Wir

Mehr als vor den angesagten Naturkatastrophen fürchte ich mich inzwischen vor denen, die sie unbedingt vereiteln wollen. Im Blick habe ich dabei allerdings nicht jene vorausschauenden Zeitgenossen, die sich klugerweise für konkrete Notfälle wappnen. Nein, es sind die Verfechter eines totalitären Humanismus, die mich ängstigen. Es sind die Leute, die lieber heute als morgen den allgemeinen Notstand ausrufen würden. Warum? Die von Humanisten seit eh und je erträumte emanzipative Herauslösung des Menschen aus dem Reich der Natur lässt sich nur vollenden, wenn den Menschen glaubhaft erklärt werden kann, ihre eigene mehr

Bipolar oder Die Einheit des Unvereinbaren

Tag und Nacht, Frau und Mann, Himmel und Erde, Leben und Tod: Gegensätze strukturieren die Wirklichkeit und damit auch das Denken. In den folgenden vier Beiträgen unterscheide ich zwei Arten des Umgangs damit. Das binäre Denken operiert mit absoluten Entgegen-Setzungen in ähnlicher Weise wie die Mathematik mit den Binärzahlen 0 und 1 operiert: Gut steht unvermittelt gegen böse, rechts gegen links, oben gegen unten etc. Weil das binäre Denken keine realen Zwischenräume, keine Mischformen oder Feldgrößen kennt, erzwingt es die totale Identifikation mit je einem der beiden Extremwerte. Sein Medium mehr

Les jeux sont fait

Viele Beobachter des Zeitgeschehens sehen die Globalisierung als ein Spiel an, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Das ist oft nicht böse, sondern sachlich gemeint. Man stellt ganz einfach fest, dass die Globalisierung bestimmte Wirtschaftsweisen und Organisationsformen hervorbringt, die für manche Individuen, Gruppen, Völker, Staaten oder Weltgegenden eher förderlich und für andere eher hinderlich sind. Berücksichtigt man dann noch die Tatsache, dass die ungleich verteilten Chancen unterschiedlich genutzt werden, ergibt sich das polare Gewinner-Verlierer-Schema fast von selbst. Es wird der Sache nicht auferlegt, sondern geht aus ihr hervor.

Pauschale Verurteilungen

Ob es zum Schlimmsten kommt, wissen wir nicht. Schlimm genug ist aber schon das feindselige Schweigen über den tiefen Gräben, die heute so vieles trennen, was noch bis vor wenigen Jahren zusammen gehörte. Ost und West, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Frauen und Männer: Die Welt von Gestern war ein polar strukturierter Kosmos, das Leben war eine Begegnung. Streit, Wettbewerb, Kampf und Krieg spielten ebenso hinein wie Kooperation, Teamgeist, gegenseitiger Respekt, Freundschaft und Liebe. Ungeachtet der Gefahr der atomaren Auslöschung, die seit den frühen 1950er Jahren mehr

In Echokammern

Bei aller Kritik an der identitätspolitschen Praxis der pauschalen Verurteilungen liegt es auf der Hand, dass viele Missstände, auf die Frauen, Linke und andere Interessengruppen hinweisen, faktischer Natur sind. Diskriminierung, Benachteiligung, Belästigung, Vergewaltigung, Ausbeutung, rassistisch motivierte Übergriffe und rechtsextremistische Verbrechen gibt es ja tatsächlich. Und es ist nur recht und billig, solche Erfahrungstatsachen im Rahmen einer empirischen Theorie zu beschreiben, zu deuten, zu bewerten, zu erklären. Problematisch wird es erst dann, wenn das Framing wichtiger wird als das Learning und um der Stimmigkeit der Theorie willen Fakten verzerrt oder unterschlagen mehr

Genauigkeit ist Schwindel

Das binäre Denken als solches ist nichts anderes als ein Spiel mit Namen, bei dem es darauf ankommt, Paare mit einander entgegengesetzten Wahrheitswerten zu bilden. Mit solch einem logizistischen Nominalismus lässt sich einiges anstellen. Man kann Mathematik, Informatik, Philosophie und Werbung, aber auch Moralpolitik und totalitäre Propaganda damit betreiben. Im Alltagsleben dagegen kommt man nicht sehr weit damit. In der Schule, am Arbeitsplatz, beim Bolzen, Flirten, Dichten, Malen und Musizieren, beim Abendessen im Kreis der Familie, am Kabinettstisch, im Forschungslabor, vor Gericht und natürlich auch im Bett hat man es mehr

Liebe Sprecherinnen und Sprecher

Was soll ich schreiben? Die Sprecher, die Sprechenden, die SprecherInnen, die Sprecher*innen? Dx Sprechx? Um die Frage zu kären, ist es vielleicht hilfreich, sich einige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört die Beobachtung, dass die Verbindung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung arbiträr, also zufällig ist. Genauer gesagt: Mit welcher Laut- oder Buchstabenkombination wir ein Objekt bezeichnen, legt die Sprachgemeinschaft willkürlich fest, wobei die realen Eigenschaften des Objekts bei der Benennung eigentlich keine Rolle spielen (ein Baum kann „Baum“ heißen, aber auch völlig anders, beispielsweise „arbre“ oder „tree“). Ein mehr

Engel der Geschichte

Kürzlich erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Beitrag »Europas Traum und Trauma«. Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Robert Habeck plädiert darin für ein geschichtsbewusstes Europa, das er zu einer „weltpolitikfähigen“ föderalen Republik formen möchte. Eine Replik. Die Welt gibt es nicht per se, vielmehr bringen wir sie durch Sprache erst hervor. Wer diesem konstruktivistischen Glauben anhängt und als Politiker die Welt verändern möchte, muss ganz besonders auf seine Worte achten. Der Konstruktivist Robert Habeck tut das bekanntlich nicht immer. Erinnern wir uns: Im Vorfeld der Thüringer Landtagswahlen rief mehr

Nur damit das mal klar ist …

Fundamentalkritik der Technik beginnt mit der Einsicht, dass technische Hervorbringungen in vielerlei Hinsicht nützlich, aber im Ganzen gesehen schädlich sein können. Die Waffentechnik zum Beispiel. Je besser eine Waffe ihren Zweck als Werkzeug des Tötens erfüllt, desto tödlicher sind in der Regel die vom Techniker nicht berücksichtigten zivilisatorischen Folgen ihres Gebrauchs. Ähnliches gilt für Autos, für Computer, für Medikamente. Je besser sie sind, desto schlechter sind sie womöglich.

Denaturiertes Klima

Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungsgegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Warum haben sie das getan? Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer …