Me, Myself an Eye

„Vierundzwandzig Philosophen waren einmal versammelt. Dabei blieb ihnen nur eine Frage offen: Was ist Gott?“ So unumwunden auf die zentrale Frage zielend, wie das mittelalterliche Buch der vierundzwanzig Philosophen beginnt, so schnörkellos sind auch die Antworten, die es gibt. Die erste lautet: „Gott ist die Monade, die eine Monade erzeugt und sie in einem einzigen Gluthauch auf sich zurückbeugt.“ Das heißt, auf das Erzeugnis bezogen: Die Welt tritt aus der Ureinheit hervor und bewegt sich in glühender Liebe in ihren Ursprung zurück. Und ist es nicht so? Zumindest das dreigliedrige Schema von Ursprung, Ausgang und Heimkehr, mit dem der erste Philosoph das Ein und Alles erklärt, ist jedem von uns innig vertraut. Die Trias leuchtet unmittelbar ein. Alle Lebenserfahrung scheint ihre Wahrheit zu bestätigen: Wir kommen aus einem Ganzen und kehren (nachdem wir hoffentlich ein schickes Haus gebaut, einen hübschen Baum gepflanzt und nette Kinder in die Welt gesetzt haben) ins Ganze zurück. Freilich, wer an seinem eigenen Kram und Konterfei so sehr hängt, dass er sich Leben ohne Selbstbeteiligung gar nicht denken kann, wird das Ganze vielleicht eher „Nichts“ nennen. Romantiker und Physiker sprechen vielleicht lieber von „Natur“. Aber Begriffe besagen nichts gegen das Schema als solches. Der Bogen, der „kehret, woher er kommt“ (Hölderlin), beugt Gnostiker und Agnostiker, Realisten und Konstruktivisten gleichermaßen. Und nicht nur Individuen machen die Biege, sondern auch Familien, Gesellschaften und ganze Kulturen, wobei es sich fragt, ob es mit alledem eigentlich abwärts geht oder nicht vielmehr – aufwärts?

„Sie sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen“, sagt Schiller von Kindern, deren Anblick ihn in „erhabene Rührung“ versetzt, weil er in ihnen naive „Darstellungen unserer höchsten Vollendung im Ideale“ sieht. Und es waren keineswegs nur Idealisten wie der Weimarer Klassiker, die Natürlichkeit als eigentliches Ziel des Zivilisationsprozesses angesehen haben: Die triadische Einheit von Ursprung, Ausgang und Heimkehr hat Denker ganz unterschiedlichen Temperaments zu wirkmächtigen Geschichtsphilosophien inspiriert. Dass Geschichte letzten Endes zurückführt in ein verlorenes Paradies (und dass dieses Paradies, wie Jesus von Nazareth sagt, „mitten unter euch“ ist!), haben bis vor kurzem nicht nur fromme Försternaturen, sondern auch hochherzige Rebellen geglaubt.

Doch damit scheint es einstweilen vorbei zu sein. Der heute vorherrschende Glaube erwächst nicht aus dem Gefühl fürs Ganze, sondern aus der Sorge um sich. Und die egoistische Sorge ruft die Technik auf den Plan, denn sie ist die Instanz, die mich auf Teufel komm heraus zu erhalten verspricht. Technik versorgt, umsorgt, ent-sorgt mich. Indem sie mich dem natürlich-triadischen Lauf der Dinge entzieht, verstellt sie mir allerdings auch den Weg der Einkehr ins Ursprüngliche: Das dumm dahinrasende Auto-Mobil des Optimierungsfortschritts, in das sie mich bannt, fährt überall hin, nur nicht nach Hause. Beim US-amerikanischen Rapper G-Eazy hört sich das so an: „It’s just me, myself and I/ Solo ride until I die/ I don’t need a hand to hold/ Even when the night is cold.“

Die Formel, mit der ein Subjekt sich im Englischen als dreifaltiges Wesen darstellen kann, hat nicht erst G-Eazy für den Pop entdeckt. 1937 bekräftigt Billie Holliday ihre vollkommene Hingabe an ein geliebtes Du mit dem Refrain „Me, myself and I are all in love with you“. Das Gegenteil, nämlich den resignierten Rückzug aufs Ich, unterstreicht Béyonce Knowles 2003 durch die Liedzeile „Me, myself and I that’s all I got in the end“. Auch das Hiphop-Trio De La Soul und die Liedermacherin Joan Armatrading haben die Formel aufgegriffen. Doch unter den Künstlern, die aus dem sprachlichen Kuriosum poetische Funken geschlagen haben, nimmt der Komponist und Kontrabassist Charles Mingus (1922–1979) eine Sonderstellung ein.

Mingus sagt: „Me, Myself an Eye“ und bindet damit wortspielerisch die Natur, von der sich das Ego im technischen Gehäuse abgeschottet hat, zurück ans Ich. Der schwarze Intellektuelle meint es ernst: „Ich bin drei“, erläutert er in seiner Autobiografie „Beneath the Underdog“: Einer ist ein „ängstliches Tier“ (das auch schon mal wild um sich schlägt), einer ist ein „liebevolles, sanftes Wesen, das jeden in die entlegenste, heiligste Kammer seines Inneren lässt“, einer ist ein unvoreingenommener Beobachter, ein Auge. Wer aber ganz „Eye“ ist, hebt sich selbst im Sehen auf. Mein Auge ist dann nicht länger Instrument in subjektiven Diensten, vielmehr bin „Ich“ Sehorgan der objektiven Natur, die mich hervorgebracht hat. Psychologisch gesprochen ist meine Seele aufgehoben in der Natur, mystisch gesprochen bin ich eins mit allem, theologisch gesprochen bin ich bei Gott.