Denaturierte Güter

Ein Satz von Schelling fällt mir ein: »Nichts kann eine tiefere Roheit in der Erkenntnis der Welt beweisen, als in das, was unmittelbar Abdruck des absoluten Lebens ist, mechanische Vorstellungsarten einzumischen, die vom absoluten Tod hergenommen sind.« Dass dem Ökonomismus des modernen Lebens »mechanische Vorstellungsarten« zugrunde liegen, lässt sich nicht leugnen. Im finanzkapitalistischen Kalkül ist der Mensch ein Faktor, eine Zahlengröße, ein berechenbares Ego und nichts sonst. Aber auch der moderne Kult um die Marke, das Label, das Image und die attitude, mit dem Marktteilnehmer ihr profanes Tun heutzutage quasireligiös mehr

Das erste Gebot der Vernunft

Das Problem mag noch so verwickelt sein, es gibt immer Leute, die ganz genau wissen, was zu tun ist – und es überall rumerzählen. Dabei verbinden sie ihre Handlungsempfehlungen gern mit einem Apell an die Vernunft. Es sei ein Gebot der Vernunft, sagen sie, genau dies und das zu tun. Na schön. Aber ich frage mich doch immer häufiger: Warum sprechen die eigentlich oft so gefährlich weihevoll wie weiland Robespierre im Wohlfahrtsausschuss? Können sie nicht geradeaus reden? Können sie keine Gründe nennen? Können sie mich nicht ernst nehmen? Gebietet es mehr

Uhrenvergleich

Wenn ich wissen will, wie spät es ist und auf mein Smartphone schaue, sagen mir ein paar Ziffern schon alles. Für das Erfassen der Uhrzeit jedenfalls spielt das Display, auf dem die Ziffern erscheinen, nicht die geringste Rolle. Es handelt sich dabei lediglich um einen materiellen Träger, den ich ästhetisch bewerten oder technisch untersuchen kann, aber nicht beachten muss, wenn ich einfach nur die Uhrzeit ablesen will. Ganz anders liegt der Fall bei einer konventionellen Zeigeruhr, egal ob in ihr ein mechanisches Uhrwerk tickt oder ein elektronischer Taktgeber schwingt, ob mehr

Denaturierte Gesundheit

Wie das Glück zählt auch die Gesundheit zu den Geschenken der Natur, die wir erst dann hervorkramen und genauer betrachten wollen, wenn sie dahin sind. Wer sich bester Gesundheit erfreut, lebt ohne Sorge und verschwendet nicht den geringsten Gedanken an etwas, das so fraglos da ist wie die Liebe und die Luft zum Atmen. Erst für Kranke wird Gesundheit zum Thema, zum Problem und zum Ideal. Erst die Krankheit ruft die Heilsgeschichtenerzähler, die Problemlöser und die Ideologen auf den Plan. Weil die Helfer in der Not vom Kranksein profitieren, haben mehr

Tagesgespräch

»Blödsinn oder Fortschritt: Was halten Sie von gendergerechter Sprache?« Das war am 13. Oktober die Frage im „Tagesgespräch“, einem beliebten Hörer-sagen-ihre-Meinung-Format des Bayerischen Rundfunks. Dass die Frage ein geteiltes Echo hervorrufen würde, war vorherzusehen. Und so kam es dann auch: Zu Wort meldeten sich ungefähr gleich viele Befürworter und Gegner des neuerdings ja nicht mehr nur geschriebenen, sondern häufig auch gesprochenen Zwitterplurals (»die Musiker.Innen« statt »die Musiker« bzw. »die Musikerinnen«). Einige Anrufer begründeten ihre Meinung, die meisten bekundeten und bekräftigten sie bloß. Sie sahen es als vollkommen evident an, dass mehr

Wir

Mehr als vor den angesagten Naturkatastrophen fürchte ich mich inzwischen vor denen, die sie unbedingt vereiteln wollen. Im Blick habe ich dabei allerdings nicht jene vorausschauenden Zeitgenossen, die sich klugerweise für konkrete Notfälle wappnen. Nein, es sind die Verfechter eines totalitären Humanismus, vor denen mir graut. Es sind die Leute, die lieber heute als morgen den allgemeinen Notstand ausrufen würden. Warum? Die von Humanisten seit eh und je erträumte emanzipative Herauslösung des Menschen aus dem Reich der Natur lässt sich nur vollenden, wenn den Menschen glaubhaft erklärt werden kann, ihre mehr

Bipolar oder Die Einheit des Unvereinbaren

Tag und Nacht, Frau und Mann, Himmel und Erde, Leben und Tod: Gegensätze strukturieren die Wirklichkeit und damit auch das Denken. In den folgenden fünf Beiträgen unterscheide ich zwei Arten des Umgangs damit. Das binäre Denken operiert mit absoluten Entgegen-Setzungen in ähnlicher Weise wie die Mathematik mit den Binärzahlen 0 und 1 operiert: Gut steht unvermittelt gegen böse, rechts gegen links, oben gegen unten etc. Weil das binäre Denken keine realen Zwischenräume, keine Mischformen oder Feldgrößen kennt, erzwingt es die totale Identifikation mit je einem der beiden Extremwerte. Sein Medium mehr

Bipolar 1: Les jeux sont fait

Viele Beobachter des Zeitgeschehens sehen die Globalisierung als ein Spiel an, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Das ist oft nicht böse, sondern sachlich gemeint. Man stellt ganz einfach fest, dass die Globalisierung bestimmte Wirtschaftsweisen und Organisationsformen hervorbringt, die für manche Individuen, Gruppen, Völker, Staaten oder Weltgegenden eher förderlich und für andere eher hinderlich sind. Berücksichtigt man dann noch die Tatsache, dass die ungleich verteilten Chancen unterschiedlich genutzt werden, ergibt sich das polare Gewinner-Verlierer-Schema fast von selbst. Es wird der Sache nicht auferlegt, sondern geht aus ihr hervor. Dabei mehr

Bipolar 2: Pauschale Verurteilungen

Ob es zum Schlimmsten kommt, wissen wir nicht. Schlimm genug ist aber schon das feindselige Schweigen über den tiefen Gräben, die heute so vieles trennen, was noch bis vor wenigen Jahren zusammen gehörte. Ost und West, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Frauen und Männer: Die Welt von Gestern war ein polar strukturierter Kosmos, das Leben war eine Begegnung. Streit, Wettbewerb, Kampf und Krieg spielten ebenso hinein wie Kooperation, Teamgeist, gegenseitiger Respekt, Freundschaft und Liebe. Ungeachtet der Gefahr der atomaren Auslöschung, die seit den frühen 1950er Jahren mehr

Bipolar 3: Beispiele

Alle wohlgesinnten Journalisten, Lehrer, Politiker und Arbeitgeber sprechen sich heute für das identitätspolitische Konzept der »Diversität« aus. Wer unter diesen verschärften Bedingungen noch den Mut aufbringt, reale Unterschiede zu sehen, zu beschreiben und gegebenenfalls auch zu machen, riskiert seine bürgerliche Existenz.  Ein Beispiel. Ende 2019 zog die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling den Zorn eines Teils der LGBTQ-Community auf sich, weil sie sich mit der Wissenschaftlerin Maya Forstater solidarisiert hatte46. Forstater war von ihren Arbeitgebern bei der Denkfabrik »Centre for Global Development« gefeuert worden, weil sie in Bezug auf »Transfrauen« mehr