Archiv der Kategorie: Allgemein

Vom Himmelreich

Nach Wochen und Monaten vorm Radio, vorm Fernseher, vorm Rechner und vorm Handydisplay sind wir durchdrungen von der Größe und Komplexität der durch die modernen Medien aufgespannten Welt. Dann kommt ein Austag; man radelt ins Grüne, sitzt am Waldrand, starrt in die Landschaft und wird still. Das wogende Naturbild, aus dem immer neue Details sich herauslösen und zu immer neuen Ganzheiten sich vereinen, öffnet einem die Augen für den himmlischen Reichtum der hinter der konstruierten Welt aufscheinenden Wirklichkeit. Diesen himmlischen Reichtum machte Paul Gerhardt (1607–1676) zum Thema eines seiner bekanntesten geistlichen Lieder:

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege des‘, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Es geht um die Fragen, um die es immer geht. Wie leben mit den Lasten, die einem das Leben auferlegt? Wie umgehen mit den unvermeidbaren Krankheiten und Kränkungen? Was tun? Gerhardt weiß es auch nicht. Zumindest mit einer technischen Lösung wartet er nicht auf. Es gibt keine To-do-Liste, keine Pille, keinen Übungsplan, kein Diätprogramm; noch nicht mal Gebete helfen weiter. Die Antwort heißt Gottvertrauen.

Doch ist es nicht der „logische“ Gott der Offenbarung, den das Lied besingt. Der Beweger der Welt bezeugt sich nicht durch Worte, Gesetze und Verheißungen, er zeigt sich in der bewegten Welt des Naturgeschehens. Daher lautet die Antwort: Wem die Decke auf den Kopf fällt, dem bleibt nichts anderes übrig, als vor die Tür zu treten. Wer Freiheit sucht, findet sie nur unterm freien Himmel. Wer sie im Inneren eines architektonischen oder sprachlichen Gebäudes sucht, dem verengen sich die Räume wie der Maus in Kafkas Kleiner Fabel, die so oder so ins Verderben rennt. Der „geheimnisvolle Weg“ führt nicht nach innen, wie Novalis glaubte, sondern nach draußen. Und draußen ist da, wo sich die künstlich angelegten Wege im Offenen verlieren. Draußen ist da, wo sich nichts mehr feststellen lässt, weil die natürliche Bewegung alles ergreift. Wer sich in geistige Armut stürzt, sagt Paul Gerhardt, dem fließt der himmlische Reichtum zu. Wer sich dem bewegten Naturgeschehen überantwortet, der findet eine Antwort.

Selbst in der ärgsten Bedrängnis (… wenn ich einmal soll scheiden) findet sich ein gangbarer Weg. Das wenigstens ist die Botschaft von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion, in der dem Kirchenlied Befiehl du deine Wege – zusammen mit den anderen, auf ein und dieselbe Melodie gesungenen Chorälen – eine herausragende Bedeutung zukommt. Der Choral klingt arm im Vergleich zu der himmlisch reichen Musik, in die er eingebettet ist. Doch gerade aus dieser Armut bezieht er seine überwältigende Kraft. Im Grunde genommen ist er der Anker, an dem alles hängt: der Kontrapunkt zum himmlisch reichen Leben, das sogar den Tod einschließt – die menschliche Antwort auf die letzte Frage.

Freilich reißt die Ankerkette noch zu Bachs Lebzeiten. Das kontrapunktische Ich, das in Harmonie von innerer Stimme und himmlischer Gegenstimme sich fortbewegt, entledigt sich des vom Äußersten her wirksamen Regulativs und beginnt das Heil in sich selbst zu suchen. Die andere Seite des Eigenen, für Menschen wie Paul Gerhardt und Johann Sebastian Bach noch ganz gegenwärtig, rückt für das monodische Ich der Moderne immer weiter in die Ferne. Der Mensch des 19. Jahrhunderts empfängt keine Weisung mehr vom Himmel, sondern sehnt sich nach ihm – wie das lyrische Ich in Joseph von Eichendorffs Gedicht Die Stille:

Ich wünschte, ich wäre ein Vöglein
Und zöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis dass ich im Himmel wär’!

Der Himmel bedeutet hier nicht mehr den realen Kontrapunkt der Seele, sondern den irrealen Fluchtpunkt des Ich. War die Welt einst der von Wegen erfüllte Lebensraum, liegt sie jetzt als ein unwegsam-lebensfeindlicher Ozean zwischen den weit auseinander gedrifteten Polen der Seele. In dem schönen Bild des winzigen „Vögleins“ über dem gewaltigen „Meer“ drückt sich nicht zuletzt die Unmöglichkeit aus, die ungeheure Distanz zu überbrücken. Ohnehin bleibt das Ich am Boden und behilft sich mangels realistischer Versöhnungs-Perspektiven mit den Flügeln der Poesie („Ich wünschte“). Die romantische Reaktion auf die Entfernung des Himmels aus dem menschlichen Leben behält ihren Reiz bis heute: Welche Kunst – vom kulturindustriell designten Schlager bis zum autonom geklöppelten Staatstheater – wäre nicht romantisch? Vielleicht die politische, die vernünftige, die wahre? Paradebeispiele dafür liefert natürlich Heinrich Heine etwa mit dem Versepos Deutschland – Ein Wintermärchen. Dort heißt es:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Kein „Eiapopeia vom Himmel“ mehr, stattdessen: „We shall overcome“, „We are the champions“, „We are the world“, „Wir sind das Volk“. Das haltlose Ich des Romantikers, „im traurigen Monat November“ heimgekehrt aus der Fremde, verankert sich neu im Wir.

Wen genau das „Wir“ einschließt und wen es ausschließt, bleibt offen. Es gibt enge und weite Begriffe vom neuen Subjekt der Geschichte. Manchmal hat es den Anschein, als beanspruchten gewisse Klassen wie etwa das Marxsche Proletariat, das westliche Kulturbürgertum oder die Einwohnerschaft der San Francisco Bay Area die Mitgliedschaft im „Wir“ exklusiv für sich. Im Grunde genommen soll sich aber wohl jeder dazuzählen dürfen, der „Wir“ sagen und verstehen kann, also jeder sprachmächtige Mensch. Definitiv ausgeschlossen sind sprachlich minderbemittelte Organismen wie etwa Bienen, Schafe, Würmer und Nashörner, aber auch manche Greise, manche Verrückte und manche Kinder sowie „Wolken, Luft und Winde“ als unendlich reiche Subsysteme des Ganzen, des Himmels. Letzterer ist nicht mehr Regulativ, nicht mehr Kontrapunkt, nicht mehr Wirklichkeit, sondern nur noch Symbol. „Himmelreich“ bezeichnet jetzt die irdische Glückseligkeit – von unsereinem.

Bekanntlich zählt das Streben danach („pursuit of happiness“) seit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Diese (Natur-)Rechte bilden den Glutkern der Aufklärung; als einzig verbliebene Heiligtümer im geschändeten Tempel der Natur besitzen sie eine bis heute ungebrochene Strahlkraft. Die Menschenrechte für jeden (verständigen) Menschen zu erstreiten und zu sichern, jedes (sprachbegabte) Individuum in das „Wir“ hineinzunehmen, gilt – zumindest im liberalistischen Westen – als der grundlegende Zweck aller Politik.

Das ist nobel, vielleicht auch notwendig, aber ganz gewiss nicht hinreichend. Die Schieflage des auf dem Fundament der Menschenrechte errichteten Gebäudes der Weltgesellschaft wird mit jedem Tag augenfälliger. Der Grund: Es hausen (natürliche und juristische) Personen mit sehr viel Macht und sehr weitem Handlungsspielraum darin; Personen, die das Gebäude durch ihre Aktivitäten zerrütten – und dennoch nichts anderes tun als ihre Menschenrechte wahrzunehmen. Das Manko der Konstruktion besteht wohl darin, dass sie auf abstrakten Begrifflichkeiten beruht, die so oder so mit Inhalt gefüllt werden können und müssen. Nun legen zwar „wir“ fest, was Freiheit, Gleichheit, Würde, Glückseligkeit etc. bedeuten sollen, aber „wir“ stehen unter dem Einfluss von Mächten, die „wir“ grundsätzlich nicht bezwingen können, weil auch sie „wir“ sind.

Fatalerweise verschiebt sich das Gefüge im schönsten Einklang mit dem Recht – weshalb es liberale Intellektuelle einen Dreck schert, wenn das „Himmelreich“ vor die Hunde geht, solange noch Champagner im Kühlschrank steht und der rechtliche Rahmen unversehrt bleibt. Glückseligkeit mag bloß noch das angenehme Kribbeln bedeuten, in einem gamifizierten Produktionsprozess den Highscore erreicht zu haben; bloß noch den schalen Kitzel teuer erkaufter Selbstoptimierung; bloß noch den Speichelfluss beim Anblick ganz und gar enteigneter Früchte; bloß noch Kunstgenuss; bloß noch Lesevergnügen; bloß noch Spaß am reproduktionsmedizinischen Design eines Kindes; bloß noch das behagliche Gefühl, dieses Kind bei Nichtgefallen zurückgeben zu können; bloß noch die Freiheit, die apparativ versorgte Oma nach Belieben ein- und ausschalten zu dürfen; bloß noch die Berauschung am Frei-Gesetzten und Gleich-Gemachten: Dennoch werden Rationalisten, sofern alles mit rechten Dingen zugegangen ist, die Entwicklung als Fortschritt preisen – selbst dann noch, wenn sie die Rechnungen, die ihnen dafür präsentiert werden, schon längst nicht mehr selbst zu prüfen imstande sind.

Was ich sagen will: Solidarität ist eine gute Antwort auf viele Fragen, aber sie ist eine unzureichende Antwort auf die entscheidende Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos. „Ich“ genüge mir nicht. „Wir“ genügen uns aber auch nicht. Und die Blasen, die wir als Rechtsräume und Kunstträume um uns „errichten“, genügen erst recht nicht. Jedes konstruierte „Himmelreich“ wird zur Hölle, wenn der reale Himmel außen vor bleibt.

Links, rechts, geradeaus

Auf die Frage „Was bedeutet Linkssein für dich?“, antwortete der französische Philosoph Gilles Deleuze einmal: „Nicht links zu sein, ist ein bisschen wie eine Postadresse. Von sich ausgehen, von der Straße, in der man wohnt, der Stadt, dem Land, den anderen Ländern, immer weiter weg. Man beginnt bei sich, und insofern man privilegiert ist und in einem reichen Land wohnt, fragt man sich: Wie stelle ich es an, dass diese Situation andauert? (…) Links zu sein ist das Gegenteil. Es bedeutet wie die Japaner wahrzunehmen. Anders als wir nehmen sie zuerst den äußeren Umkreis wahr, sie würden also sagen: zuerst die Erde, dann der Kontinent, dann Frankreich und schließlich die Rue Bizert – ich! (…) Du siehst zuerst den Horizont und weißt, dass das unmöglich andauern kann: der Hunger von Milliarden, die Ungerechtigkeit. Linkssein ist vor allem ein Wahrnehmungsphänomen.“ Nimmt man zur Wahrnehmung das moralische Empfinden hinzu, ergibt sich als Charakteristikum des Linksseins so etwas wie die „Fernstenliebe“, die Nietzsches Zarathustra predigte und die Hans Jonas ins Zentrum seiner „Ethik der technologischen Zivilisation“ rückte. Man wird sagen dürfen: Ohne ein solches dem Fernsten zugewandtes und verpflichtetes Linkssein kann es eine Fortexistenz auf diesem Planeten nicht geben. Allerdings bedarf die linke Fernstenliebe, die notwendig Phantasma, „Gesicht“, Ideenliebe ist, der Ergänzung um die rechte Nächstenliebe, wenn die Fortexistenz humane Züge bewahren soll. Weiterlesen

Denaturierte Natur

Denaturierung bezeichnet eine strukturelle Veränderung von Biomolekülen (…), die in den meisten Fällen mit einem Verlust der biologischen Funktion dieser Moleküle verbunden ist, obgleich deren Primärstruktur unverändert bleibt. (Wikipedia)

Denaturiertes Klima
Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungs-Gegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer. Du und ich sagen dies und das. Einer begreift die Klimafrage vielleicht als sittliche Aufgabe, verkauft sein Auto und setzt sich für eine „klimaneutrale Energiepolitik“ ein. Ein anderer legt sich Scheuklappen und einen SUV zu. Aber selbst die leichtesten Scheuklappen sind fühlbar, und selbst unbedingtes Engagement befreit nicht von allen Lasten: Uns alle bringt das Wissen um die Machbarkeit des Klimas in die unglückselige Lage, das Wetter nicht mehr als etwas schlechthin Gegebenes anzusehen und anzunehmen, sondern zu fragen, was Sonne, Wind und Regen wohl heute in Bezug auf die allgemeine Klimaentwicklung bedeuten mögen. Ein Bereich der Wirklichkeit, der einmal so selbstverständlich war wie mein Muskelspiel, ist zu einem Problem geworden, das jeden einzelnen Menschen verunsichern und zermürben muss, weil kein einzelner Mensch es lösen kann.

Dem Sonnenschein haftet heute etwas Gemachtes an, jede stärkere Windböe erinnert an eine Schuld, jeder Regenguss wirkt wie gestohlen. Gegen die restriktiven Morallehren der Vergangenheit, die den freien Genuss der Natur vor allem im Bereich der Sexualität behinderten, konnte man sich auflehnen. Gegen das neue Wissen jedoch, das die Natur vergällt und ungenießbar macht, scheint kein rationaler Einwand möglich. Dieses Wissen kann kritisch oder affirmativ, sachlich oder ironisch getönt sein, aber es begeistert nie. Es erhellt nichts, beweist nichts, bewegt nichts, weil die fatale Infusionslösung, die unablässig aus dem Tropf der Subtexte in unser Nervensystem rinnt, das graue Gift der Sorge ist. Weiterlesen

Zu viel vom Gleichen

Es wird kurz vor den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewesen sein. Die Tagesthemen bringen eine Reportage über den rust belt, die kriselnde Industrieregion im Nordosten der Vereinigten Staaten. Sie zeigen marode Fabrikgebäude, traurige Straßen, schließlich einen ehemaligen Bergmann. Er steht, die Hände in den Taschen, in der bröckelnden Kulisse und spricht von der verlorenen Zeit. Das sei ein Leben gewesen damals, sagt er und fährt fort: »Ich will wieder arbeiten, dass mir der Schweiß den Rücken runterläuft.«

Ich mag diesen Kumpel aus Ohio oder Michigan, seine lakonische Hymne an den Schweiß rührt mich. Ich fühle mit ihm. Von einer anderen Fernsehfigur, die mir stets im Gefolge dieses Bergmanns in den Sinn kommt, kann ich das nicht behaupten. Auch die Schattenfigur hat einen kurzen Auftritt in einer Fernsehreportage, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen ausgestrahlt wird. Diesmal dreht es sich um Start-ups in Seattle. Technologiefirmen. Digitalwirtschaft. Nerds und ihre kruden Ideen von numerisch kontrollierter Mitmenschlichkeit. Einer sagt sinngemäß: »Arbeitslosigkeit, Prekariat und all das müsste es gar nicht geben. Sollen die Leute doch Programmierer werden. Dann haben sie einen Job, den sie zwanzig Jahre und länger ausüben können.« Kann schon sein. Trotzdem ist mir der Kerl zuwider. Denke ich an ihn, empfinde ich tatsächlich so etwas wie Hass – wenn auch weniger der Person als dem unbedingten Technikwollen gegenüber, das sie verkörpert. Weiterlesen

Über Techno

Leuchte: Ingo Maurer, Foto: Andreas Hoernisch

Die elektronische Tanzmusik der 1990er Jahre heißt nicht von ungefähr Techno. Das Etikett zeigt an, dass Technologie bei der Erzeugung der Musik eine wesentliche Rolle spielt; außerdem ist der Name Ausdruck einer klangästhetischen Präferenz: Techno klingt technoid. Aber noch aus einem weiteren Grund ist die Bezeichnung treffend. Techno ist technisch auch in dem Sinne, dass die Musik über eine klar umrissene Funktion hinaus nichts vermittelt. Sie ist wirkungsvoll, aber bedeutungslos. Sie stimmt den Hörer auf nichts ein, sie hebelt ihn aus.

Natürlich verfolgt alle Tanzmusik tendenziell einen ähnlichen Zweck. Sie entrückt die Hörer, dazu ist sie da. Es geht um Bewegungstrance, ums Außer-sich-Sein. Die musikalischen Mittel, die sich dazu eignen, Tänzer in solch einen Zustand zu versetzen, sind seit Alters her die gleichen. Von der irischen Jig bis zum karibischen Calypso, von der mittelalterlichen Tarantella bis zum modernen Hip-Hop bezieht Tanzmusik ihre treibende Intensität aus der variierenden Repetition rhythmisch prägnanter Motive. Mit solchen „Loops“ arbeitet auch der Techno. Was seine repetetiven Schleifen von denjenigen traditioneller Tanzmusik unterscheidet, ist zum einen die Simplizität ihrer Strukturen und zum anderen die maschinenartige Präzision ihrer Realisierung. Techno ist extrem durchsichtig und extrem unpersönlich. Die enge Verwandtschaft der Musik zur Mathematik, üblicherweise durch individuelle Musizier- und Intonationsweisen sowie zahllose andere Faktoren überspielt, wird im Techno bewusst zelebriert. Während traditionelle Musik Klangbilder erzeugt, in denen sich wie in Gemälden Persönlichkeit, Kultur und Welt ihrer Macher spiegeln, lässt sich im Fall von Techno allenfalls von Sonogrammen sprechen, von Funktionsgraphen, die zwar noch Stil erkennen, aber keinen Puls und keinen Atem mehr spürbar werden lassen. Techno hat keine Physiognomie und keinen Charakter. Er hat lediglich eine Funktion – die er freilich so unumwunden und zuverlässig erfüllt wie eine Guillotine die ihre: Techno befreit bürgerliche Hedonisten von ihrer als lästig empfundenen Verkopftheit. Das ist okay. Im Tanzen triumphiert die primitive Wirklichkeit des Leibes über die hinfälligen Konstruktionen des Intellekts, und weil sich das gut anfühlt, gilt die Liebe zum Tanz naturgemäß auch der Musik, die ihn befeuert.

Doch wie jede Musik erklingt auch Techno gelegentlich außerhalb des Kontextes, für den er gemacht ist, und als Hörmusik entfaltet er eine problematische Wirkung. Verantwortlich dafür ist eben seine Weltlosigkeit, das Fehlen jener Signifikanz, die beim Hören traditioneller Musik das Gemüt anspricht und beschäftigt. Techno erzeugt Energie, nichts sonst. Und wenn diese Energie nicht in Hitze und Bewegung umgesetzt werden kann, steigt sie dem Hörer zu Kopfe. Die Musik pumpt ihn zu nervöser, nichtiger Größe auf. Sie induziert Erregung, aber sie vermittelt kein Erlebnis. Während traditionelle Musik Erfüllung sein kann, drängt Techno zur Entladung. Und diese Entladung ist Leistung – letztlich in einem ganz und gar bourgeoisen Sinne.

Dass aus dem Techno ein Kult gemacht wurde, ist nicht verwunderlich. Seine Protagonisten folgten damit dem Schema vorangegangener Jugendbewegungen, die ebenfalls im Namen radikaler Selbstentäußerung gegen das Vätermodell der rationalen Selbstbeherrschung revoltiert hatten. Verwunderlich, nein, verstörend war die Perspektive der neuen Bewegung, denn mit ihrer weltlosen, in präziser Funktionalität sich erschöpfenden Kunst propagierte sie nichts anderes als den Bruch mit der humanistischen Tradition. Implizit machten sich die Raver stark für ein rein technizistisch gedachtes Menschentum. Mit Techno wurde „Love“ zum Signum eines neuen, erstmals auch jugendbewegten Kultes um Effizienz und Hochleistung.

Technizismus

Es ist evident, dass die Praxis durch den technologischen Zugriff laufend revolutioniert wird. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt jener permanente Wandel der Verhältnisse ein, der das an die Macht strebende Bürgertum zugleich begeistert und bestürzt und den es, um beim Vorwärtsstürmen nicht zu verzweifeln, umgehend als natürlichen Gang der Dinge hinstellt. Handgriffe fallen weg, Tätigkeiten erübrigen sich, Kompetenzen werden obsolet, nicht mehr gebrauchte Talente verkümmern, nicht mehr gebrauchte Charaktere sterben aus, Berufe verschwinden, andere entstehen, um bald darauf wieder überflüssig zu werden – und dennoch stellt sich die Mehrzahl der Bevölkerung immer wieder ohne großes Murren auf die jeweils neuen Verhältnisse ein. Ludditen, Traditionalisten und Reaktionäre bleiben in der Minderheit. Der Grund dafür ist einfach: Technik überzeugt die Menschen, weil sie hält, was sie verspricht. Und sie verspricht: weniger Arbeit, mehr Spaß, längeres Leben.

Dass die Technik ihre großen Entlastungs- und Versorgungsversprechen tatsächlich immer wieder zu halten vermag, erstaunt viele Menschen. Dabei vollbringt sie keine Wunder, sondern folgt nur ihrem Prinzip; die trickreiche Bewältigung von praktischen Aufgaben ist schließlich ihre ureigenste Aufgabe. Erstaunlich ist nicht die Tatsache, dass die Technik knifflige praktische Probleme löst. Erstaunlich ist vielmehr der populäre technizistische Glaube, dass die Praxis sich komplett in technische Funktionen auflösen ließe. Nach dieser Vorstellung besteht das praktische Leben aus einer unbestimmten, aber endlichen Menge rational erfassbarer Zweck-Mittel-Relationen, über die hinaus nichts Relevantes geschieht. Anders gesagt: Das praktische Leben ist ein Set lösbarer Aufgaben und nichts sonst.

Lösungen sind aber nichts anderes als Verrichtungen, die im Hinblick etwa auf ihren Ressourcen- oder Energieverbrauch stets optimiert werden können. Da die Verrichtungen zudem mehr oder weniger Lust bereiten, ergibt sich für den Technizisten eine bestimmte Rangfolge ihrer Abarbeitung. Gut zu leben heißt nach technizistischem Verständnis, sich der weniger angenehmen Verrichtungen möglichst vollständig zu entledigen (etwa durch Automatisierung), um die gewonnene Zeit zur Optimierung der angenehmeren Lösungen zu nutzen. Da jedoch auch die angenehmsten Verrichtungen noch Arbeit machen, Ressourcen verbrauchen und Energie erfordern, hört die optimierende Tätigkeit nie auf, so dass jede Lösung stets nur weitere Lösungen nach sich zieht und die Erlösung auf immer ausbleibt – was Technizisten allerdings nicht schreckt. Sie benötigen keinen letzten Zweck, der die ewige Arbeit am Mittel rechtfertigt. Sie wünschen sich kein Glück, das über die obsessive Lust am Optimieren hinausgeht. Sie wollen nicht erlöst sein.

Oder doch? Zumindest ein regulatives Prinzip, das sie befeuert und an dem sich ihre unermüdliche Tätigkeit orientiert, muss es auch für sie geben. Dieses regulative Prinzip kann nichts anderes sein als die Idee des absoluten Optimums. Das absolute Optimum, egal ob man es als unendlich fernes Ziel oder als innigstes Antriebszentrum imaginiert, birgt keine Probleme und keine Aufgaben mehr, es ist frei von Energie, von Materie, von Lust und Unlust, von allem. Genau genommen ist es nichts. Wer nur dafür lebt, Probleme zu lösen, lebt für nichts. Technizismus ist Nihilismus.

Und diese Feststellung ist keineswegs bloß „philosophisch“ gemeint. Wir kennen in der Praxis zahllose Beispiele für technische Optimierungsprozesse, die dem Nichts als dem absoluten Optimum bedenkenlos und rücksichtslos zuarbeiten. Man denke an die Vernutzung von Lebewesen in der industriellen Tiermast. An die Zurichtung von Menschen im Hochleistungssport. An die Entleerung der Kindheit im Zeichen effizienten Lernens. An die Elendsproduktion im Zuge der arbeitsteiligen globalen Güterproduktion. An die Übernutzung der Böden, die Verpestung der Luft, die Verschandelung der Landschaften. An das elektronische Monopoli der Finanzindustrie. An die Entnaturalisierung menschlicher Bindungen zur besseren Ausbeutung menschlicher Ressourcen. An die Naturalisierung des Konsums durch Kultur- und Werbeindustrie. An die restlose Vermarktung der Seele im Zeitalter des informationstechnologischen Totalitarismus. An Kampfdrohnen. An die Atombombe.

Der Technikphilosoph Günther Anders war der Meinung, die Technik sei längst zum Subjekt der Geschichte geworden, „mit der wir nur noch ‚mitgeschichtlich‘ sind“. Das mag stimmen oder nicht.  Aber auch wenn es stimmt, ist das Leben immer noch mehr als ein Set von Aufgaben. Es fügt sich in keinen Rahmen. Es umgreift und übersteigt jeden systemischen Funktionszusammenhang. Relevant für das Leben ist in Wirklichkeit alles Geschehen, weil das Ganze in jedem Augenblick das Schicksal jedes Teils bestimmt. In dieser Weise Ganzes zu sein, ist sozusagen die Natur der Natur, der gegenüber wir auch als Titanen der Technik vollkommen abhängig bleiben. Ein Gefühl für diese Abhängigkeit zu entwickeln und zu kultivieren, wäre eine zivilisatorische Aufgabe ersten Ranges – aber eben keine technische. 

Während der Technik das Gefühl fürs Ganze vollkommen abgeht, ist es konstituierend für die Religion. Religion als die dem Technizismus entgegengesetzte Haltung zur Welt ist im Grunde nichts anderes als Feier des Lebens.