Archiv der Kategorie: Heimat

Pasolini

Eine Reflexion vor dem Spiegel. Ein Augenblick des Aufbegehrens. Eine Erinnerung an den Freidenker Pier Paolo Pasolini. 1975 wurde der italienische Regisseur ermordet; im selben Jahr erschienen seine Freibeuterschriften, aus denen ich im Text zitiere 

Mit sechzig kann der Blick in den Spiegel zum erkenntnistheoretischen Abenteuer werden. Normalerweise fehlt einem natürlich der Mut es anzutreten. Man hat sich kennen gelernt und nähert sich dem Spiegel mit dem festen Vorsatz sich wiederzuerkennen. Das Gegenüber ist dann nichts weiter als das durch selektive Wahrnehmung erzeugte Selbstbild, mit dem man sein ganzes Leben verbracht hat. Gewiss können plötzlich auftauchende Flecken und Eintrübungen den Erkenntnisakt zu einer deprimierenden Angelegenheit machen. Die fahle Haut, das stumpfe Haar. Die selbst verschuldete Dicklichkeit. Die Zeichen des allgemeinen Verfalls, die beim besten Willen nicht mehr zu übersehen sind. Trotzdem wird das Bild im Großen und Ganzen den Vorstellungen entsprechen, die man sich davon gemacht hat. Zum erkenntnistheoretischen Abenteuer wird die Geschichte eher in jenen Momenten, in denen ich plötzlich und unvorbereitet auf mein Abbild stoße. Wenn ich es etwa unversehens in einem spiegelnden Schaufenster entdecke, kann die Wahrnehmung der Witzfigur, die mich aus dem Glas heraus anglotzt und dabei jeder Vorstellung spottet, zum Augenblick der Wahrheit werden. Weiterlesen

Liebe Gemeinde

Ich hatte nicht gedacht, dass er noch existiert und erschrak deshalb fast, als ich ihn neulich zwischen alten Dokumenten fand: meinen offenen „Brief an die Freunde“ von 1979. Nach der Lektüre legte ich die vergilbten Schreibmaschinenseiten enttäuscht beiseite. Ich wollte etwas erklären damals, wollte meinen Freunden eine aus innerem Erleben gewonnene Erkenntnis plastisch vor Augen führen. Aber es misslang. Alles ist gut, solange ich die Liebe Gemeinde im Blick habe und einfühlsam beschreibe, der Rest ist Geschwurbel. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Brief noch einmal – wenn auch nur auszugsweise und mit neuen Erklärungsansätzen versehen –  zu veröffentlichen. Weil es eine Erkenntnis fürs Leben wardie ich damals gewonnen hatte. Und weil ich sie immer noch teilen möchte.

Ich spüre eine Kluft zwischen uns. Ich will versuchen, dieses Gefühl der Distanz zu beschreiben … So beginnt der Brief, den ich 1979 „an die Freunde“ schrieb. Die Kluft hatte sich nicht plötzlich aufgetan. Einen Riss oder einen Spalt hatte es wohl immer gegeben. Wir liefen daran entlang, jeder auf seiner Seite, und taten so, als wäre nichts. Kein Problem. Mit Mitte zwanzig klebt der Blick am Horizont, nicht am Boden. Dass ich es überhaupt bemerkte, hatte vielleicht mit ein paar Umbrüchen im Privatleben zu tun. Die Freundin war mir abhanden gekommen, ferner die Illusion, das Mathematikstudium doch noch irgendwie abschließen zu können. Zwei Feuer ausgegangen, die Asche des Scheiterns im Mund: Das kann einem den Kopf schon mal nach unten ziehen. Hinzu kamen wohl Auswirkungen der allgemeinen kulturellen Tektonik. Es hatte Erschütterungen gegeben; etwas war zerbrochen im Untergrund. Und die Schollen drifteten auseinander.

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All you need ist ein Bikini

„It’s easy“ – The Beatles

In dem Sommer, als die Monsters anfingen, eigene Sachen zu spielen, war ich vierzehn und liebte ein Mädchen namens Gisela. In einer Konzertpause fasste ich den Entschluss, es ihr zu sagen. Ich schlen­derte zu ihr rüber und konfrontierte sie mit der alles entscheidenden Frage: „Kommst du mit in den Wald?“ Was ich mit Gilla in dem Wäldchen hinter dem Münchhausen Berggarten vorhatte, ich meine, was dort passieren musste, war mir theoretisch klar. Ich würde ihre Hand ergreifen, wir würden stumm nebeneinander hergehen, bis wir im Paradies angelangt wären. Dort würden wir die Arme umeinander schlingen und uns küssen von Ewigkeit zu Ewig­keit. – Soweit die Theorie. Weiterlesen

Wen hörst du?

„Es war eine Zeit aus erster Qualität – wie echte chinesische Seide“ André Heller

„Dir soll es mal besser gehen als uns.“ Natürlich kapierte ich schon als Kind, was meine Eltern damit meinten. Sie hatten ja Krieg, Gefangen­schaft und überhaupt schlimme Zeiten durchlitten und wollten, dass ich so etwas nicht erleben muss. Sie waren ja in vielerlei Hinsicht unfrei gewesen und wollten mir ein freies, selbst be­stimmtes Leben ermöglichen. Das verstand und respektierte ich – leiden mochte ich den Spruch trotzdem nicht. Wahrscheinlich störte mich das Wörtchen „soll“, das den oft geäußerten Wunsch zuweilen wie einen Befehl klingen ließ. Und ein Imperativ, die Aufforderung nämlich, immer schön brav und fleißig zu sein, damit aus mir „mal etwas werde“, steckte ja wohl auch dahinter. Vielleicht hatte ich es nötig. Einen inneren Druck jedenfalls, mich aus einem irgendwie gearteten Elend herauswinden zu müssen, verspürte ich keineswegs. Ging es uns doch damals, Ende der fünfziger Jahre, schon überaus gut. Konnte es einem überhaupt noch besser gehen? Das frage ich mich heute, ernüchtert auf den Optimierungsrausch der vergangenen Jahrzehnte zurückblickend,  wieder. Weiterlesen