Die ganze Wahrheit

Eine der Grundfragen der Philosophie lautet, Immanuel Kant zufolge: Was kann ich wissen? Wenn ich dieser Frage nachgehe, wenn ich also die möglichen Grenzen des Wissbaren angeben möchte, werde ich schnell auf das Problem des Wissenserwerbs stoßen. Welche Rolle spielen Empfindung, Gefühl, Wahrnehmung und Erfahrung dabei? Welche Bedeutung kommt der Logik, dem mathematischen Denken oder der „reinen Vernunft“ zu? Und welchen Einfluss haben Kultur, Sprache, biologisches Erbe oder technische Hilfsmittel? Für eine erschöpfende Antwort auf die Eingangsfrage wären sicher alle genannten – und viele weitere – Faktoren zu berücksichtigen. Gewöhnlich hat man es jedoch mit Antworten zu tun, die von dem Standpunkt und der Sichtweise desjenigen mitbestimmt sind, der sie gibt. Mit anderen Worten: Jeder Erkenntnistheoretiker gewichtet die genannten Abstraktionen nach seiner Façon und kommt  daher zu einem je eigenen Ergebnis. In den Augen derjenigen etwa, die den kulturellen Bedingtheiten der Erkenntnis eine entscheidende Bedeutung beimessen, gibt es überhaupt gar keine absolute Gewissheit, sondern allenfalls Übereinkünfte mit mehr oder weniger gut begründetem Geltungsanspruch. Nicht wenige Logiker, Mathematiker und Naturwissenschaftler hingegen scheinen den Erklärungsprinzipien ihrer Disziplinen eine solch große Beweiskraft zuzumessen, dass sie die nach diesen Prinzipien gewonnenen Erklärungen als überzeitlich wahres Wissen ansehen.

Der erkenntnistheoretische Optimismus der Szientisten kann umschlagen in Tyrannei der Wahrheit. Wahrscheinlich resultieren die meisten politisch wirksamen Reinheitslehren (Eugenik, Ökonomismus, Rassismus, Marxismus, Bürokratismus, Technizismus) aus der mangelnden Einsicht wohlgesinnter Wissenschaftler in die Tatsache, dass die Welt der quantifizierbaren Fakten kleiner ist als die Welt, in der wir leben. Aber auch erkenntnistheoretische Toleranz ist nicht per se menschenfreundlich. Wenn Relativisten den Respekt vor der Wahrheit des anderen bis zur moralischen Indifferenz verabsolutieren, wird die Wahrung des Prinzips buchstäblich durch die Verwahrlosung der Welt erkauft.

Beide Positionen haben natürlich auch etwas für sich. Erkenntnistheoretischer Relativismus kann zum Beispiel helfen, jenen weltanschaulich-religiösen Bewegungen die Stirn zu bieten, die mit absolut gesetzten „Wahrheiten“ ihr demagogisches Spiel treiben. Szientistischer Realismus wiederum macht sich nützlich, indem er zum Beispiel die Technikentwicklung durch die Bereitstellung von Grundlagenwissen befördert – was allerdings ein in vieler Hinsicht fragwürdiger Vorzug zu sein scheint. Bedarf die Technologie überhaupt noch genuin menschlicher Erkenntnisse oder ist nicht die Technisierung sogar der Grundlagenforschung bereits so weit fortgeschritten, dass auch wissenschaftliche „Wahrheit“ längst ein technisches Produkt ist? Entwickeln wir uns als erkennende Wesen weiter, wenn wir uns dieser Wahrheitsproduktion unterwerfen, oder sind wir dabei, uns überflüssig zu machen? Wem nützt der Nutzen der Technik? Welchen Wert hat der Fortschritt, der uns dahin gebracht hat, nicht mehr als wahr anzusehen, was einleuchtet, sondern was funktioniert?

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Was Gelehrte über die Bedingtheiten der Erkenntnis zu wissen meinen, muss niemanden interessieren. Der Alltagsverstand sagt uns in den allermeisten Fällen schon, was Sache ist. Er weiß zum Beispiel, dass der Wahrheitsgehalt von Aussagen wie „Dieses Bild ist schön“ oder „Wir leben in der besten aller Welten“ schwierig zu bestimmen ist. Dass eins plus eins zwei ergibt, weiß er dagegen mit Sicherheit. Moralische und ästhetische, aber auch politische Gegenstände blendet er daher oft aus, während er für mathematisch-naturwissenschafliche Objekte naturgemäß eine Schwäche hat (Geld zählen).

Allerdings sind mathematische Sätze oder physikalische Theorien zuweilen so rätselhaft, dass der Alltagsverstand gar nicht beurteilen kann, ob sie für sich genommen etwas Wahres ausdrücken oder nicht – was ihn freilich auch gar nicht sonderlich bekümmert.  Weil er rational nur in dem Maße ist, als Rationalität im Interesse des Subjekts liegt, dem er dient, hat er ein recht pragmatisches Verhältnis zur Wahrheit: Sie ist ihm recht, solange sie seinem „Herrn“ nützt, ansonsten ist sie ihm schnuppe. Der Alltagsverstand fragt, was bei der Wahrheit herausspringt.  Womit ist zu rechnen? Was ist der praktische Effekt? 

Letztlich beten wir die vermeintlich unerschütterlichen Wahrheiten der mathematisch fundierten Naturwissenschaft nicht als solche an. Wir beten sie ob ihrer technischen Hervorbringungen an, die wir als wahre Offenbarungen ansehen, weil sie leisten, was sie versprechen. Jedes Haus, das dem Sturm standhält, bekräftigt die Wahrheit der Bautechnik. Jeder erfolgreiche Download bestärkt uns in dem Glauben an die Wahrheit der Informationstechnik. Jedes Mal, wenn wir den Wasserhahn aufdrehen oder das Licht einschalten, geben wir der Technik als solcher recht. So verleitet uns das Funktionieren vieler Dinge, die wir Tag für Tag erfolgreich nutzen, zu dem Glauben an die Technik als Quelle unbedingter Wahrheit.

Dieser Glaube ist fatal. Denn Technik als solche hat nicht das geringste mit Wahrheit zu tun. Wahrheit ist Anschauung, Technik ist Veränderung der Wirklichkeit. Wahrheit ist vorhanden oder nicht vorhanden, Technik wird erzeugt. Wahres Wissen genügt sich selbst, technisches Wissen dient praktischen Zwecken. Seiner Natur nach zielt es darauf ab, für jeden beliebigen Zweck das geeignete Mittel bereitzustellen. Von den Fesseln praktischer Vernunft befreite Technologie emanzipiert das Mittel vom Zweck. Die Frage, wozu etwas gut sein soll, ist dann obsolet, weil das Mittel jeden Zweck heiligt. In genau diese fatale Situation hat der Technikglaube uns geführt: Wir tun, was wir können, und können nichts mehr dagegen tun.

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Was ist das Höchste? Was kann ich über die Welt als ganze in Erfahrung bringen? Die Standardantwort der Öffentlichkeit auf solche Fragen lautet: Die Welt ist komplex, und das Komplexe ist für Experten. Okay? Nein, überhaupt gar nichts an dieser Aussage ist okay. Sie operiert mit nichts sagenden Begrifflichkeiten und begründet daher nichts. Sie errichtet Tabus des Denkens, Handelns und Fühlens. Im Grunde ist sie ein im Gestus frömmelnder Unterwürfigkeit vorgetragenes Machtwort. Und sie ist falsch. Denn Experten sind Fachleute, was heißt, dass sie allenfalls für jene Teile des Ganzen zuständig sein können, die in ihr Fach fallen. Auskünfte über die Welt als ganze wird man von einem vernünftigen und wahrhaftigen Physiker, Logiker oder Mathematiker gerade nicht bekommen.

Fragen zum Ganzen kann ich nicht delegieren. Ich muss sie selbst beantworten. Denn kein anderer, egal ob meine Mutter, mein Pastor, mein Philosophielehrer, mein Psychotherapeut oder Stephen Hawking, sieht die Welt mit meinen Augen. Kein anderer kann meinen Platz in der Welt einnehmen. Kein anderer hat erfahren, was ich erfahren habe. Zwar mögen andere in mir bloß ein Aggregat von Gattungsmerkmalen sehen, zwar mag ich mich selbst immer mehr zum bloßen Klischee eines Menschen gemacht haben, doch weiß ich andererseits mit größter Bestimmtheit, dass ich weder den Zuschreibungen der anderen noch meinem eigenen Selbstbild ganz entspreche. Ich bin in vielerlei systemische Abläufe eingebunden, bin gefangen in meinen Rollen als Sohn, Vater, Ehemann, Staatsbürger und Zeitgenosse, bin in meinem ganzen Denken und Handeln sehr stark durch sprachlich gefasste Maximen beeinflusst. Es mag sogar sein, dass ich den größten Teil meines bewussten Lebens im Gehäuse der Sprache zubringe. Aber die Sprache ist ganz gewiss nicht das Heim meines Daseins, schon gar nicht ist sie das „Haus des Seins“ (Heidegger). Jedes Domizil – auch die stolzen Gebilde der Wissenschaft, der Technik und der Zivilisation – steht draußen unterm freien Himmel, und diese umfassende Welt ist meine reale, meine einzige, meine wahre Heimat. In ihr bin ich der, der ich bin. Allerdings bin ich schon nicht mehr mein eigen, wenn ich das Ganze zu erklären trachte oder handelnd darauf einzuwirken versuche. Allein dann bin ich mein eigen, wenn ich in jedem Teil, das mir begegnet, das Ganze fühle. Als fühlender Mensch kann ich allen Dingen ein Bruder sein. Das wäre das Höchste.

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