Rezeption und Gestaltung

Wenn sie lediglich der Orientierung in der Umwelt dient, ist Wahrnehmung ein flüchtiges Geschehen, das sich mit dem Verfertigen gröbster Gesamteindrücke begnügt, die oftmals noch nicht einmal ins Bewusstsein gelangen. Jederzeit kann dieses flüchtige Geschehen jedoch einen Halt finden an Ganzheiten, die aus irgendeinem Grund (Gefahr, Liebreiz, Interesse) intensiver wahrgenommen werden. Dieses intensivere Erfassen einer Ganzheit – sei es eine menschliche Gestalt, ein Gesicht, eine Landschaft oder ein Artefakt – nenne ich Rezeption.

Analyse klärt Dinge, indem sie von ihnen absieht

Rezeption unterscheidet sich fundamental von der analytischen Untersuchung. Bei der Analyse werden wahrgenommene Ganzheiten in Begriffe transformiert und wahrgenommene Teil-Ganze-Relationen als Strukturbeziehungen gedeutet. Begriffe und Strukturen liefern zwar reichhaltiges Material für weitere – und auch wertvolle – Erkenntnisse, doch geht dieser Gewinn auf Kosten der Wahrnehmung. Durch Begriffe werden Ganzheiten auf bestimmte Merkmale reduziert, durch Strukturierung werden bestimmte Relationen vor anderen ausgezeichnet. Analytische Erkenntnis ist wesentlich Feststellung des potenziell unendlichen Prozesses der Rezeption. Sie klärt Dinge, indem sie von ihnen absieht.

Zur Rezeption wird der Wahrnehmungsprozess dann, wenn er darauf abzielt, den Gesamteindruck einer Ganzheit durch fortwährendes Absondern und Zusammenführen von Teilen immer weiter zu vertiefen. Wenn ich ein Gesicht »rezipiere«, begnüge ich mich nicht mit dem ersten Eindruck, sondern mache mir ein sowohl umfassenderes als auch detailreicheres Bild von meinem Gegenüber. Dazu richte ich meine Aufmerksamkeit beispielsweise von der Augenpartie weg auf die Mundpartie. Dabei nehme ich den Mund jedoch weder als isoliertes Teil noch als isolierte Ganzheit wahr, sondern als Teilganzes, das sowohl Bestandteile hat (Oberlippe, Unterlippe, Mundwinkel, Zähne usw.) als auch selbst integraler Bestandteil von Umgebungen ist (z. B. die untere Gesichtshälfte mit Wangen, Kinn, Nasenflügel usw.). Der Abgleich dieses in eine Vielzahl von Relationen eingebundenen Teilganzen mit internalisierten Schemata liefert mir einen Eindruck von dem »Mund« der Person und dieser Eindruck wiederum trägt zur Vertiefung des Gesamteindrucks bei, den das Gesicht auf mich hat.

Rezeption ist insofern nicht ins Belieben gestellt, als sie von einem gegebenen Ganzen ausgeht, das der Rezipient zu vervollkommnen trachtet. Frei ist sie jedoch insofern, als das Prozedere des Absonderns und Zusammenführens von Teilganzen dem Rezipienten überlassen bleibt, der es eben so weit treiben kann, wie er will oder vermag.

Gestaltung ist produktive Wahrnehmung

Wahrnehmung ist rezeptive Gestaltung, Gestaltung ist produktive Wahrnehmung. Das heißt: Selektion und Integration von Teilganzen im Hinblick auf ein zu vervollkommnendes Ganzes kennzeichnet sowohl die wahrnehmende als auch die gestaltende Aktivität. Der Unterschied liegt darin, dass der Wahrnehmungsprozess bei der gegebenen Ganzheit ansetzt, die der Rezipient sich anschließend geistig anverwandelt, während der Gestaltungsprozess bei einer vorgestellten Ganzheit ansetzt, die der Produzent anschließend real hervorbringt. Dabei bedarf der Ausdruck »vorgestellte Ganzheit« einer Erklärung. Damit ist nicht unbedingt so etwas wie ein Konzept oder ein Plan gemeint. Zwar gibt es Gestalter, die eine Idee zunächst einmal mehr oder weniger fein ausarbeiten müssen, bevor sie den (skizzierten, modellierten oder imaginierten) Entwurf endgültig realisieren können. Andere jedoch beginnen ohne Umschweife mit der eigentlichen Arbeit. Aber auch der impulsivste und improvisierfreudigste Künstler agiert von Anfang an im Hinblick auf ein Ganzes, dessen Gestalt sich spätestens mit der allerersten Setzung (dem ersten Ton, dem ersten Strich, der ersten Geste) geistig und real zu verfestigen beginnt.

Gestaltung ist ein zugleich induktiver und deduktiver Prozess. Die regulative Idee des Ganzen bestimmt sowohl die Realisierung der Teile als die Realisierung der Teile die regulative Idee des Ganzen bestimmt. Kennzeichnend für den Prozess ist also eine ständige wahrnehmungskontrollierte Rückkopplung zwischen dem Tun und der Imagination.

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