Bipolar 3 (In Echokammern)

Bei aller Kritik an der identitätspolitschen Praxis der pauschalen Verurteilungen liegt es auf der Hand, dass viele Missstände, auf die Frauen, Linke und andere Interessengruppen hinweisen, faktischer Natur sind. Diskriminierung, Benachteiligung, Belästigung, Vergewaltigung, Ausbeutung, rassistisch motivierte Übergriffe und rechtsextremistische Verbrechen gibt es ja tatsächlich. Und es ist nur recht und billig, solche Erfahrungstatsachen im Rahmen einer empirischen Theorie zu beschreiben, zu deuten, zu bewerten, zu erklären. Problematisch wird es erst dann, wenn das Framing wichtiger wird als das Learning und um der Stimmigkeit der Theorie willen Fakten verzerrt oder unterschlagen werden. Die empirisch begründete Weltsicht verwandelt sich dann zwangsläufig in eine manichäische Weltanschauung, deren Anhänger die wirklichen Ereignisse, die sich dem binären Bewertungsschema partout nicht fügen wollen, zum Störfeuer erklären, dem man irgendwie entkommen muss, wenn man es nicht auslöschen kann.


Ein beliebtes Refugium ist die virtuelle Realität, in deren Filterblasen und Echokammern sich die Welt stets genau so darstellt, wie sie zu sein hat – nämlich als eine Dramaserie, in der die Mächte des Lichts und der Finsternis sich unaufhörlich bekriegen. Die perfekte Übereinstimmung von Welt und Weltbild kommt dadurch zustande, dass von draußen nur das in die Blase gelangt, was ins Bild passt (Filter) und im Inneren nur der im Bilde ist, der Bestätigung findet (Echo).

Hinzu kommt als vielleicht wichtigstes Werkzeug zur Formierung und Stabilisierung des Weltbildes das binäre Denken, das sich natürlich nicht darin erschöpft, vorläufige Erkenntnisse in absolute Setzungen zu transformieren, sondern diese Setzungen als Prämissen begreift, aus denen logische Schlussfolgerungen zu ziehen sind. Etwa so: Wenn Migration den Volkskörper zersetzt – dann muss jeder Migrant daraus entfernt werden. Wenn der Islam das Abendland erobern will – dann muss jeder Moslem als Feind bekriegt werden. Wenn jeder Rechter ein Nazi ist – dann gehört jede Form von Konservatismus verboten. Wenn Transfrauen Frauen sind – dann muss die Reproduktionsmedizin sie unbedingt zum Kinderkriegen befähigen. Wenn jeder Mensch frei bestimmen kann, an welchem Ort der Erde er leben möchte – dann muss man Territorialstaaten abschaffen. Wenn Effizienzsteigerung das Maß aller Dinge ist – dann ist der Mensch obsolet.

Hannah Arendt erblickte in dieser Art der Beweisführung das spezifisch totalitäre Element ideologischen Denkens: »Dem, was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Prämisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit – und das heißt natürlich mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist – alles weitere deduziert.« Habe es einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt, statuiert, sei ideologisches Denken prinzipiell von Erfahrungen unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. Mit anderen Worten: Das Feld der wirklichen Ereignisse, deren polarisierende Interpretation den Gehalt der Ideologien ausmacht (Sozialismus, Nationalismus), verschwindet in dem Moment komplett von der Bildfläche, wo man theoretische Einsichten zu unbedingten Wahrheiten verabsolutiert, aus denen alle Handlungsmaximen allein durch logisches Schlussfolgern – also ganz ohne Rücksicht auf konkrete Umstände, menschliche Maßstäbe und übergeordnete Vernunftprinzipien – abzuleiten sind. »Diese Logik – und nicht so sehr der ursprüngliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen – überzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der Welt nicht mehr zurechtfinden können. An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reißenden Strom übermenschlicher, natürlicher oder geschichtlicher Kräfte mitgerissen zu werden.«

Die übermenschliche Kraft, von der hier die Rede ist, steht normalerweise in höchstem Ansehen. Man nennt sie Rationalität. Hitler liebte sie auf seine Art, nämlich fanatisch. Naturgemäß vergötterte er auch die »Eiskälte« der menschlichen Logik. Über ihn und Stalin schreibt Hannah Arendt: »Ihre eigentliche Originalität bestand darin, dass sie ideologische Aussagen buchstäblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irregeführt wird, nichts hatte träumen lassen. Macht man damit ernst, dass es im Kampf der Klassen immer ›absterbende Klassen‹ geben muss, so folgt daraus, dass man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten muss. Macht man damit ernst, dass es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur ›Parasiten‹ gibt, so folgt daraus, dass man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.«

Arme Teufel, die aus »Wahrheitsliebe« zu Massenmördern werden, gibt es auch heute. Tobias Rathjen beispielsweise, der am 19. Februar 2020 im hessischen Hanau zehn Menschen erschoss, nahm als wahr an, dass es »Volksgruppen, Rassen oder Kulturen in unserer Mitte« gibt, »die in jeglicher Hinsicht destruktiv sind.« Seine Schlussfolgerung: »Es kann nicht sein, dass ich mich mit einer solchen Problematik überhaupt beschäftigen muss, und auch alle zukünftigen Generationen sollten sich mit einem solchen Problem erst gar nicht beschäftigen müssen. Daher sagte ich, dass folgende Völker komplett vernichtet werden müssen: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Israel, Syrien, Jordanien, Libanon, die komplette saudische Halbinsel, die Türkei, Irak, Iran, Kasachstan, Turkmekistan, Usbekistan, Indien, Pakistan, Afghanistan, Bangladesh, Vietnam, Laos, Kambodscha bis hin zu den Philippinen. Und dies wäre erst die Grob-Säuberung. Danach muss die Fein-Säuberung kommen, diese betrifft die restlichen afrikanischen Staaten, Süd- und Mittelamerika, die Karibik und natürlich das eigene Volk. Wobei ich anmerkte, dass nicht jeder der heute einen deutschen Pass besitzt reinrassig und wertvoll ist; eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen. Wenn ein Knopf zur Verfügung steht, dies Wirklichkeit werden zu lassen, würde ich diesen sofort drücken, so schnell das man gar nicht schauen könnte. (…) Ich würde diese Menschen alle eliminieren, auch wenn wir hier von mehreren Milliarden sprechen, aber es muss getan werden.«

Was für ein Wahnsinn! Was für ein komischer, trauriger, unheimlicher Text! Seine Komik rührt natürlich von der monströsen Pedanterie her, mit der sich Rathjen seiner Vernichtungsphantasie hingibt. Fast fühlt man sich an die Verwünschungstiraden des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (1931–1989) erinnert, der seine Leser ebenfalls mit maßlosen Übertreibungen traktierte, um schließlich so etwas wie eine bodenlose Freude an der Vernichtung aus ihnen herauszukitzeln. Allerdings bleibt einem im Falle der Hanauer Bekenntnisschrift das Lachen im Halse stecken, sobald man sich klarmacht, dass Rathjen ja nicht als Humorist, sondern als veritabler Mörder hervorgetreten ist. Die Traurigkeit, die einen dann befällt, geht einher mit einem pietätvollen Gefühl für seine realen Opfer, aber eigentlich schlägt sie einem aus dem Text entgegen. Man erkennt im Wahnwitz der Worte die Seelennot des Verfassers. Mutterseelenallein steht er da, als ein buchstäblich von allen guten Geistern verlassener Mensch.

Unheimlich erscheint das Machwerk erst auf den dritten Blick, dafür ist die Wirkung nachhaltig. Sie stellt sich ein, wenn einem aufgeht, dass der Text sich in gewisser Hinsicht nicht allzu sehr von jenen Agenden, Programmen und Strategiepapieren unterscheidet, wie sie in Unternehmen, Parteigremien, Behörden und Forschungsinstituten Tag für Tag angefertigt, verbreitet und rezipiert werden. Hier wie dort zwingen absolute Setzungen zu unbedingter Identifikation, hier wie dort fordern gesetzte Prämissen zu folgerichtigem Handeln auf, hier wie dort macht sich ein gnadenloser Pauschalismus und Solutionismus geltend. Es ist die »Eiskälte« derartiger Texte, vor der einem graut. Und es ist der aus ihnen sprechende Typus des technokratischen Schreibtischtäters, vor dessen Maßnahmen man sich ängstigt. Nicht ganz zu Unrecht, wie ich finde. Denn es gibt sie ja wohl tatsächlich: die Politiker, die ihr Land ruinieren, um es zu transformieren; die Investoren, die über Leichen gehen, um Profite zu maximieren; die Wissenschaftler, die »morden, um zu sezieren« (William Wordsworth); die Planer, die vernichten, um aufzubauen; die Ideologen, die hassen, um zu lieben. Was diese in moralischer Hinsicht sehr unterschiedlichen Typen eint, ist ihre technische Lebenseinstellung. Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, die Gegenwart um der Zukunft willen zu überwinden. Und weil diese Einstellung sie letztlich dazu zwingt, jeden Gegenstand zu verwerten statt zu verwahren, und sogar sich selbst zu vernutzen statt zu verwirklichen, impliziert technisches Tun die tagtägliche Vernichtung des Daseins zugunsten eines immer nur verheißungsvoll in der Morgenröte des jeweils folgenden Tages aufscheinenden Dort-Seins. Das ist das Unheimliche! In dieser fortschrittssüchtigen »Seinsvergessenheit« (Martin Heidegger) zeigt sich das Abgründige des modernen Lebens, vor dem die Dichter seit zweihundertfünfzig Jahren warnen. Was beispielsweise Friedrich Hölderlin im Hyperion über die Deutschen sagt, gilt naturgemäß für den Typus des modernen Menschen schlechthin: »Es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen. (…) Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten. (…) Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.«

Immerhin hat das Volk der allberechnenden Barbaren diese Dichterworte lange in Ehren gehalten. Heute sind sie nahezu vergessen, in den Schatten gestellt von den glänzenden materiellen, sozialen und medizinischen Errungenschaften der Moderne. Man erinnert sich zwar noch dunkel daran, dass in der jüngeren Geschichte einiges katastrophal schiefgelaufen ist, sucht aber den Grund dafür schon lange nicht mehr in der abgründigen »instrumentellen Vernunft« (Horkheimer) oder dem unheimlichen »Wesen der Technik« (Heidegger). Im Gegenteil. Die postmoderne Gesellschaft ist geradezu verliebt in Technologie, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass die Techniksysteme des 21. Jahrhunderts nur noch selten als übermächtige Apparate in Erscheinung treten. Vielmehr präsentieren sie sich als überfreundliche »Welten«, deren Ressourcen sich die autonomen Subjekte zum Zwecke der Selbstverwirklichung frei bedienen können – unter der einzigen etwas peinlichen Bedingung freilich, dass sie selbst der autonomen Technikentwicklung als Ressourcen dienen. Dennoch kümmert es seltsamerweise nur wenige, wohin der Zug fährt, in dem man so angenehm reist. Das ungeheure Vertrauen in die »Entwicklung« lässt sich offenbar nicht einmal durch den Schlamassel erschüttern, den das Werk der »plumpen Hände« etwa in Sachen Erdklima oder Artenvielfalt angerichtet hat. Die Maxime zur Lösung auch dieses Problems lautet: Mehr vom Gleichen!

Im übrigen fühlt man sich gewappnet gegen eine neuerliche totalitäre Entgleisung. Und tatsächlich sind die politisch-moralischen Kräfte, die den Zug nach Nirgendwo auf den Schienen halten sollen, ja auch gewaltig. Es gibt den freiheitlich verfassten Rechtsstaat. Es gibt demokratische Regeln und Normen. Es gibt zivilgesellschaftliche Instanzen zur Einhegung von Macht und Gewalt. Es gibt das vernünftige Ideal der offenen Gesellschaft. Es gibt das Völkerrecht und seine Institutionen. Es gibt Ethikkommissionen. Es gibt die Menschenrechte.
Es fragt sich nur, ob dieser ideelle und institutionelle Rahmen wirklich stark genug ist, um die Erde vor der Menschheit und die Menschheit vor den eigenen Verrücktheiten zu schützen. Wenn sich die offene Welt der polar strukturierten Sinnfelder, in der man mit Tatsachen und Gegenständen ringt, mehr und mehr in eine geschlossene Echokammer binär strukturierter Wertsetzungen transformiert, deren innere Systemlogik zu unbedingten Entscheidungen und Identifizierungen zwingt: Wird man dann nicht auch die Grundbegriffe der freiheitlichen Verfassungen dieser Systemlogik anpassen? Genauer gesagt: Wird man dann nicht regulative Ideen wie »Menschenwürde«, »Freiheit« und »Gleichheit« als wohldefinierte Setzungen interpretieren, aus denen alles praktische Geschehen durch einfaches logisches Schlussfolgern zu bestimmen wäre? Geschähe dies, spielte sich Politik nicht mehr im Freiraum der Möglichkeiten ab, sondern im Gefängnis alternativloser Notwendigkeiten. Ethik wäre nur noch Gesinnungsethik, weil sie mit Geboten aufwartet, aus denen Handlungsmaximen unmittelbar ableitbar sind, während eine Ethik der Verantwortung mittelbare, letztlich nicht exakt kalkulierbare Folgen des Handelns berücksichtigen muss. »Freiheit« wäre bloß noch ein Markierungswort, das sich Klassen anheften dürfen, die sich dem Zug der Zeit rückhaltlos anschließen. »Gleichheit« wäre nur noch ein Losungswort zur Propagierung der Gleichschaltung von Geschlechtern, Stämmen, Nationen und Religionen. »Würde« wäre nur noch ein Terminus technicus, mit dem sich die Notwendigkeit begründen ließe, jeden Menschen von seinen kontingenten und kreatürlichen Eigenheiten vollständig zu säubern, auf dass er sich der Zugehörigkeit zur reinvernünftigen Menschheit würdig erweist.

Dass die Wirklichkeit bereits Züge dieser Dystopie trägt, ist unverkennbar und beunruhigend. Doch das Unheimlichste an der totalitären Bewegung der Postmoderne ist die Abwesenheit eines leibhaftigen Führers. Diesmal scheint es eine kollektive Reinheitsfiktion zu sein, die Menschen dazu bewegt, die finale Säuberung der Menschheit voranzutreiben. Es ist, als habe sich »der Mensch« zum Todfeind der Menschen aufgeworfen.