Die technokratische Versuchung

Eine epidemiologische Expertise ist nicht vonnöten, um festzustellen, dass es sich bei »Corona« auch um eine mentale Pandemie handelt. Das Virus SARS-CoV-2 mag als Krankheitserreger in die Welt gekommen sein, aber seit seiner Entdeckung ist es auch ein Bedeutungsträger. Es mag sich in menschlichen Organismen verbreiten, aber in Kommunikationskanälen geht es ebenfalls viral. Im Gewand immer neuer Berichte, Theorien, Narrative, Gesetze und Verordnungen hält es uns seit über einem Jahr in Atem. Um nicht unter der semantischen Viruslast zusammenzubrechen, haben die meisten von uns sehr frühzeitig eigene Standpunkte eingenommen, bieten mehr

Das erste Gebot der Vernunft

Das Problem mag noch so verwickelt sein, es gibt immer Leute, die ganz genau wissen, was zu tun ist – und es überall rumerzählen. Dabei verbinden sie ihre Handlungsempfehlungen gern mit einem Apell an die Vernunft. Es sei ein Gebot der Vernunft, sagen sie, genau dies und das zu tun. Na schön. Aber ich frage mich doch immer häufiger: Warum sprechen die eigentlich oft so gefährlich weihevoll wie weiland Robespierre im Wohlfahrtsausschuss? Können sie nicht geradeaus reden? Können sie keine Gründe nennen? Können sie mich nicht ernst nehmen? Gebietet es mehr

Uhrenvergleich

Wenn ich wissen will, wie spät es ist und auf mein Smartphone schaue, sagen mir ein paar Ziffern schon alles. Für das Erfassen der Uhrzeit jedenfalls spielt das Display, auf dem die Ziffern erscheinen, nicht die geringste Rolle. Es handelt sich dabei lediglich um einen materiellen Träger, den ich ästhetisch bewerten oder technisch untersuchen kann, aber nicht beachten muss, wenn ich einfach nur die Uhrzeit ablesen will. Ganz anders liegt der Fall bei einer konventionellen Zeigeruhr, egal ob in ihr ein mechanisches Uhrwerk tickt oder ein elektronischer Taktgeber schwingt, ob mehr

Denaturierte Gesundheit

Wie das Glück zählt auch die Gesundheit zu den Geschenken der Natur, die wir erst dann hervorkramen und genauer betrachten wollen, wenn sie dahin sind. Wer sich bester Gesundheit erfreut, lebt ohne Sorge und verschwendet nicht den geringsten Gedanken an etwas, das so fraglos da ist wie die Liebe und die Luft zum Atmen. Erst für Kranke wird Gesundheit zum Thema, zum Problem und zum Ideal. Erst die Krankheit ruft die Heilsgeschichtenerzähler, die Problemlöser und die Ideologen auf den Plan. Weil die Helfer in der Not vom Kranksein profitieren, haben mehr

Tagesgespräch

»Blödsinn oder Fortschritt: Was halten Sie von gendergerechter Sprache?« Das war am 13. Oktober die Frage im „Tagesgespräch“, einem beliebten Hörer-sagen-ihre-Meinung-Format des Bayerischen Rundfunks. Dass die Frage ein geteiltes Echo hervorrufen würde, war vorherzusehen. Und so kam es dann auch: Zu Wort meldeten sich ungefähr gleich viele Befürworter und Gegner des neuerdings ja nicht mehr nur geschriebenen, sondern häufig auch gesprochenen Zwitterplurals (»die Musiker.Innen« statt »die Musiker« bzw. »die Musikerinnen«). Einige Anrufer begründeten ihre Meinung, die meisten bekundeten und bekräftigten sie bloß. Sie sahen es als vollkommen evident an, dass mehr

Wir

Mehr als vor den angesagten Naturkatastrophen fürchte ich mich inzwischen vor denen, die sie unbedingt vereiteln wollen. Im Blick habe ich dabei allerdings nicht jene vorausschauenden Zeitgenossen, die sich klugerweise für konkrete Notfälle wappnen. Nein, es sind die Verfechter eines totalitären Humanismus, vor denen mir graut. Es sind die Leute, die lieber heute als morgen den allgemeinen Notstand ausrufen würden. Warum? Die von Humanisten seit eh und je erträumte emanzipative Herauslösung des Menschen aus dem Reich der Natur lässt sich nur vollenden, wenn den Menschen glaubhaft erklärt werden kann, ihre mehr

Liebe Sprecherinnen und Sprecher

Was soll ich schreiben? Die Sprecher, die Sprechenden, die SprecherInnen, die Sprecher*innen? Dx Sprechx? Um die Frage zu kären, ist es vielleicht hilfreich, sich einige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört die Beobachtung, dass die Verbindung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung arbiträr, also zufällig ist. Genauer gesagt: Mit welcher Laut- oder Buchstabenkombination wir ein Objekt bezeichnen, legt die Sprachgemeinschaft willkürlich fest, wobei die realen Eigenschaften des Objekts bei der Benennung eigentlich keine Rolle spielen (ein Baum kann „Baum“ heißen, aber auch völlig anders, beispielsweise „arbre“ oder „tree“). Ein mehr

Engel der Geschichte

Kürzlich erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Beitrag »Europas Traum und Trauma«. Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Robert Habeck plädiert darin für ein geschichtsbewusstes Europa, das er zu einer „weltpolitikfähigen“ föderalen Republik formen möchte. Eine Replik. Die Welt gibt es nicht per se, vielmehr bringen wir sie durch Sprache erst hervor. Wer diesem konstruktivistischen Glauben anhängt und als Politiker die Welt verändern möchte, muss ganz besonders auf seine Worte achten. Der Konstruktivist Robert Habeck tut das bekanntlich nicht immer. Erinnern wir uns: Im Vorfeld der Thüringer Landtagswahlen rief mehr

Nur damit das mal klar ist …

Fundamentalkritik der Technik beginnt mit der Einsicht, dass technische Hervorbringungen in vielerlei Hinsicht nützlich, aber im Ganzen gesehen schädlich sein können. Die Waffentechnik zum Beispiel. Je besser eine Waffe ihren Zweck als Werkzeug des Tötens erfüllt, desto tödlicher sind in der Regel die vom Techniker nicht berücksichtigten zivilisatorischen Folgen ihres Gebrauchs. Ähnliches gilt für Autos, für Computer, für Medikamente. Je besser sie sind, desto schlechter sind sie womöglich.

Denaturiertes Klima

Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungsgegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Warum haben sie das getan? Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer …