Ästhetik I bis V

Ästhetik (von griechisch aísthēsis, Wahrnehmung, Empfindung) war bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der Schönheit in Natur und Kunst. Unter den Begriff fällt aber auch das Nachdenken über die Wahrnehmung als solche. Das Ergebnis meines Nachdenkens über dieses Thema können Sie in den fünf folgenden Beiträgen lesen: Vom Eindruck, Von Wahrnehmungsbegriffen, Wissenschaft und Kennerschaft, Rezeption und Gestaltung, Spatzen und Roboter.

Vom Eindruck

Wenn ich etwas Bestimmtes wahrnehme, zum Beispiel einen Stern am Nachthimmel, einen Flötenton in der Stille oder einen leichten Benzingeruch im Auto, dann sind es zwar meistens die vor den jeweiligen Kulissen sich abzeichnenden Figuren, die mich beschäftigen, doch bleiben die Hintergründe für die Deutung des wahrgenommenen Phänomens von Belang. Ob ein Stern am realen Himmel oder auf einer Kinoleinwand leuchtet, macht einen Unterschied. Ob eine Flöte in der Küche oder in einer Kathedrale ertönt, spielt eine Rolle für das Musikerlebnis. Auch beim Benzingeruch entscheidet die situative Konstellation über die… mehr

Von Wahrnehmungsbegriffen

Im landläufigen Sinne ist Wahrnehmung der »Prozess und das Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen der Umwelt«. Genauer gesagt geht es um das »Filtern und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinnvollen Gesamteindrücken«. Die Eindrücke werden »laufend mit den als innere Vorstellungswelt gespeicherten Konstruken oder Schemata abgeglichen.« Diese aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel entnommene Definition stellt den Eindruck nicht an den Anfang des Wahrnehmungsprozesses, sondern an sein Ende. Wahrnehmung wird als ein Geschehen aufgefasst, dass induktiv von Elementen (Reize, Informationen) über Zwischenstufen zum Ganzen (Gesamteindruck) fortschreitet. Abgesehen von diesen meiner Ansicht… mehr

Rezeption und Gestaltung

Wenn sie lediglich der Orientierung in der Umwelt dient, ist Wahrnehmung ein flüchtiges Geschehen, das sich mit dem Verfertigen gröbster Gesamteindrücke begnügt, die oftmals noch nicht einmal ins Bewusstsein gelangen. Jederzeit kann dieses flüchtige Geschehen jedoch einen Halt finden an Ganzheiten, die aus irgendeinem Grund (Gefahr, Liebreiz, Interesse) intensiver wahrgenommen werden. Dieses intensivere Erfassen einer Ganzheit – sei es eine menschliche Gestalt, ein Gesicht, eine Landschaft oder ein Artefakt – nenne ich Rezeption. Analyse klärt Dinge, indem sie von ihnen absieht Rezeption unterscheidet sich fundamental von der analytischen Untersuchung. Bei… mehr

Wissenschaft und Kennerschaft

Schwarzafrikaner unterscheiden sich allein aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe extrem von den hellhäutigen Menschen, deren Physiognomien mir seit meiner Kindheit vertraut sind. Hinzu kommen, je nach Herkunft des Schwarzen, mehr oder weniger ausgeprägte negroide Züge, die seine Physiognomie unter Umständen noch fremdartiger wirken lassen. Wenn solch ein Mensch nun Französisch oder Suaheli spricht, dann nehme ich ihn umso deutlicher als Fremden wahr. Spricht er gebrochen Deutsch, tritt die Fremdheit sogar noch stärker hervor. Spricht er aber so perfekt Deutsch wie ein Muttersprachler, passiert manchmal etwas Verblüffendes: Das Gesicht des Schwarzen erscheint… mehr

Spatzen und Roboter

Gestalten Spatzen das Nest, das sie bauen? Gestalten Pflegeroboter den Umgang mit ihren Schutzbefohlenen? Sicherlich wäre weder die Tätigkeit des Vogels noch diejenige des Roboters ohne sensorisch kontrollierte Rückkopplung möglich. Trotzdem sprechen wir beiden, dem Spatz wie dem Roboter, die Gestaltungsfähigkeit ab – und mit Recht. Der Spatz käme nie und nimmer auf die Idee, ein doppelstöckiges Nest zu bauen. Der Roboter käme nie und nimmer auf die Idee, seine Schutzbefohlenen zu berauben. Beide leisten ganze Arbeit innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Die willkürliche Setzung des Rahmens ist dem Menschen vorbehalten.… mehr

Update

Manchmal wünsche ich mir eine Textchefin, einen kritischen Kollegen, einen Chefredakteur. Jemanden, der mich darauf hinweist, dass eine Formulierung zu abgedreht, eine Passage entbehrlich, ein Beitrag noch nicht rund ist. Aber solch eine Person gibt es nun mal nicht in diesem Laden. Ich publiziere, was ich will und wann es mir passt. So kommt es, dass ich gewisse Ungereimtheiten oft erst nach der Veröffentlichung bemerke – und manche Artikel noch im Nachhinein redigiere. An “Das Herz der Freiheit” habe ich bis gestern gearbeitet. Viel Spaß mit dem letzten Update.

Das Herz der Freiheit

Ich will begreifen, was mir zu schaffen macht, will es so genau wie möglich darstellen, aber wahrscheinlich werde ich es wieder mal nicht richtig zu fassen kriegen, weshalb auch dieser Versuch auf eine bloße Umschreibung des Gemeinten hinauslaufen wird. Was ich aber meine, ist zunächst einmal nicht viel mehr als das ungute Gefühl, das mich seit einigen Jahren bedrückt: dass ich in etwas hineingerate oder hineingezogen werde, das ich als menschliches Individuum nicht wollen kann. Es geht dabei nicht um persönliche Befürchtungen im Hinblick aufs Älterwerden oder Sterben. Auch nicht… mehr

Drei Improvisationen über Rassismus

Ich war immer gegen Rassismus – und bin es selbstverständlich noch heute. Für meine Einstellung gibt es neben allgemein moralischen auch zwei biografische Gründe. Zum einen ist es die Abscheu vor dem mörderischen Rassismus der Nationalsozialisten, in dessen System meine Eltern und Großeltern als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt waren (wobei sie sich glücklicherweise keines Verbrechens schuldig gemacht haben). Hinzu kommt meine Liebe zur Schwarzen Musik und ihren Helden von Lady Day bis Charles Mingus und von Nina Simone bis Bob Marley (»Until the philosophy wich holds one race superior/ and another… mehr

Lesetipps

Wer zum ersten Mal hier vorbeischaut, mag sich fragen: Womit einsteigen? Ich würde zu “Einspruch!” (1 und 2) raten – oder zu “Das erste Gebot der Vernunft“. In diesen Artikeln geht es um aktuelle politische Fragen: die Debatte um die Meinungsfreiheit und das Problem der akut bedrohten Subjektivität. Zwar behandeln auch die beiden jüngsten Essays brennende Fragen der Gegenwart (Funktionalismus und Freiheit, Natur und Mythos), aber sie sind vielleicht etwas theorielastig – und ganz schön lang.