Archiv der Kategorie: Feuilleton

Vom Austernleben

Viel ist in diesen Tagen wieder vom hässlichen Deutschen die Rede, und wieder verstehen die Wohlgesinnten die Welt nicht mehr. Demütigung der Griechen? Spardiktat? Export-Übermacht? Hegemonie? Wir handeln doch vernünftig, heißt es. Und Vernunft ist doch etwas unbedingt Gutes. Und Innovation, Fortschritt, Wachstum, Tüchtigkeit, Rechtlichkeit und Rechtschaffenheit sind doch unbedingt vernünftig! Einmal mehr fühlt sich der brave Deutsche verkannt. Einmal mehr beschleicht ihn der Verdacht, die anderen setzten ihn nur deshalb herab, weil sie es ihm in fairem Wettbewerb nicht gleichtun können. Weiterlesen

Der bürgerliche Makel

Als bloß angelernter Bürger habe ich mich mit der städtischen Wirklichkeit der arbeitsteiligen Produktion, des marktorientierten Handelns und der konsumistischen Lebensweise nie richtig anfreunden können. Lange Zeit hing ich dem Glauben an, dass mein Unbehagen ein Effekt gewisser Fehlentwicklungen und Schieflagen sei, für deren Zustandekommen man lediglich einen Teil der Bürgerschaft verantwortlich machen könne. Schuld waren das Kapital und seine „gierige“ Gefolgschaft, die Bourgeoisie. Den freiheitsliebenden Citoyen dagegen, der manchmal als politischer Rebell, oft aber auch als Künstler, Literat oder Wissenschaftler in Erscheinung tritt, hatte ich stets bewundert und von jeder Kritik ausgenommen. Das hat sich geändert. Beinahe jede aktuelle Nachricht aus der Welt der Wissenschaften und Künste scheint mir ein Beleg für die Richtigkeit der Marxschen These zu sein, dass in jedem Citoyen ein Bourgeois steckt. Weiterlesen

Gergievs Nase oder Die Freiheit der Andersdenkenden

Liberalität lässt sich nicht auf ein liberales Programm, Kunst nicht auf ihre politische Funktion reduzieren. Einige westliche Kritiker des russischen Dirigenten Valery Gergiev scheinen das anders zu sehen – und reden einem gnadenlosen Konformismus im Namen der Freiheit das Wort 

Wenn das Machtspiel im Ernst beginnt, wenn also zwei Starke mit jeweils eigener Wahrheit und Weltsicht beschlossen haben, ihre Territorien neu abzustecken, dann geht dem Aufmarsch der Truppen in der Regel eine Mobilmachung der Öffentlichkeit voraus. Das Publikum des jeweiligen Lagers muss zu einer Gefolgschaft umgebildet, die schweigende, abwartende Mehrheit in eine Meute aktionsbereiter Ultras verwandelt werden. Die Fachleute, die das erledigen, nennt man Einpeitscher, Scharfmacher oder Propagandisten. Statt wie früher in Wirtshaussälen betreiben sie ihr Geschäft heute meist in „unabhängigen“ Medien, statt mit schriller Stimme werben sie im Plauderton für ihre Partei.

Fasst man den gegenwärtigen Konflikt zwischen Russland und den westlichen Demokratien ins Auge, sind die Scharfmacher der russischen Seite unschwer auszumachen. Manche tragen Strumpfmasken. Andere tragen Krawatten, sitzen in Nachrichtenstudios und machen Stimmung mit „faschistischen Umtrieben“,„traditionellen Werten“ oder dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Unsere Scharfmacher dagegen? Allem Anschein nach gibt es sie nicht. Wohin man auch schaut, ins Fernsehen oder ins Feuilleton, überall äußern sich besonnene und edelmütige, nur der Vernunft und der Wahrheit verpflichtete Sympathieträger. Sie begreifen und inszenieren sich als faire Kommentatoren des Spiels, alles Schlachtenbummlertum ist ihnen zuwider. Wenn sie Partei sind, dann nur aus guten, ja, unwiderlegbaren Gründen. Und die sprechen nun mal, sorry Russland, immer für uns. Weiterlesen

Der Flow

Ich habe es mir in den Kopf gesetzt, den Flow zu erklären, weil ich denke: Wer den Flow nicht verstanden hat, weiß gar nichts, Jon Snow*. Da der Flow keine Idee, keine Sache und kein Stil ist, sondern ein Gefühl und ein Erlebnis, erkläre ich ihn am besten erst einmal am Beispiel und erzähle, wie ich letzten Donnerstag hinein gekommen bin …

Ich war mit dem Fahrrad unterwegs zur Sixt-Station „München-Bhf. Laim-Hirschgarten“, wo der Mercedes-Transporter, den ich Tags zuvor per Online-Reservierung gebucht hatte, für mich bereit gestellt worden war, wie ich annahm und sogar erwarten durfte. Die Abholsstation war mir unbekannt, aber da ich sie in Google Maps ausfindig gemacht hatte, kannte ich den Weg und strampelte vergnügt meinem Ziel entgegen. Ich war zeitig losgeradelt, mitten hinein in einen noch jungen, strahlenden Frühsommertag. Ich freute mich auf den Ausflug mit meiner Frau, auf die Fahrt mit dem übergroßen Auto, selbst auf die voraussichtlich schweißtreibende Gartenarbeit bei der Schwiegermutter in Augsburg. Nicht zuletzt fühlte es sich überaus gut an, dass ich mich nun endlich daranmachte, den Sessel und die Kommode herbeizuschaffen, die meine Tochter schon vor Monaten auf dem Dachboden der Oma entdeckt hatte und so gern in ihrem Zimmer aufstellen wollte. Ich war also bester Dinge, selbst dann noch, als ich an der Friedensheimer Brücke anlangte und von der Sixt-Station, die laut Plan dort sein musste, weit und breit nichts zu sehen war. Weiterlesen

Der Mythos vom Sündenfall

„Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann,
der bei ihr war, auch davon, und er aß.“ 1. Mose 3

Der Mythos deutet die Welt, ohne sie auf den Begriff zu bringen. Wie ist der Kosmos entstanden? Wer bin ich? Und wie bin ich geworden, was ich bin? Was sind meine Aufgaben als Mensch unter Menschen? Woher kommt mein Unglück, meine Schuld, mein Elend? Was kann ich wissen? Wem soll ich dienen? Woran darf ich glauben? Was kommt nach dem Tode? Es sind die Grundfragen der Philosophie, die der Mythos zu beantworten sucht – aber er tut es in der ihm eigenen Weise: Seine Deutung ist Dichtung. Weiterlesen