Alle wohlgesinnten Journalisten, Lehrer, Politiker und Arbeitgeber sprechen sich heute für das identitätspolitische Konzept der »Diversität« aus. Wer unter diesen verschärften Bedingungen noch den Mut aufbringt, reale Unterschiede zu sehen, zu beschreiben und gegebenenfalls auch zu machen, riskiert seine bürgerliche Existenz. 

Ein Beispiel. Ende 2019 zog die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling den Zorn eines Teils der LGBTQ-Community auf sich, weil sie sich mit der Wissenschaftlerin Maya Forstater solidarisiert hatte46. Forstater war von ihren Arbeitgebern bei der Denkfabrik »Centre for Global Development« gefeuert worden, weil sie in Bezug auf »Transfrauen« gesagt hatte, Menschen könnten ihr biologisches Geschlecht nicht einfach durch eine Willensbekundung oder Selbstzuschreibung ändern (»Ich glaube, dass männliche Menschen keine Frauen sind. Ich glaube nicht, dass ›Frausein‹ eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist. Es geht um Biologie«). Nach dem skandalösen Rauswurf von Forstater twitterte Rowling: »Bezeichne dich, wie auch immer du willst. Schlafe einvernehmlich mit welchem Erwachsenen auch immer, der dich will. Lebe dein bestes Leben in Frieden und Sicherheit. Aber Frauen aus ihren Jobs zu drängen, weil sie sagen, dass das Geschlecht real ist? #IStandWithMaya.« Daraufhin schlug der Autorin eine Welle des Hasses und der Empörung entgegen. Der indirekte Hinweis auf den realen Unterschied zwischen Transfrauen und Frauen reichte, um sie massiv als »transfeindlich« zu beschimpfen, obwohl sie per se nichts gegen Transpersonen hat und auch die Bezeichnung »Transfrau« keineswegs ablehnt. Es ging ihr (und Maya Forstater) lediglich darum, zwei Dinge klarzustellen. Erstens sollte man einen realen Unterschied benennen dürfen, um ihn zweitens unter Umständen auch machen zu können, etwa wenn es um Fragen geht, die nur biologische Frauen betreffen wie zum Beispiel Schwangerschaft und Geburt, aber auch Quotenregelungen, frauenspezifische Schutzrechte oder forschungspolitische Entscheidungen im Bereich von Medizin und Pharmazie.

Dass es ausgerechnet »Diversitäts«-Beauftragte in den Medien, Akademien, Verwaltungen und Personalabteilungen sind, also ausgewiesene Unterschiedlichkeits-Experten, die sich gewissen fundamentalen Unterschieden gegenüber blind stellen, ist ein Beleg für die aus ihrem einseitigen Sprachverständnis resultierende Beschreibungsimpotenz: Weil sie zur differenzierenden Vermittlung individueller, kollektiver und kategorialer Ansprüche nicht fähig sind, reden sie nurmehr über die Etiketten, mit denen sie alles Wirkliche versehen haben. Dass jedem Etikett als positiver Auszeichnung etwas Nicht-Ausgezeichnetes als Negativum entgegensteht, dass also Zuschreibungen immer binären Mustern folgen, zeigt sich im Fall der »Transfrau« besonders deutlich. Anders als im polar strukturierten Geschlechterkosmos mit seinen weiten Hemisphären, in denen jede sexuelle Ab- und Unterart ihren Platz findet, gibt es in der streng gerasterten Welt der »Diversität« am Ende doch immer nur die Wahl zwischen Arktis und Antarktis. Weil dazwischen ein leerer Abgrund klafft, scheinen es Mitgefühl, Solidarität und Gerechtigkeitsempfinden zu gebieten, die »Transfrau« dadurch vor dem Absturz zu retten, dass man sie in jeder Hinsicht zur »Frau« erklärt. Dabei liegt es nur an einem formallogischen Bewertungsprinzip, das sich eine Kluft auftut, wo in Wirklichkeit riesige Kontinente und Ozeane zum Aufenthalt einladen. 

Wer diesem Prinzip verhaftet ist, wer also die Welt in digitalen Schritten durchmisst und für real allenfalls die Standpunkte erachtet, die er oder sie einzunehmen in der Lage ist, der wird eigenständige Weltdinge entweder ganz ignorieren oder als unbedingt zu bereinigende Störfaktoren ansehen. Alles frei Schwebende muss einem festen Standpunkt zugeordnet bzw. mit einer bestehenden Setzung identifiziert werden. Das Phänomen »queer« zum Beispiel. Wie umgehen mit dem schwankenden, abweichlerischen Element, das dem Begriff und dem dadurch bezeichneten Lebensstil innewohnt? Von welchem Standpunkt aus lässt sich das Ungreifbare vertreten – oder verwerfen? Festen Boden unter die Füße bekommt das binäre Denken natürlich immer dort, wo ein Gegensatzpaar in Reichweite ist, das zur rückhaltlosen Identifikation mit einem seiner beiden Extremwerte zwingt. Im vorliegenden Fall bietet sich die Binäropposition »heteronormative versus anti-heteronormative Sexualität« an. Sie erlaubt es, Queerness als Ausdruck anti-heteronormativer Sexualität anzusehen und entweder als absolut positiv oder als absolut negativ zu bewerten, je nachdem welchen Standpunkt man einnimmt.

Dabei ist das Label »queer« in aller Regel größer als die Person, der es aufgeklebt wird, so dass es keine Rolle spielt, wer eigentlich dahinter steckt. Snob, Spießer, Arschloch, Schatz? Es tut nichts zur Sache, weil die Sache (also in diesem Fall der individuelle Charakter, dem, mag er noch so fest sein, immer auch ein Moment der Unzuverlässigkeit, Doppelbödigkeit und »Queerness« beigemischt ist) überhaupt nicht in Betracht kommt. 

Analog verhält es sich mit der Bewertung politischer Einstellungen, die richtungsmäßig nicht ganz auf der eigenen Linie liegen. Als Beispiel mag das Label «nationalliberal« dienen. Für einen links orientierten binären Denker ist es schier unmöglich, die Eigenwertigkeit nationalliberaler Positionen innerhalb des »rechten« Spektrums anzuerkennen. Denn es gibt in seinen Augen kein Feldspektrum, sondern nur den binären Gegensatz »Rechts versus Links«. Um dessen absolute Geltung zu bestätigen, muss ein möglicherweise dazwischenfunkender Störfaktor unbedingt annulliert werden. Dies geschieht dadurch, dass der entleerte Begriff »nationalliberal« nichts anderes mehr zum Ausdruck bringen darf als das tödliche»Rechtssein« schlechthin, das dem lebensvollen »Linkssein« unvermittelt gegenübersteht. Dass ein vom binären Denken beherrschter Genosse am Ende keinen Unterschied mehr macht zwischen »nationalliberal«, »konservativ«, »faschistisch« und »nationalssozialistisch«, mag pragmatisch gesinnte und historisch bewusste Zeitgenossen in die Verzweiflung treiben. Doch für Vertreter einzig wahrer Standpunkte ist solch eine Gleichschaltung nur konsequent.

Gnadenlose Konsequenz prägt auch die Agitation rund um das Medienphänomen »Me Too«. Unter diesem Schlagwort protestieren Frauen bekanntlich seit 2017 gegen inakzeptable sexuelle Zudringlichkeiten von Männern. Der Protest, der das Spannungsfeld zwischen den Polen »Frau« und »Mann« aktualisierte, führte zwangsläufig zu einer verschärften Polarisierung. Angesichts der Erbitterung der Frauen mussten sich Männer auf Kampfgeschrei, wüste Beschimpfungen und überzogene Vorwürfe einstellen – und sie taten gut daran, sich von den Anfeindungen nicht provozieren zu lassen, sondern die eigene Position in Sachen »Übergriffigkeit« selbstkritisch zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Solch eine Denkbewegung ist allerdings nur dann überhaupt möglich, wenn es einen von Männern und Frauen geteilten Spielraum gibt, innerhalb dessen neue Positionen eingenommen werden können. Anders gesagt: Um seine Einstellungen zu ändern oder auch nur zu prüfen, muss man sich in einem polar strukturierten Sinnfeld aufeinander zu bewegen können. Dies ist nicht mehr möglich, wenn die polare Spannung abbricht, weil die binären Positionen sich gegeneinander isoliert haben, so dass kein Raum mehr bleibt für Begegnungen und Beziehungen, sondern jede Seite auf einem Standpunkt beharrt, den es wieder und wieder und wieder zu verteidigen gilt. Dieser Abbruch ist längst erfolgt. Unter dem Einfluss binärer Entscheidungs- und Identifikationszwänge hat sich »Me Too« – zumindest bei einem Teil der Frauenbewegung – von einer Protestbewegung gegen Männer in einen Feldzug gegen die Männlichkeit verwandelt. Eine solche Totalisierung des Kampfes verträgt sich naturgemäß nicht mit differenzierenden Betrachtungen. Es verbietet sich zum Beispiel, zwischen kriminellen und sittlichen Aspekten der »Übergriffs«-Problematik zu unterscheiden oder Täter- und Opferrollen dialektisch zu hinterfragen. Vielmehr ist es zwingend geboten, den Tatbestand »Übergriff« absolut zu setzen, d. h. keinen Unterschied mehr zu machen zwischen heftigem Flirt, geschmackloser Anmache und kriminellem Missbrauch. Darüber hinaus bedarf es der Säuberung des Begriffs der »Männlichkeit« von allen positiv-vitalistischen oder auch nur wässrig-humanistischen Bedeutungsschlacken, um am Ende das tödliche Gift herausdestillieren zu können, das Frauen unter allen Umständen ausscheiden müssen, um wahrhaft leben zu können: die toxische Männlichkeit. Die Giftigkeit des Mannes kann töten, doch ätzend wirken bereits Blicke, Gesten, Worte, Umgangsformen. Schon die Gegenwart eines Mannes kann die Atmosphäre reiner Menschlichkeit vergiften, die unter Frauen von Natur aus herrscht. Aufgrund ihrer rein atmosphärischen Qualität ist die toxische Männlichkeit weder begrifflich noch moralisch noch juristisch zu fassen. Vielmehr stellt sie eine Gefahr von existenzieller Wucht dar, über deren Ausmaß nicht verhandelt werden kann und darf. In Bezug auf den Strafprozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, dessen Fehlverhalten die »Me Too«-Lawine einst auslöste, bedeutete das: Bereits die Frage, was Weinstein tatsächlich getan oder nicht getan haben mochte, war frauenfeindlich. Vertretbar in der Causa war nur ein einziger Standpunkt: Der Mann ist ein »Raubtier«, das zwar nicht schuldfähig ist, aber naturgemäß trotzdem abgeurteilt werden muss.