All you need ist ein Bikini

„It’s easy“ – The Beatles

In dem Sommer, als die Monsters anfingen, eigene Sachen zu spielen, war ich vierzehn und liebte ein Mädchen namens Gisela. In einer Konzertpause fasste ich den Entschluss, es ihr zu sagen. Ich schlen­derte zu ihr rüber und konfrontierte sie mit der alles entscheidenden Frage: „Kommst du mit in den Wald?“ Was ich mit Gilla in dem Wäldchen hinter dem Münchhausen Berggarten vorhatte, ich meine, was dort passieren musste, war mir theoretisch klar. Ich würde ihre Hand ergreifen, wir würden stumm nebeneinander hergehen, bis wir im Paradies angelangt wären. Dort würden wir die Arme umeinander schlingen und uns küssen von Ewigkeit zu Ewig­keit. – Soweit die Theorie.

In Wirklichkeit war es natürlich peinlich hoch zehn. Gilla ließ mich kichernd abblitzen. Vielleicht hätte ich es noch hinbiegen können („Wer nicht bereit ist, sich zu blamieren, Klaus, braucht gar nicht erst anzufangen“ – so mein Gitarren­lehrer, der Gute Herr Neumann). Aber mit ihrem Kichern hatte Gilla mir den Schneid abgekauft. Ich schlich mich also zurück zu P., A. und den anderen, Gilla gesellte sich zu ihren Freundinnen. Bald darauf ging das Konzert weiter. Endlose Gitarrensoli über ostinaten Bassläufen. Überlebens­großer Lärm. Die neue Richtung.

P. und A. haben irgendwann die Kurve gekriegt und ihr Leben nach ihren Möglichkeiten eingerichtet. P. ist Jurist geworden, A. Architekt. Dinge zergliedern, Dinge zusammenfügen: Das eine wie das andere ist nie so recht meine Sache gewesen. Ich bin in erster Line Betrachter, schaue mir die Dinge am liebsten einfach an. Die Linde vor meinem Fenster, den Staub auf meinem Schreibtisch. Den milchigen Himmel, den Fleck da. Das ist alles sehr schön und geheimnisvoll. Dass wir das Wesentliche verkennen, wenn wir es in Begriffe zwängen, wusste ich schon, „da ich ein Knabe war“, und es ist mein Credo bis auf den heutigen Tag. Obwohl ich oberflächlich bin, halten mich die meisten meiner Bekannten für tief. Vermutlich, weil ich wenig spreche. Und weil ich irgendwie grüblerisch aussehe und das Talent besitze, zur rechten Zeit ein Aperçu in die Runde zu werfen. Nicht zuletzt wohl auch wegen meiner schwarzen Hornbrille. Immerhin habe ich es geschafft, mir ein Image zuzulegen (wenn auch, vielleicht, notgedrungen, ein falsches).

P. war mein bester Freund, schon lange vor besagtem Sommer. Er hat mir den absurden Tipp mit dem Wald gegeben. Für ihn passte es auch. Redegewandt, witzig und mit robustem Selbst­bewusstsein gesegnet, hätte er den Stein schon irgendwie ins Rollen gebracht. Du willst nicht in den Wald, Gilla? Wohin dann? Nach Hause? Ich könnte dich ein Stück begleiten.

Mit seiner Unverfrorenheit eckte P. bei allen Mädchen an. Doch obwohl sie über ihn lästerten, hatte er schon etliche geküsst. Behauptete er jedenfalls. Dass er schon mal drei Wochen am Stück mit einem Mädchen gegangen war, konnte niemand bestreiten. Und selbst wenn man in Betracht zog, dass es sich bei dieser Freundin um S. gehandelt hat, war das eine beachtliche Leistung, fand ich. 

Als ich P. kennenlernte, war er ein träger, wabbeliger Sack, die teigige Haut von Kopf bis Fuß mit häßlichen kleinen Stibbeln übersät. Im Sport die totale Niete, brauchte er drei Helfer, um auch nur eine Rolle vorwärts zu schaffen oder über den niedrigsten Kasten zu grätschen. P. konnte nicht schwimmen und nicht laufen; seine schnellste Gangart war ein müdes Watscheln. Nur seine Zunge, die ist schon damals flink gewesen.

P. konnte gut erzählen. Deshalb freute ich mich jeden Morgen auf den drei Kilometer langen Fußmarsch von meinem Heimtort Buchhagen nach Kirchbrak, wo wir zur Volksschule gingen. Den Weg bis Westerbrak, wo er in einem ebenso schmucklosen Siedlungshaus wohnte wie meine Familie, legte ich in rasendem Tempo zurück. Kaum zu zweit, watschelten wir. Und erzählten uns die Lektüre des vorigen Tags. Es waren immer und ausschließlich Karl-May-Geschich­ten. Weil P. schneller lesen und reden konnte, führte meist er das Wort.

Auf dem Heimweg erzählten wir uns wieder Geschichten von Old Shurehand oder Tante Droll, und wenn wir bei ihm zuhause angelangt waren, zeigte er mir manchmal seine neuesten Waffen. Er besaß ein auf Hochglanz poliertes Bowie Knife, eine mit Hunderten von Zier­nägeln beschlagene Silberbüchse mit Gummiband­mechanik, etliche mit Hühnerfedern geschmückte Tomahawks. Alle diese Prachtstücke hatte sein alter Herr ihm gebastelt. P.’s Vater fuhr einen blauen VW-Käfer mit dem Kennzeichen HOL-Z-24. P. wies jeden, der es noch nicht kapiert hatte, darauf hin: „Holz 24, Mann, Holz 24!“.

In dem Sommer meines schmachvollen Scheiterns, dem Sommer, als die Monsters anfingen, eigene Sachen zu spielen, erzählten wir uns keine Winnetou-Geschichten mehr. Wir gingen auch nicht mehr in die Volksschule nach Kirchbrak, sondern besuchten die Realschule in Bodenwerder. Das Apatschenland der frühen Kindheit hatten wir hinter uns gelassen und voller Staunen die Wunder einer Großstadt im Kleinstformat entdeckt. In der Tat war Bodenwerder damals noch ein quirrliges, urbanes Gemeinwesen und nicht das traurige, von allen guten Geistern verlassene Rentner-Eldorado von heute.

Ich frage mich, worum sich unsere Gespräche bei den nachmittäg­lichen Zusammenkünften in der Eisdiele Bei Mario drehten? Was bewegte uns, wenn wir unterwegs waren zur Badeanstalt, zum Kino oder zu Ferdi („Zweimal Currywurst mit Pommes, einmal Curryfleisch auf Reis, Ferdi. – Und drei Cola!“). Wie war unsere Welt beschaffen?

Als Schüler schlugen wir uns natürlich tagein tagaus mit dem gleichen Zeug herum wie alle Schüler zu allen Zeiten. Die nächste Mathearbeit. Die ungerechte Note. Die gefährdete Versetzung. Vor allem aber: die Lehrer. So sehr wir manche von ihnen verachten, verwünschen, ja, hassen mochten, so sehr brauchten wir sie. Sie waren die Heroes and Villains, die uns halfen, das Chaos der Empfindun­gen zu einem Ent­wicklungsroman auszu­gestalten. Interessante Figuren fanden sich genug. Zum Beispiel der alte Herr P.: ein Physiklehrer, so arbeits­müde, dass er die Grundprizipien der Newton­schen Mechanik nurmehr an die Tafel schreiben, aber nicht mehr erklären mochte, jedoch dynamisch genug, um unaufmerksame Schüler urplötzlich mit Salven aus einer zur Kreide-Kanone umfunk­tionierten Luftpumpe zu bombardieren. Oder das arme, alte Fräulein H., das immer nur den geöffneten Füller neben das geöffnete Klassenbuch legte, es aber nie über sich brachte, den angedrohten Verweis reinzuschreiben. Und hey, die schöne Missis G., unter deren Rock wir einmal lugten!

Doch unsere Welt war größer als der Schülerkosmos (kleiner zwar als das Apatschen­­­land, in dem wir auf imaginierten Rappen frei herumstreifen konnten, aber doch weiter, vielversprechender und geheimnis­voller als der von den Erwachsenen abgesteckte Bildungs-Parcours mit seinen vorgezeich­neten Laufbahnen, Hindernissen und Zielen).

Eine faszinierende Welt erschloss sich uns neuerdings auf Knopf­druck. Wollten wir unseren Horizont erweitern, waren wir bislang auf Bücher angewiesen, nun sahen wir fern. Noch besaß längst nicht jede Familie einen eigenen Apparat, noch bewahrten die meisten Wohnzimmer ihren Charakter als penibel möblierte, pedantisch gepflegte Gute Stube, aber das Zeitalter der Neuen Medien – zugleich die Epoche der wohn­kulturellen Verlotterung – hatte begonnen. Lassy, Fury und Am Fuß der Blauen Berge hießen die amerikanischen Serien, die ich vorzugsweise bei unseren Nachbarn anschauen durfte.

Gelegentlich flimmerten auch Bilder von Geschehnissen der realen Welt in die Wohnzimmer. Studenten im Aufruhr, ein Urwald in Flammen, eine Stadt voller Panzer, lächelnde Präsidenten und ihr Fähnchen schwenkendes Publikum. Um was es dort draußen ging, wofür oder wogegen gekämpft wurde in Berlin, Prag oder Saigon, das verstand ich freilich noch nicht so recht. Politik, einer der Schlüs­selbegriffe der Zeit, in die wir hinein­wuchsen: ein Fremdwort.

Dabei gab es exotische Vokabeln, die mir unendlich viel bedeuteten, Worte wie „Help“, „Yeah“ oder „Love“.

Ich weiß nicht mehr, wann ich erstmals einen Beatles-Song hörte. Ich weiß allerdings, dass es ihr allererster Hit war, Love me do. Die Platte kam 1962 heraus, aber es kann gut sein, dass ich sie erst ein oder zwei Jahre später kennenlernte. Und zwar durch R., genannt Pike. Er war der erste Jugendliche in Buchhagen, der einen eigenen Plattenspieler besaß. Irgendwann legte er die Scheibe mit dem berühmten „Odeon“-Label auf, und was mir dann aus dem mikrigen Lautsprecher entgegenschallte, machte mich vollkommen fertig. Es war so frisch wie ein Aprilmorgen und so heiß wie der frisierte Motor einer Kreidler Florett kurz vor dem Durchbrennen. Es war absolut fremdartig und dennoch wunderbar klar. Dieser Sound schien alle Geheimnisse zu lüften, alle Fragen zu beantworten. Er versetzte mich in das Zentrum der Welt, an jenen unmöglichen Ort, wo alle Wege zusammen­laufen, alles Leid endet, alle Widersprüche koinzidieren. Das Evangelium der Liebe, nicht behauptet, umschrieben oder beschworen wie in den Predigten der Pfaffen, sondern erfüllt in einem kaum drei Minuten währenden Popsong: Das war’s.

Millionen Kindern und Jugend­lichen erging es damals wie mir; viele trieb das metaphysische Liebesver­sprechen, das diesen Liedern innezu­wohnen schien, in die Rebellion, manchen nahm es den Verstand, etliche kostete es das Leben. Nüchtern und aus der Distanz von Jahrzehnten betrachtet, mag diese Wirkung verwundern. Den elektrifizierten Beat haben die Jungs aus Liverpool schließlich ebensowenig erfunden wie die Kombination von schwarzem Blues und europäischem Harmoniegesang. Die aufs äußerste reduzierten Strukturen ihrer frühen Songs allerdings, diese musikalischen Miniaturen, die das Wesentliche so scharf umrissen und so unverblümt zur Geltung brachten wie ein Bikini die weiblichen Geschlechtsmerkmale, waren einzig­artig. Elvis Presley mochte als Mann und Sänger eine ungleich größere erotische Ausstrahlung haben als die Pilzköpfe, aber die Fab Four hatten einfach mehr zu bieten als Körperlichkeit. Sie zeigten, wie sexy pure Intelligenz sein kann.

Dass sie Profis waren, ignorierten wir damals; sagten sie doch: Mit ein bisschen Liebe geht alles it’s easy! Deshalb fanden sich in zahllosen Garagen rund um den Globus pubertierende Jungs zu Bands zusammen. Und zwar nicht nur in Metropolen wie London, New York oder Hamburg, sondern auch in Bodenwerder, wo Ludwig Papenberg mit seinem Bruder und zwei Freunden die Monsters gründete.

In den ersten Jahren waren sie das, was man heute Hitparadenband nennt. Uns bedeuteten sie allerdings mehr. Sie spielten nicht einfach die größten Songs der Zeit, sie waren auch die größte Band der Welt. In diesem Sommer jedoch, als sie den Anschluss an die pop­musikalische Moderne vollzogen und anfingen eigene Sachen zu spielen, schwand die Aura.

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