Heisenberg, Goethe und der Teufel

Heisenberg vergleicht die 1953 durch Francis Crick und James Watson entdeckte DNA mit Goethes Urpflanze: „Dass dieses Molekül im Rahmen der Biologie die gleiche Funktion erfüllt, die Goethes Urpflanze in der Botanik erfüllen sollte, wird sich schwer bestreiten lassen. Es handelt sich ja in beiden Fällen um das Verständnis der gestaltenden, formgebenden Kräfte in der belebten Natur, um ihre Zurückführung auf etwas Einfaches, allen lebendigen Gestalten Gemeinsames.“

Nun gräbt die Physik insofern noch tiefer als die Biologie, als sie nach dem Bildungsgesetz nicht nur der Lebewesen, sondern der gesamten Natur forscht. Der Aufstellung dieser „Weltformel“ glaubt sich Heisenberg nahe: „Es wird in mathematischer Sprache ein grundlegendes Naturgesetz formuliert, (…) dem alle Naturerscheinungen genügen müssen, das also gewissermaßen nur die Möglichkeit, die Existenz der Natur symbolisiert.“ Die Elementarteilchen als die einfachsten Lösungen dieser mathematischen Gleichung seien „in genau demselben Sinne Grundformen der Natur, wie Plato die regulären Körper der Mathematik (…) als Grundformen der Natur aufgefasst hat“. Der Physiker bringt hier zum Ausdruck, was ihn von Jugend an bis ins hohe Alter hinein bewegt hat, die Vermutung nämlich, dass Natur letztlich auf so etwas wie platonischen Ideen gründe. Und als guter Platoniker zieht er den rational konstruierten Sätzen (der Mathematik) letztlich doch die unmittelbar einleuchtenden Prinzipien vor. Dies wird deutlich, wenn er mit dem Hinweis auf Goethes anschauliche Urphänomene sagt: „Der Unterschied, auf den Goethe hier so großen Wert legt, (…) entspricht wohl ziemlich genau dem Unterschied der beiden Erkenntnisarten Episteme und Dianoia in der platonischen Philosophie. Episteme ist eben dieses unmittelbare Gewisswerden, auf dem man ruhen kann, hinter dem man nichts weiter zu suchen braucht. Dianoia ist das Durchanalysierenkönnen, das Ergebnis des logischen Ableitens. Auch bei Plato wird deutlich, dass nur die erste Art der Erkenntnis, die Episteme, die Verbindung mit dem Eigentlichen, dem Wesentlichen, mit der Welt der Werte vermittelt, während die Dianoia zwar Erkenntnis schafft, aber eben nur wertfreie Erkenntnis.“

Es bleibt dabei: Rationale Erkenntnis abstrahiert vom Menschen und ist deshalb womöglich richtig, aber nicht unbedingt wahr. Man darf zugunsten der rationalen Analyse nicht alle anderen Erkenntnisorgane verkümmern lassen. Goethe hat recht, wenn er sagt: „Schauen, wissen, ahnen, glauben und wie die Fühlhörner alle heißen, mit denen der Mensch ins Universum tastet, müssen denn doch eigentlich zusammenwirken“. Denn „der Teufel ist ein mächtiger Herr“.