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Heisenberg, Goethe und der Teufel

„Der Teufel ist ein mächtiger Herr“, sagt der Physiker Werner Heisenberg im Mai 1967 in Weimar. Auf der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft spricht er über „Das Naturbild Goethes und die technisch-wissen­schaftliche Welt“. Eine Woche später steht das St.Pepper-Album der Beatles in den Plattenläden. Benno Ohnesorg lebt nur noch ein paar Tage, Che Guevara nur noch ein paar Monate. Der Summer of Love steht bevor. Etwas geht zu Ende in diesem Frühling, etwas Neues fängt an.

In seiner Rede bringt Heisenberg das Verlöschende, den diskreten Charme der Bourgeoisie, noch einmal zum Leuchten. Was da aufscheint an Takt, an pädagogischem Ernst, an Humanität, das geht vom Redner selbst aus und ist zugleich Reflex einer längst untergegangenen Sonne: Der Nobelpreisträger spricht nicht nur als Vertreter der modernen Naturwissenschaft, sondern auch als Angehöriger der vielleicht letzten Generation, die noch im Banne Goethes aufwuchs. Anders als jener durchökonomisierte Matheprof von heute, der den Dichter unlängst im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung als erkenntnistheoretischen Trottel hinstellte, sieht der Physikrevolutionär Heisenberg die erkenntnistheoretische Position Goethes als bedenkenswert aktuell an. Als jemand, der sich der elementaren Unbestimmtheit der Dinge bewusst ist (weil er sie selbst bewiesen hat), hält er die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen offen. Er gibt nicht den Bescheidwisser, sondern spricht als Suchender.

Das Gelehrte Nichtwissen, das er in seiner Rede so gekonnt zelebriert, entzückt das Weimarer Auditorium von Ordinarien und Oberstudienräten – die Jungen jedoch, die einstweilen noch auf der Straße stehen, werden für genau diese Art von demütiger Gelehrsamkeit kein Verständnis mehr aufbringen. Sie werden sich einen Teufel um Naturbilder scheren. „Hell, Yes. PRAXIS, Andreas, du sagst’s“, wird Gudrun Ensslin ein paar Jahre später ausrufen. Und noch ein paar Jahre später wird Steve Jobs die techies dieser Welt mit der Maxime „Stay hungry, stay foolish“ zum unbedingten Weitermachen anstacheln. Man wird die alten Knacker das Fürchten lehren. Und nicht merken, dass man mit dem Bade ein Kind ausgeschüttet hat.

Zwischen Leib und Logos

Ich denke an die fröhlichen Modernisierungsoldaten in den Metropolen des Westens. Warum machen sie eigentlich immer weiter? Warum ziehen sie immer noch und immer wieder mit Hurra in die blöden Optimierungsschlachten der Globalisierung? Der Gerechtigkeit wegen, sagen die Moralisten. Pragmatiker engagieren sich im Namen des Nutzens, Unternehmer bewegt das Abenteuer, Forscher die Neugier, Politiker der Machtbetrieb, Spieler die Gewinnaussicht, Künstler und Philosophen das Gesicht hinter dem Schleier. Das Bürgertum insgesamt strebt nach unbedingter Freiheit, Gleichheit und Sicherheit.

Zweifellos besitzen die  Leitideen, auf die sich die Modernen berufen, eine gewisse Überzeugungskraft, aber reicht sie aus, um ihre Verfechter tatsächlich unter den Fahnen zu halten – im Krieg gegen alle naturwüchsigen Bindungen, letztlich gegen sich selbst? Weiterlesen

Ein übergriffiger Vergleich

Eine Antwort auf den Artikel »Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit« des Sozialpsychologen Harald Welzer, erschienen in der ZEIT vom 30. Mai:

Zunächst eine wichtige Mitteilung: Ich betrachte Harald Welzer als einen Bruder im Geiste. Mit seiner Kritik des Digitalismus (»Die smarte Diktatur«, 2016) hat er mir aus der Seele gesprochen. Seine Fragen an die Geschichte des Nationalsozialismus (»Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden«, 2005) sind immer auch die meinen gewesen. Sein zivilgesellschaftliches Engagement für die »offene Gesellschaft« schließlich nötigt mir so viel Respekt ab, dass ich ihm nur höchst ungern widerspreche. Aber es muss sein. Mit seinem in der ZEIT vom 30. Mai erschienenen Aufsatz »Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit« hat Welzer seinem eigenen aufklärerischen Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Zwar fordert er zu Recht, Menschenfeindlichkeit da zu bekämpfen, wo sie sich konkret zeigt. Indem er jedoch praktisch jede Form restriktiver Migrationspolitik als menschenfeindlich brandmarkt, schießt er weit übers Ziel hinaus. Implizit tut er das, was er den Einwanderungsskeptikern vorwirft: Er macht Menschen verächtlich. Weiterlesen

Me, Myself an Eye

„Vierundzwandzig Philosophen waren einmal versammelt. Dabei blieb ihnen nur eine Frage offen: Was ist Gott?“ So unumwunden auf die zentrale Frage zielend, wie das mittelalterliche Buch der vierundzwanzig Philosophen beginnt, so schnörkellos sind auch die Antworten, die es gibt. Die erste lautet: „Gott ist die Monade, die eine Monade erzeugt und sie in einem einzigen Gluthauch auf sich zurückbeugt.“ Das heißt, auf das Erzeugnis bezogen: Die Welt tritt aus der Ureinheit hervor und bewegt sich in glühender Liebe in ihren Ursprung zurück. Und ist es nicht so? Zumindest das dreigliedrige Schema von Ursprung, Ausgang und Heimkehr, mit dem der erste Philosoph das Ein und Alles erklärt, ist jedem von uns innig vertraut. Die Trias leuchtet unmittelbar ein. Alle Lebenserfahrung scheint ihre Wahrheit zu bestätigen: Wir kommen aus einem Ganzen und kehren (nachdem wir hoffentlich ein schickes Haus gebaut, einen hübschen Baum gepflanzt und nette Kinder in die Welt gesetzt haben) ins Ganze zurück. Freilich, wer an seinem eigenen Kram und Konterfei so sehr hängt, dass er sich Leben ohne Selbstbeteiligung gar nicht denken kann, wird das Ganze vielleicht eher „Nichts“ nennen. Romantiker und Physiker sprechen vielleicht lieber von „Natur“. Aber Begriffe besagen nichts gegen das Schema als solches. Der Bogen, der „kehret, woher er kommt“ (Hölderlin), beugt Gnostiker und Agnostiker, Realisten und Konstruktivisten gleichermaßen. Und nicht nur Individuen machen die Biege, sondern auch Familien, Gesellschaften und ganze Kulturen, wobei es sich fragt, ob es mit alledem eigentlich abwärts geht oder nicht vielmehr – aufwärts? Weiterlesen

Im Detail

Für den Architekten Ludwig Mies van der Rohe war es nicht der Teufel, der im Detail steckt, sondern Gott. Aber wie dem auch sei, es läuft auf das Gleiche hinaus. Gemeint ist eben, dass es aufs Detail ankommt, wenn es ums Ganze geht. Denn das Ganze besteht in jedem seiner Teile. Als ästhetisches Gebilde besteht ein Haus nicht allein in seiner Kubatur und seiner Materialität, sondern ganz entschieden auch in „Kleinigkeiten“ wie dem Fugenbild seines Mauerwerks oder den Sprossen seiner Fenster. Hässliche Fugen (Teufel) verpfuschen das Gesamtbild, schöne Fugen bekräftigen es (Gott).

Beim Menschen ist es ähnlich. Er besteht nicht allein in seiner Intelligenz, seiner Sprache, seiner Moralität und seiner Würde, sondern auch in seinem Blick, seinen Gesten, seinen Manieren, seinem Gang, seiner Religion und zahllosen anderen charakteristischen Details. Es gibt Menschen, die sich derart hinreißend bewegen, dass man sie ungeachtet ihrer Dummheit oder Gemeinheit lieben muss. Andererseits kann übler Mundgeruch alle figurative Schönheit zunichte machen und ein „böser Blick“ Misstrauen noch gegen die edelsten Absichten wecken.

Essentialisten empfehlen in solchen Fällen dringend, von irreführenden Oberflächenerscheinungen abzusehen und sich an das Wesentliche zu halten: die Dummheit, die Gemeinheit, den Edelmut. Aber ist man immer klug beraten, essentialistischen Empfehlungen zu folgen? Gibt es überhaupt so etwas wie „Dummheit“? Jedenfalls unterschlägt der Begriff notwendig eine Fülle von Details, die, sei es in teuflisch-ruinöser oder göttlich-verbindlicher Weise, das Ganze erst ausmachen. Noch in den dümmsten Äußerungen des Tänzers wird sich seine Bewegungsklugheit bemerkbar machen; die körperliche Grazie wird die geistige Grobheit in einer bestimmten Weise modifizieren, so dass es eine ganz und gar individuelle und irgendwie auch kluge Dummheit wäre, die wir an ihm wahrnehmen könnten, wenn wir, statt dem sprachlich-essentialistischen Urteil zu vertrauen, genauer hinsehen würden.

Vom Himmelreich

Nach Wochen und Monaten vorm Radio, vorm Fernseher, vorm Rechner und vorm Handydisplay sind wir durchdrungen von der Größe und Komplexität der durch die modernen Medien aufgespannten Welt. Dann kommt ein Austag; man radelt ins Grüne, sitzt am Waldrand, starrt in die Landschaft und wird still. Das wogende Naturbild, aus dem immer neue Details sich herauslösen und zu immer neuen Ganzheiten sich vereinen, öffnet einem die Augen für den himmlischen Reichtum der hinter der konstruierten Welt aufscheinenden Wirklichkeit. Diesen himmlischen Reichtum machte Paul Gerhardt (1607–1676) zum Thema eines seiner bekanntesten geistlichen Lieder: Weiterlesen

Links, rechts, geradeaus

Auf die Frage „Was bedeutet Linkssein für dich?“, antwortete der französische Philosoph Gilles Deleuze einmal: „Nicht links zu sein, ist ein bisschen wie eine Postadresse. Von sich ausgehen, von der Straße, in der man wohnt, der Stadt, dem Land, den anderen Ländern, immer weiter weg. Man beginnt bei sich, und insofern man privilegiert ist und in einem reichen Land wohnt, fragt man sich: Wie stelle ich es an, dass diese Situation andauert? (…) Links zu sein ist das Gegenteil. Es bedeutet wie die Japaner wahrzunehmen. Anders als wir nehmen sie zuerst den äußeren Umkreis wahr, sie würden also sagen: zuerst die Erde, dann der Kontinent, dann Frankreich und schließlich die Rue Bizert – ich! (…) Du siehst zuerst den Horizont und weißt, dass das unmöglich andauern kann: der Hunger von Milliarden, die Ungerechtigkeit. Linkssein ist vor allem ein Wahrnehmungsphänomen.“ Nimmt man zur Wahrnehmung das moralische Empfinden hinzu, ergibt sich als Charakteristikum des Linksseins so etwas wie die „Fernstenliebe“, die Nietzsches Zarathustra predigte und die Hans Jonas ins Zentrum seiner „Ethik der technologischen Zivilisation“ rückte. Man wird sagen dürfen: Ohne ein solches dem Fernsten zugewandtes und verpflichtetes Linkssein kann es eine Fortexistenz auf diesem Planeten nicht geben. Allerdings bedarf die linke Fernstenliebe, die notwendig Phantasma, „Gesicht“, Ideenliebe ist, der Ergänzung um die rechte Nächstenliebe, wenn die Fortexistenz humane Züge bewahren soll. Weiterlesen

Denaturierte Natur

Denaturierung bezeichnet eine strukturelle Veränderung von Biomolekülen (…), die in den meisten Fällen mit einem Verlust der biologischen Funktion dieser Moleküle verbunden ist, obgleich deren Primärstruktur unverändert bleibt. (Wikipedia)

Denaturiertes Klima
Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungs-Gegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer. Du und ich sagen dies und das. Einer begreift die Klimafrage vielleicht als sittliche Aufgabe, verkauft sein Auto und setzt sich für eine „klimaneutrale Energiepolitik“ ein. Ein anderer legt sich Scheuklappen und einen SUV zu. Aber selbst die leichtesten Scheuklappen sind fühlbar, und selbst unbedingtes Engagement befreit nicht von allen Lasten: Uns alle bringt das Wissen um die Machbarkeit des Klimas in die unglückselige Lage, das Wetter nicht mehr als etwas schlechthin Gegebenes anzusehen und anzunehmen, sondern zu fragen, was Sonne, Wind und Regen wohl heute in Bezug auf die allgemeine Klimaentwicklung bedeuten mögen. Ein Bereich der Wirklichkeit, der einmal so selbstverständlich war wie mein Muskelspiel, ist zu einem Problem geworden, das jeden einzelnen Menschen verunsichern und zermürben muss, weil kein einzelner Mensch es lösen kann.

Dem Sonnenschein haftet heute etwas Gemachtes an, jede stärkere Windböe erinnert an eine Schuld, jeder Regenguss wirkt wie gestohlen. Gegen die restriktiven Morallehren der Vergangenheit, die den freien Genuss der Natur vor allem im Bereich der Sexualität behinderten, konnte man sich auflehnen. Gegen das neue Wissen jedoch, das die Natur vergällt und ungenießbar macht, scheint kein rationaler Einwand möglich. Dieses Wissen kann kritisch oder affirmativ, sachlich oder ironisch getönt sein, aber es begeistert nie. Es erhellt nichts, beweist nichts, bewegt nichts, weil die fatale Infusionslösung, die unablässig aus dem Tropf der Subtexte in unser Nervensystem rinnt, das graue Gift der Sorge ist. Weiterlesen

Zu viel vom Gleichen

Es wird kurz vor den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewesen sein. Die Tagesthemen bringen eine Reportage über den rust belt, die kriselnde Industrieregion im Nordosten der Vereinigten Staaten. Sie zeigen marode Fabrikgebäude, traurige Straßen, schließlich einen ehemaligen Bergmann. Er steht, die Hände in den Taschen, in der bröckelnden Kulisse und spricht von der verlorenen Zeit. Das sei ein Leben gewesen damals, sagt er und fährt fort: »Ich will wieder arbeiten, dass mir der Schweiß den Rücken runterläuft.«

Ich mag diesen Kumpel aus Ohio oder Michigan, seine lakonische Hymne an den Schweiß rührt mich. Ich fühle mit ihm. Von einer anderen Fernsehfigur, die mir stets im Gefolge dieses Bergmanns in den Sinn kommt, kann ich das nicht behaupten. Auch die Schattenfigur hat einen kurzen Auftritt in einer Fernsehreportage, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen ausgestrahlt wird. Diesmal dreht es sich um Start-ups in Seattle. Technologiefirmen. Digitalwirtschaft. Nerds und ihre kruden Ideen von numerisch kontrollierter Mitmenschlichkeit. Einer sagt sinngemäß: »Arbeitslosigkeit, Prekariat und all das müsste es gar nicht geben. Sollen die Leute doch Programmierer werden. Dann haben sie einen Job, den sie zwanzig Jahre und länger ausüben können.« Kann schon sein. Trotzdem ist mir der Kerl zuwider. Denke ich an ihn, empfinde ich tatsächlich so etwas wie Hass – wenn auch weniger der Person als dem unbedingten Technikwollen gegenüber, das sie verkörpert. Weiterlesen

Über Techno

Leuchte: Ingo Maurer, Foto: Andreas Hoernisch

Die elektronische Tanzmusik der 1990er Jahre heißt nicht von ungefähr Techno. Das Etikett zeigt an, dass Technologie bei der Erzeugung der Musik eine wesentliche Rolle spielt; außerdem ist der Name Ausdruck einer klangästhetischen Präferenz: Techno klingt technoid. Aber noch aus einem weiteren Grund ist die Bezeichnung treffend. Techno ist technisch auch in dem Sinne, dass die Musik über eine klar umrissene Funktion hinaus nichts vermittelt. Sie ist wirkungsvoll, aber bedeutungslos. Sie stimmt den Hörer auf nichts ein, sie hebelt ihn aus.

Natürlich verfolgt alle Tanzmusik tendenziell einen ähnlichen Zweck. Sie entrückt die Hörer, dazu ist sie da. Es geht um Bewegungstrance, ums Außer-sich-Sein. Die musikalischen Mittel, die sich dazu eignen, Tänzer in solch einen Zustand zu versetzen, sind seit Alters her die gleichen. Von der irischen Jig bis zum karibischen Calypso, von der mittelalterlichen Tarantella bis zum modernen Hip-Hop bezieht Tanzmusik ihre treibende Intensität aus der variierenden Repetition rhythmisch prägnanter Motive. Mit solchen „Loops“ arbeitet auch der Techno. Was seine repetetiven Schleifen von denjenigen traditioneller Tanzmusik unterscheidet, ist zum einen die Simplizität ihrer Strukturen und zum anderen die maschinenartige Präzision ihrer Realisierung. Techno ist extrem durchsichtig und extrem unpersönlich. Die enge Verwandtschaft der Musik zur Mathematik, üblicherweise durch individuelle Musizier- und Intonationsweisen sowie zahllose andere Faktoren überspielt, wird im Techno bewusst zelebriert. Während traditionelle Musik Klangbilder erzeugt, in denen sich wie in Gemälden Persönlichkeit, Kultur und Welt ihrer Macher spiegeln, lässt sich im Fall von Techno allenfalls von Sonogrammen sprechen, von Funktionsgraphen, die zwar noch Stil erkennen, aber keinen Puls und keinen Atem mehr spürbar werden lassen. Techno hat keine Physiognomie und keinen Charakter. Er hat lediglich eine Funktion – die er freilich so unumwunden und zuverlässig erfüllt wie eine Guillotine die ihre: Techno befreit bürgerliche Hedonisten von ihrer als lästig empfundenen Verkopftheit. Das ist okay. Im Tanzen triumphiert die primitive Wirklichkeit des Leibes über die hinfälligen Konstruktionen des Intellekts, und weil sich das gut anfühlt, gilt die Liebe zum Tanz naturgemäß auch der Musik, die ihn befeuert.

Doch wie jede Musik erklingt auch Techno gelegentlich außerhalb des Kontextes, für den er gemacht ist, und als Hörmusik entfaltet er eine problematische Wirkung. Verantwortlich dafür ist eben seine Weltlosigkeit, das Fehlen jener Signifikanz, die beim Hören traditioneller Musik das Gemüt anspricht und beschäftigt. Techno erzeugt Energie, nichts sonst. Und wenn diese Energie nicht in Hitze und Bewegung umgesetzt werden kann, steigt sie dem Hörer zu Kopfe. Die Musik pumpt ihn zu nervöser, nichtiger Größe auf. Sie induziert Erregung, aber sie vermittelt kein Erlebnis. Während traditionelle Musik Erfüllung sein kann, drängt Techno zur Entladung. Und diese Entladung ist Leistung – letztlich in einem ganz und gar bourgeoisen Sinne.

Dass aus dem Techno ein Kult gemacht wurde, ist nicht verwunderlich. Seine Protagonisten folgten damit dem Schema vorangegangener Jugendbewegungen, die ebenfalls im Namen radikaler Selbstentäußerung gegen das Vätermodell der rationalen Selbstbeherrschung revoltiert hatten. Verwunderlich, nein, verstörend war die Perspektive der neuen Bewegung, denn mit ihrer weltlosen, in präziser Funktionalität sich erschöpfenden Kunst propagierte sie nichts anderes als den Bruch mit der humanistischen Tradition. Implizit machten sich die Raver stark für ein rein technizistisch gedachtes Menschentum. Mit Techno wurde „Love“ zum Signum eines neuen, erstmals auch jugendbewegten Kultes um Effizienz und Hochleistung.