Heisenberg, Goethe und der Teufel

Für Goethe gab es keine Nebenerscheinungen in der Natur, nichts Unwichtiges, kein Beiwerk: „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, (…) so wird dadurch nicht gesagt, dass sie isoliert seien.“ Ihm zufolge verfehlt naturwissenschaftlicher Reduktionismus die Natur: „Und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, das man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will. Ebenso ist es mit dem Berechnen. Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen lässt.“

Doch bekanntlich drang Goethe mit seinen Einwänden gegen die moderne wissenschaftliche Methodik nicht durch, so dass Heisenberg konstatieren kann: „Die von der Newtonschen Naturwissenschaft bestimmte Welt, von der Goethe hoffte, dass er ihr ausweichen könnte, ist unsere Wirklichkeit geworden, und es hilft uns gar nichts, daran zu denken, dass in ihr auch Fausts Partner seine Hand im Spiele hat. Man muss es hinnehmen, so wie man es zu allen Zeiten hingenommen hat.“

Geh mit der Zeit. Du kannst den Fortschritt nicht aufhalten, auch wenn er in eine Gasse führt, an deren Ende dich der Teufel einsackt. Die Parole lässt aufhorchen. Welche Haltung steckt eigentlich dahinter? Nobler Stoizismus? Oder doch bloß lumpiger Zeitgeistopportunismus? Vor dem Hintergrund von Heisenbergs Biographie jedenfalls klingt die lebensweise Empfehlung ziemlich hohl. Zwar war er sicher kein Nazi, aber seinen Dienstvertrag beim Teufel hat er gewissenhaft erfüllt. Was bedeutet es, wenn so jemand das Ja-Sagen predigt? Will er sich rechtfertigen, indem er mit der Moderne auch gleich noch den Faschismus als Verhängnis hinstellt, als Naturgewalt, gegenüber der kein Protest möglich ist? Sucht er Absolution? Oder fehlt es ihm einfach an Unrechtsbewusstsein? Sind es Einflüsterungen des Teufels, die er als überzeitliche Wahrheiten ausgibt?

Wie dem auch sei, Heisenberg bleibt beim dubiosen Lob des Konformismus nicht stehen. Er marschiert weiter in Richtung Erleuchtung, wobei er den großen Zurückgebliebenen mehr und mehr als zwar naiven, aber doch geistesverwandten Vorgänger würdigt.

Zwar habe Goethe den Menschen und sein unmittelbares Naturerlebnis in den Mittelpunkt der Naturbetrachtung gestellt, doch sei es ihm mit zunehmendem Alter nicht mehr so sehr um das Erlebnis als solches gegangen, sondern um die „göttliche Ordnung, die in diesem Erlebnis erkennbar wird“. Insbesondere Goethes Suche nach Urphänomenen wie etwa der Urpflanze sei aufzufassen als „das Forschen nach jenen der Erscheinung zugrunde liegenden, von Gott gesetzten Strukturen, die (…) unmittelbar geschaut, erlebt, empfunden werden können.“

Tatsächlich sah Goethe ein Urphänomen nicht als sprachlich oder mathematisch konstruierten Grundsatz an, aus dem sich durch logisches Schließen verschiedenste Folgen ergeben, sondern als Grunderscheinung, innerhalb derer das Verschiedenartige anzuschauen ist. Genau diesen Primat der Anschauung stellt Heisenberg jedoch in Frage: „Woher weiß Goethe, dass die eigentlichen, die tiefsten Zusammenhänge so unmittelbar sichtbar werden können, dass sie so offen zutage liegen? Mag es nicht sein, dass gerade das, was Goethe als die göttliche Ordnung der Naturerscheinung empfindet, erst in der höheren Abstraktionsstufe in voller Klarheit vor uns steht? Kann an dieser Stelle nicht vielleicht die moderne Naturwissenschaft Antworten geben, die doch allen Goetheschen Wertforderungen standhalten können?“