin Zweck, sondern nur mit Bezug auf ein anderes und für ein anderes. Wohl aber ist die Handlung und ihr Inhalt schlechthin Zweck.“ Das Brot des Bäckers ist nicht für sich selbst da, sondern für etwas anderes, nämlich fürs Essen. Anders gesagt: Die Zweckbestimmung des Brotes ist das Essen. Doch der Zweck des Brotbackens ist das Brotbacken. Ein Bäcker mit praktischer Lebenseinstellung wird das Backen als befriedigende Tätigkeit erleben; ein Bäcker mit technischer Lebenseinstellung dagegen wird das Backen als Last empfinden und bestrebt sein, sich die Arbeit mittels geeigneter Methoden zu erleichtern. Jener arbeitet mit Lust, dieser arbeitet für die Lust. Die stets auf die Mittel fixierte Technik kennt als letzten Zweck nichts anderes als eine vom praktischen Geschehen völlig losgelöste, abstrakte Lust.

[2] Für das schiefe, paradoxale Verhältnis der Technik zur Praxis haben bereits die Griechen ein Gespür gehabt. Hephaistos, ihr Gott der Technik, ist ein missgestalteter, lahmer Mann. Zwar gelingt es ihm, seine Frau Aphrodite und deren Lover Ares in einem fein gesponnen Netz zu fangen, aber alle technische Raffinesse rettet die Ehe nicht. Vielmehr muss Hephaistos auch noch das „homerische Gelächter“ der Götter über sich ergehen lassen.  

[3] Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Zweiter Band, Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der Dritten Industriellen Revolution, Vorwort, München, 1980

[4] Die Dekadenzform des Gemütlichen Ichs lebt in jenen literaturbeseelten Bildungsbürgern, die weder an der Welt noch an sich selbst leiden, weil sie die innere Leere mit Bücherwänden verstellt und das cartesianische Cogito durch ein vergnügtes „Ich lese, also bin ich“ ersetzt haben.

[5] Zitiert nach Werner Durth: Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900–1970. Braunschweig 1988, S. 202.

[6] Joachim Fest: Speer – Eine Biographie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2001, S. 413 f.

[7] Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 2013

[8] Rainer Hank vertritt in seinem sehr lesenswerten Artikel „Deshalb sind Liberale nicht mehr links“ eine neoliberale Position. Ob Chiles Wirtschaft im Sommer 1973 wirklich so hoffnungslos zerrüttet war, wie der Autor behauptet, sei dahingestellt. Aber auf eine kritische Bewertung historischer Vorgänge kommt es mir hier nicht an. Es geht um den Hinweis auf die Zäsur in der Wirtschaftsgeschichte: Beide Systeme haben sich damals radikalisiert, und sowohl der Marktradikalismus als auch der Informationsradikalismus beschäftigt uns noch heute.

[9] Pier Paolo Pasolini: Freibeuterschriften, Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 3. Auflage 2011, S. 40     

[10] Liebe ist kein Erklärungsprinzip, sondern ein Mysterium. Den mysteriösen Charakter der Liebe hat Platon zu erfassen versucht, indem er das Gute auszeichnete als eine noch über dem Kosmos der Ideen stehende, ihn erst erhellende und belebende „überseiende“ Idee. Die wahre Religion sagt schlicht: Gott ist Liebe – und nichts sonst.