Bipolar 1 (Les jeux sont fait)

Viele Beobachter des Zeitgeschehens sehen die Globalisierung als ein Spiel an, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Das ist oft nicht böse, sondern sachlich gemeint. Man stellt ganz einfach fest, dass die Globalisierung bestimmte Wirtschaftsweisen und Organisationsformen hervorbringt, die für manche Individuen, Gruppen, Völker, Staaten oder Weltgegenden eher förderlich und für andere eher hinderlich sind. Berücksichtigt man dann noch die Tatsache, dass die ungleich verteilten Chancen unterschiedlich genutzt werden, ergibt sich das polare Gewinner-Verlierer-Schema fast von selbst. Es wird der Sache nicht auferlegt, sondern geht aus ihr hervor.

Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass ein Bewertungsschema, sei es polar oder sonstwie strukturiert, nicht identisch mit der Sache ist: Die Landkarte ist nicht die Landschaft, das Naturgesetz ist nicht die Natur, das Spielresultat ist nicht das Spiel. Wenn also ein Reporter, Kommentator oder Soziologe dem Spiel gerecht werden will, wird er nicht einfach Ergebnisse verkünden können; vielmehr wird er bestrebt sein, das Geschehen möglichst umfassend und unparteiisch zu beschreiben. Im Rahmen solch einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung ist die Zuschreibung »Gewinner« bzw. »Verlierer« dann nicht viel mehr als der Aufhänger für das Bild, das man vermitteln möchte. Nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Sachlichkeit bietet solch ein Gesamtbild stets einen weiten Spielraum für Interpretationen, Kritik, Richtigstellungen, Präzisionen, Spekulationen. Nicht zuletzt fördert solch ein »realistisches« Bild die Erkenntnis, dass in Wirklichkeit ohnehin alles offen bleibt: Die Gewinner haben vielleicht einen Punktsieg erzielt, aber noch lange nicht das Turnier gewonnen; die Verlierer haben vielleicht eine Schlappe erlitten, können aber beim nächsten Treffen wieder reüssieren. Die Worte »Gewinner« und »Verlierer« können also bekräftigt, aber auch zurückgenommen werden. Sie sind keine Brandzeichen, die den jeweiligen Akteur fürs Leben abstempeln, sondern Bestandteile vorläufiger Beschreibungen. Für sich genommen markieren sie die abstrakten Pole eines weiten Sinnfeldes, das Tatsachen widerspiegelt.

Natürlich ist es so eine Sache mit der Sachlichkeit. Jeder Report wird von Reportern verfasst, jedes Urteil von Richtern gefällt, jedes Objekt von Subjekten bestimmt. Subjekte sind aber nie ganz frei von vorgeprägten Sichtweisen, vorgefertigten Einstellungen, vorgegebenen Bewertungskriterien. Und wenn sie einem Kulturkreis entstammen, in dem agonale, d.h. wettkampfbezogene Verhaltens- und Denkweisen einen sehr hohen Stellenwert besitzen, dann werden sie geneigt sein, praktisch jeden Vorgang als Konkurrenzkampf zu interpretieren, in dem es zwangsläufig Gewinner und Verlierer geben muss. Der Bewertungsmaßstab ergibt sich also wohl doch nicht einfach aus der Sache, vielmehr legen Menschen ihn der Sache an.

Doch im Gegensatz zum starren Bewertungsschema (das im agonalen Kontext stets polar strukturiert ist) ändert sich die Sachlage naturgemäß dauernd. Denn die Dinge bleiben im Fluss, d.h. sie bringen sich als Bestandteile eines eigenwilligen Weltgeschehens zur Geltung. Im Strom der Ereignisse kann daher alles Mögliche passieren, zum Beispiel können Gewinner untergehen und Verlierer aufsteigen, weshalb Urteile und Bewertungen ständig revidiert werden müssen. Weil das Schema nicht die Sache ist, gilt also auch in der subjektivistischen Welt: »Gewinner« und »Verlierer« sind keine ewig haftenden Stigmata. Vielmehr handelt es sich um Worte, die nur als Bestandteile provisorischer Wirklichkeitsbeschreibungen Bedeutung erlangen. Für sich genommen markieren sie die abstrakten Pole eines weiten Sinnfeldes, das es Subjekten ermöglicht, um Gegenstände zu ringen.

Böse wird es erst, wenn Beobachter keinen Sinn mehr in Gegenständen sehen, besser gesagt: wenn sie in ihnen nichts anderes mehr erkennen wollen als Projektionen, deren einzige Funktion es ist, bestehende Welt- und Selbstbilder wieder und wieder und wieder zu bestätigen. In dieser Welt des »rasenden Stillstands« (Paul Virilio) kommt es nicht mehr auf ergebnisoffene Spiele, sondern nur noch auf eingespielte Ergebnisse an. Im Fokus steht dann nicht mehr das Feldgeschehen, sondern nur noch die Anzeigetafel. Die Dinge werden nicht mehr am polar strukturierten Bewertungsschema gemessen, sondern können nur noch einem der beiden entgegengesetzten Extremwerte zugeordnet werden. Mit anderen Worten: Das polare Denken in Feldern radikalisiert sich zum binären Denken in Gegensätzen, zwischen denen nichts mehr vermittelt.

Im binären Denken gibt es kein Zwielicht, keine Schattierungen, keine Ambivalenzen, keine wohltemperierte Stimmung, kein Mehr-oder Weniger und kein Sowohl-als-Auch. Unterscheiden heißt nicht mehr Begutachten, Vergleichen, Abwägen und Urteilen, sondern nur noch: Entscheiden. Zur Wahl stehen jeweils genau zwei Begrifflichkeiten, die einander entgegengesetzt sind wie die 1 und die 0 im binären Zahlensystem. In dem durch die Binäropposition definierten Bit klafft ein vollkommen leerer Abgrund. Das ehedem durch Sinnfelder repräsentierte reale Kontinuum, in dem alles mit allem verbunden war, ist verschwunden. Was von der Welt bleibt, ist der harte, unvermittelte, rein logische Gegensatz. Was vom Subjekt bleibt, ist das Verlangen nach totaler Identifikation mit einem und nur einem der beiden Extremwerte. Entweder 1 oder 0, entweder wahr oder falsch, entweder gut oder böse, entweder sein oder nicht sein: Der Sprung ins Extrem hat nichts zu tun mit bedingter, vorläufiger Erkenntnis, er ist eine unbedingte, zeitlose Setzung.

Wer sich also der Denkungsart des binären Entscheidungs- und Identifikationszwangs unterwirft, dem präsentieren sich die Gewinner der Globalisierung nicht mehr als Nutznießer vorübergehender historischer Gelegenheiten, sondern als die finalen Sieger der Geschichte. Die Verlierer erscheinen nicht mehr als zeitweilig ins Hintertreffen geratene Mitspieler, sondern als ein für allemal abgeschlagene Nullen. Diesen endgültig »Abgehängten« gesteht man vielleicht noch irrationale Ängste zu, aber keine vernünftigen Argumente mehr. Sie haben noch eine Stimme, aber nichts mehr zu melden. Man redet über sie, aber nicht mit ihnen. Man kümmert sich womöglich um sie, aber möchte nichts mit ihnen zu tun haben. Selbstverständlich ist man aufgeklärt, liberal, demokratisch und pluralistisch, aber nur unter sich – unter Gewinnern.

Unter Gewinnern mag dann auch die Frage aufkommen, wie lange unbelehrbare Anhänger von Verlierermodellen überhaupt noch tragbar sind. Wenn sie einfach nicht vernünftig werden wollen: Was tun?

Ein Gedankenspiel. »Die Familie« und »die Nation« gelten vielen Experten heute als Verlierermodelle. Die Zukunft, heißt es, gehöre zum einen »dem Individuum« und zum anderen »der Menschheit«. Allerdings hält die Zukunft bekanntlich nur selten, was Experten sich von ihr verprechen. Was wäre nun, wenn die alte Welt tatsächlich unterginge, wenn also allerorten Familien zerbrechen und nationalstaatlich organisierte Gemeinwesen auseinanderfallen würden, ohne dass die fortschrittlichen Kräfte imstande wären, die prognostizierte schöne neue Welt der Menschheitsunmittelbarkeit des Individuums tatsächlich hervorzubringen? Die »Gewinner« bräuchte es solange nicht zu kümmern, als sie an das fiktive Siegernarrativ glauben. Über kurz oder lang müsste sich die maßgebliche Erzählung dann allerdings in eine totalitäre Ideologie verwandeln. Diese würde das Gewinnermodell zum Nonplusultra der Geschichte erheben, das bislang nur deshalb nicht rein verwirklicht werden konnte, weil es noch Verlierer auf Erden gibt. Am Ende würde man sie wohl wie weiland unter Stalin zur »absterbenden Klasse« erklären – und entsprechend mit ihnen verfahren: markieren, isolieren, eliminieren.