Bipolar 2: Pauschale Verurteilungen

Ob es zum Schlimmsten kommt, wissen wir nicht. Schlimm genug ist aber schon das feindselige Schweigen über den tiefen Gräben, die heute so vieles trennen, was noch bis vor wenigen Jahren zusammen gehörte. Ost und West, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Frauen und Männer: Die Welt von Gestern war ein polar strukturierter Kosmos, das Leben war eine Begegnung. Streit, Wettbewerb, Kampf und Krieg spielten ebenso hinein wie Kooperation, Teamgeist, gegenseitiger Respekt, Freundschaft und Liebe. Ungeachtet der Gefahr der atomaren Auslöschung, die seit den frühen 1950er Jahren über allem schwebte, sah alle Welt das Leben als Spiel an und ließ sich vorbehaltlos darauf ein. Der Ball war rund. Der Weg war das Ziel. Die Mitte war golden. Denn das Höchste war die Einheit des Unvereinbaren – und gerade nicht: der Monismus der reinen Wahrheit.

Zugegeben, in diesem heiteren Licht zeigt sich die Welt von Gestern nur dem, der sie mit kindlicher Naivität oder romantischer Ironie betrachtet. Wer nüchternen Sinnes auf die »Nachkriegszeit« blickt, bemerkt natürlich überall Risse, Fronten, Widersprüche, Abgründe. 

Tatsächlich stand ja das binäre Denken der Ideologen auch nach dem Ende des »Zeitalters der Extreme« noch hoch im Kurs. Und es waren keineswegs nur alte Nazis und Stalinisten, die ihren stählernen Träumen von der finalen Säuberung des Menschengeschlechts nachhingen; auch die Nachgeborenen fühlten sich mächtig angezogen vom Unbedingten. Vor allem die Wohlstandsjugend des Westens wandelte bei ihren Versuchen, dem »Unbehagen in der Kultur« (Sigmund Freud) zu entrinnen, nur allzu gern auf extremistischen Pfaden. Zwar führten diese Wege Mitte der 1970er Jahre zunächst einmal ins Abseits: Während der militante Flügel der Protestbewegung sich in sinnloses Morden verrannte, zerfiel die bloß verbalrevolutionäre Mehrheitsfraktion in diverse neomarxistische Grüppchen, deren Protagonisten sich in absurden Theoriedebatten selbst zerfleischten. 

Wohin aber strebten jene, die rechtzeitig abgebogen waren, um als Lehrer, Journalisten, Richterinnen oder Grünen-Politikerinnen den »Marsch durch die Institutionen« anzutreten? Hingen sie ihren radikalen Anschauungen nicht weiterhin an? Betrachteten sie sich nicht weiterhin als Soldaten des Weltgeistes, die in endzeitlichen Entscheidungsschlachten um absolute Werte kämpften? Ihre bürgerlichen Karrieren und ihre reformistische Politik sprechen zwar dagegen. Doch ihr Habitus verrät sie. Ihr rechthaberisches, selbstgerechtes Auftreten, ihr Hang zum Grundsätzlichen, ihr Freund-Feind-Denken und ihre Unduldsamkeit gegenüber Abweichlern lassen erkennen, dass sie die Absolutheitsansprüche, denen sie sich als Jugendliche verschworen hatten, keineswegs aufgegeben haben. Der Witz dabei ist, dass das binäre Denken der absoluten Setzungen, das unbedingte Entscheidungen und Identifikationen erzwingt, alles andere als eine Erfindung der »Achtundsechziger«  ist. Vielmehr entspringt es dem totalitären Geist des »Zeitalters der Extreme«, gegen den sie ursprünglich einmal revoltiert hatten.

Diese furchtbare Wiederkehr des Gleichen beklagte der Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini bereits 1973. In Bezug auf die »langen Haare«, die Mitte der sechziger Jahre Ausdruck jugendlichen Protests waren, aber eine Dekade später nur noch als Protestmode die Zugehörigkeit zur Generation der kommenden »Gewinner« anzeigten, schreibt er: »Die abstoßenden Masken, die sich die Jugendlichen aufsetzen und mit denen sie so widerlich aussehen wie die alten Huren einer ungerechten Bilderwelt, schreiben ihnen objektiv erneut ins Gesicht, was sie lediglich verbal für alle Zeiten verurteilt hatten. So schimmern sie dann wieder durch, die alten Gesichter der Pfaffen, des Richters, des Offiziers, des falschen Anarchisten, des beamteten Narren, des Winkeladvokaten, des Scharlatans, des käuflichen Knechts, des Schlitzohrs, des rechtschaffenden Halunken. Die radikale und pauschale Verurteilung der Väter – die ein Stück geschichtlicher Evolution und vorangegangener Kultur sind –, gegen die sie eine unüberwindliche Mauer errichtet haben, hat sie schließlich selbst isoliert. (…) Tatsächlich haben sie ihre Väter rückwärts überholt und haben dabei in ihrem Inneren Ängste und Anpassungszwänge und in ihrem Äußeren ein Spießertum und eine Armseligkeit wiederaufleben lassen, die bereits für alle Zeiten überwunden schienen.«45 

Das Elend rührt von der »pauschalen Verurteilung« her. Geblendet vom ungeheuren Ausmaß des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens ignorierten die Söhne und Töchter die Widersprüchlichkeit der geschichtlichen Wirklichkeit, in die ihre »Väter« verstrickt waren. Weil die Jungen sich weigerten, die faschistische Barbarei als einen zwar furchtbaren, aber eben auch konsequenten Ausdruck von Modernität zu betrachten, blieben sie trotz aller Widerstandsrhethorik auf Kurs und segelten unter der Flagge der Aufklärung munter weiter in Richtung Totalmodernisierung. Letztlich führte ihr undialektisches Verhältnis zur Geschichte dazu, dass sie in mancherlei Hinsicht genau das Gegenteil dessen verkörperten, was sie im politischen oder popkulturellen Kontext vehement bekämpften oder befürworteten. Wenn sie gegen den Konsumismus wetterten, taten sie es als konsumistische Hedonisten; wenn sie den Nonkonformismus priesen, taten sie es als gruppenkonformistische Spießer; wenn sie universalistische Menschheitsideale predigten, taten sie es als eifersüchtige Besitzstandswahrer, wenn sie sich der Unterdrückten annahmen, taten sie es von oben herab, wenn sie die deutsche Geschichte zermalmten, taten sie es mit deutschnationalem Gründlichkeitsfanatismus. Kurzum: Unter der Maske von Toleranz und Konzilianz betrieben sie das zwielichtige Geschäft des Fortschritts mit der gleichen erbarmungslosen Konsequenz, die ihre »Väter« an den Tag gelegt hatten.                                                                                                                                   

Zwar hat sich die Generation der Ex-Langhaarigen mittlerweile in den Ruhestand verabschiedet, doch ihr prägender Einfluss auf die folgenden Generationen ist unverkennbar. Zu neuen Ehren kam leider auch die elende Mitgift der »Väter« – und zwar nicht zuletzt im identitätspolitisch bewegten Milieu. In ihrem unbedingten Engagement für die Eigenrechte benachteiligter Kollektive errichten neulinke Aktivisten unentwegt und reinsten Gewissens »unüberwindliche Mauern« zwischen Täter- und Opfergruppen, ergehen sich in »pauschalen Verurteilungen« ganzer Bevölkerungsklassen und kultivieren dabei »Anpassungszwänge«, die man längst überwunden geglaubt hatte.

Wie konnte es so weit kommen? 

Aus linker Perspektive leben Menschen nicht in polar strukturierten Wirklichkeiten, in deren vielfältigen Bedingungsräumen sie ihrer Wege gehen und dabei eben so weit kommen, wie ihre Füße sie tragen, sondern in binär strukturierten Ordnungen, in denen die Zwangszugehörigkeit zu Klassen, Nationen oder Geschlechtern ihren individuellen Bewegungsspielraum vollständig bestimmt. Die solcherart »Verhafteten« aus ihren Identitätsgefängnissen zu befreien, ist das Ur-Anliegen der Aufklärung, der sich die »Linke« in allen ihren Ausprägungen stets verpflichtet gefühlt hat. Doch während orthodoxe Marxisten, aber auch reformorientierte Sozialdemokraten die jeweiligen Produktionsverhältnisse für das peinliche Verhaftet-Sein der Menschen in stereotypen Denk- und Lebensformen verantwortlich machten, glaubt die postmoderne Linke unserer Tage, es seien die durch »Diskurse« reproduzierten Machtverhältnisse, die das Übel verursachen und perpetuieren. Zur Veränderung der Verhältnisse bedürfe es deshalb nicht so sehr eines sozialökonomischen Ansatzes als einer kulturpolitischen Agenda, die auf die »Dekonstruktion« und Umschreibung herrschender Narrative zielt. 

Im Fokus stehen dabei nicht zuletzt die »großen Erzählungen«. Jean-François Lyotard, der Vordenker des Postmodernismus, versteht darunter jene philosophischen Grundpositionen oder Großtheorien, die in modernen Zeiten maßgebend für das Denken und Handeln geworden sind. Dazu zählen etwa der Rationalismus, die Subjektphilosophie, der Marxismus, der Naturalismus, die Systemtheorie oder der Marktliberalismus. Lyotard sieht das Manko dieser Konzepte darin, dass sie die Menschen dazu zwingen, die Welt gleichsam durch die Brille jeweils eines einzigen Erklärungsprinzips zu betrachten. Im Angebot sind verschiedene Modelle wie etwa »Vernunft«, »Subjekt«, »Arbeit«, »Natur«, »System« oder »Markt«. Doch egal, auf welchen Grundsatz sich die Argumentation stützt: Immer taucht sie das Erklärte in das monochrome Licht des jeweils gewählten Prinzips und überblendet damit die natürliche Farbigkeit des angeschauten Phänomens. Anders gesagt: Erklärungsprinzipien zwingen das Einzelne unter eine allgemeine Betrachtungsweise, die ihm seine Besonderheiten raubt. Indem man zum Beispiel den Menschen zum Vernunftwesen, zum Marktteilnehmer, zum Funktionsträger oder zur Biomasse erklärt, hat man die Menschen schon aus dem Blick verloren. 

Mit seiner Modernekritik hatte sich Lyotard in die Tradition der Aufklärung gestellt und einmal mehr das Problem der individuellen Freiheit aufgeworfen, doch Furore machte seine Botschaft nicht so sehr bei den Einzelnen als bei den Kollektiven. Die Frauen, die Schwarzen, die Jugendlichen, die Wilden, die Verrückten, die Behinderten, die Dicken, die Homosexuellen, aber auch die Mafiosi, die Oligarchen, die Pädophilen, die »Eliten« und jede andere Gruppe, deren kulturelles Kolorit vom lichtgrauen Einerlei der modernen Menschheit abstach – sie alle konnten sich durch die Zurückweisung der »großen Erzählungen« in ihrem jeweiligen So-Sein bestärkt fühlen. Damit erwuchs aus der postmodernen Pauschalismus-Kritik allerdings ein kulturrelativistischer Pauschalismus, der mittlerweile so seltsame Blüten treibt, dass man sich nur verwundert die Augen reiben kann. Fast kommt es einem vor, als sei der längst überwunden geglaubte autoritäre Charakter wieder auferstanden. Jedenfalls fühlt man sich umgeben, informiert und beraten von lauter folgsamen Followers. Zurück ist das Ressentiment, die Überangepasstheit, die ironiefreie Wortgläubigkeit, das »Neusprech«, die Humorfeindlichkeit, die Gesinnungsprüfung, der Generalverdacht, die Unduldsamkeit, das Denunziantentum, die Angst vor der Freiheit, die Verachtung der Tatsache und des gesunden Menschenverstandes, der Hass auf die Natur, die Vergötzung der Zahl, der Kult der Nützlichkeit, die Anbetung der Macht, das Streben nach absoluter Reinheit, das unbedingte Technikwollen. All dies sind Attribute des ideologisch verblendeten Unmenschen aus der Zeit der »Väter«, aber eben auch Merkmale des postmodernen Stammesdenkens, für das die je eigene Gruppe das Maß aller Dinge darstellt. Im Kampf der Identitäten zeigt sich kaum noch jemand beeindruckt von Vernunftgründen, zu schweigen von Naturheiligtümern. Gott und die Welt sind von gestern. Nur »wir« zählen noch.

In der entnaturalisierten, entgründeten, autistischen Sphäre des »Wir« ist die Sprache das einzige Medium, das »uns« erzeugt und zusammenhält. Ich trete ins soziale Dasein durch Selbstzuschreibungen wie »Ich bin ein Mann« oder »Ich bin ein Weißer« oder »Ich bin ein Mensch«. Das »Wir«, das durch die Identifikation eines Elements mit einer Menge entstehen soll, bleibt allerdings insofern brüchig und unvollkommen, als es noch die Spur seiner Entstehung in sich trägt: »Ich« und »Mann« erhalten sich im konstituierenden Sprechakt – und diese augenfällige Präsenz von Subjekt und Prädikativ läuft dem sozialkonstruktivistischen Dogma der Postmoderne entschieden zuwider. Schließlich erinnert das »Ich« in fataler Weise daran, dass ich mir ja schon in meinem ureigenen Schmerz, meiner ureigenen Angst und meiner ureigenen Freude gegeben war, bevor ich mir im Sozialamt meinen Identitätsausweis abholte. Ärgerlich für Sozialkonstruktivisten sind aber auch Wörter wie »Mann«, »Weißer« oder »Mensch«, weil sie als Allgemeinbegriffe auf die dem »Wir« übergeordnete Instanz der Logik verweisen, deren zwingender Kraft jeder denkende Mensch unterworfen ist. Letztlich sind es Selbstgefühl und Gesetzeskraft, die im »Wir« weiterwirken, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. 

Was tun? Um das naturwüchsige Selbstgefühl aus dem politischen Diskurs zu verbannen, hat man es auf die Potenz eines bloßen »Begehrens« reduziert und damit entmenschlicht. Um sich der Logik zu bemächtigen, hat man sie in den Dienst des »Begehrens« gestellt und dadurch die Willkür zum Gesetz gemacht. Für die Menschlichkeit der Menschheit stellt die identitätspolitische Willkür eine ungeheure Gefahr dar. Ihr tatsächliches Ausmaß wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass scheinbar völlig disparate Bewegungen wie der postmoderne Feminismus, die neoliberale Marktideologie und das unbedingte Technikwollen der modernen Wissenschaft in einem Punkt völlig übereinstimmen: Es handelt sich um Mächte, die das rationale Bedienen blinder Begehrlichkeiten über alles stellen.  

Um Gefühl und Gesetz zu bewahren, müsste ich mich sprachlich anders zu fassen versuchen – etwa mit Selbstbeschreibungen wie »Ich bin der Mann, der ich bin«, »Ich bin der Weiße, der ich bin« oder »Ich bin der Mensch, der ich bin«. Ich verliehe dann den Kategorien »Männer«, »Weiße« und »Menschen« zwar eine transitive Bedeutung, versagte ihnen aber die absolute Geltung. Statt als Agent begrifflicher Zuschreibungen würde ich mich als Autor meiner selbst erfahren.

Auch die Anderen könnte ich als Autoren ihrer selbst erfahren. Statt beispielsweise von den Frauen zu sprechen, müsste ich mich zunächst einmal auf Begegnungen mit jenen Frauen einlassen, die sich jeweils zu erkennen geben als »die Frau, die ich bin«. Erst nach etlichen Begegnungen dieser Art wäre ich womöglich in der Lage, die Frauen provisorisch zu beschreiben. Sprechen würde ich dann allerdings von den »Frauen, wie sie mir vorkommen« oder den »Frauen, die ihr seid«. Derart empirisch gebunden, würde ich die Anderen nicht durch abstrakte Zuschreibungen von meiner Identität trennen, vielmehr nähme ich sie beschreibend in meine Welt hinein. Ich würde die Sprache nicht so sehr zur sozialen Konstruktion einer unpersönlichen Ordnung verwenden, sondern eher zur poetischen Selbstvergewisserung in einer vertrauten Welt. Als Verfasser provisorischer Daseinsbeschreibungen wäre ich fähig zur differenzierenden Vermittlung individueller, kollektiver und kategorialer Ansprüche. Warum die postmoderne Identitätslinke von solch einer Redeweise nichts wissen will? Offenbar leidet sie, um mit Peter Handke zu sprechen, an Beschreibungsimpotenz.

Das Gebrechen ist Symptom eines gestörten Verhältnisses zur Sprache. Wer damit geschlagen ist, begreift sie überhaupt nicht mehr als Werkzeug der Beschreibung, dessen sich geistig wache Individuen frei bedienen können, sondern nur noch als System von Zuschreibungen, das Kollektive absolut bindet. So gesehen und begriffen, ist Sprache ein Verhängnis, dem niemand je entrinnt. Menschliche Individuen sind ohnmächtige Opfer der Sprache, und bleiben es auch dann, wenn sie ihre Sklavennamen ablegen und sich neu taufen lassen. Denn abgesehen davon, dass der »gerechte« Taufname seinen Träger keineswegs aus den »ungerechten« Fesseln seines Geworden-Seins befreit, ist auch der neue Name eine kollektiv bindende Zuschreibung. Man ersetzt eine Sprachregelung durch eine andere und wechselt von einem Identitätsgefängnis ins nächste. Der  rein symbolische, rein verbale Akt der »Ermächtigung«  ändert nicht das Geringste an der Machtverteilung. »People of Colour« ist nur ein weiteres Brandmal auf geschundenen Häuten. »Mensch mit Uterus« ist (sofern der Ausdruck bloß etikettierende Zuschreibung und nicht Teil einer Beschreibung sein soll) nur eine weitere herrschaftliche Zurechtweisung für Frauen. »Musiker.Innen«, »Sportler.Innen« und »Politiker.Innen« sind lediglich neue Bezeichnungen für die Mitglieder des Stammpersonals.  

Dass identitätspolitische Positionen dennoch weiterhin Anklang finden, und zwar bis in die höchsten Entscheiderkreise von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hinein, liegt wahrscheinlich daran, dass sie ausgezeichnet in eine Systemwelt passen, in der es für die allermeisten Menschen zwar noch auf die rationale Wunschbewirtschaftung innerhalb wissenschaftlich abgesicherter Verhaltensmodelle ankommen wird, aber nicht mehr aufs selbstbewusste Handeln innerhalb vernünftiger Rahmenbedingungen. Die Transformation der Menschenwelt mit ihren überlieferten Institutionen und individuellen Freiheiten in ein beliebig modellierbares Identitätsgefängnissystem ist in vollem Gange. Wohin die Entwicklung geht, zeigt etwa die fortschreitende »Dekonstruktion« des Nationalstaates, den viele seit langem als Hort rückwärtsgewandter Gesinnungen und »Verlierermodell« schmähen, während er sich in Wirklichkeit immer noch als Hüter freiheitlicher Ordnung bewährt. Genau diese Wirklichkeit gerät freilich ins Wanken, wenn tribale Macht das staatliche Gewaltmonopol untergräbt, wenn globalistisch gesinnte »Eliten« die ökonomischen, politischen und kulturellen Interessen der Staatsvölker missachten, wenn reinheitsversessene Utopisten der Bürgerschaft den geschichtlichen Boden unter den Füßen wegziehen oder wenn beinharte Technokraten sich zu Verteidigern der Offenen Gesellschaft erklären. 

Vor allem verdankt sich die anhaltende Attraktivität des linksidentitären Konzepts natürlich der Verheißung, alle Menschen in ein universales »Wir« hineinzunehmen. Inklusion heißt das Zauberwort. Es soll die Türen für jene öffnen, die in der Kälte stehen. Sie sollen eintreten dürfen in den Kreis der sich am Herdfeuer der Menschlichkeit wärmenden Menschheit. Kommen sollen sie, wie Gott sie geschaffen hat – als Schwarze, Dicke, Homosexuelle, Behinderte, egal. Eine noble Geste, aber originell ist sie nicht. Eingefordert wurde das Recht auf freien Eintritt ins Allerheiligste der Menschheit bereits von der älteren Bürgerrechts- und Frauenbewegung, von der Aufklärung, von den Weltreligionen. Im Grunde genommen ist die Sache sogar noch wesentlich ursprünglicher, zwingt uns doch schon der gesunde Menschenverstand dazu, die Gleichheit der Ungleichen anzuerkennen. Denn es ist ja eine moralische Tatsache: Als menschliche Individuen gehören Schwarze, Homosexuelle, Behinderte und überhaupt alle Variationen des Themas Mensch naturgemäß qua Geburt zu »uns«. In der Perspektive des moralischen Realismus gibt es keinen Kreis, in den ein Mensch eigens einbezogen werden muss, um als Mensch zu gelten. Allenfalls gibt es solche Kreise als naturalisierte Produkte der Geschichte oder gewohnheitsrechtliche Verfügungen. Solche »sozialen Konstrukte« rücken Angehörige bestimmter Gruppen als wahre Menschen ins lichte Zentrum der Geschichte (Hellenen, Christen, Europäer, Arier, Kommunisten, Moslems), während sie andere als Halb- oder Untermenschen ins schummrige Abseits stellen (Barbaren, Heiden, Primitive, Semiten, Bourgeois, Ungläubige). Natur und Moral ziehen solche Kreise nicht von sich aus. Es braucht Macht, um derartige Grenzen festzulegen und zu sichern. Wo es sie gibt, definieren sie Herrschaftsgebiete mit verbindlichen Normen, Regeln und Pflichten. Durchlässig können natürlich auch machtgestützte Kreise sein. Inklusion ist dann allerdings zugleich eine Nobilitierung und eine Entmachtung: Jemand tritt ins Menschenreich unter der Bedingung ein, dass er sich seinem Regime unterwirft. Exklusion bedeutet umgekehrt, dass jemand zwar seinen Status als wahrer Mensch verliert, doch zugleich die Freiheit zur Selbstermächtigung gewinnt. 

Angesichts dieses Dilemmas sah sich die Linke stets herausgefordert, Farbe zu bekennen. Wollte sie ein Reich begründen, dann musste sie die Macht bejahen. Wollte sie Freiheit ermöglichen, dann musste sie im Exil wirken. Bekanntlich wurden beide Optionen recht früh ergriffen, sehen wir das linke »Projekt« doch schon Mitte des 19. Jahrhunderts in zwei Lager zerfallen, die grundverschiedene Ziele anstreben: Kommunisten wollen den totalen Vernunftstaat, Anarchisten wollen das vogelfreie Individuum.

Was nun die linksidentitäre Bewegung angeht, so scheint sie einen seltsamen Schlingerkurs zu fahren. Einerseits ist es ihr um individuelle Ermächtigung, andererseits um kollektive Macht zu tun. Diese zweideutige Position bestimmt auch das linksidentitäre Verständnis von Inklusion. Es ist ein schillernder, fluider Begriff, in dem sich universaler Anspruch und partikulares Interesse zu einem ungreifbaren Ganzen mischen. Entsprechend elastisch ist der Kreis, in den einzutreten man »uns« bittet. Mal scheint er sich beispielsweise für alle Frauen zu öffnen, mal umschließt er lediglich lesbische Frauen oder lesbische schwarze Frauen oder lesbische schwarze dicke Arbeiterfrauen. Mal umfasst er alle Männer, sofern sie nicht alt und weiß sind, mal nur Feministen, sofern sie nicht toxisch sind, mal gar keinen. Niemand kann sich seiner Zugehörigkeit zum Zirkel der Auserwählten jemals sicher sein, denn jeder Unterschied, den einer macht, kann zum Ausschlusskriterium werden. Gleichheit der Ungleichen? In linksidentitären Kreisen gilt eher das Diktum der Schweine aus Orwells Animal Farm: »Alle Tiere sind gleich. Aber manche Tiere sind gleicher als die anderen.« 

Begründet wird die Selektion natürlich nicht mit partikularen Machtinteressen, sondern mit absolut gesetzen Werten. Allen voran ist es der Begriff Gerechtigkeit, der die Inklusion regulieren soll. Der Kreis der Gleichen, in dem alle Ungleichen willkommen waren, verengt sich somit zum Kreis der Gerechten. Beunruhigend an dieser Verengung ist nun weniger das vernünftige Prinzip der Auswahl als der autoritäre Charakter der Auswählenden. Ihre Wortgläubigkeit, ihre Intoleranz, ihr Konformismus, ihr Machtbewusstsein lassen Übles erahnen. Die größte Gefahr lauert jedoch in ihrem unbedingten Willen zur Reinheit, denn er zwingt sie dazu, den Selektionsprozess endlos weiterzuführen und dabei ständig zu verschärfen. Weil kein realer Mensch seinen Ansprüchen ganz gerecht wird und absolute Gerechtigkeit deshalb nur eine totalitäre Fiktion ist, wären dann buchstäblich alle Menschen von Exklusion bedroht. 

Das Machtzentrum wäre am Ende menschenleer, aber nicht wirkungslos. Anstelle der Menschen, die durch ihr Sprechen und Handeln Macht entfalten konnten, wären wir dann wieder ganz und gar der Natur ausgeliefert – freilich nicht als Kinder, die sich auf ihrem Weg ins Offene von Himmel und Erde leiten ließen. Sondern als Idioten, die im Takt der Algorithmen ticken. Ihre Freiheit wäre es, der wir dienten. Willkommen im Reich der Maschinen!