Zwischen Leib und Logos

Ich denke an die fröhlichen Modernisierungsoldaten in den Metropolen des Westens. Warum machen sie eigentlich immer weiter? Warum ziehen sie immer noch und immer wieder mit Hurra in die blöden Optimierungsschlachten der Globalisierung? Der Gerechtigkeit wegen, sagen die Moralisten. Pragmatiker engagieren sich im Namen des Nutzens, Unternehmer bewegt das Abenteuer, Forscher die Neugier, Politiker der Machtbetrieb, Spieler die Gewinnaussicht, Künstler und Philosophen das Gesicht hinter dem Schleier. Das Bürgertum insgesamt strebt nach unbedingter Freiheit, Gleichheit und Sicherheit.

Zweifellos besitzen die  Leitideen, auf die sich die Modernen berufen, eine gewisse Überzeugungskraft, aber reicht sie aus, um ihre Verfechter tatsächlich unter den Fahnen zu halten – im Krieg gegen alle naturwüchsigen Bindungen, letztlich gegen sich selbst?

Überzeugungen sind angeeignete Rationalisierungsprodukte. Man könnte auch von naturalisierten »wahren Naturen« sprechen. Oder von leiblichen Resonanzen abstrakter Kompositionen. Jedenfalls von Bastarden geist-leiblicher Zeugungsakte. Um eine Überzeugung in sich zu erzeugen, bedarf es einer Art Vermählung von Ideal und Leben. Doch wie den ideosomatischen Intimverkehr in die Wege leiten? Wie das Wort mit dem Fleisch verkuppeln?

Stoßen Logos und Physis einander nicht ab wie die beiden Pole eines Magnetfeldes? Hier das Reich der Gesetzlichkeit, dort die Welt der Naturereignisse: Was haben sie überhaupt miteinander zu tun? Zwar beziehen sich Gesetze auf gewisse Ereignisketten in der Welt, sollen sie repräsentieren, verständlich und berechenbar machen, aber selbst wenn sie Teile solcher Weltstränge exakt bestimmen könnten (was nicht der Fall ist), entginge ihnen dennoch notwendig das Ganze. Sofern ihnen aber das Ganze entgeht, können sie auch den Einzelfall nicht exakt fassen, da dieser nicht lediglich als Glied einer vielleicht wohlbekannten Ereigniskette auftritt, sondern so ins Ganze der Natur eingewirkt ist, dass er jederzeit »aus der Reihe tanzen« kann. Aus dem gleichen Grund verhält sich die Welt auch dort, wo sie äußerst prägnante Strukturen und Muster aufweist, niemals vollkommen gesetzestreu: Tag und Nacht wechseln sich seit Jahrmillionen mit sturster Regelmäßigkeit ab, doch jede Nacht gebiert einen neuen Morgen und jeder Abend versinkt in einer unbekannten Nacht. Selbst wenn also das Reich und die Welt aufeinander bezogen sein mögen – sie gehen nicht ineinander auf. Gemein ist ihnen allenfalls die Tendenz, die ihnen innewohnenden Prinzipien absolut zu verwirklichen. Das Reich strebt nach der Schließung letzter Lücken der Gesetzlosigkeit (Weltformel, Universalismus, regulierter Markt), die Welt drängt auf die Öffnung aller bewegungshemmenden Schleusen (Elementarkräfte, Individualität, freier Markt).

Nun stehen wir als Menschen sozusagen mit einem Bein auf festem Reichsboden und mit dem anderen auf dem schlüpfrigen Grund der Welt. Besser gesagt: Wir nehmen eine mittlere Position zwischen den Ansprüchen des Logos und des Lebens ein. In der Regel bestreiten wir unser Dasein sogar als Doppelagenten der polaren Mächte. Tagsüber treiben wir die logische Entwicklung voran, nachts überlassen wir uns dem weltlichen Treiben; heute erliegen wir der Versuchung absoluter Sicherheit, morgen verfolgen wir das Ziel absoluter Freiheit. Meistens fassen wir die widersprüchlichen Forderungen sogar in komplexen Ausdrücken zusammen und führen eine heikle Sowohl-als-auch-Existenz – weil wir Zwitterwesen sind: als rationalistische Reichsbürger getrieben von weltlichem Begehren und als animalische Outlaws durchdrungen von rationalen Vorstellungen. Deshalb bekommen wir es selbst im Reich der reinen Logik zuweilen mit so etwas Irrationalem wie der Versuchung zu tun, und deshalb vermögen wir sogar in der Welt der reinen Bewegung so etwas Verständiges wie Ziele zu erkennen. Und was sind Ziele anderes als vom Begehren gereinigte Versuchungen? Und was sind Versuchungen anderes als vom Begehren infizierte Zielvorstellungen?

Ich glaube, wir können die logifizierende Verschachtelung solch unvereinbarer Oppositionen bis ins Unendliche fortführen, ohne je den springenden Punkt zu erreichen, an dem die Pole in eins fallen. Doch da die Sphären der logischen Versuchung und der leiblichen Ziele sich in uns kreuzen, sind wir es wohl letztlich selbst – der Punkt. Könnte ich das Kreuz abwerfen, wäre ich Gott. Indem ich es trage, bin ich ein Mensch.

Doch wie dem auch sei. In jedem Fall formieren sich die im Logos aufblitzende Versuchung des Absoluten und das dem Leben eigene Begehren des Absoluten im ideosomatischen Erregungsraum zu Polen, zwischen denen wir uns als Denkende bewegen. Ohne polare Spannung fiele jede Überzeugung rasch in sich zusammen. Niemand, der einigermaßen klar im »Bauch« ist, geht allein aus guten Gründen an irgendwelche Fronten. Wir lassen uns von Ideen à la Gerechtigkeit, Glück oder Freiheit nur dann in Dienst nehmen, wenn wir es begehren. Das animal rationale präsentiert sich damit als ein komplexes Tier, dessen Entscheidungen der neuro-logische Kopf stets unter Mitwirkung des epi-logischen Leibes trifft. Dabei kann die Initiative von diesem oder von jenem Pol ausgehen: Im Elend beherrscht der Hunger die Gedanken, in saturierten Verhältnissen stimulieren Gedanken den Appetit; die geistige Welt des Praktikers ist eher durch Erfahrungen, die empirische Welt des Intellektuellen eher durch Konstruktionen geprägt. Zwischen den Polen spannt sich der weite Raum auf, in dem jedes Individuum einen persönlichen Stil des geist-leiblichen Intimverkehrs zelebriert. Personen schließen je eigene Kompromisse zwischen den Ansprüchen des Logos und des Lebens, doch in einem stimmen sie überein: Jedes persönliche Verhältnis zur Wahrheit ist ironisch, jedes persönliche Verhältnis zur Lust ist schambesetzt.

Der Grund dafür liegt in der eben beschriebenen Komplexität der Menschennatur. Zwar stimmen Wort und Wirklichkeit, Maxime und Handlung, Entwurf und Erfahrung, Karte und Landschaft nie überein, zwar kontrastieren die sprachlich-gedanklichen Setzungen, nach denen wir uns im Leben richten, stets mit den wirklichen Ereignissen, die wir tatsächlich durchleben. Doch wenn wir nicht entweder total vergeistigt oder völlig verwahrlost sind, sondern als Personen eine Mittelstellung im ideosomatischen Spektrum einnehmen, sind wir in der Lage, die Kontraste auszuleuchten und vernünftige Kompromisse zwischen unseren »weltlichen« und geistigen Ansprüchen zu schließen. Dabei muss sich der Logos gleichsam einer Kritik des Lebens stellen und umgekehrt. Nehmen wir nun den Standpunkt des Lebens ein, offenbart sich uns unvermeidlich der Schwindel, der begriffliche Setzungen insofern kennzeichnet, als sie durch Gleichsetzung des Ungleichen alles Besondere notwendig verfehlen. Zwar ist jedes Kind hingerissen von der Macht der Sprache, so dass es mit Novalis ausrufen könnte: »Die Bezeichnung durch Töne und Striche ist eine bewundernswürdige Abstraktion. Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott; einige Striche eine Million Dinge. Ein Kommandowort bewegt Armeen; das Wort Freiheit Nationen.« – aber zugleich weiß es um die Fragwürdigkeit der Namen, mit denen Erwachsene sich einander vorstellen, »als kennten sie sich« (Hölderlin). In Wirklichkeit ist ja jede Tat verwickelter als es ein Tatbericht enthüllen kann. Jede Rose unterhält komplexere Beziehungen zum Universum als es eine Biologie der Rose darzustellen vermag. Jeder reale Baum in unserem Gesichtsfeld führt uns ein wirkliches Ereignis vor Augen, von dessen unerschöpflichem Beziehungsreichtum Aussagen, in denen das Wort »Baum« vorkommt, bestenfalls eine Ahnung vermitteln können. Wer aber den fadenscheinigen Charakter der logifizierten »Versuchungen« durchschaut hat, wird dieser Gewissheit auch Ausdruck verleihen – wenn nicht durch die Leugnung, so doch durch die Ironisierung aller »Wahrheit«.

Dieser Einstellung zum Trotz nehmen wir als Personen natürlich zuweilen auch den humorlos-logischen Standpunkt ein, um das Treiben des Lebens kritisch zu betrachten. Es erscheint aus diesem Blickwinkel nicht nur überschießend chaotisch, sondern auch leidvoll. Und was ist die Ursache dafür? Der Logiker in uns erkennt es ohne große Mühe: Lust verursacht Leid, und deshalb muss das Begehren gleichsam mit einem Bann belegt werden, der es daran hindert, allzuviel Schaden anzurichten. Und dieser Bann ist eben die Scham.

Personale Selbstkritik im beschriebenen Sinne bringt weder die Wissenschaft ins Wanken, noch schafft sie die Gewalt aus der Welt. Wir werden weiterhin Mathematik betreiben und weiterhin Hühner schlachten. Doch werden wir uns auch in einer Welt der »Zahlen und Figuren« Spielräume humanen Verhaltens offenhalten. Und statt die Welt zu einem Schlachthaus verkommen zu lassen, werden wir der Gefräßigkeit humane Grenzen setzen. Anders gesagt: Wenn wir sein wollen, was wir sind, nämlich Menschen, werden wir uns weder der Macht des Gesetzes noch dem Willen zur Macht unterwerfen, ohne Einwände des Geschmacks und des Gewissens geltend zu machen.

So frei können wir sein, sofern wir in polit-ökonomisch gemäßigten Zonen leben. In diesen Zonen mögen Vorstellungen von Wahrheit kursieren, die so gut wie alle Bürger teilen, aber zumindest als Privatpersonen wären wir nicht gezwungen, uns rückhaltlos zu ihnen zu bekennen. Umgekehrt mag das Begehren in diesen Zonen weitgehend ins Belieben der Privatpersonen gestellt sein, aber wir müssten uns nicht Tag und Nacht von ihm beherrschen lassen und dürften wahrscheinlich sogar Pamphlete gegen den allgemeinen Sittenverfall publizieren. Dogmatismus und Permissivität schließen sich keineswegs aus in gemäßigten Zonen. Wie gut sie zusammengehen, zeigt beispielsweise die reiche (Doppel-)Moralgeschichte klerikaler Institutionen, die ja neben äußerst fiesen Aspekten durchaus auch humane Seiten aufweist. Aber gibt es eigentlich eine Extremwelt, in denen das Dogma jede Gehirnzelle durchdringt und das Begehren zur Staatsraison erklärt wird? Jeder Hauch von Ironie würde erschnüffelt und geahndet in dieser strengsten aller Wahrheitsdiktaturen, jedes Erröten bemerkt und verlacht in diesem schamlosesten aller Gärten der Lüste. Aus unserer Mittelstellung zwischen logischer Versuchung und somatischem Verlangen würden wir unter diesen Umständen unbarmherzig verdrängt, weil der Kurzschluss der Pole keinen Platz für Persönliches ließe. Gier wäre Gesetz in der platonischen Lusthöhle. Rationalismus und Hedonismus wären versöhnt, aber auf eine Art, die den Menschen in uns umbringen würde.