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Das erste Gebot der Vernunft

Das Problem mag noch so verwickelt sein, es gibt immer Leute, die ganz genau wissen, was zu tun ist – und es überall rumerzählen. Dabei verbinden sie ihre Handlungsempfehlungen gern mit einem Apell an die Vernunft. Es sei ein Gebot der Vernunft, sagen sie, genau dies und das zu tun. Na schön. Aber ich frage mich doch immer häufiger: Warum sprechen die eigentlich oft so gefährlich weihevoll wie weiland Robespierre im Wohlfahrtsausschuss? Können sie nicht geradeaus reden? Können sie keine Gründe nennen? Können sie mich nicht ernst nehmen?

Gebietet es nämlich die Vernunft, genau dies und das zu tun, heißt das doch zunächst einmal: Wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen handelte, müsste ich eigentlich genau dies und das tun. Es ist mein Wissen, das in Frage steht. Und es ist meine Gewissensprüfung, die mich bindet. Allenfalls bin ich es also selbst, der sich aufgrund eigener Bewertungen und Beurteilungen ein Gebot auferlegt. Wenn ich mich auf diese Weise der Vernunft stelle, ergebe ich mich keiner fremden Macht, keiner von außen auf mich einwirkenden Instanz, die mir ihre Vorschriften aufzwingt. Vielmehr stelle ich mich sozusagen mir selbst. Denn Vernunft bezeichnet ja nichts anderes als mein ureigenes menschliches Vermögen, Wissensbestände und Tatsachenbehauptungen kritisch zu hinterfragen und Handlungsmaximen daraufhin zu prüfen, ob sie moralisch verantwortbar sind. Kurz: Wenn Vernunft ins Spiel kommt, bin ich als Subjekt, als Individuum, als Einzelner gefragt – und zwar bin ich zuallererst als freier kritischer Geist und erst in zweiter Linie als pflichtschuldiger Akteur gefragt.

Follow the science?

Wenn jedoch politische Rhetorik bestimmte Forderungen, die der Staat oder »die Gesellschaft« an die Bürger stellt, ausschließlich damit begründet, sie seien ein »Gebot der Vernunft«, wendet sie sich vor allem an den Akteur. Sie appelliert eher an mein Pflichtbewusstsein als an mein Urteilsvermögen. Ich soll einsichtig sein, bevor ich etwas eingesehen habe. Ich soll das Gebot beherzigen, ohne es geprüft zu haben. Denn es geht bei solchen Forderungen selten darum, die Vernunft walten zu lassen. Es geht eher darum, irgendein Projekt mit dem Prestige der Vernunft zu bewerben. Vorsicht ist also geboten, wenn Politiker die Vernunft nur rhetorisch beschwören, ohne die Bürger zum Gebrauch der Vernunft zu ermutigen. 

Eine wachsende Zahl von Zeitgenossen scheint sich indes an der verordneten Denkfaulheit gar nicht mehr sonderlich zu stören. Vielen reicht es offenbar, wenn die Obrigkeit ihre Forderungen – selbstverständlich unter Beschwörung der Vernunft – als wissenschaftlich geboten darzustellen vermag. 

Das Wirkliche ist nicht schon das Wahre

Nun macht sich »die Wissenschaft« als Argumentationsfigur natürlich ziemlich gut. Wer wollte an wissenschaftlich abgesichertem Wissen zweifeln! Wer wollte in Frage stellen, was Wissenschaftler mit ihrer peniblen Arbeitsweise, ihren rigiden Prüfinstanzen und ihrem strengen Begriff von Faktizität herausgefunden haben! Wer diese Experten ernsthaft in ihrem Fach kritisieren will, muss selbst vom Fach sein. Andererseits ist das Fach nicht die Welt, und das Wirkliche ist nicht schon das Wahre. Zwar komme ich nicht darum herum, Tatsachen als solche anzuerkennen, doch ob ich sie gut oder schlecht finde, wichtig nehme oder stoisch hinnehme, auf sich beruhen lassen oder verändern möchte, ist erst einmal meine Sache. Denn es steht mir frei, Tatsachen so oder so zu bewerten und zu beurteilen. 

Wenn es draußen regnet, sollte ich mich besser auf Regen einstellen, wenn ich vor die Tür gehen will. Ob ich mich aber über den Regen freue oder ärgere, liegt allein an mir. Als Gärtner freue ich mich vielleicht, als Gastgeber einer Gartenparty ärgere ich mich womöglich.

Auch auf wissenschaftlich erwiesene Tatsachen kann ich so oder so reagieren. Trotz erwiesener Schädlichkeit des Rauchens steht es mir frei zu rauchen, zum Beispiel weil es mir Freude macht. Trotz erwiesener Ansteckungsgefahr steht es mir frei, mich ihr auszusetzen, zum Beispiel weil mir ein risikofreies Dasein nicht lebenswert erscheint. Trotz erwiesener »Klimaverträglichkeit« von Windkraftwerken steht es mir frei, mich gegen den ungebremsten Ausbau der Windkraft auszusprechen, zum Beispiel weil mir der Landschaftsschutz ein Herzensanliegen ist. Trotz erwiesener Gesetzmäßigkeiten des freien Falls steht es mir frei, mich von einem Hochhaus zu stürzen – einfach, weil mir als Mensch die Souveränität gegeben ist, Tatsachen frei zu beurteilen und entsprechend zu handeln.

Freiheit erfordert Mut 

Damit ist noch nicht gesagt, dass meine Urteile und Handlungen moralisch akzeptabel sein müssen. Die Beispiele zeigen aber, dass eine menschlich akzeptable Moralität sich nicht auf ein faktenbasiertes Regelsystem reduzieren lässt. Übergehen wir die subjektiven Befindlichkeiten der Individuen (vitale Interessen, historische Prägungen, ästhetische Präferenzen, begründete Meinungen, existenzielle Freiheit), machen wir uns zu Objekten einer Maschinenmoral. Vernunft schrumpft dann zur Zweckrationalität, und das Beste schlägt um ins Schlimmste. Wollen wir also Menschen bleiben, dann gilt: Nicht die Tatsache macht die Vernunft, sondern die freie subjektive Bewertung, die womöglich neue Tatsachen schafft.

Doch Freiheit erfordert Mut. Ich müsste mich dazu aufraffen, selbst zu denken und selbst Entscheidungen zu fällen. Um jedoch genau dies nicht tun zu müssen, fallen mir heute tausend Ausreden ein. Die Welt ist zu komplex. Die Experten wissen es besser. Ich will meinen Job nicht aufs Spiel setzen. Ich will meine Freunde nicht verlieren. Ich will auf der Höhe der Zeit bleiben. Ich möchte als clever und cool gelten. Ich möchte mich nicht blamieren vor »der Wissenschaft«. Denn es geht mir doch gut. Denn ich bin doch bestens versorgt. Was will ich mehr?

Habe ich überhaupt noch etwas zu wollen? Längst versorgt uns die Wissenschaft ja nicht mehr nur mit gut begründeten Tatsachenbehauptungen, sondern mit perfekt modellierten Wirklichkeitsdesigns samt daraus abgeleiteten Verhaltensvorschriften. Längst wiegt das Faktum schwerer als die Freiheit. Fast gilt schon als Faktenleugner, wer noch das erste Gebot der Vernunft beherzigt: »Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«

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