Die ganze Wahrheit

Eine der Grundfragen der Philosophie lautet, Immanuel Kant zufolge: Was kann ich wissen? Wenn ich dieser Frage nachgehe, wenn ich also die möglichen Grenzen des Wissbaren angeben möchte, werde ich schnell auf das Problem des Wissenserwerbs stoßen. Welche Rolle spielen Empfindung, Gefühl, Wahrnehmung und Erfahrung dabei? Welche Bedeutung kommt der Logik, dem mathematischen Denken oder der „reinen Vernunft“ zu? Und welchen Einfluss haben Kultur, Sprache, biologisches Erbe oder technische Hilfsmittel? Für eine erschöpfende Antwort auf die Eingangsfrage wären sicher alle genannten – und viele weitere – Faktoren zu berücksichtigen. Gewöhnlich hat man es jedoch mit Antworten zu tun, die von dem Standpunkt und der Sichtweise desjenigen mitbestimmt sind, der sie gibt. Mit anderen Worten: Jeder Erkenntnistheoretiker gewichtet die genannten Abstraktionen nach seiner Façon und kommt  daher zu einem je eigenen Ergebnis. In den Augen derjenigen etwa, die den kulturellen Bedingtheiten der Erkenntnis eine entscheidende Bedeutung beimessen, gibt es überhaupt gar keine absolute Gewissheit, sondern allenfalls Übereinkünfte mit mehr oder weniger gut begründetem Geltungsanspruch. Nicht wenige Logiker, Mathematiker und Naturwissenschaftler hingegen scheinen den Erklärungsprinzipien ihrer Disziplinen eine solch große Beweiskraft zuzumessen, dass sie die nach diesen Prinzipien gewonnenen Erklärungen als überzeitlich wahres Wissen ansehen. Weiterlesen

Vom Austernleben

Viel ist in diesen Tagen wieder vom hässlichen Deutschen die Rede, und wieder verstehen die Wohlgesinnten die Welt nicht mehr. Demütigung der Griechen? Spardiktat? Export-Übermacht? Hegemonie? Wir handeln doch vernünftig, heißt es. Und Vernunft ist doch etwas unbedingt Gutes. Und Innovation, Fortschritt, Wachstum, Tüchtigkeit, Rechtlichkeit und Rechtschaffenheit sind doch unbedingt vernünftig! Einmal mehr fühlt sich der brave Deutsche verkannt. Einmal mehr beschleicht ihn der Verdacht, die anderen setzten ihn nur deshalb herab, weil sie es ihm in fairem Wettbewerb nicht gleichtun können. Weiterlesen

Der bürgerliche Makel

Als bloß angelernter Bürger habe ich mich mit der städtischen Wirklichkeit der arbeitsteiligen Produktion, des marktorientierten Handelns und der konsumistischen Lebensweise nie richtig anfreunden können. Lange Zeit hing ich dem Glauben an, dass mein Unbehagen ein Effekt gewisser Fehlentwicklungen und Schieflagen sei, für deren Zustandekommen man lediglich einen Teil der Bürgerschaft verantwortlich machen könne. Schuld waren das Kapital und seine „gierige“ Gefolgschaft, die Bourgeoisie. Den freiheitsliebenden Citoyen dagegen, der manchmal als politischer Rebell, oft aber auch als Künstler, Literat oder Wissenschaftler in Erscheinung tritt, hatte ich stets bewundert und von jeder Kritik ausgenommen. Das hat sich geändert. Beinahe jede aktuelle Nachricht aus der Welt der Wissenschaften und Künste scheint mir ein Beleg für die Richtigkeit der Marxschen These zu sein, dass in jedem Citoyen ein Bourgeois steckt. Weiterlesen

Über die Armut

Ich habe nichts gegen Reiche, solange sie nicht die Herrschaft übernehmen. Ich habe nichts gegen den Markt, solange er nicht über meine Wünsche gebietet. Ich habe nichts gegen Technik, solange sie mich nicht knechtet. Ich habe nichts gegen Genuss, solange er mir nicht den Verstand raubt. Ich habe nichts gegen den Verstand, solange er sich nicht gegen mich wendet. Aber das tut er. Er rät zur Kapitulation und verspricht im Gegenzug ungeahnte Sinnenfreuden, große Bequemlichkeit, maximale Zerstreuung und ja, auch Reichtum. Aber ich will nicht reich sein. Ich sehne mich nach Armut. Weiterlesen

Teil und Ganzes in Wahrnehmung und Gestaltung

Eigentlich wollte ich nur ein paar Fakten zur Wahrnehmung zusammentragen, um mich für kunstgeschichtliche Diskussionen zu rüsten. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, dass wir ja stets mehr vor Augen haben als wir sehen. Dieser Gedanke erschien mir so bedeutsam, dass ich ihn dem Ganzen nachträglich als Fundament unterlegt habe.      Weiterlesen

Was ist modern? Vier Versuche.

Wer sich mit Zeitgenossen verständigen will, muss ihre Sprache sprechen. In dieser Hinsicht sind die folgenden Überlegungen modern, wie ich hoffe. Modernität als Ideologie und Haltung erscheint mir jedoch seit langem fragwürdig. Zwei Aufsätze, einen Dialog  und ein Treatment später hat sich an dieser Einstellung nichts geändert.

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Sprachgläubigkeit

„If every word I said could make you laugh I’d talk forever.“ Dennis Wilson

Ich habe mich immer zu Heidegger hingezogen gefühlt, allein schon wegen solcher Wörter wie Gestell. Auch zu Derrida habe ich mich hingezogen gefühlt. Neuerdings fühle ich mich zu Judith Butler hingezogen. Zugleich werde ich abgestoßen von diesen Denkern. Ich schlage ein Buch auf, beginne mit der größten Neugier zu lesen und werde bereits nach wenigen Zeilen abgestoßen. Ich werde auch von Einführungen und kurzen Darstellungen, sogar von Wikipedia-Artikeln abgestoßen. Ich glaube, diese Denker haben eingesehen, dass etwas falsch läuft in der Welt und dass dieses Falsche etwas mit der Sprache zu tun hat. Aber sie verrennen sich augenblicklich, weil sie dem Falschen mit dem Falschen beikommen wollen. Sie bleiben der Sprache verhaftet. Sie wollen das Unerhörte zum Klingen bringen, wollen es einsehbar, spürbar, fühlbar, handhabbar machen (das zieht mich an ihnen an), aber sie verschmähen es, ihre Augen und Ohren aufzusperren, ihre Hände zu gebrauchen oder ihr Gefühl zu entwickeln (das stößt mich bei ihnen ab). Täten sie all dies, könnten sie vielleicht die Dichter werden, denen sie insgeheim nacheifern. Als Philosophen verstellen sie lediglich die Sicht mit neuen, frigiden Terminologien. Terminologien sind Fixsterne, um die bevorzugt Jünger, Gläubige und Ideologen kreisen. Und das sind Leute, die unter Garantie dafür sorgen, dass es weiterhin falsch läuft in der Welt. Dennoch kann ich diesen Denkern, die mir ungeheuer fremd sind, mehr abgewinnen als meinen Brüdern, den Ingenieuren und Technologen. Ich bin ihnen so nahe und kann ihnen doch nicht folgen. Ihre Sprache ist Information, ist reine, wohldefinierte Mitteilung. Manchmal scheint mir, sie hätten für diese Sprache ihre Seele hingegeben. Wie dem auch sei. Ich habe ein paar Gedanken gesammelt, die um das Problem der Sprache kreisen. Voilà. Weiterlesen

Über Gestaltung

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Jean-Jacques Rousseau

Geschichte ist gestaltete Zeit. Wer diesen Satz nicht versteht, ist nicht notwendig dumm, aber ganz gewiss ein bisschen zurückgeblieben. Denn der heutige Mensch zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er in allem und jedem (einschließlich sich selbst) ein Objekt der Gestaltung erblicken will. Bis vor kurzem waren wir vor allem Arbeiter. Auch als Künstler, Hausfrauen, Wissenschaftler oder Bankiers waren wir Arbeiter. Heute sind wir vor allem Gestalter. Geht das vorüber? Ist die Gestalterei nur eine Modeerscheinung? Zaubern Trend-Agenten morgen ein anderes Verkaufsargument für die Zukunft aus der Tasche? Bringt Gestaltung die Freiheit zur Blüte – oder in Verruf? Wo endet Gestaltung? Und wo fängt sie an? Weiterlesen

Der eingebildete Himmel

Im Namen eines beinharten Feminismus betreiben Pädagogen und Politiker die „Entnaturalisierung“ von Geschlecht und Familie. Leider verkennen die Befreiungssexologen die Natur der Kultur. Des Heiligen beraubt kippt sie ins Bodenlose. Was bleibt, ist eine zum Sprachspielhimmel verklärte Machtspielhölle

Das Wort „anständig“ zum Beispiel: Es geht einem so leicht über die Lippen und fühlt sich in seiner scheinbar alle Moralität einschließenden Bündigkeit so natürlich, gut und richtig an, dass der Abgrund, der sich in ihm auftut, kaum noch wahrnehmbar ist. Und doch zählt „anständig“ spätestens seit der Posener Rede Heinrich Himmlers („Dies durchgehalten zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht“) zu den unheimlichsten Wörtern der deutschen Sprache. Die Nationalsozialisten haben unsere Muttersprache so gründlich missbraucht, dass sie bis auf den heutigen Tag zuweilen verdächtig hohl klingt. Die Demokratie hat der Sprache gut getan, das ist wahr, allerdings wäre es naiv zu denken, sie sei seit 1945 oder 1968 oder 1989 von ideologischer Vereinnahmung und Verzerrung vollkommen frei. Gerade die voll tönenden Schlüsselbegriffe der marktkonformen Demokratie sind es nicht. Das Wort Freiheit bewegt Nationen, schrieb Novalis einmal; heute mobilisiert „Freiheit“ vor allem Konsumenten. Das Wort „Arbeit“ diszipliniert ganze Bevölkerungen. Das Wort „Markt“ verhext die ganze Welt. Wir haben es mit Zauberworten zu tun, mit Machtworten. Weiterlesen

Alterskitsch

Kulturpessimismus aus der hinterwäldlerischen Perspektive! Bis zur Lachhaftigkeit schwarzseherisch und schönfärberisch! Alterskitsch! Jawohl Alterskitsch, bei dem Gegenwart und Zukunft zuverlässig abkacken und alles Gewesene leuchtet! Es ist nicht zum Aushalten, sagt der Kritiker, als was für ein rückwärts gewandtes Arschloch du dich in diesen Texten präsentierst. Das hätte ich nie von dir gedacht!

Die Vorwürfe überraschen mich nicht. Ich frage mich praktisch jeden Tag, ob ich eigentlich noch bei Trost bin. Ich ringe um Rechtfertigung. Zum Beispiel bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, wie gut es mir und den Meinen eigentlich geht. Ich weiß das zu schätzen, wahrscheinlich besser als mein Kritiker, der Beamtensohn, der Bourgeois. Wie ich nicht müde werde zu betonen, wurde ich im Mittelalter geboren. Ich entstamme einer Dynastie von Kleinköttern und Halbmeiern, von Knechten und Mägden. Wir lebten im Schatten der Bauern und Barone, bis der im 19. Jahrhundert einsetzende industrielle, demokratische und soziale Aufschwung schließlich auch uns erfasste, so dass wir an der Seite unserer Brüder ein wenig zur Sonne, zur Freiheit aufschließen konnten. Die Butter auf dem Brot bedeutet mir etwas, auch die gute zahnmedizinische Versorgung, die Rechtssicherheit, die freie Presse, der Friede. Das ist gerade das Peinliche: Wer heute in einer Stadt wie München lebt und einen Job hat, kann sich nicht über einen Mangel an Freiheitsrechten, an kulturellen Spielräumen, an sozialen Versorgungsleistungen, an Angeboten aller Art beschweren – und doch vermisse ich das meiste. Weiterlesen