Vom Himmelreich

Nach Wochen und Monaten vorm Radio, vorm Fernseher, vorm Rechner und vorm Handydisplay sind wir durchdrungen von der Größe und Komplexität der durch die modernen Medien aufgespannten Welt. Dann kommt ein Austag; man radelt ins Grüne, sitzt am Waldrand, starrt in die Landschaft und wird still. Das wogende Naturbild, aus dem immer neue Details sich herauslösen und zu immer neuen Ganzheiten sich vereinen, öffnet einem die Augen für den himmlischen Reichtum der hinter der konstruierten Welt aufscheinenden Wirklichkeit. Diesen himmlischen Reichtum machte Paul Gerhardt (1607–1676) zum Thema eines seiner bekanntesten geistlichen Lieder:

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege des‘, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Es geht um die Fragen, um die es immer geht. Wie leben mit den Lasten, die einem das Leben auferlegt? Wie umgehen mit den unvermeidbaren Krankheiten und Kränkungen? Was tun? Gerhardt weiß es auch nicht. Zumindest mit einer technischen Lösung wartet er nicht auf. Es gibt keine To-do-Liste, keine Pille, keinen Übungsplan, kein Diätprogramm; noch nicht mal Gebete helfen weiter. Die Antwort heißt Gottvertrauen.

Doch ist es nicht der „logische“ Gott der Offenbarung, den das Lied besingt. Der Beweger der Welt bezeugt sich nicht durch Worte, Gesetze und Verheißungen, er zeigt sich in der bewegten Welt des Naturgeschehens. Daher lautet die Antwort: Wem die Decke auf den Kopf fällt, dem bleibt nichts anderes übrig, als vor die Tür zu treten. Wer Freiheit sucht, findet sie nur unterm freien Himmel. Wer sie im Inneren eines architektonischen oder sprachlichen Gebäudes sucht, dem verengen sich die Räume wie der Maus in Kafkas Kleiner Fabel, die so oder so ins Verderben rennt. Der „geheimnisvolle Weg“ führt nicht nach innen, wie Novalis glaubte, sondern nach draußen. Und draußen ist da, wo sich die künstlich angelegten Wege im Offenen verlieren. Draußen ist da, wo sich nichts mehr feststellen lässt, weil die natürliche Bewegung alles ergreift. Wer sich in geistige Armut stürzt, sagt Paul Gerhardt, dem fließt der himmlische Reichtum zu. Wer sich dem bewegten Naturgeschehen überantwortet, der findet eine Antwort.

Selbst in der ärgsten Bedrängnis findet sich ein gangbarer Weg. Das wenigstens ist die Botschaft von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion, in der dem Kirchenlied -> Befiehl du deine Wege – zusammen mit den anderen, auf ein und dieselbe Melodie gesungenen Chorälen – eine herausragende Bedeutung zukommt. Der Choral klingt arm im Vergleich zu der -> himmlisch reichen Musik, in die er eingebettet ist. Doch gerade aus dieser Armut bezieht er seine überwältigende Kraft. Im Grunde genommen ist er der Anker, an dem alles hängt: der Kontrapunkt zum himmlisch reichen Leben, das sogar den Tod einschließt – -> die menschliche Antwort auf die letzte Frage.

Freilich reißt die Ankerkette noch zu Bachs Lebzeiten. Das kontrapunktische Ich, das in Harmonie von innerer Stimme und himmlischer Gegenstimme sich fortbewegt, entledigt sich des vom Äußersten her wirksamen Regulativs und beginnt das Heil in sich selbst zu suchen. Die andere Seite des Eigenen, für Menschen wie Paul Gerhardt und Johann Sebastian Bach noch ganz gegenwärtig, rückt für das monodische Ich der Moderne immer weiter in die Ferne. Der Mensch des 19. Jahrhunderts empfängt keine Weisung mehr vom Himmel, sondern sehnt sich nach ihm – wie das lyrische Ich in Joseph von Eichendorffs Gedicht Die Stille:

Ich wünschte, ich wäre ein Vöglein
Und zöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis dass ich im Himmel wär’!

Der Himmel bedeutet hier nicht mehr den realen Kontrapunkt der Seele, sondern den irrealen Fluchtpunkt des Ich. War die Welt einst der von Wegen erfüllte Lebensraum, liegt sie jetzt als ein unwegsam-lebensfeindlicher Ozean zwischen den weit auseinander gedrifteten Polen der Seele. In dem schönen Bild des winzigen „Vögleins“ über dem gewaltigen „Meer“ drückt sich nicht zuletzt die Unmöglichkeit aus, die ungeheure Distanz zu überbrücken. Ohnehin bleibt das Ich am Boden und behilft sich mangels realistischer Versöhnungs-Perspektiven mit den Flügeln der Poesie („Ich wünschte“). Die romantische Reaktion auf die Entfernung des Himmels aus dem menschlichen Leben behält ihren Reiz bis heute: Welche Kunst – vom kulturindustriell designten Schlager bis zum autonom geklöppelten Staatstheater – wäre nicht romantisch? Vielleicht die politische, die vernünftige, die wahre? Paradebeispiele dafür liefert natürlich Heinrich Heine etwa mit dem Versepos Deutschland – Ein Wintermärchen. Dort heißt es:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Kein „Eiapopeia vom Himmel“ mehr, stattdessen: „We shall overcome“, „We are the champions“, „We are the world“, „Wir sind das Volk“. Das haltlose Ich des Romantikers, „im traurigen Monat November“ heimgekehrt aus der Fremde, verankert sich neu im Wir.

Wen genau das „Wir“ einschließt und wen es ausschließt, bleibt offen. Es gibt enge und weite Begriffe vom neuen Subjekt der Geschichte. Manchmal hat es den Anschein, als beanspruchten gewisse Klassen wie etwa das Marxsche Proletariat, das westliche Kulturbürgertum oder die Einwohnerschaft der San Francisco Bay Area die Mitgliedschaft im „Wir“ exklusiv für sich. Im Grunde genommen soll sich aber wohl jeder dazuzählen dürfen, der „Wir“ sagen und verstehen kann, also jeder sprachmächtige Mensch. Definitiv ausgeschlossen sind sprachlich minderbemittelte Organismen wie etwa Bienen, Schafe, Würmer und Nashörner, aber auch manche Greise, manche Verrückte und manche Kinder sowie „Wolken, Luft und Winde“ als unendlich reiche Subsysteme des Ganzen, des Himmels. Letzterer ist nicht mehr Regulativ, nicht mehr Kontrapunkt, nicht mehr Wirklichkeit, sondern nur noch Symbol. „Himmelreich“ bezeichnet jetzt die irdische Glückseligkeit – von unsereinem.

Bekanntlich zählt das Streben danach („pursuit of happiness“) seit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Diese (Natur-)Rechte bilden den Glutkern der Aufklärung; als einzig verbliebene Heiligtümer im geschändeten Tempel der Natur besitzen sie eine bis heute ungebrochene Strahlkraft. Die Menschenrechte für jeden (verständigen) Menschen zu erstreiten und zu sichern, jedes (sprachbegabte) Individuum in das „Wir“ hineinzunehmen, gilt – zumindest im liberalistischen Westen – als der grundlegende Zweck aller Politik.

Das ist nobel, vielleicht auch notwendig, aber ganz gewiss nicht hinreichend. Die Schieflage des auf dem Fundament der Menschenrechte errichteten Gebäudes der Weltgesellschaft wird mit jedem Tag augenfälliger. Der Grund: Es hausen (natürliche und juristische) Personen mit sehr viel Macht und sehr weitem Handlungsspielraum darin; Personen, die das Gebäude durch ihre Aktivitäten zerrütten – und dennoch nichts anderes tun als ihre Menschenrechte wahrzunehmen. Das Manko der Konstruktion besteht wohl darin, dass sie auf abstrakten Begrifflichkeiten beruht, die so oder so mit Inhalt gefüllt werden können und müssen. Nun legen zwar „wir“ fest, was Freiheit, Gleichheit, Würde, Glückseligkeit etc. bedeuten sollen, aber „wir“ stehen unter dem Einfluss von Mächten, die „wir“ grundsätzlich nicht bezwingen können, weil auch sie „wir“ sind.

Fatalerweise verschiebt sich das Gefüge im schönsten Einklang mit dem Recht – weshalb es liberale Intellektuelle einen Dreck schert, wenn das „Himmelreich“ vor die Hunde geht, solange noch Champagner im Kühlschrank steht und der rechtliche Rahmen unversehrt bleibt. Glückseligkeit mag bloß noch das angenehme Kribbeln bedeuten, in einem gamifizierten Produktionsprozess den Highscore erreicht zu haben; bloß noch den schalen Kitzel teuer erkaufter Selbstoptimierung; bloß noch den Speichelfluss beim Anblick ganz und gar enteigneter Früchte; bloß noch Kunstgenuss; bloß noch Lesevergnügen; bloß noch Spaß am reproduktionsmedizinischen Design eines Kindes; bloß noch das behagliche Gefühl, dieses Kind bei Nichtgefallen zurückgeben zu können; bloß noch die Freiheit, die apparativ versorgte Oma nach Belieben ein- und ausschalten zu dürfen; bloß noch die Berauschung am Frei-Gesetzten und Gleich-Gemachten: Dennoch werden Rationalisten, sofern alles mit rechten Dingen zugegangen ist, die Entwicklung als Fortschritt preisen – selbst dann noch, wenn sie die Rechnungen, die ihnen dafür präsentiert werden, schon längst nicht mehr selbst zu prüfen imstande sind.

Was ich sagen will: Solidarität ist eine gute Antwort auf viele Fragen, aber sie ist eine unzureichende Antwort auf die entscheidende Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos. „Ich“ genüge mir nicht. „Wir“ genügen uns aber auch nicht. Und die Blasen, die wir als Rechtsräume und Kunstträume um uns „errichten“, genügen erst recht nicht. Jedes konstruierte „Himmelreich“ wird zur Hölle, wenn der reale Himmel außen vor bleibt.