Genauigkeit ist Schwindel

Das binäre Denken als solches ist nichts anderes als ein Spiel mit Namen, bei dem es darauf ankommt, Paare mit einander entgegengesetzten Wahrheitswerten zu bilden. Mit solch einem logizistischen Nominalismus lässt sich einiges anstellen. Man kann Mathematik, Informatik, Philosophie und Werbung, aber auch Moralpolitik und totalitäre Propaganda damit betreiben. Im Alltagsleben dagegen kommt man nicht sehr weit damit. In der Schule, am Arbeitsplatz, beim Bolzen, Flirten, Dichten, Malen und Musizieren, beim Abendessen im Kreis der Familie, am Kabinettstisch, im Forschungslabor, vor Gericht und natürlich auch im Bett hat man es mit widerspenstigen Gegenständen zu tun, um die man ringen muss, bevor man mit ihnen ins Reine kommt. Nur logische Maschinen agieren in einer Welt aus Sprechakten, die entweder als richtig oder nichtig bewertet werden müssen. Als Menschen bewegen wir uns in einer Welt aus polar strukturierten Sinnfeldern.

Das polare Denken operiert ebenfalls mit Gegensätzen, die jedoch nicht als Setzungen aufgefasst werden, sondern als Abstraktionen, regulative Ideen oder Spannungsfelder erzeugende Kraftquellen. Alle wirklichen Ereignisse spielen sich innerhalb dieser Felder ab, in der empirischen Welt gibt es also nur Zwischenräume, Mischformen, Feldgrößen. Alle diese erfahrbaren Dinge besitzen einen individuellen Charakter, in dem sich eine Unzahl polar strukturierter Einflussgrößen mischt. Isoliert man eine dieser Größen und erhebt sie zum Kriterium für eine Bewertung, so geschieht dies in dem Wissen, dass alle Urteile unscharf sind (Alfred North-Withehead: »Genauigkeit ist Schwindel«). Eindeutige Zuschreibungen wie »gut« und »böse« oder »wahr« und »falsch« ergeben daher nur im Rahmen abschattender Beschreibungen wirklicher Ereignisse Sinn. Im übrigen unterliegen die Ordnungen, in die alle Individuen eingebunden sind (und die wir als intelligente Wesen dadurch zu begreifen suchen, dass wir einzelne polar strukturierte Sinnfelder zum Zwecke der Reflektion aus dem Zusammenhang herauslösen), einem stetigen naturgeschichtlichen Wandel, dessen Fortgang wir prinzipiell weder ergründen noch regulieren können. Zumindest dann nicht, wenn wir bleiben wollen, was wir sind – Menschen.

Was ist der Mensch? Was zeichnet unsere Gattung im Vergleich zu anderen Tieren aus? Schon in der Fragestellung ist eine zweiwertige Struktur mitgegeben, die man polar oder binär deuten kann, obwohl es zunächst nur um die Bestimmung einer partiellen oder graduellen Differenz geht. Obwohl wir also auf eine Weise nach uns selbst fragen, die uns von vornherein wissen lässt, dass wir immer auch Tiere sind, neigen wir dazu, unser Verhältnis zu animalischen Lebewesen im Sinne eines Gegensatzes zu interpretieren. »Tier« und »Mensch« bilden dann die beiden Pole eines Sinnfeldes bzw. die beiden Extremwerte einer binären Opposition.
Im ersten Fall führt das Nachdenken über die Tier-Mensch-Differenz allenfalls zu provisorischen Positions- oder Modalitätsbestimmungen, die vielleicht Entwicklungstendenzen erkennen lassen, aber weder Weg noch Ziel noch Wert festschreiben. In diesem Sinne hat Friedrich Nietzsche den Menschen als das »nicht festgestellte Tier« beschrieben, als geschichtliches Wesen also, das nicht bleibt, was es ist – wie etwa Tiger immer Tiger bleiben – sondern sich im Lauf der Zeit wandelt (dabei jedoch auf jeder Entwicklungsstufe immer Tier ist). Einen anderen Akzent hat der Anthropologe Helmuth Plessner mit seiner These von der »exzentrischen Positionalität« des Menschen gesetzt. Für Plessner ist der Mensch das neben sich gestellte Lebewesen. Warum? Während die Tiere »in einem unverlierbaren Bei-sich-Sein inmitten ihrer Umwelten geborgen sind« (Peter Sloterdijk), kann der Mensch gleichsam aus sich heraustreten und über sein Leben und seine »Welt« reflektieren. Über dieses Wesen, das sich und seine Welt transzendieren kann, um Betrachtungen über das Ganze anzustellen, hat Rüdiger Safranski einmal bemerkt: Der Mensch »genießt die stolze Distanz, mit der er auf das Ganze blickt; das gibt ihm die Empfindung der Gottähnlichkeit. Zugleich bemerkt er, dass er zwar aus sich heraustreten, dabei aber doch nicht aus der Tierwelt austreten kann: er gehört ihr an. Er ist hin und her gerissen zwischen einem Gott, der das Ganze sieht, und einem Tier, das zum Ganzen gehört.«

Hin und her gerissen wie der Wechselstrom, der unentwegt seine Polung ändert: Ist das nicht furchtbar? Gehörte dieses flatterhafte, überspannte Verhalten nicht abgestellt? Müsste man sich nicht entscheiden – und zwar für die einzig richtige, die einzig vernünftige Polung? Bleibt einem als Mensch überhaupt etwas anderes übrig, als »Gott« zu sein oder werden zu wollen? Im Rahmen des binären Denkens, das zur Identifikation mit einem und nur einem der beiden Extremwerte zwingt, lässt sich das Problem der zwitterhaften Positionalität des Menschen in der Tat nur auf diese Weise lösen: Wir sind dazu verdammt, uns in Richtung »Homo Deus« (Yuval Noah Harrari) zu entwickeln.

Fühlt man sich jedoch in einem polar strukturierten Kosmos zuhause, ergibt sich solch eine Entwicklungsnotwendigkeit nicht unbedingt. Wer in der Gewissheit lebt, dass ohnehin kein Weg aus der heimatlichen Mitte herausführt, wird jeden Versuch einer »Vergottung« des Menschen als extremistische Verirrung ansehen und verurteilen. Doch wenn es auch absurd erscheint, genuin interpolares Leben auf ein polares Extrem zu reduzieren, so bleibt es uns natürlich unbenommen, sämtliche im Zusammenhang mit der Tier-Gott-Polarität errichteten Konstrukte, Dogmen und Traditionen in Zweifel zu ziehen. So mag man sich zum Beispiel fragen, ob ein »Gott, der das Ganze sieht« den Namen des Höchsten überhaupt rechtmäßig trägt. Ein Wesen, das die Welt nur von außen betrachtete und demnach auch nur von außen in uns hinein blickte, ohne zugleich aus jedem von uns heraus zu schauen: was hätten wir mit solch einem wesensfremden, voyeuristischen Subjekt zu schaffen? Müsste Gott nicht vielmehr dazugehören, um der zu sein, der er ist? Aber wäre er dann nicht – einer von uns? Wäre er nicht das Lebewesen, in dem Gottheit und Tierheit in eins fallen? Das Wechselstromwesen, das wir immer schon sind?