Der Plan

Die Menschheit, jahrhundertelang eine höchst heterogene Einheit, ist vor wenigen Jahren, quasi über Nacht, ein homogener Organismus geworden. Eine Handvoll Computernerds hat mit der Entwicklung des Internets vollendet, was die Rationalisten im 18. Jahrhundert auf den Weg gebracht hatten: den Zusammenschluss des Menschengeschlechts in einem weltumspannenden, Wissen verarbeitenden Apparat. In der Tat besteht das Internet ja nicht allein aus Code und Datenträgern samt zugehörigen Peripheriegeräten, zu denen man längst auch Fabriken, Banken und Behörden, Automobile und Privathäuser, Kampfdrohnen und Kraftwerke zählen muss – das Internet schließt uns selbst ein. Was der Informatiker und Musiker Jaron Lanier über Computer gesagt hat: sie seien ohne Menschen nichts anderes als Muster erzeugende Raumwärmer, das gilt in ähnlicher Weise auch für die technische Apparatur des Internets: Ohne uns wäre sie ein bunter Kabelsalat, aus dem es noch eine Weile ächzte und blinkte, bevor sich die Würmer über ihn hergemacht hätten. Erst mit uns ist das Internet das Internet: ein organischer Zusammenhang nämlich, in dem der Plan des Ganzen jedes Element beeinflusst, das in ihn eingeht. 

Element kann vieles sein. Eine Ziffernkette zum Beispiel, die von einem Algorithmus in eine andere Ziffernkette verwandelt wird (manchmal ist das Internet bloß eine Rechenmaschine, ein Instrument, mit dessen Hilfe man etwa Währungen umrechnen, Vokabeln übersetzen oder Flüge buchen kann). Aber auch Wünsche, Einstellungen, Emotionen, Denkweisen und Mentalitäten können sich unter dem Einfluss algorithmischer Prozesse verändern, weil eben im Internet kein Klick ins Leere läuft, sondern eine Reihe von Rechenprozessen auslöst, die sich wiederum aufs Klickverhalten – mithin aufs Wünschen und Denken – auswirken. Bekanntlich wandern oft geklickte Websites in der Google-Suchliste nach oben, weshalb sie noch häufiger geklickt werden. Aus exakt demselben Grund gebieten zur Zeit wenige Weltkonzerne über das Internet: Aufgestiegen durch die häufige Nutzung ihrer Angebote behaupten sie eine monopolartige Stellung, die die Nutzung ihrer Angebote erzwingt. 

Regelrecht körperlich zu spüren war die zwingende Kraft, die der Internetorganismus auf jeden Einzelnen ausübt, am 22. Juli 2016 in München. Am Abend jenes Hochsommertages machte die Nachricht von einem Anschlag die Runde: In einer Shoppingmall waren neun Menschen erschossen worden, und weil anfangs niemand genau wusste, ob ein einzelner Amokläufer oder mehrere Terroristen die Tat begangen hatte, breitete sich (befeuert durch die frische Erinnerung an den Pariser Terroranschlag vom November 2015) rasch eine Panikstimmung in der Stadt aus. Erzeugt und verstärkt wurde die allgemeine Unsicherheit größtenteils durch Netzeffekte, indem nämlich jede in den Nachrichtenpool eingespeiste Information (Tweet, Foto, Film, Bericht, Kommentar) eine neue Gerüchtelage schuf, die wiederum die Gerüchteküche anheizte. Der Fall erscheint mir auch deshalb bemerkenswert, weil sich die Erregung in jenen Abendstunden nicht nur über die Stadt ausbreitete, sondern blitzschnell das ganze Land, ja, den ganzen Erdball erfasste. Anfangs nur in München generierte Meldungen über den mutmaßlichen Hergang der Tat lösten nervöse Reaktionen in aller Welt aus. Vom Hofbräuhaus bis zum Weißen Haus regte sich so etwas wie nachbarschaftliches Mitgefühl, das seinen Ausdruck in zahllosen getwitterten, geposteten und gesendeten Betroffenheitsgesten fand. Man erlebte die Menschheit in Aktion an jenem Abend. Zumindest jene erlebten sie in Aktion, die sich ihr im Netz angeschlossen hatten. Meine Tochter zum Beispiel: Die permanente Nachrichtensendung im Fernsehen und die parallele Kommunikation in den Sozialen Medien absorbierten Naima viele bange Stunden lang. Sie starrte auf Bildschirme und vergaß, dass es Fenster und Türen gibt. Von draußen, wo das Geschehen nur wenige Kilometer entfernt seinen Lauf nahm, registrierte sie vielleicht noch das Tatütata der Rettungswagen. Doch die Leute vor unserem Fenster, die trotz des welterschütternden Großereignisses ungerührt ihres Weges gingen, bemerkte sie nicht, zu schweigen vom Hundegebell in der Ferne und vom Abendhimmel über den rauschenden Bäumen des Grünwaldparks. Dem animalischen Impuls, bei Gefahr alle Fühler ins All auszustrecken und Witterung aufzunehmen, folgte sie nicht. Der Sphäre der vielsagenden Eindrücke und ergreifenden Gefühle, in der wir leben, hatte sie den Rücken gekehrt. Ihre Welt, das war für etliche Stunden die Menschheit in Aktion. Indem sie selbst Nachrichten verschickte und erhielt, verfolgte sie die Menschheitsaktion nicht nur als gebannte Zuschauerin (wie es noch bei Nine Eleven für uns alle der Fall gewesen war), sondern als erregte Mitspielerin. Mit anderen Worten: Sie beförderte den Plan, der sie veränderte, indem sie sich selbst in ihn einbrachte.

Was ist der Plan? 

Wir Älteren neigen dazu, ihn mit den Ermächtigungsstrategien gewisser Interessengruppen zu identifizieren. Viel ist vom Datenhunger der Internetkonzerne oder vom Datenmissbrauch autoritärer Regime die Rede. Die nachfolgenden Generationen der technikaffinen digital natives bewegt aber wohl eher der Glaube an einen Datensegen, den demokratisch legitimierte Instanzen etwa zur Vereitelung von Verbrechen, zur Vorbeugung von Krankheiten, zur Maßregelung der »Unvernünftigen« oder ganz allgemein zur Verbesserung des Lebens einsetzen könnten und sollten. 

Aber egal ob Fluch oder Segen: In jedem Fall ist der Plan darauf ausgerichtet, die subjektiven Regungen möglichst vieler Individuen zuerst in Form von Daten zu erfassen, um sie dann sukzessive in objektives Wissen zu überführen, das wiederum zur Steuerung oder Selbststeuerung von Individuen verwendet werden kann. Angenommen die »bösen« Konzerne und Staaten seien ausgeschaltet und »wir« würden ausschließlich Zwecke verfolgen, die sich aus herrschaftsfrei geführten Debatten ergäben: Die Erfassung möglichst aller Daten von möglichst jedem Individuum wäre dennoch unverzichtbar, weil nur sie es erlaubt, subjektive Regungen in objektives, zweckdienliches Menschheitswissen zu überführen. Wird das Feld nicht bewirtschaftet, fällt der Segen ins Leere. 

Auch in dem unwahrscheinlichen Fall, dass es der Menschheit gelänge, sich sowohl vom »amerikanischen« Laster des Technokapitalismus als auch vom »chinesischen« Wahn des Technokommunismus zu emanzipieren, bliebe es also dabei: Subjektivität wandert in den Apparat ab, wo sie sich in allgemein verfügbares Menschheitswissen verwandelt. Das ist der Plan: Du und ich sollen alles naturwüchsige Leben in uns an den menschheitlichen Apparat verraten. Wir sollen uns der Welt nicht mehr selbst stellen, sondern in jeder Lebenslage gestelltes Wissen anwenden. Wir sollen das Fenster zum All schließen und uns ganz dem Display öffnen, das uns in jedem Augenblick zeigt, was Sache ist. 

Was auf uns zukommt, ist heute schon mit Händen zu greifen. Als im Internet zusammengeschlossene Individuen verfügen wir einerseits über riesige Wissensbestände, auf die wir inzwischen bereits bei der Bewältigung einfachster Probleme bedenkenlos zugreifen, andererseits schwinden uns aufgrund der zunehmenden Abhängigkeit vom Menschheitswissen die Kräfte, die uns ehedem sogar bei der Lösung schwierigster Probleme von überall her zugeflossen sind. Die Verwandlung von Natur in Wissen, die uns als Menschen überhaupt erst hervorgebracht hat, scheint uns allmählich alles Leben zu entziehen.