Zu viel vom Gleichen

Es wird kurz vor den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewesen sein. Die Tagesthemen bringen eine Reportage über den rust belt, die kriselnde Industrieregion im Nordosten der Vereinigten Staaten. Sie zeigen marode Fabrikgebäude, traurige Straßen, schließlich einen ehemaligen Bergmann. Er steht, die Hände in den Taschen, in der bröckelnden Kulisse und spricht von der verlorenen Zeit. Das sei ein Leben gewesen damals, sagt er und fährt fort: »Ich will wieder arbeiten, dass mir der Schweiß den Rücken runterläuft.«

Ich mag diesen Kumpel aus Ohio oder Michigan, seine lakonische Hymne an den Schweiß rührt mich. Ich fühle mit ihm. Von einer anderen Fernsehfigur, die mir stets im Gefolge dieses Bergmanns in den Sinn kommt, kann ich das nicht behaupten. Auch die Schattenfigur hat einen kurzen Auftritt in einer Fernsehreportage, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen ausgestrahlt wird. Diesmal dreht es sich um Start-ups in Seattle. Technologiefirmen. Digitalwirtschaft. Nerds und ihre kruden Ideen von numerisch kontrollierter Mitmenschlichkeit. Einer sagt sinngemäß: »Arbeitslosigkeit, Prekariat und all das müsste es gar nicht geben. Sollen die Leute doch Programmierer werden. Dann haben sie einen Job, den sie zwanzig Jahre und länger ausüben können.« Kann schon sein. Trotzdem ist mir der Kerl zuwider. Denke ich an ihn, empfinde ich tatsächlich so etwas wie Hass – wenn auch weniger der Person als dem unbedingten Technikwollen gegenüber, das sie verkörpert.

Die bürgerliche Presse verlacht den »rückwärts gewandten« Kumpel, während sie den unternehmenden Nerd verehrt und fürchtet. Mit jeder Einstellung und jedem Schnitt zeigt sie, auf wessen Seite sie steht. Darf man sie »Lügenpresse« nennen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls geht sie mir zunehmend auf den Geist. Woran liegt das?

»Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen (…). Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch. Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter.« Diese medienkritischen Sätze – sie stammen vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier – hat der Blogger Sascha Lobo vor einiger Zeit in seiner SpiegelOnline-Kolumne aufgegriffen. »Tatsächlich sind die großen, wirkmächtigen Redaktionen des Landes nicht gerade überragend divers geprägt«, schreibt Lobo. Zu viele Männer, zu viele Städter, zu viele Akademiker, zu viel Standesdünkel, zu viel Angst um den Job, zu viel vom Gleichen: »Die vergleichsweise große Selbstähnlichkeit in den Redaktionen, die fehlerkulturarme Gatekeeper-Haltung und die Folgen des wirtschaftlichen Drucks betrachte ich als wichtige Gründe für das enorme Medienmisstrauen, das im Ruf ,Lügenpresse‘ gipfelt.«

Anstatt nun aber diese Gründe gelten zu lassen und Schlüsse daraus zu ziehen, vollzieht Lobo plötzlich eine argumentative Kehrtwende. Dem klassischen rhetorischen Muster der Concessio folgend (dem Eingeständnis der Richtigkeit eines gegnerischen Arguments folgt dessen Entkräftung durch ein stärkeres eigenes Argument), führt er einen Grund an, der die zuvor genannten Gründe nichtig erscheinen lässt. Homogenität ein Makel? Im Gegenteil, sagt Lobo sinngemäß, sie ist unser höchstes Gut. Denn wir Medien-Profis gleichen uns ja in erster Linie darin, dass wir ein regulatives Prinzip anerkennen und schützen, das den Meinungsstreit in der Demokratie, indem es ihm eine Grenze setzt, überhaupt erst ermöglicht. Und dieses Prinzip ist der Pluralismus. Als liberale Demokraten tolerieren wir jede Meinung, solange sie sich nicht gegen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung richtet. Und solch eine nicht zu duldende Meinung vertreten die Lügenpresse-Rufer. Sie wollen den rechtlichen Rahmen sprengen, die demokratischen Spielregeln ändern, den Pluralismus als solchen aushebeln. Aber stimmt das überhaupt? Oder ist es nicht vielmehr eine Unterstellung, die alle Rufer treffen und einschüchtern soll, obwohl sie nur auf wenige zutrifft? Bringt der Autor vielleicht nur deshalb ein formales Prinzip ins Spiel, weil er die inhaltliche Auseinandersetzung scheut? Dient seine rhetorisch geschickt aufgezäumte Argumentation – der Verschleierung?

»Wer auf die Wiederbelebung einer in Nationalbewusstsein naturwüchsig verankerten Identität hinauswill, (…) der muss einen breitenwirksamen Pluralismus der Geschichtsdeutungen ablehnen.« Also sprach Jürgen Habermas.

Im Sommer 1986 löste der Frankfurter Sozialphilosoph mit der Polemik Eine Art Schadensabwicklung, aus der das Zitat stammt, den so genannten Historikerstreit aus. Der Satz verdeutlicht, was aus Habermas’ Sicht damals auf dem Spiel stand – nichts weniger nämlich als der Bestand der Republik als Interessengemeinschaft geschichtsfrigider Verfassungspatrioten. Bedroht sah der streitbare Philosoph die Verfasstheit der BRD durch die Arbeiten einiger Historiker, die sich auf ganz unterschiedliche Weise und aus völlig unterschiedlichen Motiven heraus mit dem Geschick der deutschen Nation auseinandergesetzt hatten. Von Habermas wurden sie dafür unterschiedslos als revisionistische Verfechter eines geschichtstrunkenen Deutschtums gebranntmarkt. Bis heute hallt das Machtwort des Predigers des »herrschaftsfreien Diskurses« nach. Indem es Maßstäbe für das Gros unserer Geschichtslehrer, Leitartikler, Blogger und Talkshowmoderatoren setzte, trug es zu jener Homogenisierung des politischen Denkens bei, die inzwischen sogar ein supermoderater Bundespräsident beklagenswert findet. Was aber war falsch an dem Verdikt gegen die vermeintlichen Deutschtümler?

Habermas setzte sich damals nicht mit gegnerischen Argumenten auseinder, er betrieb Feindaufklärung. Mit jakobinischem Eifer verengte er die Diskurslandschaft auf ein Schlachtfeld kontradiktorisch sich widersprechender Thesen, in dem kein Platz für vermittelnde Positionen blieb. Nicht das ausgleichende »Sowohl als auch« durchherrscht seinen Text, sondern das unerbittliche »Entweder Oder«. Das Salz der Ironie, das polemische Auseinandersetzungen überhaupt erst genießbar macht, fehlt völlig. Er meint es absolut ernst mit seinem »Entweder Oder«. Und es ist dieser rationalistische, von der Logik diktierte Ausschluss eines Dritten zwischen Richtig und Falsch, der sein Urteil beeinträchtigt. Eine »in Nationalbewusstsein naturwüchsig verankerte Identität« soll mit »breitenwirksamem Pluralismus der Geschichtsdeutungen« unvereinbar sein? Warum denn? Die naturwüchsige, unverbrüchliche Bindung zu dem Land, in dem ich geboren und sozialisiert wurde, hindert mich doch nicht, die Geschichte dieses Landes so oder so zu bewerten. Umgekehrt zwingt mich die Tatsache, das ich der Menschheit angehöre, nicht zur Leugnung meiner lokalen, regionalen und nationalen Wurzeln. Habermas hat einfach Unrecht, wenn er die Vielfalt des Denkens gegen die Einfalt des Gefühls in Stellung bringt. Beides ist nicht nur miteinander vereinbar; das Zusammenspiel von Gefühl und Verstand ist schlichtweg unabdingbar für die Entwicklung einer wohltemperierten politischen Existenz.

Viele Politiker wissen das noch, zahllose Journalisten scheinen es vergessen oder nie gelernt zu haben. Sie fühlen sich im »Bretterwerk der Begriffe« (Nietzsche) heimisch und gucken als gute Konstruktivisten nicht mal mehr aus dem Fenster. Unter den erkenntnistheoretischen Stubenhockern ist zwar viel von Komplexität (also von der Einheit des Unvereinbaren) die Rede, doch im Oberstübchen herrscht die von der binären Logik des »Entweder Oder« geforderte absolute Parteilichkeit. Die Leute sollen entweder links oder rechts sein, entweder Universalisten oder Nativisten, entweder Humanisten oder Naturalisten, entweder Feministen oder Unmenschen. Aber das sind sie nicht. Sie sind arbeitslose Kumpel. Sie lungern in bröckelnden Kulissen herum und träumen von der verlorenen Zeit.