Bipolar 2: Pauschale Verurteilungen

Ob es zum Schlimmsten kommt, wissen wir nicht. Schlimm genug ist aber schon das feindselige Schweigen über den tiefen Gräben, die heute so vieles trennen, was noch bis vor wenigen Jahren zusammen gehörte. Ost und West, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Frauen und Männer: Die Welt von Gestern war ein polar strukturierter Kosmos, das Leben war eine Begegnung. Streit, Wettbewerb, Kampf und Krieg spielten ebenso hinein wie Kooperation, Teamgeist, gegenseitiger Respekt, Freundschaft und Liebe. Ungeachtet der Gefahr der atomaren Auslöschung, die seit den frühen 1950er Jahren über allem schwebte, sah man das Leben als Spiel an und ließ sich vorbehaltlos darauf ein. Der Ball war rund. Der Weg war das Ziel. Die Mitte war golden. Denn das Höchste war die Einheit des Unvereinbaren – und gerade nicht: der Monismus der reinen Wahrheit.

Zugegeben, in diesem heiteren Licht zeigt sich die Welt von Gestern nur dem, der sie mit kindlicher Naivität oder romantischer Ironie betrachtet. Wer nüchternen Sinnes auf die »Nachkriegszeit« blickt, bemerkt natürlich überall Risse, Fronten, Widersprüche, Abgründe. 

Tatsächlich stand ja das binäre Denken der Ideologen auch nach dem Ende des »Zeitalters der Extreme« noch hoch im Kurs. Und es waren keineswegs nur alte Nazis und Stalinisten, die ihren stählernen Träumen von der finalen Säuberung des Menschengeschlechts nachhingen; auch die Nachgeborenen fühlten sich mächtig angezogen vom Unbedingten. Vor allem die Wohlstandsjugend des Westens wandelte bei ihren Versuchen, dem »Unbehagen in der Kultur« (Sigmund Freud) zu entrinnen, nur allzu gern auf extremistischen Pfaden. Zwar führten diese Wege Mitte der 1970er Jahre zunächst einmal ins Abseits: Während der militante Flügel der Protestbewegung sich in sinnloses Morden verrannte, zerfiel die bloß verbalrevolutionäre Mehrheitsfraktion in diverse neomarxistische Grüppchen, deren Protagonisten sich in absurden Theoriedebatten selbst zerfleischten. 

Wohin aber strebten jene, die rechtzeitig abgebogen waren, um als Lehrer, Journalisten, Richterinnen oder Grünen-Politikerinnen den »Marsch durch die Institutionen« anzutreten? Hingen sie ihren binaristischen Anschauungen nicht weiterhin an? Betrachteten sie sich nicht weiterhin als Soldaten des Weltgeistes, die in endzeitlichen Entscheidungsschlachten um absolute Werte kämpften? Ihre bürgerlichen Karrieren und ihre reformistische Politik sprechen zwar dagegen. Doch ihr Habitus verrät sie. Ihr rechthaberisches, selbstgerechtes Auftreten, ihr Hang zum Grundsätzlichen, ihr Freund-Feind-Denken und ihre Unduldsamkeit gegenüber Abweichlern lassen erkennen, dass sie die Absolutheitsansprüche, denen sie sich als Jugendliche verschworen hatten, keineswegs aufgegeben haben. Der Witz dabei ist, dass das binäre Denken der absoluten Setzungen, das unbedingte Entscheidungen und Identifikationen erzwingt, alles andere als eine Erfindung der »Achtundsechziger«  ist. Vielmehr entspringt es dem totalitären Geist des »Zeitalters der Extreme«, gegen den sie ursprünglich einmal revoltiert hatten.

Diese furchtbare Wiederkehr des Gleichen beklagte der Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini bereits 1973. In Bezug auf die »langen Haare«, die einstmals Ausdruck jugendlichen Protests waren, aber schon damals nur noch als Protestmode die Zugehörigkeit zur Generation der kommenden »Gewinner« anzeigten, schreibt er: »Die abstoßenden Masken, die sich die Jugendlichen aufsetzen und mit denen sie so widerlich aussehen wie die alten Huren einer ungerechten Bilderwelt, schreiben ihnen objektiv erneut ins Gesicht, was sie lediglich verbal für alle Zeiten verurteilt hatten. So schimmern sie dann wieder durch, die alten Gesichter der Pfaffen, des Richters, des Offiziers, des falschen Anarchisten, des beamteten Narren, des Winkeladvokaten, des Scharlatans, des käuflichen Knechts, des Schlitzohrs, des rechtschaffenden Halunken. Die radikale und pauschale Verurteilung der Väter – die ein Stück geschichtlicher Evolution und vorangegangener Kultur sind –, gegen die sie eine unüberwindliche Mauer errichtet haben, hat sie schließlich selbst isoliert. (…) Tatsächlich haben sie ihre Väter rückwärts überholt und haben dabei in ihrem Inneren Ängste und Anpassungszwänge und in ihrem Äußeren ein Spießertum und eine Armseligkeit wiederaufleben lassen, die bereits für alle Zeiten überwunden schienen.«45 

Das Elend rührt von der »pauschalen Verurteilung« her. Geblendet vom ungeheuren Ausmaß des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens ignorierten die Söhne und Töchter die Widersprüchlichkeit der geschichtlichen Wirklichkeit, in die ihre »Väter« verstrickt waren. Weil die Jungen sich weigerten, die faschistische Barbarei als einen zwar furchtbaren, aber eben auch konsequenten Ausdruck von Modernität zu betrachten, blieben sie dem Begriff und dem Programm der »Moderne« unkritisch verhaftet. Letztlich führte ihr undialektisches Verhältnis zur Geschichte dazu, dass sie in mancherlei Hinsicht genau das Gegenteil dessen verkörperten, was sie im politischen oder popkulturellen Kontext vehement bekämpften oder befürworteten. Wenn sie gegen den Konsumismus wetterten, taten sie es als konsumistische Hedonisten; wenn sie den Nonkonformismus priesen, taten sie es als gruppenkonformistische Spießer; wenn sie universalistische Menschheitsideale predigten, taten sie es als eifersüchtige Besitzstandswahrer, wenn sie die deutsche Geschichte kritisierten, taten sie es mit deutschnationalem Gründlichkeitsfanatismus. Kurzum: Unter der Maske von Toleranz und Konzilianz verfolgten sie die vom »Fortschritt« vorgegebenen Ziele mit der gleichen erbarmungslosen Konsequenz, die ihre »Väter« an den Tag gelegt hatten. 

Zwar hat sich die Generation der Ex-Langhaarigen mittlerweile in den Ruhestand verabschiedet, doch ihr prägender Einfluss auf die folgenden Generationen ist unverkennbar. Zu neuen Ehren kam leider auch die elende Mitgift der »Väter« – und zwar nicht zuletzt im identitätspolitisch bewegten Milieu. In ihrem unbedingten Engagement für die Eigenrechte benachteiligter Kollektive errichten neulinke Aktivisten unentwegt und reinsten Gewissens »unüberwindliche Mauern« zwischen Täter- und Opfergruppen, ergehen sich in »pauschalen Verurteilungen« ganzer Bevölkerungsklassen und kultivieren dabei »Anpassungszwänge«, die man längst überwunden geglaubt hatte. Wie konnte es so weit kommen? 

Aus linker Perspektive leben Menschen nicht in polar strukturierten Wirklichkeiten, in deren vielfältigen Bedingungsräumen sie ihrer Wege gehen und dabei eben so weit kommen, wie ihre Füße sie tragen, sondern in binär strukturierten Ordnungen, in denen die Zwangszugehörigkeit zu Klassen, Nationen oder Geschlechtern ihren individuellen Bewegungsspielraum vollständig bestimmt. Die solcherart »Verhafteten« aus ihren Identitätsgefängnissen zu befreien, ist seit dem 18. Jahrhundert das Anliegen der Aufklärung, deren Prinzipien sich die »Linke« in allen ihren Ausprägungen stets verpflichtet gefühlt hat. Doch während orthodoxe Marxisten, aber auch reformorientierte Sozialdemokraten die jeweiligen Produktionsverhältnisse für das peinliche Verhaftet-Sein der Menschen in stereotypen Denk- und Lebensformen verantwortlich machen, sind es für Neulinke die durch »Diskurse« reproduzierten Machtverhältnisse, die das Übel verursachen und perpetuieren. Zur Veränderung der Verhältnisse bedarf es deshalb nicht so sehr eines sozialökonomischen Ansatzes als einer kulturpolitischen Agenda, die auf die »Dekonstruktion« und Umschreibung herrschender Narrative zielt. 

Nun ist es keine ganz triviale Sache, eine Erzählung umzuschreiben. Denn mit der Analyse ihrer Fehler und Schwächen ist es ja nicht getan. Schließlich will man nicht nur »Strukturen aufbrechen«, sondern etwas Neues, Besseres hervorbringen. Dazu braucht es allerdings poetische Kraft, wozu nicht zuletzt das Vermögen zählt, individuelle Charaktere und konkrete Umstände in ihrer meist schillernden, diffusen, halbgaren Gegebenheit beschreiben zu können. An dieser Kraft mangelt es den Dekonstrukteuren jedoch. Sie leiden, um mit Peter Handke zu sprechen, an Beschreibungsimpotenz. 

Das Gebrechen ist Symptom eines gestörten Verhältnisses zur Sprache. Wer damit geschlagen ist, begreift Sprache überhaupt nicht mehr als Werkzeug der Beschreibung, dessen sich geistig wache Individuen frei bedienen können, sondern nur noch als System von Zuschreibungen, das Kollektive absolut bindet. So gesehen und begriffen, ist Sprache ein Verhängnis, dem niemand je entrinnt. Menschliche Individuen sind ohnmächtige Opfer der Sprache, und bleiben es auch dann, wenn sie ihre Sklavennamen in einem Akt der »Ermächtigung« ablegen und sich neu taufen lassen. Denn abgesehen davon, dass der »gerechte« Taufname seinen Träger keineswegs aus den »ungerechten« Fesseln seines Geworden-Seins befreit, ist auch der neue Name eine kollektiv bindende Zuschreibung. Man ersetzt eine Sprachregelung durch eine andere und wechselt von einem Identitätsgefängnis ins nächste. Die machtsymbolischen Strukturen bleiben, wie sie sind. »People of Colour« ist nur ein weiteres Brandmal auf geschundenen Häuten. »Mensch mit Uterus« ist (sofern es nicht als Teil einer Beschreibung, sondern als Etikett dient) nur eine weitere herrschaftliche Zurechtweisung für Frauen. »Musikerinnen«, »Sportlerinnen« und »Politikerinnen« sind lediglich neue Bezeichnungen für die Mitglieder des Stammpersonals.  

Die machtpolitischen Strukturen hingegen ändern sich grundlegend. 

Infolge kompromissloser Inklusions- und Exklusionsmaßnahmen verhärten sich die Fronten zwischen »Täter«- und »Opfer«-Kollektiven immer mehr; bewusst geschürter Hass zwischen den Antagonisten schlägt immer öfter in rohe Gewalt um; eifernde Denkmalstürzer und Bilderstürmer ersticken mit ihren Säuberungsaktionen allmählich jedes Gefühl für die Widersprüchlichkeit historischer Gegebenheiten; zivilgesellschaftlich geförderte Sonderkulturen zersetzen nationalstaatlich umhegte Solidargemeinschaften; tribale Macht bedroht staatliche Ordnung; gesinnungsethisch orientierte Wohlfahrtsausschüsse dominieren über rechtstaatliche Institutionen; gruppenspezifische Ermächtigungsgesetze hebeln individuelle Rechte und Freiheiten aus; totalitäre Gleichheitsfiktionen bringen die Bewegung schließlich auf die Bahn, die unweigerlich zu Endlösungen führt. Einmal mehr wird man zur Tat schreiten und versuchen, leibhaftige Menschen in ganz und gar entnaturalisierte, enthistorisierte und entindividualisierte Gattungswesen zu verwandeln.  

Vielleicht auch nicht. Dass aber eine enthemmte Identitätsgefängnispolitik alle Wege ins Offene versperrt, lässt sich kaum bezweifeln. Wären es nur die üblichen Verdächtigen, die sich für die Sicherungsverwahrung der Menschheit im Sprachgefängnis stark machten, bräuchte man sich keine allzu großen Sorgen machen. Doch die Idee scheint immer mehr Zeitgenossen zu faszinieren. Ganze Redaktionen, Universitätsfakultäten, Parteien und Parlamente engagieren sich heute für das betreute Leben im Einschluss. Wer unter diesen verschärften Bedingungen noch den Mut aufbringt, jenseits festgeschriebener »Diversität« reale Unterschiede zu sehen, zu beschreiben und gegebenenfalls auch zu machen, riskiert seine bürgerliche Existenz. 

Ein Beispiel. Ende 2019 zog die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling den Zorn eines Teils der LGBTQ-Community auf sich, weil sie sich mit der Wissenschaftlerin Maya Forstater solidarisiert hatte46. Forstater war von ihren Arbeitgebern bei der Denkfabrik »Centre for Global Development« gefeuert worden, weil sie in Bezug auf »Transfrauen« gesagt hatte, Menschen könnten ihr biologisches Geschlecht nicht einfach durch eine Willensbekundung oder Selbstzuschreibung ändern (»Ich glaube, dass männliche Menschen keine Frauen sind. Ich glaube nicht, dass ›Frausein‹ eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist. Es geht um Biologie«). Nach dem skandalösen Rauswurf von Forstater twitterte Rowling: »Bezeichne dich, wie auch immer du willst. Schlafe einvernehmlich mit welchem Erwachsenen auch immer, der dich will. Lebe dein bestes Leben in Frieden und Sicherheit. Aber Frauen aus ihren Jobs zu drängen, weil sie sagen, dass das Geschlecht real ist? #IStandWithMaya.« Daraufhin schlug der Autorin eine Welle des Hasses und der Empörung entgegen. Der indirekte Hinweis auf den realen Unterschied zwischen Transfrauen und Frauen reichte, um sie massiv als »transfeindlich« zu beschimpfen, obwohl sie per se nichts gegen Transpersonen hat und auch die Bezeichnung »Transfrau« keineswegs ablehnt. Es ging ihr (und Maya Forstater) lediglich darum, zwei Dinge klarzustellen. Erstens sollte man einen realen Unterschied benennen dürfen, um ihn zweitens unter Umständen auch machen zu können, etwa wenn es um Fragen geht, die nur biologische Frauen betreffen wie zum Beispiel Schwangerschaft und Geburt, aber auch Quotenregelungen, frauenspezifische Schutzrechte oder forschungspolitische Entscheidungen im Bereich von Medizin und Pharmazie.

Dass es ausgerechnet »Diversitäts«-Beauftragte in den Medien, Akademien, Verwaltungen und Personalabteilungen sind, also ausgewiesene Unterschiedlichkeits-Experten, die sich gewissen fundamentalen Unterschieden gegenüber blind stellen, ist ein Beleg für die aus ihrem einseitigen Sprachverständnis resultierende Beschreibungsimpotenz: Weil sie zur differenzierenden Vermittlung individueller, kollektiver und kategorialer Ansprüche nicht fähig sind, reden sie nurmehr über die Etiketten, mit denen sie alles Wirkliche versehen haben. Dass jedem Etikett als positiver Auszeichnung etwas Nicht-Ausgezeichnetes als Negativum entgegensteht, dass also Zuschreibungen immer binären Mustern folgen, zeigt sich im Fall der »Transfrau« besonders deutlich. Anders als im polar strukturierten Geschlechterkosmos mit seinen weiten Hemisphären, in denen jede sexuelle Ab- und Unterart ihren Platz findet, gibt es in der streng gerasterten Welt der »Diversität« am Ende doch immer nur die Wahl zwischen Arktis und Antarktis. Weil dazwischen ein leerer Abgrund klafft, scheinen es Mitgefühl, Solidarität und Gerechtigkeitsempfinden zu gebieten, die »Transfrau« dadurch vor dem Absturz zu retten, dass man sie in jeder Hinsicht zur »Frau« erklärt. Dabei liegt es nur an einem formallogischen Bewertungsprinzip, das sich eine Kluft auftut, wo in Wirklichkeit riesige Kontinente und Ozeane zum Aufenthalt einladen. 

Wer diesem Prinzip verhaftet ist, wer also die Welt in digitalen Schritten durchmisst und für real allenfalls die Standpunkte erachtet, die er oder sie einzunehmen in der Lage ist, der wird eigenständige Weltdinge entweder ganz ignorieren oder als unbedingt zu bereinigende Störfaktoren ansehen. Alles frei Schwebende muss einem festen Standpunkt zugeordnet bzw. mit einer bestehenden Setzung identifiziert werden. Das Phänomen »queer« zum Beispiel. Wie umgehen mit dem schwankenden, abweichlerischen Element, das dem Begriff und dem dadurch bezeichneten Lebensstil innewohnt? Von welchem Standpunkt aus lässt sich das Ungreifbare vertreten – oder verwerfen? Festen Boden unter die Füße bekommt das binäre Denken natürlich immer dort, wo ein Gegensatzpaar in Reichweite ist, das zur rückhaltlosen Identifikation mit einem seiner beiden Extremwerte zwingt. Im vorliegenden Fall bietet sich die Binäropposition »heteronormative versus anti-heteronormative Sexualität« an. Sie erlaubt es, Queerness als Ausdruck anti-heteronormativer Sexualität anzusehen und entweder als absolut positiv oder als absolut negativ zu bewerten, je nachdem welchen Standpunkt man einnimmt.

Dabei ist das Label »queer« in aller Regel größer als die Person, der es aufgeklebt wird, so dass es keine Rolle spielt, wer eigentlich dahinter steckt. Snob, Spießer, Arschloch, Schatz? Es tut nichts zur Sache, weil die Sache (also in diesem Fall der individuelle Charakter, dem, mag er noch so »fest« sein, immer auch ein Moment der Unzuverlässigkeit, Doppelbödigkeit und »Queerness« beigemischt ist) überhaupt nicht in Betracht kommt. 

Analog verhält es sich mit der Bewertung politischer Einstellungen, die richtungsmäßig nicht ganz auf der eigenen Linie liegen. Als Beispiel mag das Label «nationalliberal« dienen. Für einen links orientierten binären Denker ist es schier unmöglich, die Eigenwertigkeit nationalliberaler Positionen innerhalb des »rechten« Spektrums anzuerkennen. Denn es gibt in seinen Augen kein Feldspektrum, sondern nur den binären Gegensatz »Rechts versus Links«. Um dessen absolute Geltung zu bestätigen, muss ein möglicherweise dazwischenfunkender Störfaktor unbedingt annulliert werden. Dies geschieht dadurch, dass der entleerte Begriff »nationalliberal« nichts anderes mehr zum Ausdruck bringen darf als das tödliche»Rechtssein« schlechthin, das dem lebensvollen »Linkssein« unvermittelt gegenübersteht. Dass ein vom binären Denken beherrschter Genosse am Ende keinen Unterschied mehr macht zwischen »nationalliberal«, »konservativ«, »faschistisch« und »nationalssozialistisch«, mag pragmatisch gesinnte und historisch bewusste Zeitgenossen in die Verzweiflung treiben. Doch für Vertreter einzig wahrer Standpunkte ist solch eine Gleichschaltung nur konsequent.

Gnadenlose Konsequenz prägt auch die Agitation rund um das Medienphänomen »Me Too«. Unter diesem Schlagwort protestieren Frauen bekanntlich seit 2017 gegen inakzeptable sexuelle Zudringlichkeiten von Männern. Der Protest, der das Spannungsfeld zwischen den Polen »Frau« und »Mann« aktualisierte, führte zwangsläufig zu einer verschärften Polarisierung. Angesichts der Erbitterung der Frauen mussten sich Männer auf Kampfgeschrei, wüste Beschimpfungen und überzogene Vorwürfe einstellen – und sie taten gut daran, sich von den Anfeindungen nicht provozieren zu lassen, sondern die eigene Position in Sachen »Übergriffigkeit« selbstkritisch zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Solch eine Denkbewegung ist allerdings nur dann überhaupt möglich, wenn es einen von Männern und Frauen geteilten Spielraum gibt, innerhalb dessen neue Positionen eingenommen werden können. Anders gesagt: Um seine Einstellungen zu ändern oder auch nur zu prüfen, muss man sich in einem polar strukturierten Sinnfeld aufeinander zu bewegen können. Dies ist nicht mehr möglich, wenn die polare Spannung abbricht, weil die binären Positionen sich gegeneinander isoliert haben, so dass kein Raum mehr bleibt für Begegnungen und Beziehungen, sondern jede Seite auf einem Standpunkt beharrt, den es wieder und wieder und wieder zu verteidigen gilt. Dieser Abbruch ist längst erfolgt. Unter dem Einfluss binärer Entscheidungs- und Identifikationszwänge hat sich »Me Too« – zumindest bei einem Teil der Frauenbewegung – von einer Protestbewegung gegen Männer in einen Feldzug gegen die Männlichkeit verwandelt. Eine solche Totalisierung des Kampfes verträgt sich naturgemäß nicht mit differenzierenden Betrachtungen. Es verbietet sich zum Beispiel, zwischen kriminellen und sittlichen Aspekten der »Übergriffs«-Problematik zu unterscheiden oder Täter- und Opferrollen dialektisch zu hinterfragen. Vielmehr ist es zwingend geboten, den Tatbestand »Übergriff« absolut zu setzen, d. h. keinen Unterschied mehr zu machen zwischen heftigem Flirt, geschmackloser Anmache und kriminellem Missbrauch. Darüber hinaus bedarf es der Säuberung des Begriffs der »Männlichkeit« von allen positiv-vitalistischen oder auch nur wässrig-humanistischen Bedeutungsschlacken, um am Ende das tödliche Gift herausdestillieren zu können, das Frauen unter allen Umständen ausscheiden müssen, um wahrhaft leben zu können: die toxische Männlichkeit. Die Giftigkeit des Mannes kann töten, doch ätzend wirken bereits Blicke, Gesten, Worte, Umgangsformen. Schon die Gegenwart eines Mannes kann die Atmosphäre reiner Menschlichkeit vergiften, die unter Frauen von Natur aus herrscht. Aufgrund ihrer rein atmosphärischen Qualität ist die toxische Männlichkeit weder begrifflich noch moralisch noch juristisch zu fassen. Vielmehr stellt sie eine Gefahr von existenzieller Wucht dar, über deren Ausmaß nicht verhandelt werden kann und darf. In Bezug auf den Strafprozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, dessen Fehlverhalten die »Me Too«-Lawine einst auslöste, bedeutete das: Bereits die Frage, was Weinstein tatsächlich getan oder nicht getan haben mochte, war frauenfeindlich. Vertretbar in der Causa war nur ein einziger Standpunkt: Der Mann ist ein »Raubtier«, das zwar nicht schuldfähig ist, aber naturgemäß trotzdem abgeurteilt werden muss.