Archiv der Kategorie: Modernekritik

Über die Armut

Ich habe nichts gegen Reiche, solange sie nicht die Herrschaft übernehmen. Ich habe nichts gegen den Markt, solange er nicht über meine Wünsche gebietet. Ich habe nichts gegen Technik, solange sie mich nicht knechtet. Ich habe nichts gegen Genuss, solange er mir nicht den Verstand raubt. Ich habe nichts gegen den Verstand, solange er sich nicht gegen mich wendet. Aber das tut er. Er rät zur Kapitulation und verspricht im Gegenzug ungeahnte Sinnenfreuden, große Bequemlichkeit, maximale Zerstreuung und ja, auch Reichtum. Aber ich will nicht reich sein. Ich sehne mich nach Armut. Weiterlesen

Was ist modern? Vier Versuche.

Wer sich mit Zeitgenossen verständigen will, muss ihre Sprache sprechen. In dieser Hinsicht sind die folgenden Überlegungen modern, wie ich hoffe. Modernität als Ideologie und Haltung erscheint mir jedoch seit langem fragwürdig. Zwei Aufsätze, einen Dialog  und ein Treatment später hat sich an dieser Einstellung nichts geändert.

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Der eingebildete Himmel

Im Namen eines beinharten Feminismus betreiben Pädagogen und Politiker die „Entnaturalisierung“ von Geschlecht und Familie. Leider verkennen die Befreiungssexologen die Natur der Kultur. Des Heiligen beraubt kippt sie ins Bodenlose. Was bleibt, ist eine zum Sprachspielhimmel verklärte Machtspielhölle

Das Wort „anständig“ zum Beispiel: Es geht einem so leicht über die Lippen und fühlt sich in seiner scheinbar alle Moralität einschließenden Bündigkeit so natürlich, gut und richtig an, dass der Abgrund, der sich in ihm auftut, kaum noch wahrnehmbar ist. Und doch zählt „anständig“ spätestens seit der Posener Rede Heinrich Himmlers („Dies durchgehalten zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht“) zu den unheimlichsten Wörtern der deutschen Sprache. Die Nationalsozialisten haben unsere Muttersprache so gründlich missbraucht, dass sie bis auf den heutigen Tag zuweilen verdächtig hohl klingt. Die Demokratie hat der Sprache gut getan, das ist wahr, allerdings wäre es naiv zu denken, sie sei seit 1945 oder 1968 oder 1989 von ideologischer Vereinnahmung und Verzerrung vollkommen frei. Gerade die voll tönenden Schlüsselbegriffe der marktkonformen Demokratie sind es nicht. Das Wort Freiheit bewegt Nationen, schrieb Novalis einmal; heute mobilisiert „Freiheit“ vor allem Konsumenten. Das Wort „Arbeit“ diszipliniert ganze Bevölkerungen. Das Wort „Markt“ verhext die ganze Welt. Wir haben es mit Zauberworten zu tun, mit Machtworten. Weiterlesen

Alterskitsch

Kulturpessimismus aus der hinterwäldlerischen Perspektive! Bis zur Lachhaftigkeit schwarzseherisch und schönfärberisch! Alterskitsch! Jawohl Alterskitsch, bei dem Gegenwart und Zukunft zuverlässig abkacken und alles Gewesene leuchtet! Es ist nicht zum Aushalten, sagt der Kritiker, als was für ein rückwärts gewandtes Arschloch du dich in diesen Texten präsentierst. Das hätte ich nie von dir gedacht!

Die Vorwürfe überraschen mich nicht. Ich frage mich praktisch jeden Tag, ob ich eigentlich noch bei Trost bin. Ich ringe um Rechtfertigung. Zum Beispiel bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, wie gut es mir und den Meinen eigentlich geht. Ich weiß das zu schätzen, wahrscheinlich besser als mein Kritiker, der Beamtensohn, der Bourgeois. Wie ich nicht müde werde zu betonen, wurde ich im Mittelalter geboren. Ich entstamme einer Dynastie von Kleinköttern und Halbmeiern, von Knechten und Mägden. Wir lebten im Schatten der Bauern und Barone, bis der im 19. Jahrhundert einsetzende industrielle, demokratische und soziale Aufschwung schließlich auch uns erfasste, so dass wir an der Seite unserer Brüder ein wenig zur Sonne, zur Freiheit aufschließen konnten. Die Butter auf dem Brot bedeutet mir etwas, auch die gute zahnmedizinische Versorgung, die Rechtssicherheit, die freie Presse, der Friede. Das ist gerade das Peinliche: Wer heute in einer Stadt wie München lebt und einen Job hat, kann sich nicht über einen Mangel an Freiheitsrechten, an kulturellen Spielräumen, an sozialen Versorgungsleistungen, an Angeboten aller Art beschweren – und doch vermisse ich das meiste. Weiterlesen

Imperium

Ist die Natur ein Herrschaftsapparat, gegen den man sich zur Wehr setzen muss, wie die Philosophin Judith Butler glaubt? Ist sie identisch mit dem Imperium der modernen Physik? Wie weit müssen wir gehen, um frei zu sein?

Aussehen, Charakter, Geschlecht, Krankheit, Alter, Tod: Es gibt es nichts, mit dem wir uns abfinden müssten. Judith Butler wenigstens scheint es so zu sehen. Für die amerikanische Queer-Theoretikerin ist alles Gegebene ein Gespinst, die Biologie ein Ammenmärchen, die Natur eine Diktatur. Nun hat vermutlich selbst die berühmte Philosophin nichts gegen klares Wasser, frische Luft oder eine schöne Landschaft einzuwenden. In letzter Konsequenz ist es wohl der mechanistische, materialistische Naturbegriff der neuzeitlichen Naturwissenschaft, gegen den sie rebelliert. Die deterministische Natur der klassischen Physik ist eine Diktatur, und die Vorstellung, sich davon emanzipieren zu wollen, ist vielleicht verrückt, zeugt aber auch von einer zutiefst menschlichen Sehnsucht nach Freiheit.

Woher bezieht dieser unbedingte Freiheitsdrang seine Energie? Welche Instanz oder Kraft ist es, die jede Bindung als Fessel ansieht, die es zu sprengen gilt? Meist behilft man sich mit der Vorstellung irgendeines Triebgeschehens oder klebt das Etikett „Begehren“ auf die Black Box mit dem mysteriösen Wirkstoff. Und wenn nun die Instanz der Intellekt und die Kraft das Denken wäre? Ich glaube, Judith Butler sieht es so: Ihre Philosophie scheint bei aller „Postmodernität“ mit dem erzmodernen cartesischen Dualismus von Materie und Geist als einer metaphysischen Grundvorstellung zu operieren. Emanzipation von der Natur bedeutet in dieser Tradition eine Vergeistigung des Lebens (die freie Bestimmung des Geschlechts, die sich in gewissen Sprechakten und politisch-solidarischen Aktionen manifestieren und befestigen mag, ist als Wahl zuallererst ein geistiger Akt). Weiterlesen

Mit seinen Eichen, seinen Linden …

„Welcome to the German Century“ titelte unlängst das Magazin Newsweek. Sind die jetzt vollkommen übergeschnappt? Wissen die gar nichts von uns? Ein kurzer Beitrag über das Wesen, an dem die Welt auch im 21. Jahrhundert nicht genesen wird 

Sollen sie Autos, Motorsägen und Druckmaschinen bauen, aber der Kult um das deutsche Maschinenbauertum ist mir peinlich. Das ist ein Aspekt von Deutschland, der mich krank macht. Wenn fortwährend gesagt wird: Wir sind die Autobauer, die Motorsägenbauer, die Druckmaschinenbauer der Welt und sonst nichts. Wenn selbst den Krankenschwestern aus Ghana, den griechischen Gastwirten und den ostwestfälischen Kunstmalern von früh bis spät das deutsche Maschinenbauertum gepredigt wird. Wenn schon den Ungeborenen das Ingenieurwesen eingepflegt und eingeflüstert wird. Werde Kraftwerkbauer, Baby, oder wenigstens Kraftwerkimitator. Denn wir sind die Roboter. Denn das ist die Zukunft, und die Zukunft ist immer das Rechte. Aber ich halte diese Behauptung, diese Selbstbehauptung, für eine aus Angst geborene deutsche Lüge. Sogar „Dichter und Denker“ beschreibt uns besser. Erst recht „Schlafmützen und Tagträumer“. Heine wusste das noch, als er dichtete: „Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft, unbestritten.“ Weiterlesen

Vom Kinderkriegen

Reproduktionstechniken werden salonfähig. Wer es wagt, die „wissenschaftliche Bestimmung von Leben und Tod“ zu kritisieren wie Sibylle Lewitscharoff vor einigen Monaten, muss mit Kaltstellung rechnen. Mein Beitrag beleuchtet einen bislang kaum beachteten Aspekt der Debatte, nämlich den der Kommerzialisierung des Lebens. Nicht wegen der Künstlichkeit als solcher lehne ich die reproduktionstechnischen Verfahren ab, sondern weil alles Gemachte einen Markt macht …

Bis vor wenigen Jahrzehnten wussten wir alles Notwendige übers Kinderkriegen. Dass ein Mann und eine Frau sich zusammentun müssen. Dass sie durch Zeugung, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt zu Vater und Mutter werden. Dass ein Kind, jedes Kind, in eine Familie hineingeboren wird. Es war die natürlichste Sache der Welt und ein Heiligtum. Deshalb lässt uns noch heute jede Nachricht erschaudern, die Fortschritte bei der Manipulation des Unverfügbaren vermeldet. In-vitro-Fertilisation. Präimplantationsdiagnostik. Embyonenfor­schung. Leihmutterschaft. Klonen. Zweifellos verweisen diese Begriffe auf technisch fortgeschrittene Methoden und Praktiken. Aber sind sie auch fortschrittlich im Sinne einer vernünftigen, einer segensreichen Einrichtung für alle? Oder sind sie Ausdruck jener „Entwicklung ohne Fortschritt“ (Pier Paolo Pasolini), die jedes Wissen in eine Ware verwandelt?

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