»Blödsinn oder Fortschritt: Was halten Sie von gendergerechter Sprache?« Das war am 13. Oktober die Frage im „Tagesgespräch“, einem beliebten Hörer-sagen-ihre-Meinung-Format des Bayerischen Rundfunks. Dass die Frage ein geteiltes Echo hervorrufen würde, war vorherzusehen. Und so kam es dann auch: Zu Wort meldeten sich ungefähr gleich viele Befürworter und Gegner des neuerdings ja nicht mehr nur geschriebenen, sondern häufig auch gesprochenen Zwitterplurals (»die Musiker.Innen« statt »die Musiker« bzw. »die Musikerinnen«). Einige Anrufer begründeten ihre Meinung, die meisten bekundeten und bekräftigten sie bloß. Sie sahen es als vollkommen evident an, dass die »gendergerechte Sprache« blödsinnig – oder eben fortschrittlich sei. Kein geistig einigermaßen wacher, halbwegs wohlgesinnter Mensch konnte die Richtigkeit der eigenen Ansicht auch nur für eine Sekunde in Zweifel ziehen. Wer die gegenteilige Position vertrat, musste wahnsinnig sein. Immer wieder hörte man diesen Ausdruck des Entsetzens über eine absolut unverständliche Einstellung: Es ist Wahnsinn zu gendern! Es ist Wahnsinn nicht zu gendern! 

Nun ist »Wahnsinn« ein Schlusswort. Wer es dem anderen entgegenschleudert, beendet das Gespräch und zieht sich ins eigene Reich zurück, dorthin, wo wahrer Sinn und wahre Wahrheit ihre Heimstatt haben.

Wenn wir aber neutrale Beobachter sein wollen und den Mut aufbringen, noch eine Weile im Niemandsland des Wahnsinns auszuharren, werden wir feststellen, dass die Gegend in ein merkwürdiges Zwielicht getaucht ist. Der Wahnsinn sieht darin mal so, mal so aus. Jetzt finster und abschreckend, im nächsten Augenblick hell, klar, einsichtig. Manchmal möchte man gar meinen, es sei überhaupt nicht das abgründige Terrain des Wahnsinns, das man durchstreift. Wandeln wir vielleicht in der vergessenen und darum unwirtlichen Landschaft – des Sinns?    

Fest steht jedenfalls, dass der Wahnsinn zwei Seiten hat. Der Wahnsinn der Befürworter der »gendergerechten Sprache« unterscheidet sich vom Wahnsinn der Gegner. Während sich nämlich die einen über die böswillige Verletzung des geheiligten Gerechtigkeitsprinzips erregen, das sie allein in der Praxis des »Genderns« verwirklicht sehen, empören sich die anderen über den entstellenden Eingriff in die geheiligte Natur der Sprache, die sie als ein organisch sich entwickelndes Gemeingut betrachten und als solches bewahrt wissen möchten. Jene wollen es besser machen, diese wollen es gut sein lassen. Beides hat etwas für sich. Denn das generische Maskulinum (»die Musiker«) rückt die Männer ins Licht und ignoriert die Frauen! Aber das generische Maskulinum ignoriert das Geschlecht und rückt die Menschen ins Licht! Die Sprache macht Unterschiede, aber sie macht auch gleich. Sie ist ungerecht und gerecht. In ihr walten Vernunft und Natur. 

Darüber könnte man reden. Am besten nicht mit dem festen Willen zum Konsens, sondern mit einem heiteren Sinn für die Ambivalenz der Dinge, die umso deutlicher hervortritt, je genauer wir sie betrachten. Allerdings steht dieser Sinn zurzeit nicht gerade hoch im Kurs. Konjunktur hat der Wahnsinn, vermutlich weil er Methode hat.