Das Herz der Freiheit

Ich will begreifen, was mir zu schaffen macht, will es so genau wie möglich darstellen, aber wahrscheinlich werde ich es wieder mal nicht richtig zu fassen kriegen, weshalb auch dieser Versuch auf eine bloße Umschreibung des Gemeinten hinauslaufen wird. Was ich aber meine, ist zunächst einmal nicht viel mehr als das ungute Gefühl, das mich seit einigen Jahren bedrückt: dass ich in etwas hineingerate oder hineingezogen werde, das ich als menschliches Individuum nicht wollen kann. Es geht dabei nicht um persönliche Befürchtungen im Hinblick aufs Älterwerden oder Sterben. Auch nicht… mehr

Drei Improvisationen über Rassismus

Ich war immer gegen Rassismus – und bin es selbstverständlich noch heute. Für meine Einstellung gibt es neben allgemein moralischen auch zwei biografische Gründe. Zum einen ist es die Abscheu vor dem mörderischen Rassismus der Nationalsozialisten, in dessen System meine Eltern und Großeltern als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt waren (wobei sie sich glücklicherweise keines Verbrechens schuldig gemacht haben). Hinzu kommt meine Liebe zur Schwarzen Musik und ihren Helden von Lady Day bis Charles Mingus und von Nina Simone bis Bob Marley (»Until the philosophy wich holds one race superior/ and another… mehr

Im Gestell

Der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838–1916), ein überaus netter, humorvoller, der Sozialdemokratie nahestehender Mann, war ein Empirist reinsten Wassers. Auf die Frage nach der Existenz von Atomen pflegte er zu antworten: »Haben Sie welche gesehen?« Heute vor allem wegen der nach ihm benannten Mach-Zahl bekannt, inspirierte der skeptische Österreicher das Denken so unterschiedlicher Intellektueller wie Albert Einstein, Wladimir Iljitsch Lenin, B.F. Skinner, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Robert Musil. Einstein sagte einmal: »Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Mach auf die Relativitätstheorie gekommen wäre, wenn in der Zeit, als… mehr

Die Sonne scheint über der Geschichte*

Es gibt die Natur, die mich mit ihren kühlen Gründen und »sehnsüchtigen Bächen« beeindruckt, und es gibt die Natur in meiner Rede. Der letzteren ist nicht immer zu trauen. Denn was soll das eigentlich heißen: natürlich? Kein Wort geht einem leichter über die Lippen, keines ist schwerer zu fassen, eben weil es bezeichnet, was sich von selbst versteht. Manchmal verwenden wir es tatsächlich in diesem Sinne. Wer etwa die Frage »Kommst du heute Abend?« nicht einfach mit »Ja« beantwortet, sondern völlig ironiefrei »Natürlich« sagt, verweist sozusagen auf die Evidenz kosmischer… mehr

Auf verlorenem Grund

Polarisierung ist normal. Wo zwei zusammenkommen, setzen sie sich auch auseinander. Kein Problem, solange sie an einem Tisch sitzen. Was aber, wenn das Mobiliar zerschlagen, das Tafelsilber verkauft, das Haus verwüstet und die Landschaft verschandelt ist! Was, wenn sie dahin sind: die unstrittigen Gegebenheiten, die geschichtlich verbürgten Tatsachen, die niemals hinterfragten Naturschönheiten! Es fehlt dann der verbindliche Rahmen, in dem selbst unmögliche Figurenkonstellationen ein Bild ergaben. Wo es keine gemeinsamen Grundanschauungen und geteilten Grunderfahrungen mehr gibt, zerfällt auch die komplexe Einheit polar aufeinander bezogener Positionen. Die Spannung reißt ab. Koexistenz… mehr

Die technokratische Versuchung

Eine epidemiologische Expertise ist nicht vonnöten, um festzustellen, dass es sich bei »Corona« auch um eine mentale Pandemie handelt. Das Virus SARS-CoV-2 mag als Krankheitserreger in die Welt gekommen sein, aber seit seiner Entdeckung ist es auch ein Bedeutungsträger. Es mag sich in menschlichen Organismen verbreiten, aber in Kommunikationskanälen geht es ebenfalls viral. Im Gewand immer neuer Berichte, Theorien, Narrative, Gesetze und Verordnungen hält es uns seit über einem Jahr in Atem. Um nicht unter der semantischen Viruslast zusammenzubrechen, haben die meisten von uns sehr frühzeitig eigene Standpunkte eingenommen, bieten… mehr

Das erste Gebot der Vernunft

Das Problem mag noch so verwickelt sein, es gibt immer Leute, die ganz genau wissen, was zu tun ist – und es überall rumerzählen. Dabei verbinden sie ihre Handlungsempfehlungen gern mit einem Apell an die Vernunft. Es sei ein Gebot der Vernunft, sagen sie, genau dies und das zu tun. Na schön. Aber ich frage mich doch immer häufiger: Warum sprechen die eigentlich oft so gefährlich weihevoll wie weiland Robespierre im Wohlfahrtsausschuss? Können sie nicht geradeaus reden? Können sie keine Gründe nennen? Können sie mich nicht ernst nehmen? Gebietet es… mehr

Uhrenvergleich

Wenn ich wissen will, wie spät es ist und auf mein Smartphone schaue, sagen mir ein paar Ziffern schon alles. Für das Erfassen der Uhrzeit jedenfalls spielt das Display, auf dem die Ziffern erscheinen, nicht die geringste Rolle. Es handelt sich dabei lediglich um einen materiellen Träger, den ich ästhetisch bewerten oder technisch untersuchen kann, aber nicht beachten muss, wenn ich einfach nur die Uhrzeit ablesen will. Ganz anders liegt der Fall bei einer konventionellen Zeigeruhr, egal ob in ihr ein mechanisches Uhrwerk tickt oder ein elektronischer Taktgeber schwingt, ob… mehr

Denaturierte Gesundheit

Wie das Glück zählt auch die Gesundheit zu den Geschenken der Natur, die wir erst dann hervorkramen und genauer betrachten wollen, wenn sie dahin sind. Wer sich bester Gesundheit erfreut, lebt ohne Sorge und verschwendet nicht den geringsten Gedanken an etwas, das so fraglos da ist wie die Liebe und die Luft zum Atmen. Erst für Kranke wird Gesundheit zum Thema, zum Problem und zum Ideal. Erst die Krankheit ruft die Heilsgeschichtenerzähler, die Problemlöser und die Ideologen auf den Plan. Weil die Helfer in der Not vom Kranksein profitieren, haben… mehr

Denaturiertes Klima

Bekanntlich ist das Klima, das als Witterungsgegebenheit der Natur angehört, heute auch ein Kulturphänomen. Und zwar nicht deswegen, weil wir es irgendwie verhunzt hätten, sondern weil Wissenschaftler es auf die Agenda gesetzt und somit zu einem Streitobjekt und zu einem Gestaltungsthema gemacht haben. Warum haben sie das getan? Um die Welt zu retten, sagen die Idealisten. Um die Interessen bestimmter Mächte am Erhalt des klimatischen Status Quo zu vertreten, sagen die Realisten. Um ihre eigenen Pfründe zu sichern, sagen manche Ketzer …