Pasolini

Eine Reflexion vor dem Spiegel. Ein Augenblick des Aufbegehrens. Eine Erinnerung an den Freidenker Pier Paolo Pasolini. 1975 wurde der italienische Regisseur ermordet; im selben Jahr erschienen seine Freibeuterschriften, aus denen ich im Text zitiere  Mit sechzig kann der Blick in den Spiegel zum erkenntnistheoretischen Abenteuer werden. Normalerweise fehlt einem natürlich der Mut es anzutreten. Man hat sich kennen gelernt und nähert sich dem Spiegel mit dem festen Vorsatz sich wiederzuerkennen. Das Gegenüber ist dann nichts weiter als das durch selektive Wahrnehmung erzeugte Selbstbild, mit dem man sein ganzes Leben verbracht hat. Gewiss können plötzlich auftauchende Flecken und Eintrübungen den Erkenntnisakt zu einer mehr

Liebe Gemeinde

Ich hatte nicht gedacht, dass er noch existiert und erschrak deshalb fast, als ich ihn neulich zwischen alten Dokumenten fand: meinen offenen „Brief an die Freunde“ von 1979. Nach der Lektüre legte ich die vergilbten Schreibmaschinenseiten enttäuscht beiseite. Ich wollte etwas erklären damals, wollte meinen Freunden eine aus innerem Erleben gewonnene Erkenntnis plastisch vor Augen führen. Aber es misslang. Alles ist gut, solange ich die Liebe Gemeinde im Blick habe und einfühlsam beschreibe, der Rest ist Geschwurbel. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Brief noch einmal – wenn auch nur auszugsweise und mit neuen Erklärungsansätzen mehr

All you need ist ein Bikini

„It’s easy“ – The Beatles In dem Sommer, als die Monsters anfingen, eigene Sachen zu spielen, war ich vierzehn und liebte ein Mädchen namens Gisela. In einer Konzertpause fasste ich den Entschluss, es ihr zu sagen. Ich schlen­derte zu ihr rüber und konfrontierte sie mit der alles entscheidenden Frage: „Kommst du mit in den Wald?“ Was ich mit Gilla in dem Wäldchen hinter dem Münchhausen Berggarten vorhatte, ich meine, was dort passieren musste, war mir theoretisch klar. Ich würde ihre Hand ergreifen, wir würden stumm nebeneinander hergehen, bis wir im mehr

Wen hörst du?

„Es war eine Zeit aus erster Qualität – wie echte chinesische Seide“ André Heller „Dir soll es mal besser gehen als uns.“ Natürlich kapierte ich schon als Kind, was meine Eltern damit meinten. Sie hatten ja Krieg, Gefangen­schaft und überhaupt schlimme Zeiten durchlitten und wollten, dass ich so etwas nicht erleben muss. Sie waren ja in vielerlei Hinsicht unfrei gewesen und wollten mir ein freies, selbst be­stimmtes Leben ermöglichen. Das verstand und respektierte ich – leiden mochte ich den Spruch trotzdem nicht. Wahrscheinlich störte mich das Wörtchen „soll“, das den oft mehr