Bipolar oder Die Einheit des Unvereinbaren

Tag und Nacht, Frau und Mann, Himmel und Erde, Leben und Tod: Die Gegensätze, die uns in der Praxis überall begegnen, formen auch unser Denken. In den folgenden vier Beiträgen unterscheide ich zwei Arten des Umgangs damit. Das binäre Denken operiert mit absoluten Entgegen-Setzungen (gut vs böse, rechts vs links etc.) in ähnlicher Weise wie die Mathematik mit den Binärzahlen 0 und 1 operiert. Weil es keine realen Zwischenräume, keine Mischformen oder Feldgrößen kennt, erzwingt es die totale Identifikation mit einem der beiden Extremwerte. Das binäre Denken ist sprachaffin; wahrscheinlich ist es die Denkungsart von Logikern, Ideologen, Intellektualisten, Männern. Das polare Denken operiert ebenfalls mit Gegensätzen, diese werden jedoch als aufeinander bezogene Grenzwerte unermesslicher Sinnfelder angesehen, die es ermöglichen, um Tatsachen und Gegenstände zu ringen. Ihren eigentlichen Sinn entfalten Begriffe wie „gut“, „böse“, „links“ oder „rechts“ also nur im Rahmen einer prinzipiell infiniten Charakterisierung individueller Ereignisse. Das polare Denken ist bild- und erfahrungsaffin. Wahrscheinlich ist es die Denkform von Künstlern, Voluntaristen, Historikern, Frauen. Sein Leitsatz ist das Diktum des britischen Naturphilosophen Alfred North Whitehead: »Genauigkeit ist Schwindel«.