Links, rechts, geradeaus

Auf die Frage „Was bedeutet Linkssein für dich?“, antwortete der französische Philosoph Gilles Deleuze einmal: „Nicht links zu sein, ist ein bisschen wie eine Postadresse. Von sich ausgehen, von der Straße, in der man wohnt, der Stadt, dem Land, den anderen Ländern, immer weiter weg. Man beginnt bei sich, und insofern man privilegiert ist und in einem reichen Land wohnt, fragt man sich: Wie stelle ich es an, dass diese Situation andauert? (…) Links zu sein ist das Gegenteil. Es bedeutet wie die Japaner wahrzunehmen. Anders als wir nehmen sie zuerst den äußeren Umkreis wahr, sie würden also sagen: zuerst die Erde, dann der Kontinent, dann Frankreich und schließlich die Rue Bizert – ich! (…) Du siehst zuerst den Horizont und weißt, dass das unmöglich andauern kann: der Hunger von Milliarden, die Ungerechtigkeit. Linkssein ist vor allem ein Wahrnehmungsphänomen.“ Nimmt man zur Wahrnehmung das moralische Empfinden hinzu, ergibt sich als Charakteristikum des Linksseins so etwas wie die „Fernstenliebe“, die Nietzsches Zarathustra predigte und die Hans Jonas ins Zentrum seiner „Ethik der technologischen Zivilisation“ rückte. Man wird sagen dürfen: Ohne ein solches dem Fernsten zugewandtes und verpflichtetes Linkssein kann es eine Fortexistenz auf diesem Planeten nicht geben. Allerdings bedarf die linke Fernstenliebe, die notwendig Phantasma, „Gesicht“, Ideenliebe ist, der Ergänzung um die rechte Nächstenliebe, wenn die Fortexistenz humane Züge bewahren soll.

Freilich steht der notwendigen Einigung der Fraktionen eine jahrtausendealte Geschichte der Feindschaft entgegen. Und diese Feindschaft hat nicht nur Tradition, sie hat auch Gründe. Denn die tödlichen Gefahren, die beiden Seinsarten innewohnen, sind real und virulent: Das idyllische Rechtssein neigt zum Spießertum und kann in entsetzlichste Barbarei ausarten; das weltoffene Linkssein neigt, wenn es sich der Abstraktion allzusehr hingibt, zum Dogmatismus mit all seinen mörderischen Implikationen wie Inquisition, Gesinnungsspitzelei und Terror.

Dass die alten Feinde trotz alledem neuerdings hier und da die Zusammenarbeit suchen, lässt hoffen. Allerdings zeigt die Kooperationsbereitschaft auch, dass der alte Konflikt inzwischen an Relevanz verloren hat. Idealisten und Idylliker sehen sich heute einer Macht gegenüber, die nach Begriff und Anschauung nicht groß fragt. Fernstenliebe? Nächstenliebe? Technische Intelligenz hat damit nur insofern etwas zu schaffen, als es der stärksten Köder bedarf, um die Menschen aus ihrem lebendigen Kosmos herauszulocken, damit sie ihren Platz im Funktionenraum kontrollierter Zweck-Mittel-Relationen einnehmen. Der stärkste Köder ist die Liebe. Und der Teufel macht sie zu seinem Instrument, indem er ihren Bindungstrieb zugleich entfesselt und entkräftet durch die Weisung, über das Nächste und Fernste noch hinauszugreifen.

Das Private soll auf den Nullpunkt gebracht werden und das Politische im Unendlichen sich verlieren, mit der Folge, dass die Nächstenliebe zur Eigenliebe gerinnt und die Fernstenliebe zur Lust am unbedingten Weitermachen ausufert. Den Erfordernissen technischer Intelligenz angepasst, ergreifen die beiden Arme der Liebe heute alles und jedes, ohne auch nur einen einzigen Menschen zu erheben. Zwar wird die Nächstenliebe vielerorts gepflegt und sonntäglich gepriesen, doch das moderne Anspruchsdenken sieht sie fast schon als Folkore an, die in einer vom ökonomistischen Dogma der Eigenliebe beherrschten Zeit keine rechte Funktion mehr hat. Ähnlich ist es mit der Fernstenliebe. Sie ist Gegenstand unzähliger Tagungen, Meetings, Romane, Filme, Buchmessen, Theaterfestivals, Radiofeatures, Parlamentsdebatten und Tweets, doch gleichen diese Inszenierungen des Engagements immer mehr den Bricolagen jener halb irren Hobbybastler, denen es weniger auf die Bauten ankommt als auf das Bauen. Nicht was zu tun wäre, sondern dass sich etwas tut, bewegt die Köpfe. Nicht Kultur ereignet sich, sondern Kulturbetrieb. Nicht Politik, sondern Politikbetrieb. Nicht Produktion, sondern Produktionsbetrieb. Nicht Information bewegt die Zeit, sondern Informationsbetrieb. Und allen modernen Betrieben ist zu eigen, dass in ihnen die unbedingte Liebe zum Weitermachen alle bedingte Liebe übersteigt und ersetzt. Technikliebe (denn nichts anderes ist die moderne, unverbindliche Liebe) haftet weder an einem Wesen noch an einer Welt, orientiert sich an keinem Ideal, achtet kein positives Recht, transzendiert alle Grenzen. Sie geht über Leichen und tote Planeten, denn das Weitermachen geht ihr über alles. Technikliebe ist tatsächlich Liebe zum Allerfernsten, nämlich Liebe zu nichts. Sie ist reinster Nihilismus.