Bipolar 5: Genauigkeit ist Schwindel

Das binäre Denken als solches ist nichts anderes als ein Spiel mit Namen, bei dem es darauf ankommt, Paare mit einander entgegengesetzten Wahrheitswerten zu bilden. Mit solch einem logizistischen Nominalismus lässt sich einiges anstellen. Man kann Mathematik, Informatik, Philosophie und Werbung, aber auch Moralpolitik und totalitäre Propaganda damit betreiben. Im Alltagsleben dagegen kommt man nicht sehr weit damit. In der Schule, am Arbeitsplatz, beim Bolzen, Flirten, Dichten, Malen und Musizieren, beim Abendessen im Kreis der Familie, am Kabinettstisch, im Forschungslabor, vor Gericht und natürlich auch im Bett hat man es mehr

Liebe Sprecherinnen und Sprecher

Was soll ich schreiben? Die Sprecher, die Sprechenden, die SprecherInnen, die Sprecher*innen? Dx Sprechx? Um die Frage zu kären, ist es vielleicht hilfreich, sich einige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört die Beobachtung, dass die Verbindung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung arbiträr, also zufällig ist. Genauer gesagt: Mit welcher Laut- oder Buchstabenkombination wir ein Objekt bezeichnen, legt die Sprachgemeinschaft willkürlich fest, wobei die realen Eigenschaften des Objekts bei der Benennung eigentlich keine Rolle spielen (ein Baum kann „Baum“ heißen, aber auch völlig anders, beispielsweise „arbre“ oder „tree“). Ein mehr

Engel der Geschichte

Kürzlich erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Beitrag »Europas Traum und Trauma«. Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Robert Habeck plädiert darin für ein geschichtsbewusstes Europa, das er zu einer „weltpolitikfähigen“ föderalen Republik formen möchte. Eine Replik. Die Welt gibt es nicht per se, vielmehr bringen wir sie durch Sprache erst hervor. Wer diesem konstruktivistischen Glauben anhängt und als Politiker die Welt verändern möchte, muss ganz besonders auf seine Worte achten. Der Konstruktivist Robert Habeck tut das bekanntlich nicht immer. Erinnern wir uns: Im Vorfeld der Thüringer Landtagswahlen rief mehr

Nur damit das mal klar ist …

Fundamentalkritik der Technik beginnt mit der Einsicht, dass technische Hervorbringungen in vielerlei Hinsicht nützlich, aber im Ganzen gesehen schädlich sein können. Die Waffentechnik zum Beispiel. Je besser eine Waffe ihren Zweck als Werkzeug des Tötens erfüllt, desto tödlicher sind in der Regel die vom Techniker nicht berücksichtigten zivilisatorischen Folgen ihres Gebrauchs. Ähnliches gilt für Autos, für Computer, für Medikamente. Je besser sie sind, desto schlechter sind sie womöglich.

Denaturiertes Klima

Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungsgegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Warum haben sie das getan? Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer …

Me, Myself an Eye

„Vierundzwandzig Philosophen waren einmal versammelt. Dabei blieb ihnen nur eine Frage offen: Was ist Gott?“ So unumwunden auf die zentrale Frage zielend, wie das mittelalterliche Buch der vierundzwanzig Philosophen beginnt, so schnörkellos sind auch die Antworten, die es gibt. Die erste lautet: „Gott ist die Monade, die eine Monade erzeugt und sie in einem einzigen Gluthauch auf sich zurückbeugt.“ Das heißt, auf das Erzeugnis bezogen: Die Welt tritt aus der Ureinheit hervor und bewegt sich in glühender Liebe in ihren Ursprung zurück. Und ist es nicht so? Zumindest das dreigliedrige mehr

Im Detail

Für den Architekten Ludwig Mies van der Rohe war es nicht der Teufel, der im Detail steckt, sondern Gott. Aber wie dem auch sei, es läuft auf das Gleiche hinaus. Gemeint ist eben, dass es aufs Detail ankommt, wenn es ums Ganze geht. Denn das Ganze besteht in jedem seiner Teile. Als ästhetisches Gebilde besteht ein Haus nicht allein in seiner Kubatur und seiner Materialität, sondern ganz entschieden auch in „Kleinigkeiten“ wie dem Fugenbild seines Mauerwerks oder den Sprossen seiner Fenster. Hässliche Fugen (Teufel) verpfuschen das Gesamtbild, schöne Fugen bekräftigen mehr

Zu viel vom Gleichen

Es wird kurz vor den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewesen sein. Die Tagesthemen bringen eine Reportage über den rust belt, die kriselnde Industrieregion im Nordosten der Vereinigten Staaten. Sie zeigen marode Fabrikgebäude, traurige Straßen, schließlich einen ehemaligen Bergmann. Er steht, die Hände in den Taschen, in der bröckelnden Kulisse und spricht von der verlorenen Zeit. Das sei ein Leben gewesen damals, sagt er und fährt fort: »Ich will wieder arbeiten, dass mir der Schweiß den Rücken runterläuft.« Ich mag diesen Kumpel aus Ohio oder Michigan, seine lakonische Hymne an den Schweiß rührt mehr

Über Techno

Die elektronische Tanzmusik der 1990er Jahre heißt nicht von ungefähr Techno. Das Etikett zeigt an, dass Technologie bei der Erzeugung der Musik eine wesentliche Rolle spielt; außerdem ist der Name Ausdruck einer klangästhetischen Präferenz: Techno klingt technoid. Aber noch aus einem weiteren Grund ist die Bezeichnung treffend. Techno ist technisch auch in dem Sinne, dass die Musik über eine klar umrissene Funktion hinaus nichts vermittelt. Sie ist wirkungsvoll, aber bedeutungslos. Sie stimmt den Hörer auf nichts ein, sie hebelt ihn aus …

Technikkritische Betrachtungen 1

Techniker sind Realisten und Praktiker, aber sie sind nicht die Realisten und Praktiker schlechthin, als die sie sich oft ausgeben und von ihren Bewunderern wahrgenommen werden. Techniker sind Realisten und Praktiker besonderer Art. Als Realisten sehen sie die Welt, wie sie ist, aber nicht vornehmlich, um ihre Wunder zu bestaunen oder ihre Rätsel zu ergründen, sondern um ihre Mängel festzustellen. Als Praktiker handeln sie in der Welt, aber nicht vornehmlich, um Erfahrungen in ihr zu machen, sondern um Reparaturen an ihr vorzunehmen. Ihre Erfolge bei der Ausbesserung der Welt haben mehr