Heisenberg, Goethe und der Teufel

Heisenberg weiß um die Gefahren des Technizismus. Die Atomkraft birgt das Potenzial des globalen Overkills, doch aus der biologischen Forschung erwächst vielleicht noch Schlimmeres als der Tod. Sie stehen dem Redner bereits vor Augen, „die Möglichkeiten, Menschen für die ihnen zugewiesenen Zwecke zu züchten, das ganze Leben auf der Erde rationell, das heißt durch das Streben nach Zweckmäßigkeit zu ordnen und damit allen Sinnes zu entleeren“. Heisenberg weist auf die Segnungen der modernen Medizin hin und stellt zugleich ihre Ausrichtung in Frage: „Wer kann wissen, ob sie ihre Ziele überall richtig setzt?“ Zwar lasse sich die Richtigkeit naturwissenschaft­licher Erkenntnis nicht bezweifeln, sehr wohl aber ihr Wert für die Menschen und damit auch ihre Wahrheit: „Der Weg, der aus dem natürlichen Leben heraus in die abstrakte Erkenntnis führt, kann beim Teufel enden.“

Diese Gefahr witterte Goethe. Und er ortete ihren Herd in der auf mathematischen Prinzipien fußenden Naturphilosophie Isaac Newtons, der er ein eigenes Naturwissenschaftsverständnis entgegensetzte. „Für Goethe“, so Heisenberg, „begannen alle Naturbetrachtungen und alles Naturverständnis mit dem unmittelbaren sinnlichen Eindruck; also nicht mit einer durch Apparaturen ausgefilterten, der Natur gewissermaßen abgezwungenen Einzelerscheinung, sondern mit dem unmittelbar unseren Sinnen offenen, freien Naturgeschehen.“

Allerdings blieb der Naturfreund nicht bei der unmittelbaren Beobachtung stehen; Heisenberg zitiert aus dem Vorwort zu Goethes Farbenlehre: „Denn das bloße Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, dass wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses aber mit Bewusstsein, mit Selbsterkenntnis, mit Freiheit und, um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.

Obwohl auch Heisenberg befürchtet, dass der Teufel der Menschheit schon bald (wieder) einen Strich durch alle Rechnungen machen könnte, setzt er seinen Weg unbeirrt fort. Warum? Der Physiker hält Kurs, weil er sich auf dem Königsweg der Erkenntnis wähnt. „Aber die Naturwissenschaft“, hält er Goethe entgegen, „war schon seit Newton einen anderen Weg gegangen. (…) Die Aufgabe lautet ja, in der bunten Vielfalt der Erscheinungen das Einfache zu erkennen. Das Bestreben der Physiker musste also darauf gerichtet sein, aus der verwirrenden Kompliziertheit der Phänomene einfache Vorgänge herauszuschälen. Aber was ist einfach? Seit Galilei und Newton lautet die Antwort: Einfach ist ein Vorgang, dessen gesetzmäßiger Ablauf quantitativ, in allen Einzelheiten, mathematisch ohne Schwierigkeiten dargestellt werden kann. Der einfache Vorgang ist nicht jener, den uns die Natur unmittelbar darbietet; sondern der Physiker muss durch manchmal recht komplizierte Apparate das bunte Gemisch der Phänomene erst trennen, das Wichtige von allem unnötigen Beiwerk reinigen, bis der eine ,einfache‘ Vorgang allein und deutlich hervortritt, so dass man eben von allen Nebenerscheinungen absehen, das heißt, abstrahieren kann.“