Über die Armut

Ich habe nichts gegen Reiche, solange sie nicht die Herrschaft übernehmen. Ich habe nichts gegen den Markt, solange er nicht über meine Wünsche gebietet. Ich habe nichts gegen Technik, solange sie mich nicht knechtet. Ich habe nichts gegen Genuss, solange er mir nicht den Verstand raubt. Ich habe nichts gegen den Verstand, solange er sich nicht gegen mich wendet. Aber das tut er. Er rät zur Kapitulation und verspricht im Gegenzug ungeahnte Sinnenfreuden, große Bequemlichkeit, maximale Zerstreuung und ja, auch Reichtum. Aber ich will nicht reich sein. Ich sehne mich mehr

Was ist modern? Vier Versuche.

Wer sich mit Zeitgenossen verständigen will, muss ihre Sprache sprechen. In dieser Hinsicht sind die folgenden Überlegungen modern, wie ich hoffe. Modernität als Ideologie und Haltung erscheint mir jedoch seit langem fragwürdig. Zwei Aufsätze, einen Dialog  und ein Treatment später hat sich an dieser Einstellung nichts geändert.

Der eingebildete Himmel

Im Namen eines beinharten Feminismus betreiben Pädagogen und Politiker die „Entnaturalisierung“ von Geschlecht und Familie. Leider verkennen die Befreiungssexologen die Natur der Kultur. Des Heiligen beraubt kippt sie ins Bodenlose. Was bleibt, ist eine zum Sprachspielhimmel verklärte Machtspielhölle Das Wort „anständig“ zum Beispiel: Es geht einem so leicht über die Lippen und fühlt sich in seiner scheinbar alle Moralität einschließenden Bündigkeit so natürlich, gut und richtig an, dass der Abgrund, der sich in ihm auftut, kaum noch wahrnehmbar ist. Und doch zählt „anständig“ spätestens seit der Posener Rede Heinrich Himmlers („Dies durchgehalten zu haben, mehr

Alterskitsch

Kulturpessimismus aus der hinterwäldlerischen Perspektive! Bis zur Lachhaftigkeit schwarzseherisch und schönfärberisch! Alterskitsch! Jawohl Alterskitsch, bei dem Gegenwart und Zukunft zuverlässig abkacken und alles Gewesene leuchtet! Es ist nicht zum Aushalten, sagt der Kritiker, als was für ein rückwärts gewandtes Arschloch du dich in diesen Texten präsentierst. Das hätte ich nie von dir gedacht! Die Vorwürfe überraschen mich nicht. Ich frage mich praktisch jeden Tag, ob ich eigentlich noch bei Trost bin. Ich ringe um Rechtfertigung. Zum Beispiel bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, wie gut es mir und mehr

Imperium

Ist die Natur ein Herrschaftsapparat, gegen den man sich zur Wehr setzen muss, wie die Philosophin Judith Butler glaubt? Ist sie identisch mit dem Imperium der modernen Physik? Wie weit müssen wir gehen, um frei zu sein? Aussehen, Charakter, Geschlecht, Krankheit, Alter, Tod: Es gibt es nichts, mit dem wir uns abfinden müssten. Judith Butler wenigstens scheint es so zu sehen. Für die amerikanische Queer-Theoretikerin ist alles Gegebene ein Gespinst, die Biologie ein Ammenmärchen, die Natur eine Diktatur. Nun hat vermutlich selbst die berühmte Philosophin nichts gegen klares Wasser, frische Luft oder eine schöne mehr

Mit seinen Eichen, seinen Linden …

„Welcome to the German Century“ titelte unlängst das Magazin Newsweek. Sind die jetzt vollkommen übergeschnappt? Wissen die gar nichts von uns? Ein kurzer Beitrag über das Wesen, an dem die Welt auch im 21. Jahrhundert nicht genesen wird  Sollen sie Autos, Motorsägen und Druckmaschinen bauen, aber der Kult um das deutsche Maschinenbauertum ist mir peinlich. Das ist ein Aspekt von Deutschland, der mich krank macht. Wenn fortwährend gesagt wird: Wir sind die Autobauer, die Motorsägenbauer, die Druckmaschinenbauer der Welt und sonst nichts. Wenn selbst den Krankenschwestern aus Ghana, den griechischen Gastwirten und den ostwestfälischen Kunstmalern von früh bis mehr

Vom Kinderkriegen

Reproduktionstechniken werden salonfähig. Wer es wagt, die „wissenschaftliche Bestimmung von Leben und Tod“ zu kritisieren wie Sibylle Lewitscharoff vor einigen Monaten, muss mit Kaltstellung rechnen. Mein Beitrag beleuchtet einen bislang kaum beachteten Aspekt der Debatte, nämlich den der Kommerzialisierung des Lebens. Nicht wegen der Künstlichkeit als solcher lehne ich die reproduktionstechnischen Verfahren ab, sondern weil alles Gemachte einen Markt macht … Bis vor wenigen Jahrzehnten wussten wir alles Notwendige übers Kinderkriegen. Dass ein Mann und eine Frau sich zusammentun müssen. Dass sie durch Zeugung, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt zu Vater und Mutter werden. mehr