Gergievs Nase oder Die Freiheit der Andersdenkenden

Liberalität lässt sich nicht auf ein liberales Programm, Kunst nicht auf ihre politische Funktion reduzieren. Einige westliche Kritiker des russischen Dirigenten Valery Gergiev scheinen das anders zu sehen – und reden einem gnadenlosen Konformismus im Namen der Freiheit das Wort 

Wenn das Machtspiel im Ernst beginnt, wenn also zwei Starke mit jeweils eigener Wahrheit und Weltsicht beschlossen haben, ihre Territorien neu abzustecken, dann geht dem Aufmarsch der Truppen in der Regel eine Mobilmachung der Öffentlichkeit voraus. Das Publikum des jeweiligen Lagers muss zu einer Gefolgschaft umgebildet, die schweigende, abwartende Mehrheit in eine Meute aktionsbereiter Ultras verwandelt werden. Die Fachleute, die das erledigen, nennt man Einpeitscher, Scharfmacher oder Propagandisten. Statt wie früher in Wirtshaussälen betreiben sie ihr Geschäft heute meist in „unabhängigen“ Medien, statt mit schriller Stimme werben sie im Plauderton für ihre Partei.

Fasst man den gegenwärtigen Konflikt zwischen Russland und den westlichen Demokratien ins Auge, sind die Scharfmacher der russischen Seite unschwer auszumachen. Manche tragen Strumpfmasken. Andere tragen Krawatten, sitzen in Nachrichtenstudios und machen Stimmung mit „faschistischen Umtrieben“,„traditionellen Werten“ oder dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Unsere Scharfmacher dagegen? Allem Anschein nach gibt es sie nicht. Wohin man auch schaut, ins Fernsehen oder ins Feuilleton, überall äußern sich besonnene und edelmütige, nur der Vernunft und der Wahrheit verpflichtete Sympathieträger. Sie begreifen und inszenieren sich als faire Kommentatoren des Spiels, alles Schlachtenbummlertum ist ihnen zuwider. Wenn sie Partei sind, dann nur aus guten, ja, unwiderlegbaren Gründen. Und die sprechen nun mal, sorry Russland, immer für uns.

Die Freiheit ist so ein Grund. Wer wollte dagegen sein? Was ließe sich gegen sie einwenden? Die Freiheit ist ein hohes Gut, vielleicht das höchste, jedenfalls führt sie das Volk – bei uns. „Anscheinend hat sie sich so weit durchgesetzt, dass ihre Position nun die mächtigere ist“, jubelt der Publizist Rainer Erlinger in der Süddeutschen Zeitung vom zweiten Juni.

In dem Beitrag geht es um das Verhältnis von Kunst und Politik, erörtert am Fall des umstrittenen russischen Musikers Valery Gergiev, gegen dessen Berufung zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker sich Widerstand regt, weil der Maestro den politischen Kurs Russlands auf der Krim und bei der Homosexuellen-Gesetzgebung billigt oder zumin­dest stillschweigend hinnimmt. Nun hatte Gergiev seine westlichen Kritiker unlängst in einem offenen Brief zu besänftigen versucht und um Verständnis für seine Haltungen geworben. Über dem Schreiben „schwebt gewissermaßen eine Bitte um Toleranz“, stellt Erlinger fest und freut sich darüber, dass hier mal ein Konservativer von Liberalen Liberalität erbittet – von den aktuellen Machthabern der Freiheit sozusagen.

Ein verqueres Verständnis von Freiheit. Als sei sie eine mit weitgehenden Befugnissen und Sonderrechten ausgestattete Position! Dabei ist sie doch immer noch ein Prinzip – in der klassischen Formulierung der Kommunistin Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ,Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ,Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

Bemächtigt sich eine Partei oder eine Bewegung dieses Vorrechts, dann beginnt die Tyrannei der Sprachregelungen, der Gesinnungsschnüffelei und der öffentlichen Tribunale. Wer dann eine Meinung diskreditieren will, muss sie nur als „rückwärts gewandt“ bezeichnen. Wer einen Menschen erledigen will, muss ihn nur als Reaktionär hinstellen. Als einen Feind der Freiheit. Als einen, der sich am höchsten Gut vergreift.

Kann an so jemandem überhaupt noch ein Gran Gutes sein? Sein Benehmen? Sein Werk? Die Stimme? Der Gang? Die Nase? Gott bewahre! Solch ein Mensch darf kein Geheimnis, keine Tiefe, keine Widersprüche mehr haben. Was auch immer ihn ausmacht: Es muss schlecht gemacht werden. 

Um jemanden als Freiheitsfeind zu charakterisieren, braucht es manchmal nur eine Überschrift. Gilt jemand hierzulande als „Putins Liebling“ (Die Zeit vom 8. Mai), bedarf es keiner weiteren Diskussion mehr. Und so kann sich Christine Lemke-Matwey in ihrem Artikel ganz auf die Demontage des Musikers Valery Gergiev konzentrieren. Er ist ein Mann, der seine Einsätze mit „zitternder Hand“ gibt und über „keine saubere Schlagtechnik“ verfügt. Lieber jettet er um den Globus als zu proben. Das „Rüde und Schnoddrige in der Musik“ liegt ihm von Haus aus mehr als das „feingeistig Durchwirkte und stilistisch Ausdifferenzierte“. Er steht für „das Unverbildete, Urwüchsig-Emotionale, den Popeye-Gestus in der Musik“. Vielen gilt „das Kraftkerlige, Vitale“ als Ausweis von Spiritualität, doch es „ist nicht per se spirituell; es braucht Geist, Auseinandersetzung, Inspiration, Glaube, um sich zu entzünden, sonst mündet es in ein graues, praktikables Mittelmaß“. Was bei Gergiev naturgemäß der Fall ist. Tschaikowsky kommt bei ihm „eher bräsig“ daher, „ohne das kleinste Herzklopfen“. Insgesamt geht es „musikalisch erschreckend mau zu“.

Kann sein, dass es so ist. Aber die erschreckende Eindimensionalität der Urteile nährt doch den Verdacht, dass hier jemand ganz einfach die Dinge so zurechtrückt, dass sie in ein Weltbild passen, in dem auf dem vermeintlich Guten kein Schatten liegen und aufs vermeintlich Böse kein Licht fallen darf. Die Widersprüche zwischen dem russischen Staatsbürger und dem musikalischen Weltbürger Gergiev müssen in diesem reduktionistischen Weltbild vollständig zum Verschwinden gebracht werden, alle kognitiven Differenzen müssen sich in Wohlgefallen auflösen, damit die fixe Idee des Guten rein zum Vorschein kommt.

Auch Rainer Erlinger erweist sich als Freund klarer Verhältnisse. Auch er versucht, Gergiev als Musiker zu entwerten. Weil der Dirigent „seine private Haltung für zweitrangig bis irrelevant“ erachte, reduziere er die Musik „in Richtung Technik“, meint der Autor recht schwammig. Als ob alle Bedeutung, aller Nuancenreichtum, alles Gewicht von einem Kunstwerk abfiele, wenn es in einem politisch inkorrekten Rahmen dargeboten wird oder von einem politisch unzuverlässigen Urheber stammt. Zwar können einem ästhetisch und moralisch empfindsamen Menschen die Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen eines Kunstwerks nicht gleichgültig sein, aber diese zu verabsolutieren heißt, nur noch Choreografien des Fanclubs „Freiheit“ als Kunst durchgehen zu lassen. Man gesellt sich dann zu denen, die Goethe als Dichter und Denker diskreditiert sehen, weil er in seiner Funktion als Weimarer Minister ein Todesurteil unterschrieben hat. Man muss den Liedermacher Paul Simon für alle Zeit verachten, weil er das Album „Graceland“ 1986 in Südafrika aufnahm, obwohl kulturelle Kontakte zu dem Apartheid-Land damals verfemt waren. Man käme nicht umhin, die Werke von Caravaggio, de Sade, Jean Genet, Ezra Pound, Knut Hamsun, Ernst Jünger und vielen anderen zu ächten.

Solche Implikationen interessieren Erlinger nicht. Er bleibt bei der Sache und verteufelt Gergiev – buchstäblich. Der Russe gebärde sich nämlich ähnlich wie der „Mephisto“ aus Klaus Manns gleichnamigem Roman. So wie dessen Held Hendrik Höfgen (ein fiktives Double des realen Schauspielers Gustaf Gründgens) sein anbiederndes Verhalten im Nationalsozialismus mit seinem Künstlertum rechtfertige, so schütze Valery Gergiev sein Künstlertum vor, um seine affirmative Haltung zum russischen Traditionalismus zu verschleiern. Die erste Idee dahinter ist: Putins Russland gleich Hitlers Deutschland. Die zweite Idee ist: Kunst gleich Politik gleich Moral (siehe oben). Aber beide Ideen sind zu einfach, um wahr zu sein.

Der Dialog dürfe nie abreißen, hatte Valery Gergiev in seinem offenen Brief geschrieben. Der Austausch der Gedanken müsse möglich bleiben. Musik sei der beste Brückenbauer. Wer allerdings die Musik als solche nicht ernst nimmt und Brücken eher als Schwachstellen im Frontverlauf ansieht, der muss solch ein Angebot natürlich abschmettern. Wer hätte das von Liberalen gedacht? Wer hätte gedacht, dass sie sich im gegenwärtigen Machtspiel in der Rolle der Scharfmacher gefallen? Dass von ihnen alles zu erwarten ist – nur keine Liberalität. 

 

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