Archiv der Kategorie: Fragmente

Die ganze Wahrheit

Eine der Grundfragen der Philosophie lautet, Immanuel Kant zufolge: Was kann ich wissen? Wenn ich dieser Frage nachgehe, wenn ich also die möglichen Grenzen des Wissbaren angeben möchte, werde ich schnell auf das Problem des Wissenserwerbs stoßen. Welche Rolle spielen Empfindung, Gefühl, Wahrnehmung und Erfahrung dabei? Welche Bedeutung kommt der Logik, dem mathematischen Denken oder der „reinen Vernunft“ zu? Und welchen Einfluss haben Kultur, Sprache, biologisches Erbe oder technische Hilfsmittel? Für eine erschöpfende Antwort auf die Eingangsfrage wären sicher alle genannten – und viele weitere – Faktoren zu berücksichtigen. Gewöhnlich hat man es jedoch mit Antworten zu tun, die von dem Standpunkt und der Sichtweise desjenigen mitbestimmt sind, der sie gibt. Mit anderen Worten: Jeder Erkenntnistheoretiker gewichtet die genannten Abstraktionen nach seiner Façon und kommt  daher zu einem je eigenen Ergebnis. In den Augen derjenigen etwa, die den kulturellen Bedingtheiten der Erkenntnis eine entscheidende Bedeutung beimessen, gibt es überhaupt gar keine absolute Gewissheit, sondern allenfalls Übereinkünfte mit mehr oder weniger gut begründetem Geltungsanspruch. Nicht wenige Logiker, Mathematiker und Naturwissenschaftler hingegen scheinen den Erklärungsprinzipien ihrer Disziplinen eine solch große Beweiskraft zuzumessen, dass sie die nach diesen Prinzipien gewonnenen Erklärungen als überzeitlich wahres Wissen ansehen. Weiterlesen

Sprachgläubigkeit

„If every word I said could make you laugh I’d talk forever.“ Dennis Wilson

Ich habe mich immer zu Heidegger hingezogen gefühlt, allein schon wegen solcher Wörter wie Gestell. Auch zu Derrida habe ich mich hingezogen gefühlt. Neuerdings fühle ich mich zu Judith Butler hingezogen. Zugleich werde ich abgestoßen von diesen Denkern. Ich schlage ein Buch auf, beginne mit der größten Neugier zu lesen und werde bereits nach wenigen Zeilen abgestoßen. Ich werde auch von Einführungen und kurzen Darstellungen, sogar von Wikipedia-Artikeln abgestoßen. Ich glaube, diese Denker haben eingesehen, dass etwas falsch läuft in der Welt und dass dieses Falsche etwas mit der Sprache zu tun hat. Aber sie verrennen sich augenblicklich, weil sie dem Falschen mit dem Falschen beikommen wollen. Sie bleiben der Sprache verhaftet. Sie wollen das Unerhörte zum Klingen bringen, wollen es einsehbar, spürbar, fühlbar, handhabbar machen (das zieht mich an ihnen an), aber sie verschmähen es, ihre Augen und Ohren aufzusperren, ihre Hände zu gebrauchen oder ihr Gefühl zu entwickeln (das stößt mich bei ihnen ab). Täten sie all dies, könnten sie vielleicht die Dichter werden, denen sie insgeheim nacheifern. Als Philosophen verstellen sie lediglich die Sicht mit neuen, frigiden Terminologien. Terminologien sind Fixsterne, um die bevorzugt Jünger, Gläubige und Ideologen kreisen. Und das sind Leute, die unter Garantie dafür sorgen, dass es weiterhin falsch läuft in der Welt. Dennoch kann ich diesen Denkern, die mir ungeheuer fremd sind, mehr abgewinnen als meinen Brüdern, den Ingenieuren und Technologen. Ich bin ihnen so nahe und kann ihnen doch nicht folgen. Ihre Sprache ist Information, ist reine, wohldefinierte Mitteilung. Manchmal scheint mir, sie hätten für diese Sprache ihre Seele hingegeben. Wie dem auch sei. Ich habe ein paar Gedanken gesammelt, die um das Problem der Sprache kreisen. Voilà. Weiterlesen

Bruchstücke II

The watchman, he lay dreaming
The damage had been done
He dreamed the Titanic was sinking
And he tried to tell someone
(
Bob Dylan, Tempest)

Mit Recht wird die Dekonstruktion des Augenscheins durch Isaac Newton als wissenschaftliche Großtat angesehen. Sie als Ursünde des modernen Denkens zu betrachten, ist dagegen ein wenig aus der Mode gekommen. Das Bild des vom Prisma in Spektralfarben zerlegten Sonnenlichts fasziniert uns als Erkenntnissymbol, aber dass an der dadurch repräsentierten Erkenntnismethode etwas faul sein könnte, will niemand mehr wahr haben. Ohne Zweifel zählt Newtons Optik zu jenen Pioniertaten, die den Konstruktivismus des wissenschaftlich-technischen Zeitalters ermöglichten, dem wir einen Großteil der Annehmlichkeiten des modernen Lebens verdanken. Waschmaschinen, Endoskopie und Energieversorgung, Autos, Computer und Internet gäbe es nicht ohne jenen Aufschwung des Ingenieurwesens, der nicht zuletzt durch die Mathematisierung der Physik und die experimentelle Zersplitterung der Erscheinungen ausgelöst wurde. Jeden Tag kommen neue Applikationen auf den Markt, die durch ihr Versprechen, das Alltagsleben zu erleichtern, indirekt die ihrer Entwicklung zugrunde liegende Erkenntnismethode zu rechtfertigen scheinen. Freilich hat dieses Verfahren nicht nur lustige Alltagshelfer, sondern auch problematische Dinge wie die Atombombe hervorgebracht. Die Dekonstruktion des Augenscheins führte in diesem Fall zur Konstruktion bestimmter Elementarteilchen und Funktionszusammenhänge, in deren Folge eine Waffe ins Leben gerufen wurde, die sich nicht mehr gegen Menschen, sondern gegen die Menschheit richtet. Vor dem Hintergrund einer solchen existenziellen (und natürlich noch immer virulenten) Bedrohung erscheint die Frage nach dem Wert der naturwissenschaftlichen Methode alles andere als trivial oder „rückwärts gewandt“. Ist in dem doppelten Ausgreifen auf Elemente und Funktionen, die jenseits der menschlichen Wahrnehmungsgrenze und außerhalb der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit liegen, die Person als Bezugsgröße nicht längst verschwunden? Hat die Naturwissenschaft in ihrer technikgestützten Jagd auf kleinste Partikel und größte Zusammenhänge den lebendigen Menschen nicht längst aus dem Auge verloren? Lebendig sind wir nur als Personen, und Persönlichkeit ist kein Ganzes aus beliebig isolierbaren Elementen und daraus abgeleiteten Funktionen, sondern eine Einheit aus verschieden getönten und aufeinander bezogenen Eigenschaften. Als Persönlichkeiten gleichen wir lebenden Bildern, Liedern oder Gedichten, als Funktionsträger sind wir bloß auswechselbare Teile einer Maschinerie. Sowohl wir selbst als auch die Natur als das größte Ganze, dem wir staunend, ratsuchend, ängstlich und forschend gegenüberstehen, zählen in der Moderne nicht. Weiterlesen

Bruchstücke I

„Viele Werke der Alten sind Fragmente geworden, viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung“, sagt der Romantiker Friedrich Schlegel. Wir produzieren Scherben, heißt das. Unsere Sachen sind von Anfang an kaputt. Es heißt aber auch: Unsere Sachen sind Bruchstücke vom Ganzen. Es liegt nicht in unserer Hand, aber es ist da: „Das Höchste ist das Verständlichste, das Nächste, das Unentbehrlichste“, sagt Novalis.

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Angeblich wächst die Sentimentalität im Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet.“ Wolfgang Herrndorf (1965–2013)

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Es ist immer gut gewesen, in den Fluss zu springen. „Die Welt sieht gleich ganz anders aus, Junge.“ Deshalb sollte ich auch jetzt, nahe der Mündung, die mörderische Brühe vor Augen, nicht zögern und springen. „Lass uns wegdriften!“ Aber ich weiß nicht. Ebensogut könntet ihr an Land kommen. Wir könnten ein Feuer machen, aufs Meer rausschauen. Und morgen in aller Frühe aufbrechen.

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Alle Welt wird bürgerlich. Ein furchtbarer Gedanke. Die ewige Betriebsamkeit und Verbesse-rungswut. Die agonale Ich-mach-dich-platt-Mentalität. Der verlogene, alle Konfessionen überwölbende Taoismus von Geld und Geist. Die Deutsche Ideologie. Der als Realitätssinn oder Vernünftigkeit getarnte Faschismus gegen die eigene Natur. Das engherzige BWLertum. Der Wissenschaftsfatalismus. Der Technikmasochismus. Der kunstmarktkonforme Kunstsinn. Die frigiden Häuser. Das abstrakte Leben. Dieses restlos enteignete Agentendasein, in das ihr euch hineingesteigert habt!

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