Bruchstücke II

The watchman, he lay dreaming The damage had been done He dreamed the Titanic was sinking And he tried to tell someone (Bob Dylan, Tempest) Mit Recht wird die Dekonstruktion des Augenscheins durch Isaac Newton als wissenschaftliche Großtat angesehen. Sie als Ursünde des modernen Denkens zu betrachten, ist dagegen ein wenig aus der Mode gekommen. Das Bild des vom Prisma in Spektralfarben zerlegten Sonnenlichts fasziniert uns als Erkenntnissymbol, aber dass an der dadurch repräsentierten Erkenntnismethode etwas faul sein könnte, will niemand mehr wahr haben. Ohne Zweifel zählt Newtons Optik zu jenen Pioniertaten,… mehr

Der denaturierte Mensch und sein Herr

In dem nachstehenden Essay geht es um die Glaubenssätze, die unsere Kultur formen und zunehmend belasten. “Wir glauben an Freiheit durch Vorsprung und Vorsprung durch Technik”, heißt es im Text. Außerdem glauben wir natürlich an die unendliche Optimierbarkeit unserer Lebenswelt durch Wissenschaft und Design.Gegen diesen modernen Glauben muss ein Bekenntnis zur Natur des Menschen allein schon wegen der erdrückenden Dominanz konstruktivistischer Erkenntnistheorien hoffnungslos altbacken wirken. Dennoch habe ich versucht, die Natur als Vorbild und Maßstab glücklicher Humanität zu rehabilitieren. Das ist nicht ganz leicht. Und ich kann nicht behaupten, dass es mir gelungen wäre. Der Gedankengang bricht unvermittelt ab. Vieles ist nur… mehr

Vom Kinderkriegen

Reproduktionstechniken werden salonfähig. Wer es wagt, die “wissenschaftliche Bestimmung von Leben und Tod” zu kritisieren wie Sibylle Lewitscharoff vor einigen Monaten, muss mit Kaltstellung rechnen. Mein Beitrag beleuchtet einen bislang kaum beachteten Aspekt der Debatte, nämlich den der Kommerzialisierung des Lebens. Nicht wegen der Künstlichkeit als solcher lehne ich die reproduktionstechnischen Verfahren ab, sondern weil alles Gemachte einen Markt macht … Bis vor wenigen Jahrzehnten wussten wir alles Notwendige übers Kinderkriegen. Dass ein Mann und eine Frau sich zusammentun müssen. Dass sie durch Zeugung, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt zu Vater und Mutter werden.… mehr

Liebe Gemeinde

Ich hatte nicht gedacht, dass er noch existiert und erschrak deshalb fast, als ich ihn neulich zwischen alten Dokumenten fand: meinen offenen “Brief an die Freunde” von 1979. Nach der Lektüre legte ich die vergilbten Schreibmaschinenseiten enttäuscht beiseite. Ich wollte etwas erklären damals, wollte meinen Freunden eine aus innerem Erleben gewonnene Erkenntnis plastisch vor Augen führen. Aber es misslang. Alles ist gut, solange ich die Liebe Gemeinde im Blick habe und einfühlsam beschreibe, der Rest ist Geschwurbel. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Brief noch einmal – wenn auch nur auszugsweise und mit neuen Erklärungsansätzen… mehr

“Fell in love years ago …”

Okay, es ist doch kein Buch geworden – aber ein langer Artikel: Hier kommt die Analyse des Beach-Boys-Klassikers Heroes and Villains. Der Text setzt keine großartigen musiktheoretischen Kenntnisse voraus, aber das Lied sollte man natürlich kennen. Deshalb hier ein paar Links. Zur Einstimmung empfehle ich die klanglich imposante Live-Aufnahme von Smile (London, Royal Festival Hall, 2004). Dem Song gehen hier der Choral “Our Prayer”, das kurze Intermezzo “Gee” und das “Heroes and Villains”-Intro voraus. Diese einleitenden Stücke fehlen bei der Version von den Smile Sessions (1967/2011). Und für die Single von… mehr

Heroes and Villains

“Another session was planned for the next day, but Brian failed to show up, and it was cancelled.” Peter Ames Carlin Paul Williams liebte den Song über alles. In „Rock And Roll: The 100 Best Singles“ schrieb der im März 2013 verstorbene Musikjournalist: „,Heroes and Villains‘ klingt wie ein reißender Wildbach. Es klingt so, wie wir die Natur hören, sehen, riechen und schmecken, wenn wir uns in sie hineinbegeben und uns ganz auf ihre Wunder einlassen. Es fließt und tanzt.“ Das große Publikum beurteilte das Wunderwerk der Beach Boys, das… mehr

Bruchstücke I

“Viele Werke der Alten sind Fragmente geworden, viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung“, sagt der Romantiker Friedrich Schlegel. Wir produzieren Scherben, heißt das. Unsere Sachen sind von Anfang an kaputt. Es heißt aber auch: Unsere Sachen sind Bruchstücke vom Ganzen. Es liegt nicht in unserer Hand, aber es ist da: “Das Höchste ist das Verständlichste, das Nächste, das Unentbehrlichste“, sagt Novalis. * “Angeblich wächst die Sentimentalität im Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet.” Wolfgang Herrndorf (1965–2013) * Es ist immer gut gewesen,… mehr

Der Mythos vom Sündenfall

“Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.“ 1. Mose 3 Der Mythos deutet die Welt, ohne sie auf den Begriff zu bringen. Wie ist der Kosmos entstanden? Wer bin ich? Und wie bin ich geworden, was ich bin? Was sind meine Aufgaben als Mensch unter Menschen? Woher kommt mein Unglück, meine Schuld, mein Elend? Was kann ich wissen? Wem soll ich dienen? Woran darf ich glauben? Was kommt nach dem Tode? Es sind die Grundfragen der… mehr

All you need ist ein Bikini

“It’s easy” – The Beatles In dem Sommer, als die Monsters anfingen, eigene Sachen zu spielen, war ich vierzehn und liebte ein Mädchen namens Gisela. In einer Konzertpause fasste ich den Entschluss, es ihr zu sagen. Ich schlen­derte zu ihr rüber und konfrontierte sie mit der alles entscheidenden Frage: „Kommst du mit in den Wald?“ Was ich mit Gilla in dem Wäldchen hinter dem Münchhausen Berggarten vorhatte, ich meine, was dort passieren musste, war mir theoretisch klar. Ich würde ihre Hand ergreifen, wir würden stumm nebeneinander hergehen, bis wir im… mehr

Wen hörst du?

“Es war eine Zeit aus erster Qualität – wie echte chinesische Seide” André Heller „Dir soll es mal besser gehen als uns.“ Natürlich kapierte ich schon als Kind, was meine Eltern damit meinten. Sie hatten ja Krieg, Gefangen­schaft und überhaupt schlimme Zeiten durchlitten und wollten, dass ich so etwas nicht erleben muss. Sie waren ja in vielerlei Hinsicht unfrei gewesen und wollten mir ein freies, selbst be­stimmtes Leben ermöglichen. Das verstand und respektierte ich – leiden mochte ich den Spruch trotzdem nicht. Wahrscheinlich störte mich das Wörtchen „soll“, das den oft… mehr