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Ein übergriffiger Vergleich

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Eine Antwort auf den Artikel »Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit« des Sozialpsychologen Harald Welzer, erschienen in der ZEIT vom 30. Mai 2018: Zunächst eine wichtige Mitteilung: Ich betrachte Harald Welzer als einen Bruder im Geiste. Mit seiner Kritik des Digitalismus (»Die smarte Diktatur«, 2016) hat er mir aus der Seele gesprochen. Seine Fragen an die Geschichte des Nationalsozialismus (»Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden«, 2005) sind immer auch die meinen gewesen. Sein zivilgesellschaftliches Engagement für die »offene Gesellschaft« schließlich nötigt mir so viel Respekt ab, dass ich ihm nur höchst… mehr

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Vom Austernleben

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Viel ist in diesen Tagen wieder vom hässlichen Deutschen die Rede, und wieder verstehen die Wohlgesinnten die Welt nicht mehr. Demütigung der Griechen? Spardiktat? Export-Übermacht? Hegemonie? Wir handeln doch vernünftig, heißt es. Und Vernunft ist doch etwas unbedingt Gutes. Und Innovation, Fortschritt, Wachstum, Tüchtigkeit, Rechtlichkeit und Rechtschaffenheit sind doch unbedingt vernünftig! Einmal mehr fühlt sich der brave Deutsche verkannt. Einmal mehr beschleicht ihn der Verdacht, die anderen setzten ihn nur deshalb herab, weil sie es ihm in fairem Wettbewerb nicht gleichtun können.

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Der bürgerliche Makel

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Als bloß angelernter Bürger habe ich mich mit der städtischen Wirklichkeit der arbeitsteiligen Produktion, des marktorientierten Handelns und der konsumistischen Lebensweise nie richtig anfreunden können. Lange Zeit hing ich dem Glauben an, dass mein Unbehagen ein Effekt gewisser Fehlentwicklungen und Schieflagen sei, für deren Zustandekommen man lediglich einen Teil der Bürgerschaft verantwortlich machen könne. Schuld waren das Kapital und seine „gierige“ Gefolgschaft, die Bourgeoisie. Den freiheitsliebenden Citoyen dagegen, der manchmal als politischer Rebell, oft aber auch als Künstler, Literat oder Wissenschaftler in Erscheinung tritt, hatte ich stets bewundert und von… mehr

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Gergievs Nase oder Die Freiheit der Andersdenkenden

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Liberalität lässt sich nicht auf ein liberales Programm, Kunst nicht auf ihre politische Funktion reduzieren. Einige westliche Kritiker des russischen Dirigenten Valery Gergiev scheinen das anders zu sehen – und reden einem gnadenlosen Konformismus im Namen der Freiheit das Wort  Wenn das Machtspiel im Ernst beginnt, wenn also zwei Starke mit jeweils eigener Wahrheit und Weltsicht beschlossen haben, ihre Territorien neu abzustecken, dann geht dem Aufmarsch der Truppen in der Regel eine Mobilmachung der Öffentlichkeit voraus. Das Publikum des jeweiligen Lagers muss zu einer Gefolgschaft umgebildet, die schweigende, abwartende Mehrheit in eine Meute aktionsbereiter Ultras verwandelt werden. Die Fachleute,… mehr

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Der Flow

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Ich habe es mir in den Kopf gesetzt, den Flow zu erklären, weil ich denke: Wer den Flow nicht verstanden hat, weiß gar nichts, Jon Snow*. Da der Flow keine Idee, keine Sache und kein Stil ist, sondern ein Gefühl und ein Erlebnis, erkläre ich ihn am besten erst einmal am Beispiel und erzähle, wie ich letzten Donnerstag hinein gekommen bin … Ich war mit dem Fahrrad unterwegs zur Sixt-Station „München-Bhf. Laim-Hirschgarten“, wo der Mercedes-Transporter, den ich Tags zuvor per Online-Reservierung gebucht hatte, für mich bereit gestellt worden war, wie ich… mehr

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Der Mythos vom Sündenfall

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“Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.“ 1. Mose 3 Der Mythos deutet die Welt, ohne sie auf den Begriff zu bringen. Wie ist der Kosmos entstanden? Wer bin ich? Und wie bin ich geworden, was ich bin? Was sind meine Aufgaben als Mensch unter Menschen? Woher kommt mein Unglück, meine Schuld, mein Elend? Was kann ich wissen? Wem soll ich dienen? Woran darf ich glauben? Was kommt nach dem Tode? Es sind die Grundfragen der… mehr