„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Jean-Jacques Rousseau

Geschichte ist gestaltete Zeit. Wer diesen Satz nicht versteht, ist nicht notwendig dumm, aber ganz gewiss ein bisschen zurückgeblieben. Denn der heutige Mensch zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er in allem und jedem (einschließlich sich selbst) ein Objekt der Gestaltung erblicken will. Bis vor kurzem waren wir vor allem Arbeiter. Auch als Künstler, Hausfrauen, Wissenschaftler oder Bankiers waren wir Arbeiter. Heute sind wir vor allem Gestalter. Geht das vorüber? Ist die Gestalterei nur eine Modeerscheinung? Zaubern Trend-Agenten morgen ein anderes Verkaufsargument für die Zukunft aus der Tasche? Bringt Gestaltung die Freiheit zur Blüte – oder in Verruf? Wo endet Gestaltung? Und wo fängt sie an?

 „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet der erste Satz der Genesis. Dabei kann man sich fragen, ob das an die Urarbeit des Wasserschöpfens erinnernde deutsche Verb „schaffen“ eigentlich eine treffende Benennung der Tätigkeit ist, die immerhin das geheimnisvolle Machen der Welt charakterisieren soll. Wahrscheinlich ist das lateinische „creare“ wegen seines großen Bedeutungsspektrums die bessere Wahl: Kreation ist Erschaffen, aber auch Erzeugen, aber auch Hervorbringen im Sinne von Gebären, aber auch Wählen, Herstellen, Gestalten. Und von allen diesen Wörtern sagt „gestalten“ vielleicht am besten aus, was – in den Augen der Verfasser der Genesis – beim Schöpfungsakt eigentlich geschieht. Er hat ja nichts von einer Zeugung, einer Geburt oder einer Produktion. Er ist kein Kraftakt. Himmel und Erde entstehen nicht dadurch, dass Gott sie ächzend aus irgendeinem Urgrund herauslöst oder stemmt. Vielmehr ist es so, dass der Schöpfer eine Unterscheidung trifft und dadurch sowohl Struktur als auch Gestalt in die Welt bringt.

Man kann dieses Geschehen als Sprechakt interpretieren und folgt damit dem logozentrischen Deutungsmuster der jüdisch-platonischen Tradition, die unsere Realität bis heute bestimmt. Anders gesagt: Man kann Himmel und Erde als bloße Stellvertreter für abstrakte Gegensätze wie „oben versus unten“ oder 0 versus 1“ begreifen und die Schöpfung auf die Kurzformel des Evangelisten Johannes bringen: „Im Anfang war das Wort.“ Aber stimmt das? Kommt das Fleisch nicht doch vor dem Wort? Zumindest sind Himmel und Erde, wie sie klar und distinkt vor unseren Augen stehen, etwas anderes als die Wörter „Himmel“ und „Erde“. Die Sprache weist eine abstrakte Struktur auf, die Welt hat eine konkrete Gestalt. Und diese Welt ist es, die die Autoren der Genesis vor Augen haben: Gott mag ihr mit der Gestalt zugleich die Möglichkeit zur Sprachentwicklung gegeben haben, aber in Wirklichkeit geht das Konkrete dem Abstrakten voraus. Was vor der Gestalt war, lässt sich weder sagen noch berechnen noch zur Anschauung bringen. Gestaltung macht den Anfang, macht den ersten Unterschied, macht aus einem nichtigen Tohuwabohu ein Welt-All. Gestaltung ist Schöpfung aus dem Nichts.

In Wirklichkeit kann dieses Nichts durchaus schon etwas sein. Wenn es nämlich stimmt, dass jedes Gottesbild menschliche Züge trägt, dann würde sich im Gott der Genesis der Mensch spiegeln, der seine Welt gestaltend hervorbringt. Man kann ihn sich als weises Naturkind vorstellen – oder als spielendes Kleinkind.

Gestaltung stellt Wirklichkeit her

Im übrigen ist „das Nichts“ natürlich nur ein Notbehelf. Man weiß nichts darüber, es ist uns verschlossen. Doch wer über Gestaltung nachdenkt, spürt irgendwann diese unangenehme Zugluft im Nacken: Die Tür zum Nichts scheint sich um einen Spalt geöffnet zu haben – und man fragt sich erschaudernd, wer sie wohl bewegt haben mag – bis es einem dämmert, dass es möglicherweise der eigene Gedanke war. Das im Kreis sich bewegende Fragen rührt wohl von der Unergründlichkeit des Begriffs „Gestalt“  her. Einerseits ist nichts ohne Gestalt. Andererseits ist jede Gestalt schon ein Erzeugnis.

Dass Gestalt keine Gegebenheit ist, sondern tatsächlich immer hergestellt werden muss, lässt die ursprüngliche Bedeutung des Wortes erahnen. „Gestalt“ verweist auf etwas, das „vor Augen gestellt wird“ (daher die alte Schreibweise „gestallt“). Dass jede Gestalt etwas Gestelltes ist, lehrt auch die Wahrnehmungspsychologie. Insofern nämlich das Figur-auf-Grund-Sehen die kognitive Auszeichnung einer spezifischen Figur vor einem unspezifischen Hintergrund voraussetzt, ist schon das Sehen ein Akt der Gestaltung. 

Täuscht die Gestalt? Ist sie nur der trügerische Schattenriss in Platons Höhle? Oder offenbart sich in ihr, wie Hegel glaubte, „die Idee im sinnlichen Erscheinen“? Man weiß es nicht. Weil Gestalt bloß das Äußere von etwas meint, kann sie immer täuschen. Weil sich andererseits im Äußeren oft innere Verhältnisse abzeichnen, kann Gestalt auch die Übereinstimmung von Erscheinung und Wesen meinen. Die Doppelbödigkeit des Gestalt-Begriffs treibt sprachgläubige Idealisten in die Verzweiflung, weil sie sich nie im Leben zu wissen getrauen, was eigentlich Sache ist: Wird das Wahre, Gute, Schöne durch Gestaltung überschattet oder nicht vielleicht doch im Gegenteil erhellt? Realisten können ganz gut mit einem Sowohl-als-auch leben. Sie wissen, dass Gestaltung Wirklichkeit herstellt – aber auch entstellen kann.

Ihr Kriterium ist das Leben.

Jedes Kind weiß, dass Erzeugnisse das Leben bereichern können, wenn sie dabei helfen, dass es glückt (Poesie, ein Auto, Kleidung, Religion, ein Smartphone). Jedes Kind weiß aber auch, dass Erzeugnisse das Leben zuweilen behindern oder gar verhindern, und zwar dann, wenn die Beschäftigung mit ihnen zum Selbstzweck und Fetisch wird (Literatur, die Autoindustrie, Klamotten, Aberglaube, ein Smartphone).

Die Leutnants des Internet

Ein Smartphone vermag offenbar beides. Es eröffnet und erzwingt Möglichkeiten. Als ein Tor, das sowohl in die Freiheit als auch in die Gefangenschaft führt, repräsentiert es eine durch und durch zwiespältige Welt. Dabei kommt es nicht so sehr auf das Design des Tores an. Das Gerät ist nur der sicht- und handhabbare Teil jener weltumspannenden und dynamischen Gestalt, die wir „Internet“ nennen.

Aus technologischer, ökonomischer oder soziologischer Sicht mag das Internet etwas ganz Neues sein – gestalttheoretisch ist das eher nicht der Fall. Gestaltete Wirklichkeiten, die Möglichkeiten eröffnen und erzwingen, hat es immer gegeben. Die von der Kirche erzeugte Realität des „Christentums“ wäre ein Beispiel, die vom Bürgertum erzeugte Welt der „Industriegesellschaft“ ein anderes. Solche Gebäude, die den Raum der Imagination und den Horizont des Wirkens bestimmen, scheinen ein Merkmal der historischen Zeit zu sein. Wer nur Zeitgenosse sein will oder kann, nennt diese Konstruktionen ein Zuhause. Ihre Architektur gilt den so Behausten nicht einfach als fortschrittlich, sondern als alternativlos-notwendig, dabei befreiend und beglückend. Ihre Entwerfer, egal ob Kleriker, Kapitalisten oder Ingenieure, können von sich sagen, Wirklichkeit hergestellt zu haben.

Sie müssen sich freilich auch sagen lassen, Möglichkeiten verbaut und damit Wirklichkeit entstellt zu haben.

In diesen Tagen ist die Wirklichkeit einmal mehr in der Mache. Dabei lässt sich beobachten, dass die Weiterentwicklung des „Internet“ zwar von vielen begrüßt, aber nur von wenigen planvoll vorangetrieben wird. Eine überschaubare Gruppe von Unternehmern, Programmierern und Designern gestaltet das „Internet“, nicht wir alle, wie der Internetmythos es uns glauben machen will. Wir alle sind allenfalls in dem Maße Gestalter des Internet wie die preußischen Leutnants im 19. Jahrhundert Gestalter der preußischen Armee waren. Sie bestimmten ihr Image, nicht ihren Zweck. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen uns klarmachen, dass wir Gestalter unseres Lebens nur nach Maßgabe der Gestalter unserer Wirklichkeit sind.

Derart mächtige Gestalter der Wirklichkeit, wie es gestern die Herren der Schwerindustrie waren und heute die Herren des Silicon Valley sind, sollte es nicht geben. Der Horizont der Möglichkeiten sollte offen sein. Wir sollten nicht „mit klingendem Spiel“ jenen Schlachten entgegenmarschieren, in denen wir unter transhumanistischem Hurra-Geschrei einmal mehr als Menschenmaterial verheizt würden.

Wir sollten es nicht tun. Aber wir sollten auch nicht glauben, die Probleme seien aus der Welt, nur weil wir sie einem Sündenbock aufgeladen haben, damit er sie in die Wüste verfrachte.

Acht Jahrhunderte kreativer Zerstörung

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts bot das „Christentum“ ein Bild, in dem viele Christen nichts Christliches mehr erkennen konnten. Weithin wurde die von den Klerikern hergestellte Realgestalt der Religion als etwas Verpfuschtes und Entstelltes wahrgenommen, das der gründlichen Reformation bedurfte. Die meisten Sammlungsbewegungen, die sich der Wiederherstellung der Wirklichkeit verschrieben, wurden unterdrückt und vernichtet. Doch einige wenige haben als in die Kirche eingegliederte Institutionen das „Christentum“ in der Folge entscheidend mitgeprägt. Man kann mit Blick auf die Geschichte der mittelalterlichen Häresien (Katharer, Adamiten, etc.) und Mönchsbewegungen (Franziskaner, Dominikaner) von kreativen Zerstörungen sprechen, die letztlich dem „Christentum“ zugute gekommen sind. Selbst die durch Reformatoren wie Luther und Calvin ausgelösten Disruptionen führten zunächst zu einer Wiederbelebung der christlichen Wirklichkeit (Nietzsche: „Luther stellte die Kirche wieder her.“). Um welchen Preis geschah dies alles aber? Von den Albigenserkriegen bis zum Dreißigjährigen Krieg bezahlten Millionen von Christen für die Gestaltung des „Christentums“ mit ihrem Leben. 

Was aber sind die Reformationskriege gegen die Disruptionen, die die Gestaltung der „Industriegesellschaft“ begleiteten und begleiten! Was wir mit der Unschuldsmine des wissenschaftsgläubigen, weißen Wohlstandsbürgers Modernisierung nennen, war und ist in erster Linie ein blutiger Weltbürgerkrieg. Diesem Krieg fallen täglich Millionen vertriebene, vergewaltigte, gefolterte, getötete, durch Hunger vernichtete, durch Landraub ihrer Existenzgrundlage beraubte, durch Unterbezahlung ins Elend gedrückte und durch Überspezialisierung stumpfsinnig gewordene Menschen zum Opfer. Darüber hinaus zeigt sich nach jedem Akt kreativer Zerstörung deutlicher, wie menschenfeindlich die Leitidee der „Industriegesellschaft“ selbst für ihre Nutznießer ist: Wenn die Wirklichkeit zur Fabrikhalle schrumpft, betrachten sich auch die Fabrizierenden am Ende nur noch unter dem Aspekt der Machbarkeit und Verwertbarkeit. Noch werden wir geboren, demnächst werden wir designt und gefertigt. Wir vermarkten uns. Wir lassen uns reparieren, tunen, frisieren, aufrüsten. Am Schluss möchten wir ausgeschlachtet werden. Dann entsorgt oder recycelt. Schon der Alltagsjargon, erst recht aber der Techniker-Sound, der bei den aktuellen Diskussionen um Themen wie Selbsttötung, Selbstoptimierung oder künstliche Befruchtung durchklingt, sind Indizien für eine beunruhigende Versachlichung des menschlichen Selbstverständnisses. Wer sich als Autozubehör begreift, denkt vielleicht noch über Energieressourcen nach, aber nicht ernsthaft mehr über Würde.

Das Exil und das Reich

Mit dieser Geschichte im Nacken erblickt man in so gut wie jedem Exil ein Gelobtes Land. Daher verwundert es überhaupt nicht, dass viele junge Enthusiasten im „Internet“ einen Weltentwurf gesehen haben, der neue Chancen für ein menschliches Miteinander bietet. Die Erwartungen wurden freilich enttäuscht. Inzwischen weiß jeder halbwegs intelligente Erwachsene, der noch zwischen Leben und Business unterscheiden kann, dass das Internet eine sehr zwiespältige, lebensgefährliche Einrichtung ist. Dennoch hält die überwältigende Mehrheit der Nutzer an dem unbeirrbaren Glauben fest, dass sich die Sache schon irgendwie zum Guten wenden werde, sobald die Bösen beseitigt seien.

Doch die Probleme, die das Internet uns bereitet, rühren nicht allein von „Sirenenservern“ (Jaron Lanier) oder vom „Kapitalismus“ her. Sie sind konstruktionsbedingt. 

Das Internet schließt nicht nur Rechner zusammen, sondern auch die Menschen, die sich ihrer bedienen. Dieser Zusammenschluss ist so eng, dass er viele raumzeitliche Bedingtheiten des Daseins aufhebt (was auch immer du willst – im Internet ist es jetzt hier). Das Verschwinden der natürlichen Widerstände, das als Befreiung erlebt werden kann, wird allerdings erkauft durch eine Homogenisierung des Informationsgeschehens. Digitalisierung ist Kodifizierung, ist Übertragung von Aspekten der Wirklichkeit (z.B. Bilder, Töne, Texte) in maschinenlesbaren Code. Weil die Rückübersetzung am Ende des Übermittlungsweges in aller Regel nichts zu wünschen übrig lässt, schert sich so gut wie niemand darum, was unterwegs mit den Daten-Sätzen passiert. Noch aus einem anderen Grunde schert sich niemand darum: Wir sind es von alters her gewohnt, wirkliche Geschehnisse als in Sprache abbildbar anzusehen.

In gewisser Weise ist die natürliche Sprache so etwas wie das Internet, nur ohne Technik. Auch sie hebt raumzeitliche Bedingtheiten des Daseins auf, auch in ihr ist die geliebte Schokolade, das große Glück, die Wahrheit, sind Gott und die Welt jetzt hier. Dabei ist das Manko der Sprache, dass nämlich alles Gesagte nur imaginär anwesend ist, auch ihr Vorteil: Sie kann die widerspenstigen und eigenwilligen Tatsachen der Welt zwar leugnen, aber nicht eliminieren. Weil wir nicht im Geisterreich der Sprache leben, sondern auf dem Boden der Tatsachen, ist die Bindungskraft des Logos begrenzt. Wir sind dem Gesagten und dem Gesetzten nicht hilflos ausgeliefert. Wir haben ein Weltgefühl. Die sinnliche Erfahrung, die kritische Wissenschaft, die Mystik und die Poesie (die mit Worten anrührt, was sich nicht in Worte fassen lässt), ja, in gewisser Hinsicht sogar Lüge, Verrat und Verbrechen bewahren uns davor, den Kontakt zum Kosmos zu verlieren.

Als im Internet zusammengeschlossene Individuen kommt uns das Weltgefühl allmählich abhanden. Und ein wesentlicher Grund dafür ist wahrscheinlich die Sprache der Programme und Algorithmen, die nur die wenigsten von uns beherrschen. Code repräsentiert die Dinge nicht nur, er transportiert sie auch  – und wenn man die Logistikbranche und den 3D-Druck als dem Internet zugehörig betrachtet, transportiert er sogar reale Dinge. Als ein prozessuales Markierungssystem, das Gegenstände nicht einfach benennt, sondern algorithmisch auflöst und wieder zusammensetzt, ist der Computercode der natürlichen Sprache überlegen. Wo diese Ideologie hervorbringt, aber auch Widerstand ermöglicht, schafft jener Tatsachen – was uns freut, obwohl es uns ängstigen sollte. Denn die Realität, die der Code schafft, ist nicht das Schlaraffenland, das wir partout und gegen alle historische Erfahrung in ihr sehen wollen, sondern ein Zwangssystem, in dem nach und nach jedes natürliche Vermögen durch eine käufliche Dienstleistung ersetzt werden wird.

Die Potenz zur schrankenlosen Manipulation und Ökonomisierung ist dieser seltsamen künstlichen Sprache eingeschrieben. Code ist einfach, eindeutig und wird weltweit einheitlich verwendet. Weil er in einem geschlossenen System zirkuliert, ist jedes Datenpartikel immer und überall einsehbar. Wer will, kann jederzeit alles lesen, kopieren, fälschen, speichern und auswerten. Zum Können gehört nicht viel, und am Willen wird es nie mangeln. Deshalb ist es Selbstbetrug oder Schönfärberei, Datenmissbrauch als kriminelle Ausnahme zu betrachten. Solange das Internet das Internet bleibt, ist Datenmissbrauch die systemimmanente Regel. 

Natürlich kann in diesem System nur „mitreden“, wer online ist. Einheitliche Kodifizierung allein bewirkt so wenig wie ein Buch, das keine Leser findet. Doch das Internet ist ein Bestseller, den die meisten seiner Fans überhaupt nie mehr aus der Hand legen, und die Vernetzung wird sich durch neue Interfaces und das „Internet der Dinge“ noch weiter verfestigen. Durch den permanenten Zusammenschluss ist die Bedingung für die Entfaltung der dem Code innewohnenden Realität gegeben. Es ist die Bedingung für virtuelle Freiheit und virale Nötigung, für grenzenlosen Informationsaustausch und totale Überwachung, für Selbstermächtigung und Selbstausbeutung, für Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit, für spaßige und bösartige Flash Mobs, für unerdenkliche Machbarkeit und unheimliche Steuerbarkeit. Und dabei bleibt es, auch wenn alle Internetkonzerne zerschlagen und alle Geheimdienste abgeschafft würden. Es bleibt dabei, solange wir am Apparat bleiben.

Im übrigen scheint sich bei alledem kaum noch jemand für die vielleicht unheimlichste Folge des faktisch erzwungenen Zusammenschlusses zu interessieren. Ich meine die Verarmung der natürlichen Welt. Wie angedeutet beraubt uns das Internet der Luft, die zwischen uns ist. Es nimmt uns die Berge, die Täler und die Meere, die uns trennen und verbinden. Es negiert mit dem Raum und der Zeit, die unser Reich ausmachen, die Bedingungen für unsere körperliche Existenz. Das Internet macht uns zu Geistern. 

Und siehe, es war sehr gut

In Wahrheit macht es uns natürlich nur zu armen Würstchen, die ohne Navigationshilfe weder den Weg zum Klo finden – noch den ins Freie. Wir können die Natur verleugnen, verhunzen oder verdrängen, wir können ihr aber nicht entwachsen. Erst recht der von Internet-Demagogen wie Ray Kurzweil propagierte Weg der Technifizierung des Geistes führt nicht heraus aus dem Körper, sondern hinein in eine monströse Sklaverei des Denkens.

Aus dieser realistischen Erkenntnis ergibt sich eine Gestaltungsaufgabe höchster Dringlichkeit. Wir kommen nicht darum herum, unsere Wirklichkeit wiederherzustellen. Was aber tun?

Laut Schöpfungsbericht gestaltet Gott die natürliche Welt in Tagesetappen. Nachdem er noch am ersten Tag das Licht in die Welt gebracht hat, heißt es: „Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Dieselbe Formel nach der Kreation von Land und Meer: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Ebenso vortrefflich geraten ihm Gras, Kräuter und Bäume: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Gleiches gilt für die Sonne, den Mond und die Sterne: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Fische und Vögel bereiten ihm große Freude. „Und Gott sah, dass es gut war.“ Aber auch die Tiere des Feldes und selbst die Würmer des Erdbodens gefallen ihm: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Sogar die „Krone der Schöpfung“, die ihm später einigen Kummer bereiten wird, findet seine Gnade, denn am Ende des sechsten Tages heißt es: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Entkleiden wir uns. Treten wir aus den Häusern. Schauen wir die Natur mit eigenen Augen an. Das ist Gestaltung genug.