Liebe Gemeinde

Ich hatte nicht gedacht, dass er noch existiert und erschrak deshalb fast, als ich ihn neulich zwischen alten Dokumenten fand: meinen offenen „Brief an die Freunde“ von 1979. Nach der Lektüre legte ich die vergilbten Schreibmaschinenseiten enttäuscht beiseite. Ich wollte etwas erklären damals, wollte meinen Freunden eine aus innerem Erleben gewonnene Erkenntnis plastisch vor Augen führen. Aber es misslang. Alles ist gut, solange ich die Liebe Gemeinde im Blick habe und einfühlsam beschreibe, der Rest ist Geschwurbel. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Brief noch einmal – wenn auch nur auszugsweise und mit neuen Erklärungsansätzen versehen –  zu veröffentlichen. Weil es eine Erkenntnis fürs Leben wardie ich damals gewonnen hatte. Und weil ich sie immer noch teilen möchte.

Ich spüre eine Kluft zwischen uns. Ich will versuchen, dieses Gefühl der Distanz zu beschreiben … So beginnt der Brief, den ich 1979 „an die Freunde“ schrieb. Die Kluft hatte sich nicht plötzlich aufgetan. Einen Riss oder einen Spalt hatte es wohl immer gegeben. Wir liefen daran entlang, jeder auf seiner Seite, und taten so, als wäre nichts. Kein Problem. Mit Mitte zwanzig klebt der Blick am Horizont, nicht am Boden. Dass ich es überhaupt bemerkte, hatte vielleicht mit ein paar Umbrüchen im Privatleben zu tun. Die Freundin war mir abhanden gekommen, ferner die Illusion, das Mathematikstudium doch noch irgendwie abschließen zu können. Zwei Feuer ausgegangen, die Asche des Scheiterns im Mund: Das kann einem den Kopf schon mal nach unten ziehen. Hinzu kamen wohl Auswirkungen der allgemeinen kulturellen Tektonik. Es hatte Erschütterungen gegeben; etwas war zerbrochen im Untergrund. Und die Schollen drifteten auseinander.

Lange war das Leben schön und einfach gewesen. Wir wuchsen in Frieden und Wohlstand auf und durften es krachen lassen wie keine Generation zuvor. Nie waren die Mädchen schöner, nie schmeckte der Lambrusco süßer, nie tönten die Lieder bombastischer. Einerseits. Denn andererseits ist der debile Disco-Hedonismus, mit dem die Seventies heute meist identifiziert werden, naturgemäß nur ein blödes Machwerk der kulturindustriellen Nostalgiemaschine. Wir hörten Zappa, Bowie, Miles Davis oder Bob Marley. Unterhaltungskünstler wie Donna Summer oder Benny Andersson von Abba (deren Genie wir erst viel später erkannten) wurden als peinlich empfunden, allenfalls Heino und der Blaue Bock rangierten noch darunter. Überhaupt drehte sich nicht alles um „Girls, Girls, Girls“ oder „Money, Money, Money“. Mittags in der Mensa etwa, beim Studium der neuesten Flugschriften, drehte es sich um den Widerstand gegen das Pinochet-Regime in Chile, um den heldenhaften Kampf der Roten Khmer in Kambodscha oder um die Solidarität mit Gudrun, Andreas und Ulrike. Zwischen Funktionentheorie I und Bandprobe griff man nicht zum Krimi, sondern zum „Kapital“, wenn nicht zur „Phänomenologie des Geistes“. In meinem Bekanntenkreis war es S., in dessen Bildungsgang sich die intellektualistische Tendenz der Zeit idealtypisch verdichtete. Bis zur zehnten Klasse ein Perry-Rhodan-Ultra machte er sich in der Oberstufe über Freud her, wechselte dann zu Nietzsche, Platon, Aristoteles, Kant, Hegel, Husserl, Heidegger und Wittgenstein, bevor er sich als stahlharter Marxist nach Göttingen verabschiedete, wo er ein Mathematikstudium aufnahm (und beendete).

Das Leben war schön und einfach, solange man sich von den Büchertischen der Mensa fernhielt. Dort stellte es sich als steiles, versponnenes, manchmal menschenfeindliches Projekt dar. Etliche Leute verloren den Boden unter den Füßen und hangelten sich jahrelang im „ungeheuren Gebälk und Bretterwerk der Begriffe“ (Nietzsche) durchs Dasein. Sie hielten alle Welt für verblendet und waren es selbst. Die einen schwenkten Mao-Bibeln, andere redeten sich Ostberlin schön, wieder andere marschierten im schwarzledernen Tschekisten-Outfit durch Einkaufspassagen und belästigten Arbeiterfrauen.

Die Nummer lief sich bekanntlich tot. Gegen Ende der Dekade brachten die Oberschülerspäße der K-Gruppen niemanden mehr zum Lachen. Angekündigt hatte sich die Abkehr vom marxistisch-leninistischen Elektrifizierungs- und Systemdenken allerdings schon viel früher.

1972 wies der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums hin; ein Jahr später machten wir unsere erste energiepolitische Grenzerfahrung. Nach dem Ölschock griff jene wachstums- und konsumkritische Stimmung, die zuvor eher in der Rechten beheimatet war, auf die Linke über und brachte in der Folge die Alternativ- und Ökoszene, die Anti-AKW-Bewegung und die Grünen hervor.

Einen enormen Einfluss auf Lebensgefühl und Denkstil hatten seit den späten Siebzigern auch die Punks, die völlig ohne Theorie auskamen. Wer hätte solch eine Wirkungsmacht vorhergesehen! Die ätzenden Performances, mit denen sie auf den Plan traten und um derentwillen man sie liebte oder hasste, schienen nur für den Tag gemacht. Und es war ja auch nicht ihr schwarzer, rasierklingenscharfer Ästhetizismus, der sich als folgenreich erwies. Es war ihre Praxis des besinnungslosen Machens. (Immer wieder liest man vom heimlichen Hippietum des Steve Jobs und anderer Silicon-Valley-Größen. Dabei zeichnen sich CEOs wohl eher durch die Verbindung von hoher Intelligenz und Besinnungslosigkeit aus. Punk rules im Kapitalismus, niemals Love, Peace & Happiness.)

Ich sympathisierte mit dem Punk und seiner Härte. Aber ich mochte auch die Sanftheit der Alternativen. In den Jahren zuvor hatte ich mal mit den Anarchisten, mal mit den Liberaldemokraten geliebäugelt, zeitweise hatte ich mich sogar zu den Spartakisten hingezogen gefühlt, weil aus manchen ihrer Pamphlete die bodenständige Vernunft richtiger Arbeiter sprach. Andererseits empfand ich stets eine gewisse Hochachtung für Gudrun Ensslin und die Kaufhausbrandstifter. Was soll ich sagen: Ich hatte nicht die Spur einer Haltung, ich war der geborene Sympathisant.

Und weil mich das abstrakte Denken ebenso faszinierte wie das besinnungslose Machen, sah ich mich heute als Philosoph und morgen als Künstler. Zugleich waren mir diese Selbstbilder suspekt. Ich spürte, dass ich ihnen nicht genügte und niemals genügen würde. (Pascal sagt, dass man seine Größe nicht zeige, „indem man sich zu einem Extrem bekennt, sondern indem man beide in sich vereinigt.“ So gesehen hatte ich stets Angst vor der eigenen Größe). Aber anders als die Freunde, von denen ich damals glaubte, dass ihre zunehmende Professionalisierung und das damit korrespondierende Desinteresse an allgemeinen Fragen der Ästhetik des Daseins und des Widerstandes einem Verrat am schönen und einfachen Leben gleichkomme, hielt ich den Zwiespalt in mir offen und schaute mich weiter um. Ich trieb auf meiner Scholle dahin, und eines Tages fand ich mich auf einer Frühlingswiese wieder.

MittendorfIch bin jetzt in Buchhagen, ich schreibe euch von zu Hause aus. Buchhagen liegt, wie ihr hoffentlich wisst, im Weserbergland, am Rand des Voglers. Es ist ein sehr kleines Gemeinwesen, dessen mittelalterliche Ursprünge als „Hägerhufendorf“ noch im Namen anklingen (deshalb wohl nennen wir uns auch Buchhäger und nicht Buchhagener oder so). Heute gibt es hier einen Gutshof, einen Bauernhof, das Gasthaus Mittendorf mit dem riesigen Festsaal, das Lange Haus, in dem früher Guts-Bedienstete lebten, das Alte Forsthaus, die Mühle, Scheunen und schließlich ein paar moderne Siedlungshäuser. Keine Kirche, keine Schule, kein Laden. Durchs Tal fließt die Lenne, die wenige Kilometer weiter westlich bei Bodenwerder in die Weser mündet. Zu beiden Seiten der Landstraße erstrecken sich Felder und Wiesen bis zu den Waldrändern. Der Wald! Wohin man sich auch wendet, nach rechts oder nach links – man ist in wenigen Minuten drin (,Und über mir rauscht die schöne Waldeinsamkeit‘).

Gestern ging ich, bald nach der Ankunft, spazieren. Es war ein schöner, ungewöhnlich lauer Aprilabend. Ich suchte einen meiner Lieblingsplätze auf, die Frühlingswiese, von der aus man das Tal überschauen kann. (…) Ich stand dort eine ganze Weile still an einem Fleck, innerlich bewegt, begeistert. Ich sah die Geschichte Buchhagens. Ich sah, wie dort unten alles getrennt ist und doch auch wieder zusammengehört. Ich stimmte von Herzen mit meinen Leuten überein. Ich hatte ein schönes Gefühl für alles.

Diese Überein-Stimmung ist etwas Kostbares. Mit Glück kommt sie auf, wenn Dein Song erklingt. Arm in Arm mit Deinem Mädchen. Oder im Kreis der Freunde. Intensiver als hier oben auf der Frühlingswiese werde ich es aber wohl nirgends sonst empfinden.

(…) Heimatgefühl ist etwas Besonderes, ich meine: jeder hat es für sich. Man kann Gedichte oder Songs darüber machen, darüber reden lässt sich schlecht. Trotzdem drängt es mich, genau dies zu tun.

(…) Man muss ein wenig abgerückt sein vom Getriebe, dem Nahkampf des Alltags enthoben. Aber nicht entrückt. Nicht in Wolkenkuckucksheim. Man muss alles noch ins Auge fassen können. Wie hier auf der Frühlingswiese.  (…) Ich nahm mein Elternhaus, das ich in- und auswendig kenne und exakt beschreiben könnte, als ein Siedlungshaus neben anderen wahr. Die Straße war kein Weg, der irgendwohin führte und zum Fortgehen verführte, sondern ein graues Band; die Felder bestanden nicht aus Erde, sondern aus Licht, Schatten und Farbe. Niemand hielt nach mir Ausschau. Nichts bedrängte mich. Doch dafür, dass mir viele Details entgingen, sah ich anderes eben doch genauer und dachte darüber nach. Die Geschichte Buchhagens zum Beispiel: Einiges davon kann man wirklich von hier oben einsehen.

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Alles begann dort drüben mit dem Gut. Von Kastanien umgeben thront es hoch über der Straße am Südhang. Das Herrenhaus, zwei Stallgebäude, eine Scheune, ein Uhrentürmchen und ein Verwalterhäuschen; verwittertes Fachwerk, bemooste Sandsteindächer, alterskrumme Wände: Wie gewachsen wirkt das Ganze. Und mein Wissen um die praktischen Vorzüge der Lage verstärkt den Eindruck des Naturhaften noch: Die Quelle, aus der das Dorf bis vor wenigen Jahren sein Trinkwasser bezog, entspringt oberhalb des Gutes im Wald und führt ihr Wasser direkt an die Gebäude heran. Man sieht das daran, dass eine schmale Waldzunge sich bis zum Gut herunter zieht. Das ist das Mittelalter. – Andererseits das Gasthaus Mittendorf, das sich ebenfalls an den Südhang schmiegt, aber direkt an der Straße am anderen Ende des Dorfes steht: Der historische Kern dieses Komplexes ist ebenfalls ein Fachwerkbau, aber man nutzte dort gleich zu Beginn der Wirtschaftswunder-Ära die Gunst der Stunde und erweiterte das Wirtshaus zu einem gastronomischen Großbetrieb, der in der Region bis heute seinesgleichen sucht. Der neue Saal fraß sich in den Hang, die Lehm-Wunde liegt immer noch bloß. Ein wenig anziehendes Bauwerk, von hier oben betrachtet: viel zu groß, zu flach, zu banal. Das ist die Moderne.

Das Gut hat seine ökonomische Bedeutung weitgehend eingebüßt, aber ein ästhetisches Gravitationszentrum bleibt es. Das Lange Haus zum Beispiel, die Mühle, der Bauernhof und das Alte Forsthaus geben sich deutlich als Trabanten des Gutshofes zu erkennen. Die Gebäude stehen unten an der Straße, zu Füßen der Residenz des Grundherren, von dem die allermeisten Dorfbewohner bis in die neueste Zeit hinein auch wirtschaftlich abhängig waren. Dennoch kann man den mit lokalen Materialien gebauten, in Würde gealterten Häusern einen eigenständigen Charakter nicht absprechen. Sie ,ducken‘ sich nicht, so wenig sich eine Brennnessel vor einer Sonnenblume duckt.

Bleibt der Gänsemarsch der strahlend weiß verputzten, mit roten Ziegeln gedeckten Siedlungshäuser, der in gerader Linie zum Gasthaus führt. Auch hier ist die Architektur ein Abbild der Sozialstruktur: Meine Mutter strebte bis vor wenigen Jahren fast jeden Nachmittag zum Gasthaus, als Kellnerin. Fast alle Frauen des Dorfes verdingten sich beim Wirt – so wie ihre Mütter und Großmütter sich beim Gutsherren verdingt hatten.

Mittelalter versus Moderne? Charme versus Effizienz? Ach was. Man soll den Gegensätzen und Parallelen, die in der Abstraktion hervortreten, nicht zuviel Bedeutung beimessen; unten im Dorf lösen sie sich sowieso in Wohlgefallen auf. Der Gasthof ist kein öder Gewerbebau, das Gut keine Zwingburg. Auch die Siedlungshäuser haben ihre Würde, auch das Lange Haus hat Schmutzecken. (…) Ich wollte sagen: Hier oben merke ich erst wieder, wie gut es sich dort unten leben lässt.

Im Dorf schneidet meine Mutter vielleicht gerade das Brot fürs Abendessen, mein Vater schaut fern, der Gastwirt brütet über den Büchern, Frau M. bringt Tanja zu Bett, die Baronin geht pinkeln und Herr R. kappt die dritte Pulle Bier. That’s life. Hier oben dagegen? O je, fast möchte ich sterben, so schön wie es ist (…)

Was soll das sein? Eine Übung in Beschaulichkeit? Ein Erguss sonntäglicher Sentimentalität? Ich weiß nicht. Was ich im Anschluss zu erklären versuche, erscheint mir heute so verworren, dass ich nicht weiter aus dem Brief zitieren kann. Es sollte ein Denkanstoß sein. Ich wollte mit der Schilderung meines Erlebnisses ein Beispiel geben. Wenn man es recht betrachtet, sage ich, ist das Leben sehr schön und einfach. Alles kommt auf den Abstand an. Wer zu nah dran ist, verliert sich in Details, macht sich zum Sklaven von Problemen und schafft eine Welt von Zombies; wer sich zu weit entfernt, verliert sich im Abstrakten, hält Systeme für höhere Wesen und geht über Leichen. Sowohl der kurzsichtige Techniker als auch der weitsichtige Großtheoretiker arbeiten, von Erleichterung und Erweiterung schwärmend, dem Tod zu. Und gegen die mit Verstandesgründen dick gepanzerten Philister ist kein Ankommen.   

P.S. Abstraktes Denken versus besinnungsloses Machen: Ich sah uns Ende der Siebziger von einem Extrem ins andere schlittern – aber ob es wirklich so war? Wo Adorno regierte, herrschten nun Foucault, Barthes und Baudrillard. Auf Can und Kraftwerk folgten DAF und Depeche Mode. Abba machten Michael Jackson Platz. Grün war das neue Rot. Der Neoliberalismus begann seinen Siegeslauf, die ersten Heimcomputer kamen auf den Markt. Es ging einfach immer weiter. Und weil es bis heute immer neue Platten, Smartphones und Images zu kaufen gibt, merkt man kaum, dass die Schollen immer weiter auseinanderdriften. Es heißt, das sei der Kapitalismus. Aber ich bin mir nicht sicher. Das Ganze wird von Menschen betrieben. Und die Spitzenkräfte unter den Treibern, das sind nun mal die Extremisten des Geistes und die Extremisten der Tat. Was tun! Ich habe zumindest eine Haltung und einen Standpunkt seit damals. Der Ästhetizismus der Frühlingswiese. Das klare und distinkte Bild einer Gemeinde in der Landschaft.

 

 

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