Über die Armut

Ich habe nichts gegen Reiche, solange sie nicht die Herrschaft übernehmen. Ich habe nichts gegen den Markt, solange er nicht über meine Wünsche gebietet. Ich habe nichts gegen Technik, solange sie mich nicht knechtet. Ich habe nichts gegen Genuss, solange er mir nicht den Verstand raubt. Ich habe nichts gegen den Verstand, solange er sich nicht gegen mich wendet. Aber das tut er. Er rät zur Kapitulation und verspricht im Gegenzug ungeahnte Sinnenfreuden, große Bequemlichkeit, maximale Zerstreuung und ja, auch Reichtum. Aber ich will nicht reich sein. Ich sehne mich nach Armut. Weiterlesen

Teil und Ganzes in Wahrnehmung und Gestaltung

Eigentlich wollte ich nur ein paar Fakten zur Wahrnehmung zusammentragen, um mich für kunstgeschichtliche Diskussionen zu rüsten. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, dass wir ja stets mehr vor Augen haben als wir sehen. Dieser Gedanke erschien mir so bedeutsam, dass ich ihn dem Ganzen nachträglich als Fundament unterlegt habe.      Weiterlesen

Was ist modern? Vier Versuche.

Wer sich mit Zeitgenossen verständigen will, muss ihre Sprache sprechen. In dieser Hinsicht sind die folgenden Überlegungen modern, wie ich hoffe. Modernität als Ideologie und Haltung erscheint mir jedoch seit langem fragwürdig. Zwei Aufsätze, einen Dialog  und ein Treatment später hat sich an dieser Einstellung nichts geändert.

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Sprachgläubigkeit

„If every word I said could make you laugh I’d talk forever.“ Dennis Wilson

Ich habe mich immer zu Heidegger hingezogen gefühlt, allein schon wegen solcher Wörter wie Gestell. Auch zu Derrida habe ich mich hingezogen gefühlt. Neuerdings fühle ich mich zu Judith Butler hingezogen. Zugleich werde ich abgestoßen von diesen Denkern. Ich schlage ein Buch auf, beginne mit der größten Neugier zu lesen und werde bereits nach wenigen Zeilen abgestoßen. Ich werde auch von Einführungen und kurzen Darstellungen, sogar von Wikipedia-Artikeln abgestoßen. Ich glaube, diese Denker haben eingesehen, dass etwas falsch läuft in der Welt und dass dieses Falsche etwas mit der Sprache zu tun hat. Aber sie verrennen sich augenblicklich, weil sie dem Falschen mit dem Falschen beikommen wollen. Sie bleiben der Sprache verhaftet. Sie wollen das Unerhörte zum Klingen bringen, wollen es einsehbar, spürbar, fühlbar, handhabbar machen (das zieht mich an ihnen an), aber sie verschmähen es, ihre Augen und Ohren aufzusperren, ihre Hände zu gebrauchen oder ihr Gefühl zu entwickeln (das stößt mich bei ihnen ab). Täten sie all dies, könnten sie vielleicht die Dichter werden, denen sie insgeheim nacheifern. Als Philosophen verstellen sie lediglich die Sicht mit neuen, frigiden Terminologien. Terminologien sind Fixsterne, um die bevorzugt Jünger, Gläubige und Ideologen kreisen. Und das sind Leute, die unter Garantie dafür sorgen, dass es weiterhin falsch läuft in der Welt. Dennoch kann ich diesen Denkern, die mir ungeheuer fremd sind, mehr abgewinnen als meinen Brüdern, den Ingenieuren und Technologen. Ich bin ihnen so nahe und kann ihnen doch nicht folgen. Ihre Sprache ist Information, ist reine, wohldefinierte Mitteilung. Manchmal scheint mir, sie hätten für diese Sprache ihre Seele hingegeben. Wie dem auch sei. Ich habe ein paar Gedanken gesammelt, die um das Problem der Sprache kreisen. Voilà. Weiterlesen

Über Gestaltung

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Jean-Jacques Rousseau

Geschichte ist gestaltete Zeit. Wer diesen Satz nicht versteht, ist nicht notwendig dumm, aber ganz gewiss ein bisschen zurückgeblieben. Denn der heutige Mensch zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er in allem und jedem (einschließlich sich selbst) ein Objekt der Gestaltung erblicken will. Bis vor kurzem waren wir vor allem Arbeiter. Auch als Künstler, Hausfrauen, Wissenschaftler oder Bankiers waren wir Arbeiter. Heute sind wir vor allem Gestalter. Geht das vorüber? Ist die Gestalterei nur eine Modeerscheinung? Zaubern Trend-Agenten morgen ein anderes Verkaufsargument für die Zukunft aus der Tasche? Bringt Gestaltung die Freiheit zur Blüte – oder in Verruf? Wo endet Gestaltung? Und wo fängt sie an? Weiterlesen

Der eingebildete Himmel

Im Namen eines beinharten Feminismus betreiben Pädagogen und Politiker die „Entnaturalisierung“ von Geschlecht und Familie. Leider verkennen die Befreiungssexologen die Natur der Kultur. Des Heiligen beraubt kippt sie ins Bodenlose. Was bleibt, ist eine zum Sprachspielhimmel verklärte Machtspielhölle

Das Wort „anständig“ zum Beispiel: Es geht einem so leicht über die Lippen und fühlt sich in seiner scheinbar alle Moralität einschließenden Bündigkeit so natürlich, gut und richtig an, dass der Abgrund, der sich in ihm auftut, kaum noch wahrnehmbar ist. Und doch zählt „anständig“ spätestens seit der Posener Rede Heinrich Himmlers („Dies durchgehalten zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht“) zu den unheimlichsten Wörtern der deutschen Sprache. Die Nationalsozialisten haben unsere Muttersprache so gründlich missbraucht, dass sie bis auf den heutigen Tag zuweilen verdächtig hohl klingt. Die Demokratie hat der Sprache gut getan, das ist wahr, allerdings wäre es naiv zu denken, sie sei seit 1945 oder 1968 oder 1989 von ideologischer Vereinnahmung und Verzerrung vollkommen frei. Gerade die voll tönenden Schlüsselbegriffe der marktkonformen Demokratie sind es nicht. Das Wort Freiheit bewegt Nationen, schrieb Novalis einmal; heute mobilisiert „Freiheit“ vor allem Konsumenten. Das Wort „Arbeit“ diszipliniert ganze Bevölkerungen. Das Wort „Markt“ verhext die ganze Welt. Wir haben es mit Zauberworten zu tun, mit Machtworten. Weiterlesen

Alterskitsch

Kulturpessimismus aus der hinterwäldlerischen Perspektive! Bis zur Lachhaftigkeit schwarzseherisch und schönfärberisch! Alterskitsch! Jawohl Alterskitsch, bei dem Gegenwart und Zukunft zuverlässig abkacken und alles Gewesene leuchtet! Es ist nicht zum Aushalten, sagt der Kritiker, als was für ein rückwärts gewandtes Arschloch du dich in diesen Texten präsentierst. Das hätte ich nie von dir gedacht!

Die Vorwürfe überraschen mich nicht. Ich frage mich praktisch jeden Tag, ob ich eigentlich noch bei Trost bin. Ich ringe um Rechtfertigung. Zum Beispiel bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, wie gut es mir und den Meinen eigentlich geht. Ich weiß das zu schätzen, wahrscheinlich besser als mein Kritiker, der Beamtensohn, der Bourgeois. Wie ich nicht müde werde zu betonen, wurde ich im Mittelalter geboren. Ich entstamme einer Dynastie von Kleinköttern und Halbmeiern, von Knechten und Mägden. Wir lebten im Schatten der Bauern und Barone, bis der im 19. Jahrhundert einsetzende industrielle, demokratische und soziale Aufschwung schließlich auch uns erfasste, so dass wir an der Seite unserer Brüder ein wenig zur Sonne, zur Freiheit aufschließen konnten. Die Butter auf dem Brot bedeutet mir etwas, auch die gute zahnmedizinische Versorgung, die Rechtssicherheit, die freie Presse, der Friede. Das ist gerade das Peinliche: Wer heute in einer Stadt wie München lebt und einen Job hat, kann sich nicht über einen Mangel an Freiheitsrechten, an kulturellen Spielräumen, an sozialen Versorgungsleistungen, an Angeboten aller Art beschweren – und doch vermisse ich das meiste. Weiterlesen

Imperium

Ist die Natur ein Herrschaftsapparat, gegen den man sich zur Wehr setzen muss, wie die Philosophin Judith Butler glaubt? Ist sie identisch mit dem Imperium der modernen Physik? Wie weit müssen wir gehen, um frei zu sein?

Aussehen, Charakter, Geschlecht, Krankheit, Alter, Tod: Es gibt es nichts, mit dem wir uns abfinden müssten. Judith Butler wenigstens scheint es so zu sehen. Für die amerikanische Queer-Theoretikerin ist alles Gegebene ein Gespinst, die Biologie ein Ammenmärchen, die Natur eine Diktatur. Nun hat vermutlich selbst die berühmte Philosophin nichts gegen klares Wasser, frische Luft oder eine schöne Landschaft einzuwenden. In letzter Konsequenz ist es wohl der mechanistische, materialistische Naturbegriff der neuzeitlichen Naturwissenschaft, gegen den sie rebelliert. Die deterministische Natur der klassischen Physik ist eine Diktatur, und die Vorstellung, sich davon emanzipieren zu wollen, ist vielleicht verrückt, zeugt aber auch von einer zutiefst menschlichen Sehnsucht nach Freiheit.

Woher bezieht dieser unbedingte Freiheitsdrang seine Energie? Welche Instanz oder Kraft ist es, die jede Bindung als Fessel ansieht, die es zu sprengen gilt? Meist behilft man sich mit der Vorstellung irgendeines Triebgeschehens oder klebt das Etikett „Begehren“ auf die Black Box mit dem mysteriösen Wirkstoff. Und wenn nun die Instanz der Intellekt und die Kraft das Denken wäre? Ich glaube, Judith Butler sieht es so: Ihre Philosophie scheint bei aller „Postmodernität“ mit dem erzmodernen cartesischen Dualismus von Materie und Geist als einer metaphysischen Grundvorstellung zu operieren. Emanzipation von der Natur bedeutet in dieser Tradition eine Vergeistigung des Lebens (die freie Bestimmung des Geschlechts, die sich in gewissen Sprechakten und politisch-solidarischen Aktionen manifestieren und befestigen mag, ist als Wahl zuallererst ein geistiger Akt). Weiterlesen

Pasolini

Eine Reflexion vor dem Spiegel. Ein Augenblick des Aufbegehrens. Eine Erinnerung an den Freidenker Pier Paolo Pasolini. 1975 wurde der italienische Regisseur ermordet; im selben Jahr erschienen seine Freibeuterschriften, aus denen ich im Text zitiere 

Mit sechzig kann der Blick in den Spiegel zum erkenntnistheoretischen Abenteuer werden. Normalerweise fehlt einem natürlich der Mut es anzutreten. Man hat sich kennen gelernt und nähert sich dem Spiegel mit dem festen Vorsatz sich wiederzuerkennen. Das Gegenüber ist dann nichts weiter als das durch selektive Wahrnehmung erzeugte Selbstbild, mit dem man sein ganzes Leben verbracht hat. Gewiss können plötzlich auftauchende Flecken und Eintrübungen den Erkenntnisakt zu einer deprimierenden Angelegenheit machen. Die fahle Haut, das stumpfe Haar. Die selbst verschuldete Dicklichkeit. Die Zeichen des allgemeinen Verfalls, die beim besten Willen nicht mehr zu übersehen sind. Trotzdem wird das Bild im Großen und Ganzen den Vorstellungen entsprechen, die man sich davon gemacht hat. Zum erkenntnistheoretischen Abenteuer wird die Geschichte eher in jenen Momenten, in denen ich plötzlich und unvorbereitet auf mein Abbild stoße. Wenn ich es etwa unversehens in einem spiegelnden Schaufenster entdecke, kann die Wahrnehmung der Witzfigur, die mich aus dem Glas heraus anglotzt und dabei jeder Vorstellung spottet, zum Augenblick der Wahrheit werden. Weiterlesen

Mit seinen Eichen, seinen Linden …

„Welcome to the German Century“ titelte unlängst das Magazin Newsweek. Sind die jetzt vollkommen übergeschnappt? Wissen die gar nichts von uns? Ein kurzer Beitrag über das Wesen, an dem die Welt auch im 21. Jahrhundert nicht genesen wird 

Sollen sie Autos, Motorsägen und Druckmaschinen bauen, aber der Kult um das deutsche Maschinenbauertum ist mir peinlich. Das ist ein Aspekt von Deutschland, der mich krank macht. Wenn fortwährend gesagt wird: Wir sind die Autobauer, die Motorsägenbauer, die Druckmaschinenbauer der Welt und sonst nichts. Wenn selbst den Krankenschwestern aus Ghana, den griechischen Gastwirten und den ostwestfälischen Kunstmalern von früh bis spät das deutsche Maschinenbauertum gepredigt wird. Wenn schon den Ungeborenen das Ingenieurwesen eingepflegt und eingeflüstert wird. Werde Kraftwerkbauer, Baby, oder wenigstens Kraftwerkimitator. Denn wir sind die Roboter. Denn das ist die Zukunft, und die Zukunft ist immer das Rechte. Aber ich halte diese Behauptung, diese Selbstbehauptung, für eine aus Angst geborene deutsche Lüge. Sogar „Dichter und Denker“ beschreibt uns besser. Erst recht „Schlafmützen und Tagträumer“. Heine wusste das noch, als er dichtete: „Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft, unbestritten.“ Weiterlesen