Wissenschaft und Kennerschaft

Schwarzafrikaner unterscheiden sich allein aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe extrem von den hellhäutigen Menschen, deren Physiognomien mir seit meiner Kindheit vertraut sind. Hinzu kommen, je nach Herkunft des Schwarzen, mehr oder weniger ausgeprägte negroide Züge, die seine Physiognomie unter Umständen noch fremdartiger wirken lassen. Wenn solch ein Mensch nun Französisch oder Suaheli spricht, dann nehme ich ihn umso deutlicher als Fremden wahr. Spricht er gebrochen Deutsch, tritt die Fremdheit sogar noch stärker hervor. Spricht er aber so perfekt Deutsch wie ein Muttersprachler, passiert manchmal etwas Verblüffendes: Das Gesicht des Schwarzen erscheint mir plötzlich typisch deutsch.

Möglicherweise handelt es sich hier um einen Fall von Synästhesie: Ein visuell wahrgenommenes Bild wird modifiziert durch auditiv vermittelte Eindrücke vom Sprachduktus des Gegenübers.

Vielleicht resultiert der Eindruck aber auch aus einer Veränderung der Mikromimik des Afrikaners infolge der muttersprachlichen Artikulation des Deutschen, zu deren Charakteristika bekanntlich die meist etwas eingetrübte Intonation von Vokalen gehört, was sich womöglich an einer typischen Beanspruchung der Gesichtsmuskulatur ablesen lässt. Es wäre dann die »deutsche« Sprech-Mimik, die vertraute Züge in das fremde Gesicht zauberte. 

Das Eigene im Fremden

Wenn diese Anschauungsmagie mich nun dazu bewegt, in dem Afrikaner einen Landsmann zu sehen, ist das eine Sache. Eine andere ist es, ihn einen Deutschen zu nennen. Die Zuschreibung kann richtig oder falsch sein; genau genommen ist sie entweder richtig oder falsch. Denn mit der sprachlichen Feststellung kommt die Logik ins Spiel, die zwischen Wahrheit und Irrtum streng unterscheidet und ein vermittelndes Sowohl-als-Auch nicht gelten lässt. 

Anders die Wahrnehmung. Weil sie an die konkrete, anschauliche Situation gebunden ist, bleibt sie offen für das selbstverständliche Nebeneinander von Gegensätzen, die das wahrnehmende Individuum nicht als einander ausschließende Setzungen beurteilen muss, sondern als einander ergänzende Teile eines Ganzen betrachten kann. In der Anschauung bleibt also das Fremde, in dem ich das Eigene erkannt habe, weiterhin präsent – und wirksam.

Während mir nämlich das Eigene im Fremden (neben der flüchtigen »deutschen« Impression im Gesicht des Afrikaners handelt es sich dabei natürlich vor allem um universale, gattungsspezifische Ausdrucksqualitäten, die dafür sorgen, dass ich Menschen trotz ihrer Andersartigkeit als Meinesgleichen erkenne) Vertrauen einflößt, erzeugt das Fremde im Eigenen eine gewisse Spannung. Ob diese Spannung anziehend oder abstoßend wirkt, ob die Begegnung also mit einer Abkehr endet oder zu einer Annäherung führt, hängt von einer Vielzahl situativer und mentaler Faktoren ab. Im Falle einer Annäherung wechselt die Wahrnehmungsaktivität jedenfalls in den Modus der Rezeption, und im Verlauf der rezeptiven Gestaltungstätigkeit – üblicherweise Kennenlernen genannt – wird der »deutsche« Ausdruck im Gesicht des Afrikaners wahrscheinlich allmählich in den Wahrnehmungshintergrund rücken, weil immer neue mimische Figuren meine Aufmerksamkeit beanspruchen. Dabei fallen die konventionellen Masken, während die individuellen Charakterzüge immer deutlicher hervortreten. 

Bei alledem ist jedoch zu beachten, dass sich Menschen so gut wie nie ausschließlich wahrnehmend näher kommen, sondern in aller Regel auch sprachlich miteinander kommunizieren. Dabei gilt: Die Begriffssprache, die alle Dinge mit Etiketten versieht und mittels logischer Operationen sortiert, durchdringt und überlagert das Wahrnehmungsgeschehen. Nicht selten wird der rezeptive Gestaltungsprozess durch ein System definitiver Identifizierungen regelrecht verdrängt. Das kreativ-anschauliche Denken, das in der Wirklichkeit verbleibt und seine Positionen in der polaren Spannung zwischen Eigenem und Fremdem findet, verwandelt sich dann in ein logozentrisches Denken, das Wirkliches in binäre Ordnungen zwingt und dadurch verstellt

Dialektik und Mystik  

Wie ist, unter diesen Umständen, Wahrheit zu erlangen? Kommt Kennerschaft (als Resultat rezeptiver Gestaltungsprozesse) dem wahren Wesen realer Phänomene nicht näher als Wissenschaft, die ihre Gegenstände ja immer erst begrifflich präparieren muss, bevor sie wahre Aussagen über sie treffen kann? Beziehen sich die Wahrheiten der Wissenschaft nicht immer auf abstrakte, ihrer beziehungsreichen Wirklichkeit weitgehend beraubte, mithin gefälschte Gegenstände?

Mit dem Problem der Wahrheit, wie es sich aus der Abstraktheit der Allgemeinbegriffe ergibt, hat sich der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel gründlich auseinandergesetzt. Ihm zufolge bedarf es eines langen und verschlungenen Prozesses begrifflicher Verfeinerung, um am Ende zu wahrhaft gültigen (Selbst-)Bestimmungen des Wirklichen zu gelangen. Berühmt ist sein Ausspruch: »Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist.«

Die Bewegung hin zum Ganzen vollzieht sich laut Hegel dialektisch als »Selbstbewegung des Begriffs«. Unterwegs zum “Absoluten” ist also niemals ein lebendiges, wahrnehmendes, tätiges Individuum, sondern stets nur ein ominöser GEIST, der in dem Maße zu sich selbst kommt, wie ihm die Welt abhanden kommt.

Letztlich offenbart sich in solchen Spekulationen das Elend jedes Intellektualismus: Indem dieser der Fülle des sensorisch Gegebenen mittels eines dialektischen Prozesses beizukommen versucht, der immer nur zu vorläufigen (also streng genommen: falschen) Resultaten führt, verfehlt er die augenscheinliche Wahrheit. Nimmt man dagegen die Sinnlichkeit für voll und begreift sie nicht lediglich als Stoff und Beiwerk des intellektuellen Betriebs, ist das Absolute nicht erst am Ende »das, was es in Wahrheit ist«, sondern am Anfang. Denn was kann das Absolute anderes sein als das Einssein, das bereits auseinanderzufallen beginnt, wenn sich einem Säugling das Gesicht der Mutter einprägt!

Das Leben verschwindet!

Wenn wir in dem Bestreben, das Absolute in der Geschichte zu realisieren, nur auf unser intellektuelles Vermögen setzen, bereiten wir uns ein Paradies, aus dem das Leben verschwindet. Für Hegel, der sich ausschließlich für das geistige Leben interessiert, stellt sich die Sache natürlich vollkommen anders dar: »Der Anfang, das Prinzip oder das Absolute, wie es zuerst und unmittelbar ausgesprochen wird, ist nur das Allgemeine«, sagt er und erläutert den Gedanken durch ein treffendes Beispiel. Der Ausspruch »alle Tiere« sei noch keine Zoologie. Stimmt. Andererseits ist eine Zoologie ohne Tiere auch nicht das Wahre. Aber auf genau diesem Abstraktions- und Differenzierungsniveau scheint die biologische Forschung inzwischen zu operieren: Der Erkenntnis der Lebensprinzipien fällt das Lebendige zum Opfer. 

Ist eine andere Wissenschaft denkbar? Eine Wahrnehmungswissenschaft? Als Wissenschaft des Konkreten könnte sie beim Entwurf einer Zoologie nicht mit »allen Tieren« beginnen. Den Anfang würde ein Tier machen, und zwar kein beliebiges, sondern ein bestimmtes. Und dieses bestimmte Tier würde, indem ich es in meine Wahrnehmung hineinnehme, zu meinem Tier. Ich würde es studieren. Ich würde es kennen lernen. Und am Ende würde ich es wahrscheinlich in allen Tieren wiedererkennen.

Als Vermögen sui generis führt die Wahrnehmung allenfalls zur Kennerschaft, nicht zur Wissenschaft. Aber ist das nichts? Die Welt der Wissenschaft ist die verstandene Wüste, die Welt der Kennerschaft ist die vertraute Wildnis.  

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