Das graue Gift der Sorge

Denaturierung bezeichnet eine strukturelle Veränderung von Biomolekülen (…), die in den meisten Fällen mit einem Verlust der biologischen Funktion dieser Moleküle verbunden ist, obgleich deren Primärstruktur unverändert bleibt. (Wikipedia)

Denaturiertes Klima
Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungs-Gegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer. Du und ich sagen dies und das. Einer begreift die Klimafrage vielleicht als sittliche Aufgabe, verkauft sein Auto und setzt sich für eine „klimaneutrale Energiepolitik“ ein. Ein anderer legt sich Scheuklappen und einen SUV zu. Aber selbst die leichtesten Scheuklappen sind fühlbar, und selbst unbedingtes Engagement befreit nicht von allen Lasten: Uns alle bringt das Wissen um die Machbarkeit des Klimas in die unglückselige Lage, das Wetter nicht mehr als etwas schlechthin Gegebenes anzusehen und anzunehmen, sondern zu fragen, was Sonne, Wind und Regen wohl heute in Bezug auf die allgemeine Klimaentwicklung bedeuten mögen. Ein Bereich der Wirklichkeit, der einmal so selbstverständlich war wie mein Muskelspiel, ist zu einem Problem geworden, das jeden einzelnen Menschen verunsichern und zermürben muss, weil kein einzelner Mensch es lösen kann.

Dem Sonnenschein haftet heute etwas Gemachtes an, jede stärkere Windböe erinnert an eine Schuld, jeder Regenguss wirkt wie gestohlen. Gegen die restriktiven Morallehren der Vergangenheit, die den freien Genuss der Natur vor allem im Bereich der Sexualität behinderten, konnte man sich auflehnen. Gegen das neue Wissen jedoch, das die Natur vergällt und ungenießbar macht, scheint kein rationaler Einwand möglich. Dieses Wissen kann kritisch oder affirmativ, sachlich oder ironisch getönt sein, aber es begeistert nie. Es erhellt nichts, beweist nichts, bewegt nichts, weil die fatale Infusionslösung, die unablässig aus dem Tropf der Subtexte in unser Nervensystem rinnt, das graue Gift der Sorge ist.

Denaturierte Leiblichkeit
Sorge und Freiheit bedingten einander, heißt es. Beides gehöre zum Zivilisationsprozess. Mehr Freiheit von natürlichen Gegebenheiten führe unweigerlich zu mehr Verantwortung für die Natur. Zu Förstern der Welt seien wir bestellt. Gewissenhaft hätten wir uns einzusetzen für den Naturschutz, für die ökologische Landwirtschaft, für ein ressourcenschonen­des, nachhaltiges Wirtschaften, für grüne Technologien, für eine bioethisch korrekte Entwicklungsplanung, ganz allgemein für ein vernünftiges Zusammenwirken von Freiheit und Fürsorge. Wie das aussehen kann, lässt sich im Bereich der leiblichen Gesundheit sehr eindrücklich studieren.

Der Leib als inkarnierte Natur versteht sich zwar von selbst. Das leibliche Sein eines Menschen des 21. Jahrhunderts ist so wenig fragwürdig wie das einer Katze, eines Affen oder eines Neandertalers. Wer seine Atemtätigkeit, seinen Herzschlag, den Blutkreislauf oder die Stoffwechselvorgänge fortwährend in Frage stellt, womöglich um „bewusst zu leben“, hört auf zu leben. Jedoch genügt sich der Leib nicht selbst. Alle Organismen interagieren mit der Umwelt, und die sogenannten höheren Lebewesen müssen sich dauernd um ihren Leib kümmern, weil er Nahrung, Zuwendung, Schutz, Pflege, Stimulanz und gelegentlich auch Medizin braucht. Nun ist medizinische Fürsorge nicht zu verachten. Sie schenkt Freiheit von Leiden und zählt zu den höchsten kulturellen Gütern. Paradoxerweise macht jedoch die Überversorgung mit medizinischem Wissen die Gesundheit heute unmöglich, weil es jede kleinste Abweichung von einer erträumten – und aus ökonomischem Interesse propagierten – Idealbefindlichkeit, mithin jede Unpässlichkeit, als behandlungsfähige und behandlungswürdige Krankheit stempelt. Dabei kompliziert der endlose Streit über „wahres“ und „falsches“ medizinisches Wissen das Problem noch. Bekanntlich ist das Wissen um Gesundheit, Krankheit und Heilung inzwischen zu einem derart unübersichtlichen Dschungel aus Erkenntnissen, Halbwahrheiten, Mythen, Gerüchten und Lügen herangewuchert, dass niemand mehr ohne Wegweiser hindurchsteigt. Weil aber keiner sicher sein kann, welcher Pfeil in die Freiheit weist und welcher in die Irre führt, begleiten quälende Sorgen den Weg durch die kognitiven Finsternisse. Den Ängstlichen bereitet jeder Schritt Schmerzen. Überall lauern Gesundheitsrisiken und Krankmacher, die Luft zittert vom Getöse der Ratschläge und Warnungen. Helm auf, oder du verunglückst! Eincremen, oder du stirbst an Krebs! Achtung, Milben, Zecken, Feinstaub! Laufend Blutdruck kontrollieren! Elektrosmog meiden! Killerstoffen in der Nahrung ausweichen! Kein Fleisch! Kein Weizen! Im Haus bleiben! Im Bett bleiben! Nicht rühren! Still, still! Gleich kommen die Medikamente, die Drogen, die neuesten Informationen

Übertrieben, zugegeben, aber am Faktum und an der Tendenz besteht kein Zweifel.  Und wenn die Denaturierung des Klimas als Luxusproblem abgetan werden kann, ist die Denaturierung der Leiblichkeit schon heute eine Volksseuche. Ein chronisches Übel ohne Aussicht auf Besserung übrigens, weil seine Heilung von mächtigen Wirtschaftsinteressen planmäßig hintertrieben wird.

 Denaturiertes Wachstum
„Die Erde ist nur noch dazu da, dass die Pflanzen nicht umfallen“, sagte ein Landwirt neulich im Fernsehen. Mit der pointierten Formulierung wollte er darauf hinweisen, dass unsere laienhaften Vorstellungen vom pflanzlichen Wachstum hoffnungslos romantisch und vollkommen obsolet sind. Zumindest in der industrialisierten Landwirtschaft ist das Wachstum heute ein in jeder Phase von Menschen gesteuerter Gestaltungs- und Produktionsprozess, der vom bewussten Design des Saatgutes über die kontrollierte Nährstoffzufuhr während der Wachstumsphase bis hin zum Produkt-Branding bei der Ernte reicht. Nur insofern wachsen die Pflanzen noch natürlich (vgl. oben), als ihnen die biochemischen Stoffwechsel-Programme als Vermächtnis einer selbstregulativen Vorzeit weiterhin zu eigen sind. Alles andere gehört der Kultur. Im Prinzip gilt das nicht erst seit gestern. Schon seit dem Beginn der Getreide-Kultivierung im Zuge der Neolithischen Revolution vor zwölftausend Jahren gehören Nutzpflanzen nicht mehr ganz sich selbst. Dass sie jedoch in den letzten Jahren rapide an Eigentümlichkeit eingebüßt haben, kann niemand leugnen, dessen Geschmackssinn noch halbwegs intakt und dessen soziales Gewissen noch nicht vollends verkümmert ist.  Zum einen mangelt es industriell erzeugten Feldfrüchten an Charakter; ihr Erscheinungsbild gleicht sich immer mehr ihrem Begriff an, während ihre Substanz zunehmend verwässert; sie reizen und sättigen noch, munden aber nicht mehr. Zum anderen weist der aggressive Ökonomismus der an der industriellen Nahrungsmittelproduk­tion beteiligten Konzerne, Forschungseinrichtungen, Interessenverbände und Behörden, die die Produktionsverhältnisse in der Landwirtschaft bereits heute maßgeblich bestimmen, in eine Zukunft vollständigen Ausgeliefertseins. Ästhetisch gesehen läuft die Kommerzialisierung des Wachstums auf vollendeten Kitsch hinaus, gesellschaftspolitisch droht der Hyper-Faschismus eines globalen Menschenmastbetriebs. Die Denaturierung des Klimas beeinträchtigt das Leben bloß, die Denaturierung des Leibes und des Wachstums beschädigt es.

Denaturiertes Leben
In populärwissenschaftlichen Beiträgen über die Biologie des Menschen sind Gehirne als Demonstrationsobjekte ein wenig aus der Mode gekommen. Auch über typische Merkmale wie den aufrechten Gang, den opponierbaren Daumen oder den Denkapparat reden die Wissenschaftsverkäufer im Fernsehen zur Zeit eher selten. Nicht was uns auszeichnet vor anderen Lebewesen, sondern was wir mit fast allen gemein haben, macht heute Quote. Dass wir mit Hausschweinen nahezu das komplette Genom teilen. Dass wir zu soundsoviel Prozent Fruchtfliegen sind. Solche Vergleiche verblüffen, aber sie beruhigen auch, verschaffen sie dem Zuschauer doch das gute Gefühl, das auch einen absoluten Herrscher früherer Zeiten wohlig durchströmt haben mag, wenn er sich ausnahmsweise zu dem Zugeständnis herabgelassen hatte, er sei auch nur ein Mensch. Vielleicht rühren sie sogar an das tiefreligiöse Gefühl der Verbundenheit mit Allem, das ja stets durch die Hinwendung zum Geringsten seine größte Wirksamkeit und Macht entfaltet hat. Von der Seligpreisung der „geistlich Armen“ allerdings, dem revolutionären Herzstück der Bergpredigt, bleibt in der Wissenschaftssendung nur der profane Trost übrig, der da lautet: Du bist auch nur ein Naturwesen.

Dass wir zuweilen nichts lieber sein möchten, sieht man daran, dass sich nichts so gut verkauft wie Natur. Nicht nur im Joghurt ist sie gefragt, sondern auch im Urlaub, in der Heilkunde, beim Hausbau, in der Mode, der Kosmetik, der Politik, der Liebe, eigentlich überall. „Powered by Nature“, ein Slogan nach unserem Geschmack, steht auf Geschirrspülmittelflaschen. „Natürlich aktiv“ will eine „Powerfrucht“-Zubereitung sein. Der Schlachtgroßbetrieb Agrimeat stempelt furchtlos „Natürlich lecker!“ auf seine Industriefleischpackungen. So groß ist das Verlangen nach einer unverstellten Wirklichkeit, dass wir geneigt sind, selbst den unzuverlässigsten Schildern in Richtung Natur nachzugehen.

Allerdings nur zeitweise. Naturwesen oder zumindest der Natur zugewandte Wesen sind wir nur in unserer Eigenschaft als Konsumenten, im Berufsleben jedoch, als Produzenten von Dingen oder Ideen, sind wir Kultur-Schaffende. Das heißt, wir initiieren, gestalten, managen, propagieren und realisieren genau jene Denaturierungsprozesse, von denen wir uns nach Feierabend freikaufen wollen.

Im großen Theater der Doppelbindung erscheint das Leben manchmal noch wie eine ferne Erinnerung.

Das Leben, das sich von selbst verstand, ehe es sich in Frage stellte. Die Kindheit, die ein Glücksfall und ein Spiel war, ehe sie ein Business Case wurde. Die Jugend, die den Aufbruch verkörperte, ehe sie im Altersheim verdämmerte. Die Arbeit, die nicht mehr gut tut, seit sie gar nicht mehr getan werden muss. Das wilde Denken, das im Gehege der politischen Korrektheit verkümmerte. Der Fels der Intimität, den die digitale Wirtschaft zum Steinbruch machte. Das Geschlecht, das ein Eigentum war, bevor es eine Handelsmarke wurde. Die Zeugung, die ein menschlicher Akt war, bevor sie zum medizintechnischen Vorgang verkam. Die Schwangerschaft, die ein Segen war, bevor sie zum Risiko wurde. Der Tod, der zu seiner Stunde kam, ehe er sich als Dauergast in der durchsorgten Existenz einnistete.