Zitate

Ist bereits die Zivilgesellschaft ein seltsamer begrifflicher Bastard von Staat und Gesellschaft, die sich in fruchtbarer Spannung gegenüberstehen sollten, so ist die «engagierte Zivilgesellschaft» vollends ein hölzernes Eisen. Gemeint sind gesellschaftliche Akteure, die im Sinne der derzeit regierenden Parteien agieren und dafür vom Staat bezuschusst werden. Der Staat will sich eine Gesellschaft nach seinem Bilde formen. Letztlich wird der Bürger unter Vorbehalt gestellt.
Alexander Kissler, Neue Zürcher Zeitung vom 20.05.2022

Die immer wiederkehrenden Diskussionen um die «Heimat» in Deutschland zeugen von einem nach wie vor neurotischen Verhältnis zu diesem Begriff. Wobei diese Aussage so nicht stimmt. Der verkrampfte deutsche Heimatdiskurs lebt vor allem von den Erklärungen von Politikern und Journalisten. Die Bürgerinnen und Bürger sind nur die Statisten, deren Heimatgefühle wahlweise gefördert, ausgetrieben oder umgedeutet werden müssen.
Benedict Neff, Neue Zürcher Zeitung vom 19.05.2022

Die Vorstellung, dass der sozialen Gerechtigkeit am besten gedient sei, wenn man einschränkt, was gesagt werden kann, indem man einige Ideen und Terminologien verbietet und andere durchsetzt, ist weder historisch noch empirisch noch nach Maßgaben der Vernunft haltbar. (…) Wir hoffen inständig, dass die Vertreter der Social-Justice-Bewegung, wenn sie ihrem Ziel der Kontrolle des Diskurses näherkommen, mehr und mehr erkennen, dass sie eine hegemonische Ideologie vertreten: einen repressiven dominanten Diskurs, der dem Machterwerb dient und deshalb dekonstruiert und bekämpft werden muss.
Helen Pluckrose, James Lindsay: Zynische Theorien, C.H. Beck, München 2022, S.298

In modernen Gesellschaften müssen elementare Prinzipien wie die Freiheit des Individuums und die sozialen Pflichten im gemeinsamen Diskurs austariert werden. Wenn Prinzipien unversöhnlich aufeinanderstoßen, schwindet auf beiden Seiten der Wille zum Gespräch. Der Wert einer Debatte bemisst sich heute oft daran, ob der andere von der Richtigkeit der eigenen Position überzeugt werden konnte. Tatsächlich besteht der Wert einer Debatte in ihrer öffentlichen Funktion: Menschen können sich so eine Meinung bilden
Alexander Strassner

Die große Gefahr der linken Identitätspolitik besteht darin, dass durch sie der westliche Universalismus beschädigt wird, der unter großen Mühen erkämpft wurde. Freiheit und Gleichheit werden durch linke Identitätspolitik permanent angegriffen: die Freiheit, indem man verhindert, dass bestimmte Meinungen öffentlich vertreten werden dürfen. Die Gleichheit, indem bestimmte Gruppen Sonderrechte beanspruchen. Diese Angriffe sind auch deshalb so gefährlich, weil sie auf die Öffentlichkeit so wirken, als stritten ihre Urheber für etwas Gutes.
Bernd Stegemann 

Um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität in ein angemessenes Verhältnis zu setzen und damit das Vertrauen in die Lösungskompetenz der liberalen Demokratie zurückzugewinnen, muss der Mensch als freies, geistiges Lebewesen wieder ins Zentrum der Gesellschaft rücken. Diese hat sich im Zuge der Pandemiebewältigung allzu sehr daran gewöhnt, sich unter Hinweis auf angeblich alternativlose Imperative fremdbestimmt steuern zu lassen. Für jedes Problem gibt es jedoch eine Vielzahl an Lösungen, zwischen denen wir wählen müssen.
Markus Gabriel

Es ist doch merkwürdig, genaugenommen sogar ärgerlich, dass in der Bildungs- und der Demokratiepolitik seit mehr als einem halben Jahrhundert auf den mündigen Bürger hingearbeitet wird und man jetzt unausgesprochen oder sogar ausdrücklich die Bürger zu unmündigen Untertanen erklärt. Der autoritäre Obrigkeitsstaat, den wir endgültig überwinden wollten, tritt in einer neuen, bisher unbekannten Gestalt auf: mit einem Versprechen, das er gar nicht halten kann, dem der Rundumsicherheit.
Otfried Höffe